Chapter Five: Release
Sofort rückten die beiden Brüder enger zusammen, bis sie Schulter an Schulter gepresst nebeneinander standen, um Brian mit ihren Körpern zu schützen. Vor was auch immer.
„Soviel zu dem Fluch.", kommentierte Sam trocken und warf Dean einen beunruhigten Blick zu.
Der Junge hob langsam mit entgeisterter Miene den Kopf, als versuche er, die tatsächliche Größe eines Gegenübers abzuschätzen. „Er ist größer ist als ihr.", murmelte er verängstigt und presste sich panisch gegen die Kellertür in seinem Rücken, um den Abstand zwischen sich und dem Monster zu vergrößern.
Die Winchesters sahen sich kurz an und wollten sich schon vorbeugen, um den Kleinen auch nach oben hin abzuschirmen, doch plötzlich hoben sich Brians Füße vom Boden. Eine unsichtbare Macht hatte ihn am Kragen gepackt und zog ihn hoch.
Sam überlegte nicht lange, sondern reagierte eilig. Er nahm die Kette von seinem Hals und legte sie dem Jungen um.
Sofort fiel dieser zu Boden und sah verdutzt auf. „Wo ist er hin?"
Dean atmete erleichtert auf. „Glaubst du mir jetzt vielleicht, dass du dir das alles nur eingebildet hast?", erkundigte er sich bei Brian.
Der Zehnjährige warf dem jüngeren Winchester einen fragenden Blick zu. „Was bedeutet das? Und wieso hab ich plötzlich weniger Angst als vorher?"
Sam deutete auf das Amulett, das nun auf der Brust des Jungen noch stärker glühte als zuvor. „Dieser Anhänger wird dich vor dem Fluch schützen. Glaub mir: Dort unten werden dir keine Dämonen mehr begegnen. Sie werden alle vor dir flüchten, weil du jetzt mit starker Magie ausgestattet bist."
Dean schüttelte fassungslos den Kopf und verdrehte die Augen, als sein Bruder den Kleinen so verhätschelte. Doch Brian lächelte plötzlich zuversichtlich und nickte mutig. Die ganze Anspannung, all die Nervosität schien von einer Sekunde auf die andere von ihm abgefallen zu sein und tapfer öffnete er die Tür zum Keller.
„Sollen wir mitkommen?", wollte Sam fürsorglich wissen.
Der Junge überlegte kurz, schüttelte dann aber den Kopf. „Nein. Könntet ihr stattdessen dafür sorgen, dass niemand runterkommt, während ich da unten bin? Nur zur Sicherheit."
„Oh Mann, in seinem Alter habe ich schon -.", murmelte der ältere Winchester leise vor sich hin, wurde aber durch einen gezielten Tritt seines Bruders zum Schweigen gebracht.
Dieser nickte Brian aufmunternd zu und übergab ihm seine Taschenlampe. „Klar doch. Wir werden dir Deckung geben."
Der Zehnjährige lächelte dankbar und ließ den Lichtstrahl über die Holztreppe schweifen, die ihn hinter der Tür erwartete. Er schluckte, atmete noch einmal tief durch und warf einen kurzen Blick zurück zu den beiden Brüdern, bevor er die ersten Stufen hinabstieg.
Sam sah ihm nach, bis der Junge in der Dunkelheit verschwunden war. Dann wandte er sich Dean zu.
Doch dieser war plötzlich spurlos verschwunden.
Brian hatte es vor den beiden Brüdern nicht zugeben wollen, besonders vor dem coolen Dean nicht, dass er immer noch Angst hatte. Denn er wollte kein kleines Baby sein, das ständig von den Erwachsenen beschützt werden musste.
Außerdem fühlte er sich mit dem Amulett wirklich sicherer und weniger ängstlich. Er würde es schon schaffen. Schließlich war er laut Catherine der Einzige in diesem Haus, der noch unschuldig war. Was immer das auch heißen mochte. Wahrscheinlich hatte es etwas damit zu tun, dass er noch kein Mann war.
Mit diesen Gedanken versuchte er sich abzulenken, während er die Stufen langsam hinunterstieg und sich dabei haltsuchend am Geländer festhielt. Das Licht der Taschenlampe verdrängte zu seinem Bedauern nicht jeden Schatten. Manchmal schienen diese sich sogar noch zu bewegen, wenn Brian die Taschenlampe hin- und herschwenkte.
Als er am Fuße der Treppe angekommen war, blieb er unschlüssig stehen und leuchtete seine Umgebung aus, um herauszufinden, wohin er nun gehen musste.
Quer vor ihm in etwa fünf Metern Entfernung befand sich eine lange Reihe mit Regalen, in denen verschiedene Gläser und Flaschen mit undefinierbarem Inhalt aufbewahrt wurden, die er lieber nicht genauer untersuchen wollte.
Eilig wandte er sich nach links, nachdem er sich versichert hatte, dass rechts von ihm nur eine blanke Wand auf ihn wartete.
Zuerst zögerlich und dann immer entschlossener marschierte er tiefer in den Keller hinein. Die Vorstellung, dass Sam und Dean gerade ohne die Hilfe des Amuletts gegen böse Dämonen kämpfen mussten und er sie retten konnte, gab ihm Kraft.
Bis er spürte, dass hinter ihm etwas vorbeihuschte.
Mit vor Angst wild klopfendem Herzen wirbelte er herum und das Licht der Taschenlampe fiel auf eine Gestalt, die direkt hinter ihm stand. Es war eine ältere, blonde Frau in einem weiten weißen Kleid, das ihr bis hinab zu den Füßen reichte. Brian erkannte sie sofort wieder.
„Zum Glück hast du es endlich hierher geschafft. Komm, ich zeig dir, wo der versteckte Raum ist.", begrüßte ihn Catherines Geist mit einem aufmunternden Lächeln.
„Deeeean! Deeeean! Wo zum Teufel steckst du?"
Kopfschüttelnd stand der ältere Winchester vor Sam, der sich gerade die Seele aus dem Leib schrie und sich panisch in der Küche umsah.
War das jetzt ein schlechter Scherz, oder was? War sein Bruder auf einmal blind geworden oder was ging hier vor?
„Hey, Sammy, ich steh genau vor dir. Also, hör auf, mir so ins Ohr zu brüllen."
Doch der Jüngere schien ihn nicht zu hören. Ständig sah er durch seinen Bruder hindurch, als wäre dieser ein unsichtbarerer Geist oder so etwas in der Art. „Deean, das ist nicht witzig, hörst du? Du kannst doch nicht einfach abhauen! Komm sofort wieder zurück!"
Der Ältere verschränkte leicht genervt die Arme vor der Brust. Nein, Dean fand es auch nicht besonders witzig, wie ein nicht vorhandener Gegenstand behandelt zu werden, den man einfach übersah.
Dann geschah etwas, was er noch weniger witzig fand: Als Sam erneut in seine Richtung blickte, ohne ihn wirklich zu sehen, verfärbten sich plötzlich dessen Augen schwarz und ein dämonisches Lächeln umspielte seine Lippen.
Oh nein, nicht schon wieder, ging es Dean durch den Kopf, als ihm klar wurde, was hier passierte: Das Haus wehrte sich erneut gegen die Eindringlinge, jetzt nachdem das schützende Amulett außer Reichweite war.
Er überlegte nicht lange und tat das, was ihm als erstes einfiel: Er holte aus und verpasste seinem jüngeren Bruder einen saftigen Kinnhaken.
Sam hielt verdutzt inne und seine Hand wanderte zu der schmerzenden, linken Gesichtshälfte. Er wollte sich gerade gegen den unsichtbaren Gegner zur Wehr setzen, als Dean wie aus dem Nichts vor ihm auftauchte und ihn vorwurfsvoll ansah. „Du hast also Angst davor, dass ich mich einfach in Luft auflöse? Interessant!"
Der Jüngere wollte ihm gerade eine bissige Antwort geben, als er aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung wahrnahm. Er wandte seinen Blick ab, richtete ihn auf die Küchentür und erstarrte. Was er dort sah, ließ ihn entsetzt nach Luft schnappen. „Dean, ich glaube, wir bekommen Besuch."
Der Ältere wirbelte herum und schluckte, als er erkannte, dass sich gerade ein riesiger grünhäutiger Dämon mit gelben Augen und zentimeterlangen Krallen den Weg in den Raum bahnte. Rücksichtslos riss er Teile der Wand ein, um seinem massigen, über zwei Meter hohen Körper und der schier unendlich wirkenden Schar, die ihm folgte, Platz zu machen. Diese bestand hauptsächlich aus weiteren hässlichen Kreaturen der Hölle und besessenen Menschen, deren Pupillen in der Dunkelheit rot und gelb leuchteten und die alle mit einem teuflischen Lächeln auf die beiden Brüder zukamen.
Dean atmete tief durch und versuchte, sich seine Beunruhigung nicht anmerken zu lassen. „Wow, das würde wahrscheinlich richtig ungemütlich werden, wenn die nicht alle Halluzinationen wären."
Sams Blick wanderte zweifelnd zwischen ihren neuen Gegnern und seinem Bruder hin und her. „Und was ist, wenn das Haus gerade alle verfügbaren Geschütze auffährt, um sich zur Wehr zu setzen? Wahrscheinlich hat es deswegen auch Brian körperlich angegriffen: Weil er als Einziger von uns in der Lage ist, den versteckten Raum zu betreten und das alles hier zu beenden. Und jetzt attackiert es uns, nachdem der Junge nun geschützt ist."
Dean sah vorwurfsvoll zu ihm hinüber. „Mann, Sam, du kannst einem aber auch alle Hoffnung nehmen."
Dann nickten sich beide Winchesters entschlossen zu, zogen ihre Waffen und begannen, auf ihre Feinde zu schießen.
„Und was jetzt?" Erwartungsvoll sah Brian den Geist an, der ihn zu einer leeren Wand geführt hatte. „Wo ist denn jetzt der Raum?"
Catherine lächelte amüsiert über die naive Entschlossenheit des Jungen und deutete auf einen versteckten Schalter am Fuße der Wand. „Du musst erst den Zugang zu ihm öffnen."
Der Zehnjährige bückte sich sofort, um ihrer Aufforderung nachzukommen. Nachdem er den Schalter betätigt hatte, ertönte ein leises Klicken und die Wand vor ihm schob sich mehrere Zentimeter nach vorn, bevor sie zur Seite glitt und die Sicht auf einen etwa zwölf Quadratmeter großen Raum freigab.
Brian warf einen zögerlichen Blick zu dem Geist hinüber, der ihm aufmunternd zunickte. „Keine Angst. Es wird dir nichts geschehen."
Der Junge atmete tief durch und betrat den versteckten Bereich des Hauses, in dem er laut Catherine das Buch vorfinden würde. Als er über die Schwelle trat, vernahm er ein leises Zischen und um ihn herum sprühten blau-weiße Funken auf, bevor der Raum vor ihm in einem warmen Glühen erstrahlte.
Brian blinzelte geblendet und schirmte seine Augen mit der linken Hand ab, bis das Licht an Intensität verlor und er sich umsehen konnte.
Auch hier standen Regale, in denen allerlei Kräuter, Flüssigkeiten und undefinierbare Gegenstände lagerten. Doch der Zehnjährige hatte nur Augen für das, was direkt vor ihm an der gegenüberliegenden Wand stand. Es war ein alter Holztisch, mit kunstvollen Schnitzereien verziert, auf dessen Auflagefläche mehrere weiße Kerzen zu einem Halbkreis aufgestellt waren. In dessen Mitte lag ein in Leder gebundenes, mittelgroßes Buch.
Neugierig trat Brian näher heran, gefolgt von Catherine. Kaum stand er direkt vor dem Altar, hob sie ihre rechte Hand und das Buch wurde durch eine unsichtbare Macht an einer bestimmten Stelle aufgeschlagen.
„Mit diesem Zauberspruch kannst du den Bann brechen.", erklärte ihm der Geist und der Junge beugte sich interessiert vor.
Aber er zögerte. Konnte er das wirklich? War er dazu imstande, zu zaubern und Magie anzuwenden?
„Du schaffst das. Du musst nur diese Worte aussprechen und schon seid ihr alle drei gerettet.", versicherte ihm Catherine, bevor er über sich Schüsse fallen hörte.
Eilig und entschlossen nickte er, als er daran denken musste, gegen welche Dämonen die beiden Brüder gerade kämpfen mussten. Dann beugte er sich noch weiter vor und begann, die Worte laut vorzulesen.
Die Dämonenhorde hatte die Winchesters inzwischen umzingelt und kam immer näher.
Und langsam ging ihnen die Munition aus, gerade als sie ihren Rhythmus gefunden hatten: Während der eine sein Magazin verschoss, lud der andere nach und umgekehrt. Doch Dean war froh, dass sie überhaupt so viele von den Mistkerlen hatten erledigen können.
Sam hatte es durch einen gezielten Wurf geschafft, dem riesigen Anführer ein Messer ins Gehirn zu bohren. Leider hatte dessen toter, hässlicher Körper die anderen Dämonen nicht so lange aufgehalten, wie es nötig gewesen wäre.
Und dann zögerte der Jüngere auch noch. Unterdessen waren die reinen Kreaturen der Hölle, die Dämonen in ihrer wahren, hässlichen Gestalt deutlich in der Minderheit. Und zu allem Überfluss drängten sich die besessenen Menschen nach vorne, deren Gesichter so unschuldig wirkten: Junge Frauen, Kinder, Teenager. Sie hatten wohl erkannt, dass Sam nicht in der Lage war, diese so einfach abzuknallen.
Kaum hatte der jüngste Winchester das letzte krallen- und stachelbewehrte Monster erschossen, das sich im Raum befand, ließ er seine Waffe sinken. „Ich habe keine Munition mehr.", gestand er mit seltsam belegter Stimme und Dean nickte.
Er erledigte mit seinen restlichen zwei Kugeln noch zwei der Menschen, bevor er seine Pistole ebenfalls wegsteckte. „Dann zeigen wir ihnen mal, was wir so im Nahkampf draufhaben."
Sam schluckte kaum merklich und sah sich mit leicht überfordert wirkender Miene um. Dabei entdeckte er etwas, das ihn erleichtert aufatmen ließ. „Sieh dir das an: Die Dämonen da hinten verschwinden."
Sein Bruder folgte seinem Blick und erkannte mit Erstaunen, dass der Jüngere Recht hatte: Die Menschen an der Tür verblassten allmählich, bevor sie sich ganz in Luft auflösten. Doch die Besessenen vor ihnen kamen immer näher, streckten ihre Hände nach ihnen aus oder warfen plötzlich die verschiedensten Dinge nach ihnen.
Gerade hatten ihre Gegner den Messerblock für sich entdeckt und scharfe Klingen sausten durch die Luft, direkt auf die Köpfe der beiden Brüder zu, die sich beide noch rechtzeitig ducken konnten.
„Wir stehen hier wie auf dem Präsentierteller.", rief Sam und griff nach der Kellertür, um sich dahinter zu verschanzen.
„Ich weiß nicht, was du hast. Ich wollte schon immer mal wissen, wie es ist, das bewegliche Ziel eines Messerwerfers zu sein.", scherzte Dean, während sein Bruder ihn mit sich zog.
Dann fiel der Blick des Älteren auf die Dielen unter ihm und er erstarrte. „Hey, nicht nur unsere Gegner lösen sich auf."
Sam sah hinunter und zuckte erschrocken zurück. Der Boden unter ihren Füßen verlor an Farbe, wurde durchsichtig und darunter kamen weiße, hell leuchtende Gestalten zum Vorschein. Der jüngere Winchester erkannte ihre Gesichter wieder. Es waren die Geister der Menschen, die in diesem Haus gestorben waren.
Plötzlich griff einer von ihnen durch die Dielen hindurch und packte Sams Fuß. Dieser versuchte verzweifelt, sich loszumachen, bis er bemerkte, dass einer der Dämonen inzwischen nach Dean gegriffen hatte und diesen von seinem Bruder wegzerren wollte. Sam bekam die Hand des Älteren zu fassen und zog ihn zu sich zurück.
Doch inzwischen griffen immer mehr dämonische Hände nach den beiden, während unter ihnen die Seelen der Toten durch den Boden kamen und die Winchesters ebenfalls zu erwischen versuchten.
Bald fühlten sich die zwei Brüder wie Seile beim Tauziehen: Die Dämonen hatten ihre Arme fest im Griff und die Geister umklammerten ihre Beine wie Schraubstöcke.
„Verflucht, könnt ihr euch vielleicht mal einigen, wer von euch uns töten darf?", beschwerte sich Dean, der sich verzweifelt wehrte und sich immer wieder vergeblich aufbäumte.
„Die werden uns noch in Stücke reißen.", prophezeite Sam, bevor sich auf einmal die Dämonen auflösten und die Brüder von den Geistern durch die Dielen hindurch in die Tiefe gezogen wurden.
Sam erwachte davon, dass ihm eine Fliege übers Gesicht krabbelte, und verscheuchte sie genervt, bevor er sich blinzelnd erhob und mit halboffenen Augen umsah. Es war immer noch Nacht, doch der Mond schien auf einmal heller zu leuchten als zuvor. Er lag auf feuchtem Gras vermutlich auf dem Grundstück, auf dem das Haus gestanden hatte, doch das Gebäude war spurlos verschwunden.
Die Geister hatten sie wohl gerettet, bevor das Haus sich vollständig aufgelöst hatte.
Links neben ihm lag sein Bruder regungslos auf dem Waldboden. Panik stieg in dem Jüngeren auf. „Dean? Lebst du noch?"
Der ältere Winchester kam gerade langsam zu sich und der angsterfüllte Schrei seines Bruders ließ seine Ohren klingen und schickte stechende Schmerzwellen durch seinen Kopf.
Was für eine bescheuerte Frage! „Nein!"
Sam konnte ein erleichtertes Lächeln nicht unterdrücken. „Oh, gut, dann kann ich ja dein Auto haben."
Das half. Sofort richtete sich Dean auf und funkelte ihn wütend an. „Vergiss es! Das kriegst du nicht mal, wenn ich in der Hölle schmoren sollte! Du hast überhaupt keine Ahnung davon, wie man den Wagen richtig fährt. Wenn ich nicht ständig neben dir sitzen würde, wäre er schon Schrott."
Sein Bruder wollte ihm schon antworten, er wäre auch froh darüber, dass sie beide noch am Leben waren, als er Brian bemerkte, der mit einem ledergebundenem Buch vor ihnen stand.
„Na endlich! Ich dachte schon, ihr beide würdet ewig weiterschlafen.", kommentierte dieser mit einem frechen Grinsen.
Sofort sprang Dean auf und baute sich gespielt drohend vor dem Zehnjährigen auf. „Hey, pass auf, was du sagst! Sonst kitzle ich dir das Hirn raus."
Brian machte einen Satz rückwärts, um sich vor den Händen des Älteren in Sicherheit zu bringen. „Hey, mach das nicht. Ich hab euch auch was mitgebracht.", beschwerte er sich und übergab Sam, der gerade auf die Füße kam, das Buch.
Dieser warf einen neugierigen Blick auf das seltsame Symbol auf der Vorderseite und begann, interessiert die Seiten durchzublättern. „Ist das hier das Zauberbuch der Hexe?"
Dean zog überrascht die Augenbrauen nach oben. „Das sieht aus wie die Mini-Version des Buchs der Schatten." Grinsend wandte er sich an Brian. „Die Hexe, die du gesehen hast: War die heiß?"
Kopfschüttelnd gab ihm sein Bruder einen Schlag auf den Hinterkopf und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, den Dean nur mit einem unschuldigen Schulterzucken erwiderte.
„Ich glaube nicht. Geister sind eigentlich eher kalt. Aber genau kann ich das nicht sagen, weil ich sie nicht anfassen konnte.", unterbrach der Zehnjährige die Kabbeleien der beiden.
Sam kicherte in sich hinein, während dem Älteren vor Verblüffung über soviel naive Asexualität der Mund offen stehen blieb.
„Hey, das sind Sie ja! Gott sei Dank! Ich hätte fast einen Herzinfarkt bekommen, als das Portal sich plötzlich vor meiner Nase schloss!"
Die beiden Winchesters und Brian drehten sich zu der Stimme um und sahen einen etwa vierzigjährigen Mann keuchend auf sie zueilen.
„Du hattest Recht. Vom Aussehen her ist er eher wie Egon.", murmelte Dean seinem Bruder zu, bevor er sich mit einem amüsierten Funkeln in den Augen an den Ankömmling wandte. „Sie müssen Peter sein."
„Professor Doktor Holloway.", korrigierte Sam ihn leicht genervt.
Doch sein Bruder ignorierte ihn, während er dem älteren Mann die Hand schüttelte. „Dean."
„Oh ja, das habe ich mir schon gedacht. Sie sind also derjenige, der aus Angst jemanden töten würde."
Was den älteren Winchester verblüffte, war nicht das, was Peter sagte, sondern wie er es sagte. So fröhlich, ohne eine Spur von Furcht oder eines Vorwurfs in der Stimme. Fast so, als wäre Dean einer seiner Probanten, die er genauer untersuchen wolle.
Dennoch weckte diese Frage eine Erinnerung in ihm, eine Angst, die er noch beruhigen musste. „Ja genau der. Jetzt wo Sie's erwähnt haben, fällt mir noch etwas ein."
Eilig kramte er in seiner Jacke herum und zog schließlich sein Mobiltelefon hervor. Ein Blick auf das Display ließ ihn genervt aufseufzen. „Kein Netz."
„Ja, mir ist aufgefallen, dass es in diesem Wald ziemlich viele Funklöcher gibt.", bestätigte Holloway beflissen.
Inzwischen sah Sam bei seinem Handy nach und musste ebenfalls feststellen, dass er keinen Empfang hatte.
„Oh, ich habe ein Satellitentelefon im Wagen. Das funktioniert immer.", bot der Professor an und die beiden Brüder warfen sich einen stirnrunzelnden Blick zu.
Der Jüngere der beiden nickte zustimmend. „Okay, gehen wir."
Peter lächelte erfreut und eilte voran, während die beiden Winchesters Brian in ihre Mitte nahmen, bevor sie dem Professor folgten.
Dean schüttelte fassungslos den Kopf. „Mann, der Kerl ist ja so hilfsbereit, dass es schon wieder gruslig ist."
Sam sah ihn durchdringend an. „Dad geht es gut. Ganz sicher. Er war nicht in dem Haus und er ist noch am Leben. Das war alles nur Einbildung."
Brian nickte eifrig. „Er hat Recht. Da war kein anderer Mann bei dir. Ich hab gesehen, wie du mit jemanden gesprochen hast, aber da stand niemand."
Der Ältere gab nur ein leises „Hm" von sich und starrte mit angespannter Miene geradeaus, bevor er seinen Schritt etwas beschleunigte. Als sein Bruder ihn weiterhin musterte, entschloss er sich schließlich doch genervt dafür, zu antworten. „Ich will nur sichergehen. Und immerhin haben wir ihm schon seit Wochen nicht mehr aufs Band gesprochen. Er vermisst uns sicher schon."
Sam seufzte und beschloss, seinen Bruder etwas abzulenken, bis sie an Holloways Wagen und dessen Satellitentelefon angekommen waren. „Weißt du, was so richtig skurril ist? Bei dieser ganzen Sache habe ich mich manchmal wie in diesem Film gefühlt. Wie hieß der noch gleich? Ach ja, Blair Witch Project."
„Blair Witch Project? Blair Witch -? Was bist du? Ein Mädchen? Blair Witch Project! Ich fasse es nicht." Dean schüttelte über die peinlichen Assoziationen seines Bruders entgeistert den Kopf. „Also, wenn ich irgendwann mit ner Handkamera durch den Wald renne, vor mich hinflenne und mit nem asthmatischen Keuchen unverständliches Zeug vor mich hin stammle, dann bitte erschieß mich!"
Sams schallendes Lachen hallte durch die Bäume und Sträucher des Waldes, der auf einmal wesentlich friedlicher erschien als zuvor.
Doch der Schein trog.
Weder die beiden Brüder noch der Professor oder Brian bemerkten die dunkle Gestalt, die nun nur etwa hundert Meter von ihnen entfernt hinter einem Baum hervortrat.
Der Mann sah der kleinen Gruppe lange nach und seine gelben Augen funkelten triumphierend in der Dunkelheit.
Der kleine Brian Foster verfügte also über übersinnliche Fähigkeiten. Und er schien sich prächtig mit Sam zu verstehen. Das traf sich gut. Denn wenn er es schaffte, den jüngeren Winchester auf seine Seite zu ziehen, bekam er vielleicht noch einen kleinen Magier gratis dazu.
Ende
