Kapitel 6. Begegnungen.

Homo sum, humani nihil a me alienum puto"

(Terentius)

Ginny wartete wirklich draußen und sah unzufrieden aus. Aus dem Zettel von Harry hatte sie nicht viel verstanden und jetzt wollte wissen, weshalb er sich nach dem Ministerium begab. Harry betonte die Wichtigkeit und auch die Aussichtslosigkeit dieses Unternehmens, und Ginny ließ Gnade für Recht ergehen. Sie behauptete aber noch für eine Weile, dass sie sich immer um ihn Sorgen machen musste.

Harry schlug vor, auf Grimmauld Pl. 12 zu gehen und dort alles zu besprechen. Hermine schwankte ein bisschen wegen der Hausaufgaben, dann willigte aber ein. Das Haus auf dem Grimmauld Platz empfing sie mit einer Vielfalt verschiedener Töne, Knarren, Geflüster der Portraits und anderer Musik. Harry nahm das als ein gutes Vorzeichen an, er strebte in der letzten Zeit danach, überall gute Zeichen zu sehen, und gar nicht aus Aberglauben. Sie alle nahmen bequeme Plätze im Besuchszimmer ein, und Hermine fing an, zu beweisen, dass Holder etwas im Schilde führte und dass Harry nicht allein gehen sollte. Harry erwiderte, dass er sich darum bestimmt kümmern wird, damit niemand mehr sich einmischen konnte.

Ich kann ihn auch nicht verstehen, Hermine, aber vermute nur mal, dass er irgendwie Kinsgley befürchtet. Und ich wäre zu ihm gegangen, wenn gar nichts geklappt hätte.

Harry, die Sache liegt nicht darin, - Hermine schüttelte ihren Kopf. – Seine Worte widersprechen einander. Alles, was vor seiner Zustimmung war, zeugte davon, dass der Minister ihn gar nicht einschüchtern kann. Und dann sagt er das gerade Gegenteil. Macht das dich nicht aufmerksam?

Etwas, aber ich kann einfach nicht bergreifen. Will er mich einsperren? Wozu denn? Er könnte das heute gemacht haben.

Aber heute konnte er dich nicht so gefährden, um das zu verbergen.

Wie kann er das am 20. Oktober machen?

Ich weiß nicht, Harry, aber ich habe ein schlechtes Vorgefühl, - Hermine maß Harry mit einem tragischen Blick.

Mach dir keine Sorge, - bat er, Ginny anschielend. – Ich muss doch versuchen, irgendwie zu helfen.

Ja, meine auch so, - sagte Ginny, - pass aber auf, dass du die Sache nicht erschwerst.

Wie kann ich doch aufpassen, wenn solche „Gehirne" gegen mich spielen?

Ich denke, Professor spielt nicht gegen dich.

Ja, aber, - Harry sah den Elder Stab in seinen Händen an und schwieg.

Plötzlich hörte man das Geflügelrauschen, und eine große Eule flog hinein.

Das ist meine, - rief Ginny begeistert, - hat so schnell herausgefunden, wo ich bin. Na, was hast du? – sie band eine große Rolle von der Eulenpfote ab und entfaltete die frische Nummer vom „Tagespropheten".

Wozu liest du diese Makulatur? – erkundigte sich Ron.

Jetzt, wann unsere Leute diese Zeitung leiten, kann man dort was Interessantes finden, - antwortete Ginny ruhig. – Und ihr drei lest sie bestimmt nicht?

Ich schreibe sie aus, - Hermine errötete etwas, - aber ich habe so wenig Freizeit jetzt, dass ich kaum etwas lese.

Ron fauchte skeptisch.

Und was kann hier interessant sein? – fragte er.

In jeder Nummer gibt es etwas. In der letzten Zeit wird über ein Thema stark diskutiert.

Welches denn?

Das Thema von Verschwinden in Ostengland.

Was? – Hermine wunderte sich sehr. – Darüber habe ich nicht gewusst. Wer verschwindet dort?

Also, ihr wisst natürlich, dass ein Objekt in Ostengland unter der Wache vom Ministerium steht. Vor kurzem wurde die Wache verstärkt, und die Menschen fingen an, zu verschwinden. Es gibt auch eine Ansicht, dass das schon seit langem passiert, aber das waren nur Einzelfälle, und man wusste immer, dass das ein gefährlicher Ort ist. Man kümmerte sich deshalb darum nicht. Jetzt sickerten die Informationen durch, und man kann damit nichts tun. Meistens verschwinden Auroren. Das Ministerium ist auch um die Versammlung der Vampire im Süden besorgt. Das Nichtleben lässt sich überhaupt fast nicht organisieren, deshalb scheint es so verdächtig. Doch immer mehrere Aurortruppen werden nach Osten geschickt.

Harry wurde es ungemütlich, als er das erhörte. Seine Narbe flammte wie auf Kommando auf, und er rieb sie so gelassen, wie möglich.

Ich weiß aber nicht, - wendete er sich an Ginny, - was für ein Ort sich im Osten befindet.

Hast nicht gehört? – Ron machte runde Augen und flüsterte: - Man sagt jetzt, es wäre eine Legende. Aber das Ministerium bewacht die Sümpfe immer noch. Laut der Legende ist dieser fürchterliche Ort die letzte Zuflucht von Salazar Slytherin. Dort bewahrt er seine Schätze, die man nie gesehen hat. Aber diejenigen, die nach ihnen suchten, kamen nicht zurück. Das ist aber bloß eine Legende.

Eine Legende, sagst du? – Harry schüttelte den Kopf. – Nur nicht für das Ministerium. Die Leute verschwinden, und das Ministerium schickt immer neue dorthin. Unlogisch, wie? Dort ist heute jeder Spezialist Goldes wert. Und Holder ist natürlich dafür verantwortlich.

Halt! – Hermine sah ihn misstrauisch an. – Jetzt fängst du an, eine Geschichte zu flechten. Aber es mangelt uns sehr an Fakten.

Aber wir bekommen sie, diese Fakten. Und es muss eine Bibliothek geben, die uns helfen wird.

Kennst du eine?

Ja, - antwortete Harry einfach und schmunzelte.

Am Abend ging Harry in Winkelgasse, um etwas für das Studium zu besorgen: einige Ingredienzien waren schon fast aus. Die Sonne schien niedrig und war orange-gelb. Ihre Strahlen streiften die Häuser, die Menschen, die Autos, die Wasserabflussröhre. Der Abend war still. Harry hatte Ginny kaum überzeugt nicht mitzugehen: sie fühlte sich plötzlich schlecht, und gestand dann, dass sie das Unwohlsein von Morgen an fühlte. Harry bat Ron und Hermine auf sie aufzupassen und versicherte sie, dass er selbst mit allem fertig wird. Die Apotheke wurde aber irgendwohin übertragen, und Harry musste die Passanten ausfragen. Man sagte ihm, dass sie jetzt in einer anderen Straße wäre, riet ihn aber davon ab, dorthin am Abend zu gehen. Harry bedankte sich und ging in die genannte Straße.

Die ganze Zeit hatte er ein Gefühl, dass jemand hinter ihm her ging, stolpernd aber ständig. Harry sah sich einige Male um, sah aber niemanden, außer einigen Landstreichern. Er setzte seinen Weg fort, und sah sich wieder an der Ecke um. Dort begann Aschgrau-Straße, breit, aber nicht geräumig, die Häuser waren hoch und schienen sich irgendwo oben zusammenschließen. Der Himmel war kaum zu sehen, und es war dort deshalb immer dunkel. Sonderbares Publikum trieb sich dort herum, das merkte Harry sich sofort und wollte schnell mit der Aufgabe fertig werden. Er sah bald die Apotheke, aber seine Aufmerksamkeit wurde bei einem der Landstreicher erregt. Der schien fast ohnmächtig und war fast neben der Apotheke niedergefallen. Harry sah ihn an und schwankte, ob er jetzt in die Apotheke gegen sollte oder danach. Vielleicht wäre der Kerl betrunken, seine Bewegungen waren aber gar nicht der Trunkenheit ähnlich, sie fehlten bloß. Harry entschied sich doch für Apotheke. Als er herausging, war der Vagabund in einem verbrauchten Umhang mit Kapuze an demselben Platz und bewegte sich nicht. Harry verstand plötzlich, dass das er war, der hinter ihm her ging. Harry neigte sich zu ihm und fragte.

Kann ich Ihnen irgendwie helfen?

Essen, - stöhnte der Mensch, und die Stimme, heisere und schwache, kam Harry bekannt vor, - Sie haben doch versprochen.

Ich... ich habe Ihnen nichts versprochen, - erwiderte Harry.

Nein? Aber... – die Stimme unter der Kapuze verstummte für einige Weile, dann fuhr er fort flehend: - Ich habe doch alles getan, wie Sie gesagt haben... Und Sie haben versprochen... meine Mutter... sie ist krank..., - der Mensch verlor endlich das Bewusstsein.

Harry hatte ihn aber schon erkannt und erstarrte überrascht. Um sich zu vergewissern, nahm er die Kapuze von dem Menschen behutsam ab. Ein unrasiertes, verfallenes Gesicht, eingesunkene Augen, verwickelte blonde Haare. Harry traute seinen Augen nicht, aber er musste gestehen, dass er vor sich seinen „Schulkameraden" Draco Malfoy sah.

Einige Minuten später fand schon der zweite Rat im Haus auf Grimmauldplatz statt. Hermine und Ginny interessierten sich sehr für die medizinische Seite der Sache, Ron bewies, dass Harry gehastet hatte. Harry verteidigte sich und wiederholte, dass er ihn dort nicht lassen konnte. Endlich gab Ron nach.

Die Mutter wird doch nach ihm suchen, - sagte er schließlich.

Wenn sie krank ist, dann nicht, - erwiderte Harry. – Ron, er wurde beauftragt, mir zu folgen. Aber er war schon so abgemagert, dass er es nicht geschafft hat. Ich weiß nicht, wem er jetzt dient, aber es wäre jetzt unvernünftig, ihn freizulassen.

Aber, Harry, - sagte Hermine, - wir können nicht ihn auf dem Hals haben. – Morgen fängt das Studium an.

Ich weiß es, ich möchte dieses Studium eigentlich etwas verschieben, möchte erklären, dass ich stark krank bin.

Aha, mit ganzem Kopf, - Hermine geriet in Wut allmählich. – Harry, es lohnt sich nicht, du kannst mir glauben, und es ist nicht die Zeit für Wohltätigkeit.

Gut, schlägst du was anderes vor?

Fragen wir ihn gleich aus und dann... sehen wir!

Harry drehte sich um und blickte Malfoy, der auf dem Sofa bewusstlos lag, hinüber. Das Bedenken störte ihn sein ganzes Leben, und diesmal wäre es besonders fehl am Platz, die Intuition sagte ihm aber, dass er in London bleiben und sich krank stellen sollte.

Hermine, ich bleibe, macht, wie ihr wollt.

Ich bleibe dann auch, - sagte Ginny. – Hermine und Ron erfinden bestimmt etwas, um dich zu rechtfertigen!

Das ist aber Unsinn, Ginny! – erwiderte Hermine zornig. – Ich bleibe in solchem Fall auch, ich kann euch, Leute, ja nicht ohne Aufsicht und in solch einer Gesellschaft lassen.

Dann wisst ihr schon über meinen Beschluss, - schmunzelte Ron.

Sie beschlossen doch, dass sie nur bis zum Wochenende bleiben. Harry hatte schon vor, die beiden Bibliotheken, die ihm in Hogwarts bekannt waren, zu besuchen. Jedenfalls, wollte er auch Narzissa Malfoy finden. Wusste sie denn, was ihr Sohn für sie tat und worin er sich eingemischt hatte? Und was für eine Krankheit hatte sie?

Die Antwort wurde teilweise am nächsten Tag bekommen. Draco kam zu sich und bat sofort um das Essen. Er verstand noch einige Momente nicht, wo er war, dann sah er Hermine mit einem kleinen Teller mit Brot und etwas Obst und hätte beinahe das Bewusstsein wieder verloren. Der Hunger war aber stärker als die Mentalität eines Aristokraten-Nationalisten, deshalb aß er mit großem Appetit. Ginny schuf eine Art Hühnerbrühe, die nicht nur genießbar aussah, sondern sich auch zum Essen eignete. Harry beobachtete seinen ehemaligen Feind in dieser Zeit und fand, dass der seinen Blick ständig vermied. Dann verdufteten die übrigen, und sie blieben allein. Malfoy zuckte plötzlich die Achseln, stand auf und begab sich zum Ausgang, Harry stieß ihn aber heftig zurück.

Einen Moment, bitte, - sagte er nachdrücklich, - wer hat dir befohlen, mich zu verfolgen?

Lass dich einmachen, Potter, - erwiderte Malfoy, böse aber unsicher. Harry sah ein, dass er im Inneren wollte, sich jemandem anvertrauen, und setzte seinen Angriff fort.

Wenn du denkst, dass ich dich jemandem aus dem Ministerium abgebe, irrst du dich sehr. Du kannst nicht glauben, dass ich auch helfen will, aber ich meine, es ist leicht zu glauben, dass ich es sehr herausfinden möchte, wer mich so braucht, dass er dich herangezogen hat.

Das weiß ich nicht, - antwortete Draco mit einem unglücklichen Blick. – Ich brauchte aber etwas Geld oder was zum Essen. Ich weiß nicht, wer die waren, erinnere mich fast nicht daran, wie sie aussahen. Aber ich sollte dich auffinden, verfolgen, und dann darüber melden.

Wem?

Sie sagten, sie treten mit mir in Verbindung, wenn es nötig sein wird. Ich verstand sofort, dass ich mich wieder in eine... Situation eingelassen habe, aber... ich habe gar nicht vor, dir mein Herz auszuschütten, aber alle Wege scheinen zu Harry Potter führen, - Malfoy grinste spöttisch und bitter und verstummte.

Ich kann helfen, - wiederholte Harry, - ich habe nur noch Mosaikfragmente und kann nichts behaupten, bis etwas sich aufklärt. Ich kann doch deine Mutter finden, wenn du mir sagst, wo sie ist.

Malfoy zögerte. Einerseits war er zu schwach, um irgendwohin zu gehen. Außerdem war er nicht sicher, dass er schweigen wird, wenn man ihn ertappt. Andererseits... Harry Potter, der – kann das sein? – ihm aufrichtig helfen wollte. Und seine Mutter... sie konnte sich ans neue Leben nicht gewöhnen: an den Essenmangel, an endlose Übersiedlungen aus einem billigen Hotel ins andere, an diese Erwartungsstunden an der Tür des herzlosen Ministeriumsbeamten, der Vergnügen daran fand, jemandes Leben, schon elendes und zerstörtes, bis zum Ende zu vernichten. Darum hielt sie sich schon seit langem kaum auf den Beinen. Und doch kämpfte sie immer noch, im Unterschied zu ihm. Er hatte niemals jemand außer ihr über seine eigenen Träume gesagt, aber jetzt wurden sie alle begraben, für immer...

Er nannte Harry die Adresse und den falschen Namen, unter dem sie dort eingeschrieben war. Harry verließ das Haus in demselben Moment und suchte nach der Hütte am Rand von Hogsmeade. Das war ein kleines Häuschen, das so ungepflegt aussah, dass Harry anfing, daran zu zweifeln, ob es der richtige Ort wäre. Er fragte nach Mrs Gwain, und man antwortete ihm, dass sie vom gestrigen Abend nicht gesehen wurde. Harry erkundigte sich auch nach ihrem Zustand, man konnte ihm aber keine befriedigende Antwort geben. Sie sah krank aus, sie lag im Bett seit einigen Tagen, dann stand sie aber ganz munter auf und ging irgendwohin, ohne ein Wort zu sagen. Niemand wusste, was sie hatte, sie hatte niemals einen Arzt angerufen, nur ihr Sohn hatte sie behandelt. Aber alle die Bewohner der Hütte waren einig, dass sie die Krankheit neurogen bekommen hatte.

Harry dankte und empfahl sich. Er wollte bei Aberforth vorbeikommen und dort Auskünfte einholen. Auch hatte er das Wirthaus von Madam Rosmerta und endlich Hogwarts im Augenblick. Er kam aber nicht zurecht, ein paar Schritte zu machen, als er zwei junge Leute sah, die hinter ihm her gingen. Vielleicht beobachteten sie ihn, und nichts mehr, aber das war Harry auch nicht recht, er hatte schon die Nase voll und wollte nicht mehr nach dem Plan leben. Geärgert, versuchte er ihnen zu entwischen, aber sie waren ihm dicht auf den Fersen. Er rannte. Nach einigen engen Straßen hörte er rasche Schritte hinter sich und wollte apparieren, aber es fehlte ihm an der Resolution, und es war deshalb gefährlich. Die Verzweiflung hätte ihn fast gepackt, als er eine niedrige Tür in einer steinernen Wand sah. Er warf sich instinktiv zu dieser Tür, sie ging leicht auf, und schlüpfte hinein. Niemand folgte ihm, und das versetzte ihn in Bestürzung. Er sah sich um. Das niedrige Gewölbe wurde dort hoch und rund. Etwas Riesiges hängte herab. Harry sah sich das näher an: das war ein großer Kronleuchter, der an dem eisernen Seil hing und aus zahlreichen Kerzen bestand. Sie brannten nicht, und es war sehr dunkel im Raum. Eine Kerze brannte in einer Ecke und beleuchtete die einzige Figur, die vor etwas großem mit dieser Kerze in der Hand kniete. Sie trug einen langen schwarzen Mantel und war sehr schlank und auch in dieser Haltung graziös und edel. Ein schwarzes Umschlagtuch bedeckte den anmutigen Kopf, eine blonde Strähne war auf der schmalen Schulter zu sehen. Die Figur erstarrte wie eine Skulptur. Harry näherte sich ihr vorsichtig und blieb unerwartet stehen. Die Figur kniete vor einem Kruzifix, das fast nicht sichtbar war, jetzt spürte Harry aber eine neue Anwesenheit. Sein eigenes Verhalten der Kirche und der Religion gegenüber war widersprüchlich, er interessierte sich dafür nicht, verneigte sie auch nicht im großen und ganzen. Aber das Vorhandensein einer heimischen Kirche in Hogsmeade überraschte ihn total. Er sah das Kruzifix nicht an, der Blick rutschte immer ab. Die Figur blieb still und Harry wusste nicht, was zu tun war. Er hatte einige Befürchtungen zugleich, er wollte sie prüfen, aber die Irrealität von dem, was vorkam, ließ ihn zur Handlung nicht.

Die Minuten zogen sich. Harry nahm sich endlich zusammen und – mit einem Gefühl, das er etwas Schreckliches machte, - berührte die schmale Schulter. Die Frau fuhr zusammen und wendete den entzündeten Blick zu ihm. Sie suchte für einige Sekunden nach etwas, dann wurden ihre Augen klar, und sie sagte kaum hörbar:

Hast du ihn getroffen? Sag mir, hast du?

Ja, - Harry spürte, wie sich die Irrealität verstärkte, als ob er mit dem Gedächtnis zurückgeschleudert wurde, um noch etwas zu verändern.

Danke, - antwortete sie kurz, richtete den Blick zum Kruzifix wieder, verneigte sich und löschte dann die Kerze.

Harry wollte den Stab anzünden, sie machte aber eine protestierende Bewegung, die er in der Dunkelheit mit Mühe gesehen hatte. Dann ging rasch weg, und er musste nur ihr folgen. Eine andere Tür ging unerwartet auf, und das Licht von draußen schlug unangenehm gegen das Gesicht. Harry verließ die seltsame Kirche und sah sich instinktiv um. Niemand war in der Straße, Narzissa Malfoy ging aber noch schneller irgendwohin. Harry holte sie ein und flüsterte:

Er ist in Sicherheit in meinem Haus. Er sandte mich hierher. So hole ich Sie ab und dann bringe euch beide nach Hogwarts.

Nach Hogwarts? – fragte sie, ohne sich umzudrehen. – Wieso denn nach Hogwarts?

Weil das ist der sicherste Ort heute. Und weil ich niemandem auf der Welt so vertraue, wie dem Direktor von Hogwarts. Außer meinen Freunden, natürlich.

Ist Draco für dich auch ein Freund jetzt?

Äh... ich würde es nicht so sagen, - sagte Harry ehrlich, - aber ich habe ihm mein Wort gegeben, und ich weiß auch, dass ihr in einer schwierigen Lage seid.

Sie hielt. Harry dachte, sie wurde geärgert, ihr Gesicht war aber nur aufmerksam und forschend. Jetzt, bei Tageslicht, sah er, dass sie jetzt gar anders aussah, ihre Gesichtszüge schienen sich verfeinert zu haben. Harry studierte diese Erscheinung für eine Weile, dann hörte er ihre Stimme:

Hat er dir gesagt, was ich habe?

Nein, er sagte bloß, dass Sie krank wären.

Merkwürdig, dass er sie wenigstens nicht beschrieben hat... Aber wieso denn merkwürdig? Er versteht, auch wie ich, dass es hier sowieso nichts zu machen ist.

Was? Aber es lässt sich doch heilen, oder? – fragte Harry erstaunt. – Mit Hilfe der Zauberei?

Es lässt sich... aufhalten, aber nicht heilen. Außerdem kann ich mir keine Behandlung leisten. Ich brauche sie auch nicht, ich bin nicht sicher, dass sie helfen würde.

Aber... in Hogwarts wird man Ihnen helfen! Willigen Sie ein! Und dann wird Ihr Sohn mit niemandem fragwürdige Geschäfte machen.

Ja, ich habe das schon geahnt, - sagte sie langsam.

Er liebt Sie so sehr, - sagte Harry unwillkürlich. Und ein kurzes Lächeln überkam ihr müdes Gesicht.

Gut, - sagte sie nach einer Weile, einfach und entschlossen.

Nach einer halben Stunde war alles fertig. Malfoy erwartete die Nachrichten auf dem Grimmauldplatz, und man hatte keine Probleme mit ihm gehabt. Eine echte Errungenschaft war das, dass niemand einander provoziert hatte. Zusammen fühlten aber alle sich etwas gehemmt, und deshalb eilte Harry mit dem Apparieren nach Hogwarts. Er hatte auch vor, mit Malfoy ausführlicher zu sprechen, weil er ein Gefühl hatte, dass der etwas verschwieg, was für Harry einen bestimmten Wert darstellte. Außerdem wartete Harry ungeduldig darauf, wann er den Raum, wo er sich so viel trainiert hatte, wieder betreten wird. Dort gab es alles, oder fast alles, um erfolgreich zu studieren und auch eigenen Horizont wesentlich zu erweitern. Und die Praxis... man konnte davon nur träumen, es gab dort ein leeres Zimmer, das groß und gut beleuchtet war. Harry hatte sich dort in der Duellkunst geübt, nicht so erfolgreich, wie er es möchte, aber da spielte die maßlose Strenge des Lehrers ihre bestimmte Rolle, deshalb machte Harry sich keine Vorwürfe. Wenn er sich daran erinnerte, lächelte er unwillkürlich; endlich schlussfolgerte er, dass er nichts dagegen hatte, das irgendwann noch einmal zu erleben. Aber draußen fing es an zu regnen, und die Türme von Hogwarts sahen mehr majestätisch und erschreckend aus. Der Herbst war zu beginnen...

Kapitel 7. Worüber schweigen Zauberstäbe.

Harry erwachte früh am Morgen und fing an, alles im Gedächtnis eilig wiederherzustellen. Das Bild war gar nicht tröstend: sie haben nichts Wesentliches gefunden, McGonnagal hat ziemlich gespannt darauf reagiert, die Malfoys unterzubringen, doch bestand Hermine darauf, dass es dort nichts Schlimmes gäbe, und Harry beruhigte sich. Das Rätsel besaß seinen Verstand, aber ein Umstand machte ihm immer mehr Sorgen: außer ihm äußerte kaum jemand ein großes Interesse dafür. Hermine war natürlich am Studium sehr interessiert, Ron war seinerseits an Hermine interessiert und bevorzugte, ihr zuzuhören, als an der Diskussion aktiv teilzunehmen. Nur in den ersten zwei Tagen wühlten die beiden in Büchern eifrig, dann dachten sie mehr an die Spaziergänge in Hogwarts' Umgebung. Ginny leistete Harry Gesellschaft fast immer, sie gingen zusammen ein paar Male zu Hagrid, sonst verbrachten sie die Zeit in der heimlichen Bibliothek.

Am Samstag beschloss Harry die festgestellten Tatsachen zusammenzufassen. Ron und Hermine kamen nach einer Weile nach Ginny, sie waren ganz mit selbst zufrieden, und Harry verstand, dass es nutzlos wäre, zu streiten und etwas zu beweisen. Sie setzten sich an den Tisch, der Harry schon sehr gut bekannt war. Er selbst nahm den Platz, den vor kurzem Snape so oft genommen hatte, schlug seine Notizen auf und blickte auf die Freunde.

Also, was Neues haben wir erfahren? – fragte er, und Ron sah endlich etwas schuldbewusst aus. – Ich meine, über die Grünen Moore.

Also, nicht vieles, - erwiderte Hermine sofort, - das ist fast gänzlich der Sagenbereich. Wir können uns aber auf die Hauptlegende stützen. Laut dieser Legende, schuf Salazar Slytherin einen heimlichen Zufluchtsort im Verwünschten Berg. Dort stecken von alters her solche Kräfte, die niemand von Menschen beherrschen kann und die ihn auch völlig unterworfen haben. Die anderen Gründer von Hogwarts versuchten, ihn zu retten, aber er hat auf ihre Ermahnungen nicht gehorcht. Es gibt auch einige zweifelhafte Berichte über den letzten Zweikampf zwischen den ehemaligen besten Freunden – Gryffindor und Slytherin, - nach dem Slytherin seine letzte Chance aufgegeben und sich in die Tiefe des Bergs entfernt hat. Jemand meint, dass er während des Vulkanausbruchs gestorben ist, aber es lässt sich durch viele Quellen bestreiten. Es wurde in vielen von denen betont, dass Rowena Ravenclaw ihn mindestens einmal nach diesen Ereignissen gesehen hatte, sonst ist aber nichts genau bekannt. Was ist ihm weiter passiert? Und was ist mit der Legende über seinen Geist, der ebenso gefährlich ist, wie der lebendige Slytherin? Darauf würde ich nur vorsichtige Antworten geben.

Es ist aber nicht alles, - sagte Ginny und räusperte sich. – Du hast recht, Hermine, dort gibt es zu viele Erfindungen und Mutmaßungen, damit man sich darauf stützen könnte, aber wir haben sonst nichts. Niemand von uns war dort gewesen.

Ich hoffe, niemand wird, - grinste Ron, grinste aber unschlüssig.

Das hoffe ich auch, - stimmte Ginny zu und fuhr zusammen. – Wie ihr wohl wisst, ist das kein Ort, worin man einfach gelangen kann. Die Moore sind mit sehr seltsamen und starken Zauberkünsten umgeben. Auch alles, was in der Gegend ist, hat schon einen Stempel der Moore auf sich. Ich meine, Hermine, die Legenden tauchen nicht ohne Grund auf. Und sie sind auch die unheilschwersten, die ich in meinem Leben gehört habe. Laut der Legenden, kam noch niemand, der nach den Schätzen suchte, zurück. Man kann dorthin nicht apparieren und die Felsen am Bergfuß kann man nur zu Fuß erreichen, und das bedeutet durch die Sümpfe. Auch wird der Berg von uralten Zauberwesen bewacht, das ist natürlich der unbestimmteste Teil der Legenden, aber dort geht es um Inferi, die überall sind, sie sind so zahlreich, dass man kein Ende sehen kann. Daran kann ich persönlich ganz leicht glauben, eine große Schlacht war dort vor dem Ausbruch.

Also, nehmen wir an, - bemerkte Hermine skeptisch. – Aber wenn man nicht allein ist, kann man die Inferi leicht mit einem oder mehreren Feuersprüchen wegjagen, nicht wahr?

Wenn du es nur noch einmal probierst hättest..., - fauchte Harry zornig. – Hätte ich mir das gern gesehen!

Entschuldigung, - Hermine errötete. – Ich habe vergessen.

Ich auch... fast, - log Harry und vertiefte sich in die Erinnerungen. Er kam zu sich nur als er das Wort „Basilisken" erhört hatte: - Verzeihung, Ginny, was hast du gesagt?

Der Berg wird von Basilisken vermutlich bewacht, - erklärte Ginny geduldig, aber etwas verdrossen.

Moment mal, - wiederholte Ron erstaunt, - hast du „BasiliskEN" gesagt?

Ja, du hast alles richtig verstanden, Brüderchen, - erwiderte Ginny sorglos. – Zwölf, wenn man genau ist.

Zwölf? – Ron machte den Mund auf. – Zwölf riesige blutgierige Schlangen auf einigen Quadratkilometern? Ist das ein Spaß?

Natürlich, mein Dummchen, - sagte Hermine zärtlich und höhnisch zugleich. – Ginny, erzähl so was in seiner Anwesenheit nicht, er schläft dann nicht ein. Der Junge versteht bloß nicht, wo ein Märchen ist und wo nicht.

Ron schmollte.

Es ist doch kein Märchen, - sagte Harry und sah Hermine unzufrieden an. – Verstehst du etwa nicht? Wenn es dort nichts Besonderes gewesen wäre, würde doch selbst Ferreus Holder darum kümmern?

Ich glaube, Harry, er kümmert sich darum nicht, weil er darüber einfach nicht weiß. Und wenn er auch darüber wüsste, suchte er schon nach einer Weise, wie man diesen Basilisken ausweichen kann.

Das bedeutet, dass er seine Leute auf Tod entsendet! – erwiderte Harry eifrig.

Und warum müssen wir ihn daran hindern? Ich sehe immer noch keinen Grund dazu! – Hermine wurde ungeduldig. – Wenn er den Elder Stab bekommen wollte, hat er Pech gehabt, na und? Wir können dadurch, was wir jetzt machen, niemandem helfen, findet ihr nicht?

Aber... – Harry fand keine Worte. – Aber du kannst doch nicht verneigen, dass der Elder Stab etwas damit zu tun hat. Und Professor Snape hätte nicht so einfach einen Diebstahl begangen, wenn es nicht notwendig gewesen wäre.

Meinst du das? – Hermine sah sehr ernst aus. – Harry... ich will dich wirklich nicht beleidigen, aber... die Veränderung in dir...

Was ist denn mit meiner Veränderung? – fragte Harry mürrisch.

Du willst, dass wir nach einer Weile Holder zu stoppen versuchen, nicht wahr? Oder hat der Professor so was geplant? Jedenfalls, gründet sich das ganze Unternehmen wieder auf dem Vertrauen zu ihm, dazu, was er denkt und vermutet, aber... Harry, hast du wirklich Vertrauen zu seiner Meinung? Findest du nicht, dass das... nicht normal für dich ist?

Ein angespannter Moment kam. Harry sah ihr gerade in die Augen, und alle anderen sahen ihn an. Er sah den Zweifel und den unausgesprochenen Wunsch, sich in nichts mehr einzumischen. Außerdem sah er schon seit langem deutlich, dass obwohl Hermine diese merkwürdigen Beziehungen zwischen ihm und dem Meister der Zaubertränke erwartet hatte, konnte sie sie trotzdem nie richtig verstehen. Jetzt ging das aber über alle Grenzen für sie, und Harry musste wieder etwas entscheiden.

Ja, - antwortete er sicher und sank wieder auf den Stuhl, er wäre beinahe vom Sitz aufgestanden.

Gut, - sagte Hermine nicht befriedigt, - aber wie können wir auf solche Weise dem Professor helfen? Ich habe einen Eindruck, er hatte schon einen Entschluss gefasst.

Nein, - erwiderte Harry und erstarrte für einige Sekunden. – Das kann nicht wahr sein..., - er schwieg ein wenig. – Er konnte doch das alles nicht auf uns einfach schieben.

Und ich meine, er konnte, - sagte Ron. – Er kann überhaupt alles.

Harry antwortete nicht.

An jenem Tag hatten sie nichts erreicht. Ron und Hermine verließen das Schloss am nächsten Morgen und versprachen, eine gute Ausrede für Harry auszudenken. Harry saß in der Bibliothek und konnte nicht fassen, warum er nichts über die Narbe erzählt hatte. Sie tat ihm jetzt öfter weh, merkwürdige Träume sah er und einen Gedanken konnte er nicht loswerden. Der Geist von Slytherin existierte noch, und Harry hatte keinen Zweifel daran. Was konnte aber Voldemort dafür, wenn er konnte etwas? Und hatte Snape das geahnt? Harry wälzte sich die ganze Nacht herum und sah am Morgen furchtbar aus. Ginny unterstützte ihn, wie sie konnte, aber er verstand, dass sie an das alles nicht glauben wollte. Aber sie wollte helfen, und das war schon etwas.

Harry versuchte mehrmals, mit Malfoy zu sprechen, der vermied ihn aber beharrlich, und seine Mutter sagte auch nichts. Sie behauptete aber ganz sicher, dass er nirgendswohin ausging und fast immer las. Das war schon etwas Außergewöhnliches, Harry beschloss aber, sich nicht in die Familienangelegenheiten immer so rücksichtslos einzumischen.

Eines Tages traf er Malfoy nach dem Quidditschspiel. Der kehrte aus irgendwelchem Ort zurück, müde und böse, und seine Mutter war nicht dabei. Harry holte ihn rasch ein und sperrte ihm den Weg ab. Malfoy zog sich zurück, blickte auf Harry zornig und versuchte auszuweichen.

Verschwinde, Potter, oder kriegst du was!

Nanu? – wunderte sich Harry. Er hob den Besen höher. – Siehst du das? Ich brauche sogar keinen Stab. Und wenn ich ehrlich bin, gibt´s ein Gespräch.

Wirklich? – Malfoy sah ihm nicht in die Augen.

Ja, und ich meine, die Sache ist damit verbunden, wohin du jetzt gegangen bist, hab ich recht?

Ja und nein, - Malfoy zuckte wieder zur Seite, Harry stand aber von seiner Absicht nicht ab.

Was hast du ihm über mich erzählt? Du weißt bloß nichts!

Wirklich nichts, Potter? – Draco schmunzelte spöttisch. – Ich habe vieles gehört, während deine Clique hier war. Über den Verwünschten Berg, über die letzte Zuflucht von Slytherin usw. Ich werde es nicht verbergen, ihm würde die Informationen sehr interessant vorkommen. Aber ich bin gar nicht so dumm. Man soll das Versprechen halten, nicht wahr? Und auch möglichst helfen, wenn etwas in deiner Macht ist, wenn du ein hochstehender Beamter bist. Meine Mutter hat umsonst gebeten, ich habe auch einen Versuch gemacht. Gehe nicht wieder hin.

Wenn du Holder gebeten hast, war das von Anfang an umsonst, - schüttelte Harry den Kopf, fügte aber nichts zum Thema hinzu. – Es wäre also er, der dich beauftragt hat, mich zu verfolgen?

Nicht er persönlich, selbstverständlich, - Draco sah seinen linken Schuh an, - aber jemand von diesen, die mit ihm sind. Ich kann vieles erzählen, Potter, aber man wird mir nicht glauben. Oder wird, sagt aber „Na und?" So ist es jetzt in unserer verdammten Gemeinschaft! – er spuckte zur Erde.

Diese – wer sind sie?

Schwachköpfig, Potter, wie immer. ´st du überhaupt nichts gehört? Über die ganzen Kolonien von Vampiren, die mit ihm Geschäfte machen. Und er hat ein großes Geschäft vor, danach riecht es jedenfalls. Er hat ihnen viele einträgliche Dinge versprochen, so habe ich aus ihren Gesprächen verstanden, natürlich wissen sie darüber nicht, dass ich lauschte, sonst..., - er fuhr sich über den Hals.

Das ist gesetzwidrig, wie? – fragte Harry. – Und wenn man es beweist?

Na, und was weiter? Ich trete als Zeuge keinesfalls auf. Aber er hat mir meine Bitte und die Bitte meiner Mutter abgesagt, dafür muss man zahlen, - Malfoys Augen flammten für eine Sekunde auf. – Du kannst mir glauben, dass du Glück gehabt hast: wenn er mir nicht abgesagt hätte...

Ja, ja, - sagte Harry spöttisch, - du hättest mich verraten.

Meinst du nicht? – fragte Malfoy rasch.

Erpresse mich lieber nicht, Malfoy, - fauchte Harry. – Wozu versuchst du dein ganzes Leben zu beweisen, was für ein gefährlicher Mensch du bist?

Dass du mir und meiner Mutter geholfen hast, danke, - sagte Malfoy leise, aber hart, - lass aber die Seele in Ruhe!

Er stieß Harry beiseite und ging ins Schloss. Harry rief ihm nach:

Für einen Moment schien es mir, du möchtest dich uns anschließen.

Leck mich am Ärmel, Potter! – rief Malfoy zurück; er ging krumm, und sein Gang war nicht fest.

Das Gespräch gab Harry vieles zum Nachdenken. Das, was Malfoy gesagt hatte, war schon ein richtiger Beweis in seinen Augen, obwohl er auch wusste, dass das Hermine nicht überzeugen wird. Er konnte aber Ron überzeugen, dann stimmt Hermine bloß aus Prinzip nicht zu. Ginny wurde aber lebhaft bei der Nachricht.

Papa versuchte die Gerüchte zu recherchieren, - flüsterte sie Harry zu, als sie am Esstisch saßen. – Ich meine, Holders Verbindung mit Vampiren. Und da gab es auch eine Ermittlung unter den Werwölfen! Vampire und Werwölfe hassen einander und verraten die Geheimnisse mit Vergnügen. So bekam man die Information über die großen Blutlieferungen von jemand aus dem Ministerium. Mit Holder konnte man das zuverlässig nicht verbinden. Auch sonstige Informationen ließen sich nicht prüfen...

Warte mal, nicht hier, - flüsterte Harry zurück. Malfoy kam schnell vorbei und setzte sich nicht weit von ihnen.

Dann gehen wir, - sie gab ein vereinbartes Zeichen, was „Bibliothek" bedeutete. Harry nickte, und sie beendeten ihr Frühstück schweigend.

Also, - sagte Harry, als sie sich in der Bibliothek gefunden haben, - was hat dein Vater noch gesagt?

Vieles, aber es ist nicht besonders wert. Es gibt die Sache mit den Vampiren, die keine Einzelgänger sind, sondern in Gruppen arbeiten. Diese sind am gefährlichsten. Und manche von ihnen unterwerfen sich vermutlich Holder. Sie bewachen ihn auch, aber die Auroren wissen darüber nicht.

Und das wären sie, mit wem Malfoy was zu tun hat! – sagte Harry plötzlich überzeugt.

Kann sein, - Ginny zuckte die Achseln. – Ich beneide Malfoy gar nicht, wenn er mit ihnen was zu tun hat. Sie haben ja gar keine blasse Ahnung von Ehre oder Verbindlichkeiten. Besonders prinzipienlos ist Karlos, – vielleicht ist das nur ein Spitzname - ein sehr gefährlicher Typ.

Gefährlicher, als Holder kann er doch nicht sein, - erwiderte Harry. – Ich habe gehört, dass Vampire über keine magischen Kräfte verfügen.

Richtig, aber sie können das, was wir nicht können. Weißt du, wie sie sich bewegen? Sie können es ganz normal tun oder... springen wie ein Känguruh zwanzig und mehr Meter weit oder hoch, wie sie wollen. Und sie sind sehr stark, viel stärker als ein Zauberer sein kann. Sie beherrschen Gefechtskünste und werfen alle Art Messer sehr gut. Manchmal sind auch mit Balestern bewaffnet... Nein, Harry, das kann eine sehr ernste Armee sein, wenn jemand versucht, sie zu vereinigen.

Ginny, aber das ist schon was! Ich konnte nicht verstehen, wozu Holder sie braucht. Kann das sein, dass er darüber bewusst ist, wohin er geht und was er dort finden kann, welche Gefahren?

Wo, Harry?

In den Grünen Mooren, meine ich, - sagte Harry und verstummte. Der Gedanke fiel ihm schon seit einigen Tagen ein, er wusste intuitiv, dass er auf dem richtigen Weg war, er wusste aber auch, dass man ihn in dieser Theorie kaum unterstützt wird. Wie er es erwartete, reagierte Ginny darauf ganz passiv.

Wozu denn, Harry? Er ist gar nicht so dumm, um an alle diese Schätze zu glauben!

Ich weiß nicht, wozu, aber... Ginny, sag mal, warum denkst du, dass es keine Schätze in Wirklichkeit gibt? Sollte Slytherin doch einen Köder hinterlassen?

Für wen doch und wozu? Inferi hatte er sowieso genug, wenn die Legenden überhaupt nicht lügen? Das ist unlogisch, Harry, siehst du?

Ja, ich sehe. Aber kann das sein, dass er noch etwas weiß, was wir noch nicht aufgefunden haben?

Natürlich kann. Aber ich stelle es mir einfach nicht vor, ich meine, unsere Rolle in dieser Sache!

Ich auch, Ginny, - seufzte Harry auf. – Ich möchte so schnell wie möglich mit dem Professor sprechen.

Bist du ganz sicher, dass er dir alles sofort erklärt?

Nein, ich bin überhaupt nicht sicher, und ich weiß nicht, wie ich ihm helfen kann, aber ich muss einfach was unternehmen, verstehst du das?

Ja, Liebling, - Ginny strich ihm übers Haar. Sie hatte eine besondere Begabung: mit den Händen und mit der Stimme zu beruhigen. Harry fühlte sich gleich mehr oder weniger sicher und spürte irgendwelche Erleichterung, dass sie bei ihm war.

Die Tage verliefen nicht besonders interessant. In allen Büchern gab es irgendwelche verschwommenen Andeutungen, die auf einen heimlichen Spruch oder so etwas hinwiesen. Dazu gab es etwas in einer unbekannten Sprache. Harry schrieb einige Zeilen ab und sendete sie mit Eulenpost an Hermine. Die Antwort kam fast sofort zurück, sie hatte Harry sehr enttäuscht. Hermine schrieb, dass diese Zeichen keiner Rune und keinem Runenbrief ähnlich waren, das bedeutete also, dass sie irgendeiner uralten Sprache gehörten. Ginny fand diese Zeichen gar nicht bedeutungsvoll, Harry spürte aber etwas seltsames, als er sie ansah, und seine Narbe stach etwas mehr. Übrigens konnte er das nur einbilden.

Der Herbst wurde trüb, und es regnete ununterbrochen. Harry und Ginny gingen fast nicht aus, und die Laune wurde immer schlimmer. Das Brainstorming zermürbte die beiden bei solchem Wetter sehr schnell, und brachte außerdem keinen Nutzen. Endlich war Harry gezwungen, im Oktober in die Schule zurückzukehren. Aber jedes Wochenende verbrachte er in Hogwarts hartnäckig und suchte, suchte nach etwas, was er vielleicht verpasst hatte, auf was er keine Rücksicht genommen hatte, auf etwas... Der 20. Oktober zeichnete sich in der Ferne undeutlich, und Harry fing an, dieses Datum zu befürchten. Er dachte immer an sein letztes Gespräch mit Snape zurück und hatte Angst, dass er etwas missverstanden und darum etwas oder sogar nichts erfüllt hatte. „Quatsch! – sagte er zu sich selbst. – Meinte er wirklich damit, dass ich diesen Unsinn entziffern muss?"

Malfoy kam selten zum Vorschein, seine Mutter auch. Wenn Harry sie sah, fand er, dass es ihr nicht besser ging, er wusste aber immer noch nichts über ihre Krankheit, aber sie tat ihm immer Leid, und dieses Leid war stark und manchmal unerträglich. So war Harry: er wollte alle retten, allen helfen, aber das Leben erwies sich immer stärker und klüger.

Eines Tages traf er Malfoy im Schulhof: der hatte einen Besen, hatte aber anscheinend nicht vor, zu fliegen. Harry betrachtete den Besen genau: das war ein sehr altes Apparat, und auch seine Nummer konnte er nicht sehen, aber Malfoy war es vollkommen egal. Er bemerkte Harry nur als der Kies unter seinen Füßen besonders laut knisterte. Er drehte sich um, wollte etwas sagen, dann änderte aber seine Meinung und schaute die graue Sonne hinter den Wolken an. Harry bewegte sich nicht. Endlich hörte er Malfoys Stimme, träumerisch und bewusst:

Wenn ich die Erlaubnis von der Mutter bekommen hätte, wäre ich schon dort gewesen... im Osten, neben den Mooren. Dort gibt es einen Eingang, ganz bestimmt, und ich könnte ihn finden, viel schneller als jemand.

Das ist schon was Neues! – sagte Harry mit zitternder Stimme. – Du prahlst schon wieder, Draco! Und wieder erfolglos. Was ist dir nur eingefallen?

Du weißt, was, - war die Antwort.

Wozu tust du das? Was willst du damit beweisen? – Harry konnte sich nicht mehr beherrschen. – Dass du besser als alle bist?

Nur dass ich besser als dieser Hund bin! Und die Informationen von dir und deiner Freundin haben mir sehr geholfen.

Hast du gelauscht?

Ihr habt euch doch nicht so sehr verborgen, - Malfoy lächelte triumphierend. – Und jetzt könnt ihr mich nicht stören, wenn ich das will...

Aber du hast jetzt was über deine Mutter gesagt! Schön, dass du Bescheid weiß, aber sie...

Kann mich auch gehen lassen, sie ist doch jetzt ganz anders. Aber du hast recht, ich tue es nicht bald.

Warum sagst du mir das? – fragte Harry erstaunt, obwohl er schon die Antwort vermutete.

Damit du darüber nachdenkst und sich Sorgen machst! – schmunzelte Malfoy, aber nicht ganz ehrlich. Dann maß er Harry mit seinem Firmenblick in der Art von Mr. Geheimnisvoller und ging weg.

Harry unterdrückte den Wunsch in ein Gelächter auszubrechen. Der Zorn ließ nach, als er einsah, dass Malfoy lächerlich war; ja, er war lächerlich, aber etwas hatte Harry berührt, und er stand dort lange und beobachtete dunkle Gewitterwolken am Horizont, die sich Hogwarts schnell näherten.

Er ging in die Bibliothek und bemerkte schon im Korridor, dass er alle die Leuchten gelöscht hatte. Sonst war es zu dunkel nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Gehen. Er tastete nach seinem Stab, fand, dass er ihn im Schlafzimmer hinterlassen hatte, und fluchte. Er war in Sicherheit, aber... Harry wusste, dass er ihn wegen Quidditsch nicht mitgenommen hatte, doch... er hatte das nie früher getan. Dann erinnerte er sich daran, dass er diesen Morgen vor dem schrecklichen Schmerzen erwacht hatte, das konnte ihn aber in eigenen Augen keineswegs entschuldigen. Dann holte er gestohlen den Elder Wand raus, den er immer bei sich hatte. Er war genauso wie gewöhnlich, ohne Veränderungen. Harry fluchte noch einmal, richtete ihn in die Türöffnung hinein und sagte: „Lumos!"

Das Licht kam aus dem Stab heraus, es beleuchtete aber nicht, sondern zerstreute es sich in der Luft und hielt an der Nordwand der Bibliothek an. Zuerst begriff Harry nichts, dann rief er auf und rannte zur Wand. Dünne Linien verflochten sich merkwürdigerweise und stellten etwas Vollendetes und... Deutliches dar. Harry machte ein paar Schritte zurück und sah die Zeichnung aufmerksam an. Das war doch keine Zeichnung...

„'ne Karte, - dachte Harry überrascht und schüttelte mit dem Kopf. – Ja, Professor Snape... Sie haben die richtige Person gewählt!"

Kapitel 8. Nach 20. Oktober.

Tertium non datur"

(allen bekanntes Sprichwort)

Wie verzaubert starrte Harry diese Karte an: eine Landkarte konnte man sie kaum nennen, aber der altmodische Stil der Zeichnung lockte an. Die goldenen Linien beschrieben nicht nur die Landschaft selbst, sondern auch das, was diese Landschaft enthielt. Die endlosen Sümpfe waren dort deutlich zu sehen, und auch der Berg. Harry sah sich aber den Wald und besonders kleine Pfade, die die Felsen umgaben und sich irgendwo in den Bergen auflösten. Zahlreiche Zeichen standen auf diesen Pfaden, deren Bedeutung Harry nicht verstehen konnte, aber das kleine Bild einer Schlange in den Sümpfen hat er schnell erkannt. „Sehr scharfsinnig, - murmelte er, - man könnte vermuten, dort gibt es einfach Wasserschlangen". Harry betrachtete die Karte einige Male, verstand, dass er sich an sie jetzt gut erinnerte, und sagte: „Nox". Die Karte verschwand. Harry ging zum Tisch und setzte sich. Es wäre jetzt also gefährlich, den Stab mit zu haben, andererseits wollte er ihn niemandem übergeben. Harry studierte die erloschene Kerze vor ihm mit einem abwesenden Blick. Er konnte nichts Besseres ausdenken, als bis zum 20. Oktober abzuwarten. Obwohl er alles sofort verstehen wollte, musste er diesen Wunsch unterdrücken, außerdem wäre es angebracht, auf Malfoy aufzupassen.

Ginny, Ron und Hermine waren gegen die neue Erfindung misstrauisch, Hermine musste anerkennen, dass alles den Sinn allmählich gewann, aber sie verzichtete daran zu glauben und beschäftigte sich meistens mit den Hausaufgaben. Die Sehnsucht nach Abenteuern hatte sich in Ron ganz verstummt, er riet Harry davon ab, große Hoffnungen auf den 20. Oktober zu legen.

Vor einer Woche vor diesem Datum hatte Harry einen offiziellen Brief bekommen. Dort stand die Mitteilung, dass er um acht Uhr abends am 20. Oktober zur östlichen Küste kommen sollte. Dort war ein Ort, der Mewbay hieß, von dort aus ging ein Sonderschiff gerade zum Azkaban, das völlig mit der Wachmannschaft versorgt war. Das alles hat Harry nicht gefallen, aber er war nicht in der Lage, zu wählen oder Bedingungen zu stellen. Er beantwortete den Brief und äußerte sein Einverständnis. Dabei begriff er ganz genau, dass niemand ihn begleiten durfte.

Am 20. Oktober regnete es den ganzen Tag ununterbrochen, es blitzte ab und zu, der Wind schlug wie ein Hammer ins Gesicht. Harry hielt vor den Türen der Aurorschule stand. Ron und Hermine standen bei, Ron war nervös, Hermine sah sich Harrys angespanntes Gesicht an.

Harry, willst du eigentlich gehen? – fragte sie plötzlich unentschlossen, ihre eigene Haare zupfend.

Ich muss gehen, - Harry drehte sich nicht um und sah sich den lila-grauen Horizont an. – Ich weiß es nicht, ich habe so lange gewartet, und jetzt weiß ich nicht. Ich habe ein merkwürdiges Vorgefühl.

Ist das mit heutigem Treffen verbunden? – fragte Hermine wieder.

Bin nicht sicher, - antwortete Harry müde. – Ich finde heute was heraus, das schon, aber... was weiter? Wie kann dieser dumme Versuch helfen?

Jetzt findest du das dumm! – Ron grinste. – Wer hat doch immer versucht, uns anzuspornen?

Ich streite doch nicht, - erwiderte Harry. – Alles, was ich eindeutig sagen kann, ist die Tatsache, dass ich tot müde bin und mit allem Schluss machen will. Will... aber nicht kann.

Heute muss sich doch etwas aufklären.

Vielleicht, - Harry sattelte seinen Besen nachdenklich und hob sich in den Gewitterhimmel.

Er kam zur Küste zu früh (übrigens gab es dort wirklich Möwen), trotzdem wartete schon das Schiff auf ihn. Er wunderte sich darüber nicht, er fühlte sich gar nicht dazu fähig, und sofort kamen ein paar Auroren auf ihn zu. Sie sagten einige nichts bedeutende Phrasen über die Notwendigkeit, seine Sicherheit zu gewährleisten, und dann begleiteten ihn zum Schiff. Es war eisern und dunkel, einem Bunker ähnlich. Harry hatte bald keinen Zweifel, dass das aus der Kriegszeit stammte. Das Schiff war aber ganz zuverlässig für das Schwimmen, seine Borde knarrten leise, als es begann, übers dunkelblaue Wasser zu gleiten. Man ließ Harry nicht, zum Oberdeck zu gehen, und er musste sich mit einer winzigen Kajüte direkt unter dem Heck begnügen. Das Knarren der Ruderdollen lullte ihn ein, er lehnte sich zurück und wandte sich vom Schiffsfenster ab. Er zählte die Minuten – und vielleicht auch die Stunden – nicht, die Zeit blieb stehen, er hatte aber Angst, einzuschlafen.

Die kleine Tür ging auf, und er sah Herrn Holder, der heute genauso elegant und selbstsicher aussah, wie in seinem Kabinett im Ministerium. Er machte eine seltsame Bewegung mit seinem unwandelbaren Spazierstock und setzte sich dann Harry gegenüber. Harry richtete sich auf und bereitete sich zum Schlimmsten. Holder lächelte ihm aber freundlich zu und sagte:

Guten Abend, Mr. Potter. Ich befürchte, dass das alles Sie irgendwie schockiert hat, aber das war notwendig für Ihre Sicherheit, ich muss das noch einmal wiederholen, wenn Sie etwas missverstanden haben.

Alles ist in Ordnung, - antwortete Harry ruhig. Er dachte daran, dass er so aussehen musste, als ob er nichts verstünde.

Nun gut. Jetzt nähern wir uns der Festung Azkaban zu, hier gibt es überall Anti-Disapparier-Flüche, also da gibt es nichts zu befürchten. Sie werden dann in eine Kajüte oben heraufgehen, zehn Minuten stehen Ihnen dann zur Verfügung. An der Tür wird man Dienst haben, also alles ist vollkommen sicher.

„Als ob er sich wirklich darum kümmert, dass alles sicher für mich sein soll, - dachte Harry ärgerlich, - will bloß zeigen, dass ich keine Chancen habe, wenn ich etwas Gesetzwidriges unternehmen will!"

Da Holder schwieg und Harry nur aufmerksam anschaute, blickte der letzte gleich ins Fenster: die Wellen stiegen gleichmäßig der Reihe nach, und ihr leises Plätschern wollte einen wahrscheinlich täuschen, Harry spürte aber, dass der Sturm nah war, und das Herz wurde unruhig und fing an schneller zu klopfen.

Nach einigen Minuten verstand Harry, dass sie schon neben dem Azkaban sein mussten, denn es wurde auch im Schiff viel kälter, die Fenster waren plötzlich vereist und endlich kam der riesige Umriss der Festung hinter dem dichten Nebel hervor. Azkaban konnte schon beim ersten Blick Angst suggerieren. Harry konnte seinen Blick von der Festung nicht abwenden, in der Seele wurde es irgendwie leer und wehmütig. Dann sah er ein mittelgroßes Boot, das sich von der steinernen Insel abgetrennt hatte und jetzt sich dem Schiff langsam näherte. Harry strengte sein Sehkraft an, der Regen störte ihn aber daran, etwas noch festzustellen. Holder saß regungslos und betrachtete Harry forschend. Harry wurde auf einmal äußerst nervös, als er verstanden hatte, dass dieser Mensch immer nur ihn angesehen und sich mit nichts anderem beschäftigt hatte. Oder ist das bloß ein Hirngespinst?

Holder war mit dieser Bestürzung ganz befriedigt, er schmunzelte, stand auf und lud Harry mit einer Geste nach oben. In derselben Sekunde stieß sich das Boot am Bord des Schiffes. Harry stieg einen langen Leiter empor und hat unterwegs viele Auroren bemerkt. Das fügte ihm keine Sicherheit zu. Ganz umgekehrt. Holder begleitete ihn bis zur Tür einer kleinen Kajüte nur mit einer Bank und einem Fenster hinter dem Gitter. Harry blieb stehen, und es schien ihm zuerst, dass man ihn eingesperrt hatte. Dann öffnete sich die Tür, und er hörte schwere Schritte hinter sich. Dann erhörte er die bekannte Stimme.

Wenn ich dich hier noch einmal sehe, wirst du es bedauern, dass du zur Welt gekommen bist!

Die kalte Wut, die Harry deutlich wahrgenommen hatte, verblüffte ihn. Er riss seinen Blick vom verrosteten Gitter los und drehte sich zu seinem Lehrer um. Er sah einen Mann mit einem sehr dünnen und fast grauem Gesicht, mit schwarzen Augen, die jetzt entzündet waren, als ob er überhaupt nicht schliefe, mit den langen schwarzen Haaren, die verwickelt und schmutzig waren, seine ganze Gestalt wirkte abgezehrt und angespannt. Er trug einen Anzug für Häftlinge, und dieser Umstand hat Harry am meisten getroffen. Er konnte seinen Augen nicht trauen. Snape war mit dieser Reaktion unzufrieden, überhaupt war er sehr irritiert aus irgendeinem Grund, den Harry nicht begreifen konnte. Aber er musste doch verstehen, dass es für Harry sehr wichtig war, hierher zu kommen und alles aufzuklären.

Sir, ich habe alles erfüllt, aber ich verstehe nicht ganz, was ich weiter machen soll, wenn Sie es kurz erklären könnten..., - sprach Harry hastig und undeutlich.

Was gibt's hier noch zu erklären? – Snape senkte seine Stimme so, dass Harry lauschen musste. – Bist verrückt geworden, Potter! Mach, dass du fortkommst und nie wieder! Bist nicht so dumm, um nichts zu verstehen! Hast du mich nicht gehört?

Doch, - flüsterte Harry zurück, - aber was soll das alles bedeuten? Was gibt es dort, in den Mooren, was so gefährlich ist? Ist doch die Legende...

Es ist schon längst Zeit für dich gekommen, Potter, zu unterscheiden, wo die Legende liegen kann und wo nicht!

Dazu hat es aber gar nicht so Zeichen gegeben!

Wirklich? Habe ich etwa keine Andeutungen hinterlassen?

Ja, die Sache mit der Karte hab...

Snape sprang zu ihm und brachte ihn ziemlich grob zum Schweigen. Dabei bemerkte Harry viele zugeheilte Brandwunden und Narben auf seinen Handgelenken, und die Worte blieben ihm in der Kehle stecken. Snape bohrte ihn zuerst mit einem rasenden Blick, dann sah aber das Entsetzen in seinen Augen und versuchte zu grinsen. Nur eine Grimasse hat geklappt.

Nichts Besonderes. Hör zu: halte dich so weit wie möglich von hier, du kannst nicht helfen.

Aber...

UNTERBRICH MICH NICHT! Jedes Wort, das du von mir bekommst, kann uns beiden schaden, kapierst? Jetzt gehst du weg und kümmerst dich nur darum, dass niemand erfährt, was dir bekannt ist, und mehr, als dir bekannt ist! Gegen alle deine Versuche wird man hier taub sein!

Plötzlich besann Harry, dass diese Worte in seinem Kopf klangen und Snape schwieg. Nur die Augen flammten mit Schmerzen ab und zu auf.

„Sie sind doch unschuldig, Sir! – dachte er aus allen Kräften. – Sie haben sie gestohlen, aber nicht um reich zu werden! Es gibt doch eine größere Gefahr!"

„Doch, ich bin schuldig, Potter, und der Diebstahl ist hier überhaupt nichts!"

Harry starrte ihn an. Das ist doch unbegreiflich! Er konnte Snape verstehen, aber er fühlte sich gar nicht dazu fähig, mit der Aufgabe allein fertig zu werden.

„Lassen Sie uns nicht!" – dachte er verzweifelt.

„Du kannst aber nicht ewig mit jemands Hilfe handeln. Man konnte eigentlich ahnen, dass alles sich damit endet. Das Ende wäre jetzt das Gewünschste".

„Quatsch! Sie werden auch mich überleben, Professor! Es ist noch nicht das Ende! Es ist noch nicht alles!"

Snape ließ ihn los und ging langsam zur Tür. Jeder Schritt fiel ihm schwer. Die Tür öffnete sich rasch, und zwei Auroren führten ihn weg. Harry stand für eine Weile dort und seine Verzweiflung wurde immer größer. Das alles war also keine Legende. Und Holder wusste darüber und glaubte daran nicht! Das war sehr wahrscheinlich, aber was machte das für Harry und seine Freunde aus? Ganz und gar nichts! Harry stellte sich Hermines Reaktion und hätte beinahe vor Ausweglosigkeit aufgeheult. Er konnte sich einfach eine Wanderung in die Grünen Moore nicht einbilden. Auch um die Weltkatastrophe zu verhindern. Er rieb seine Narbe unwillkürlich und erstarrte: er hat das wieder verschwiegen. Wenn Snape es wüsste, dann... Was dann? Harry verstand, dass all sein Unternehmen von Anfang an sinnlos war, weil der Meister der Zaubertränke sein Schicksal schon ausgewählt hatte. Und wer von ihnen in diesem Fall egoistischer wirkte, war noch eine große Frage.

Er verbrachte den Rest des Rückwegs schweigend, mit Emotionen überfüllt. Holder sagte ihm etwas an der Küste, Harry konnte sich aber an seine Worte gar nicht erinnern. Er war nur darauf konzentriert, sich zu beherrschen und diesen Menschen nicht zu verfluchen. Harrys Hand lag immer unwillig auf dem Stab. Er spürte Hass, Verzweiflung, Ärger, Mitleid und auch andere schon gemischte Gefühle und begriff gleichzeitig seine Machtlosigkeit, etwas zu verändern.

Ron und Hermine warteten auf ihn auf der Straße. Hermine biss sich an den Lippen und blickte den Himmel und die Gewitterwolken angespannt an. Als sie Harry einsah, sprang sie hoch und packte Ron am Arm. Ron nickte erleichtert und schwang mit der Hand. Harry schwang zurück. Er landete und ging ihnen entgegen. Hermine sah ihm ins Gesicht und wurde erschrocken.

Harry, was? Siehst ganz verstört aus!

Wirklich? – fragte Harry in schwacher Stimme.

Komm! Du sollst etwas Heißeres trinken! – sagte Hermine kategorisch und stieß ihn zur Tür an. Ron sagte nichts, aber sein Blick deutete darauf, dass er mit Hermine solidarisch war.

Ich will nicht trinken, - erwiderte Harry, und das war die reine Wahrheit, aber diese Erklärung machte keinen Eindruck auf Hermine. Sie zog ihn hinter sich ins Schulgebäude und dort, in der Kantine, stopfte ihn sorgfältig mit allerlei Trinken und Essen.

Harry fügte sich darin zu. Er war aber das ganze Abendessen still, und die Unruhe seiner Freunde wurde groß. Er gab ihnen ein Zeichen, dass er ihnen alles später mitteilen wird und die beiden fingen wenigstens an, miteinander zu sprechen.

Das Gewitter hatte sich gegen Morgen verstärkt. Hermine saß im Gemeinschaftsraum mit einem Buch wie üblich, las aber nicht. Sie ließ kein Auge von Harry, der vergeblich versuchte, etwas mit seinen Hausaufgaben anzufangen. Endlich legte sie ihr Buch beiseite und gab Ron ein Zeichen. Gemeinsam setzten sie sich an denselben Tisch und starrten Harry an. Zu dieser Zeit war er schon bereit, alles zu erzählen, weil er es schon nicht mehr aushalten konnte, zu schweigen. Zum Glück waren sie im Raum ganz allein.

Wie er es erwartete, meinte Hermine, er wäre alles Quatsch. Aber zu seinem Erstaunen eilte Ron nicht damit, sie zu unterstützen. Er sagte unsicher, dass die Sache mit den Heiligtümern des Todes auch zuerst unwahrscheinlich vorgekommen hatte. Deshalb folgte es daraus gar nicht, dass die Grünen Moore keine Gefahr darstellten. Hermines skeptischer Ausdruck wich dem Zorn. Sie sagte etwas mit zitternder Stimme. Harry hörte ihr nicht zu: er richtete seinen Blick aufs Feuer im Kamin und dachte nach. Er konnte sie ganz gut verstehen. Auch wenn er das alles jemandem aus der ehemaligen DA erzählen würde, würde niemand das ernst nehmen. Es ginge schließlich um Snapes Worte...

Hörst du mir zu, Harry? – fragte Hermine irritiert.

Nein, entschuldige, du hörst mir aber die letzten sechs Wochen auch nicht zu, na und? – Ron pfiff missbilligend, Hermine wurde stumm, Harry stand aber auf und verließ das Zimmer. Er bedauerte schon seinen Ausbruch, beschimpfte sich selbst gründlich, es wurde ihm aber nicht leichter.

Sie haben sich trotzdem bald versöhnt. Ron wurde zum Vermittler (und das war schon von selbst ungewöhnlich), deshalb ging die Sache schneller. Außerdem war Hermine gar nicht zu einem Streit gelaunt. Sie erwiderte nur, dass sie auf solche Weise zu nichts kommen werden. Harry schwieg zurück: er hielt sich an seine Meinung und glaubte, Hermine wäre zu leichtsinnig geworden.

Er wartete aufs Wochenende und auf die Möglichkeit mit Ginny zu sprechen und in der Bibliothek zu sitzen. Obwohl er daran nicht glaubte, dass er etwas Passendes findet, war das schon etwas, und Harry hasste die Untätigkeit am meisten. An jenem Tag war das Wetter so gut, wie es nur Ende Oktober sein konnte. Der Himmel war klar, die Sonne schenkte der Erde ihre letzten warmen Strahlen, um dann entweder für einige Monate zu verschwinden oder sich von Zeit zu Zeit zu zeigen und zu scheinen, kalt und müde, als ob sie dazu gezwungen wäre. Es hatte schon seit drei Tagen nicht geregnet, und auf etwas Besseres konnte man nicht rechnen. Ron hatte Hermine dazu überredet, mit ihm auf dem Besen nach Hogwarts zu fliegen, und jetzt kreischte sie wie verbrüht und klammte sich an ihm mit Händen und Füßen fest. Harry, der diese Szene ein wenig beobachtet hatte und dann hinter den nicht zahlreichen weißen Wolken verschwunden war, wurde etwas lustiger. Er atmete zufrieden auf und erreichte hohe Geschwindigkeit nach einer Weile. Er wusste, dass er in ein paar Stunden nach Hogsmeade gelingt und Ginny im „Eberkopf" sieht. Hermine und Ron kommen später zurecht und machen ihm sein Verhalten unbedingt zum Vorwurf. Er kümmerte sich aber gar nicht darum, er wollte nur leben und diese frische und feuchte Seeluft einatmen, bis alles endet. Denn alles endet mit etwas schließlich...

„Eberkopf" war überfüllt. Draußen lag sehr dichter Nebel, und viele dachten, es musste bald zu regnen beginnen. Deshalb beschlossen diese Menschen alle die Kneipen in Hogsmeade zu besessen und nicht nach Hause zu gehen. Da herrschte ein richtiges Durcheinander, und Aberforth bahnte sich einen Weg mit großer Mühe, denn er musste einige Krügel zugleich halten, um alle zu bedienen. Auf der Straße waren nur wenige, dazu gab es auch einen anderen Grund außer dem Nebel: vor kurzem wurde ein neues Bierfest in Hogsmeade eingeführt (ungeachtet zweier anderer Biertage im Sommer und im Frühling), und in jeder Kneipe wurde jetzt genau am 24. Oktober nicht nur Butterbier eingeschenkt. Was wäre denn das für ein Dummkopf, der an solch einem Tag nicht in die Kneipe ginge.

Es war seht heiß, fast stickig, und Harry war sehr erstaunt, als er dort Ginny und die ganze Gesellschaft auffand. Sie strahlte, als sie ihn einsah und umarmte ihn heftig. Neville und Luna winkten ihm mit den Händen. Seamus begrenzte sich mit einem Kopfnicken, Dean Tomas befreite den Platz neben sich. Harry setzte sich und reichte allen die Hand. Fred und George haben schon etwas gesprengt, und fast alle wurden mit buntem Konfetti bedeckt. Die beiden fehlten, und Ginny erklärte, sie wären mit ihren Mädchen beschäftigt. Was „beschäftigt" in diesem Fall bedeutete, blieb ein Rätsel für Harry, weil Neville begann, ihm etwas eifrig zu sprechen, und er abgelenkt hat.

Nach ein paar Minuten stellte er fest, dass Luna sich langweilte, und hätte Ginny vorgeschlagen, sie und Neville zu zweit zu lassen, Ginny flüsterte ihm aber ins Ohr, dass Luna es mit ihm Schluß machen möchte. Harry machte runde Augen. Ginny zog ihn wortlos weg vom Tisch, dabei hat sie Luna zugeblinzelt, und setzte sich an den Schanktisch. Dann senkte sie die Stimme und teilte Harry mit, dass obwohl Neville ein richtiger Held war, war er den richtigen Beziehungen noch nicht gewachsen, was Luna natürlich nicht recht war. Harry fuhr fort, sich darüber zu wundern. Seiner Meinung nach war Luna keineswegs ein vollkommen erwachsener Mensch, der „den richtigen Beziehungen" gewachsen war. Was ist das eigentlich – „richtige Beziehungen"? Er sah Ginny unruhig an. Ob sie es ihm erklärte, damit er denselben Fehler nicht beging oder... Ginny brach in ein lautes Gelächter aus, als sie seinen Blick bemerkte. Sie lachte überhaupt gern, und jedes Mal wirkte es auf Harry beruhigend. Auch in diesem Moment verstand er, dass er sich entspannen konnte. Ginny ging noch Bier für sich und für ihn bestellen, und Harry betrachtete den Raum, denn er hatte nichts mehr zu tun.

Die Leute sprachen miteinander, scherzten und lachten, aber das alles langte ihn nicht an. Er mochte so was immer nicht und wünschte jetzt sehr, dass Ron und Hermine kamen und sie vier spazieren gingen. Rechts saß eine ganze Gruppe von lustigen Kerlen und links nur ein Junge mit sechs Krügeln um ihn herum. Harry sah ihn von der Seite erstaunt an und erkannte Malfoy. Die erste Frage war: woher der Geld dazu beschafft hatte. Die zweite: warum hatte das seine Mutter zugelassen. Es konnte einfach nicht so sein, dass ihr geliebter Sohn ihr vollkommen egal wurde! Harry drehte sich um: Ginny wartete auf Aberforth und lächelte ihm ruhig zu, die DA spinnte vielleicht Witze, weil die Mitglieder oft in ein donnerndes Gelächter ausbrachen. Harry zuckte die Achseln und rückte Malfoy heran. Der bemerkte ihn nicht gleich, weil Harry nicht wusste, was er eigentlich sagen wollte. Draco war noch nicht betrunken, seine Bewegungen und Sprache wurden aber schon langsam. Er freute sich nicht besonders über solch eine Gesellschaft, erwiderte aber auch nichts. Er sah nur das Krügel in seiner Hand an und wartete ab. Bei solcher Ausgangslage musste Harry etwas schnell entscheiden.

Wie geht's? – fragte er stumpfsinnig. – Bist du hier allein?

Wie du es sehen kannst, - antwortete Malfoy gedämpft. – Hast erwartet, ich bin mit einer großen Band hier? Die sind da... drüben... ich dachte, du solltest dich ihnen angeschlossen haben.

Wie meinst du das?

Na, die sind doch deine Freunde, wenn ich mich nicht irre.

Das bedeutet eigentlich nicht, dass ich mit dir nicht sprechen darf, - antwortete Harry erstaunt.

Wirklich? – Malfoy lächelte unangenehm und schwieg.

Kann nicht verstehen, bist du darauf neidisch? – erkundigte Harry sich.

Worauf? – fragte Malfoy scharf und stellte das siebte Krügel auf den Tisch kräftig.

Dass du dich ihnen nicht anschließen kannst.

Was hast du gesagt?

Lass das, Draco, - erwiderte Harry müde. – Lass das alles, ich bin jetzt so gelaunt, dass ich dir alle die Wahrheit frei aussagen kann, alles, was ich denke.

Los! – Malfoy sah ihn nicht an, aber seine Stimme wurde boshaft.

Ich denke, dass du mich von Anfang an beneidet hast. Immer. Alles, was mich anging, sollte auch dich angehen. Du hast aber nie daran gedacht, ob ich das selbst wollte oder nicht. Wenn du etwas nicht schaffen konntest, wurdest du irritiert... Ich würde es so beschreiben: du hast dich selbst nicht gesucht, nach nichts gestrebt. Und jetzt willst du auch nichts außer Einsamkeit annehmen. Einerseits kann ich das verstehen, andererseits... ich glaube, ich hätte sterben können, wenn ich in solch einem Zustand lange geweilt hätte... entscheide doch selbst, wie du leben willst.

Da er keine Antwort bekam, stand Harry auf und ging weg. Er wollte atmen. Er schob Ginny, die ihm entgegen lief und auszufragen begann, zur Seite und öffnete die Eingangstür. Die Luft war nicht mehr frisch, sondern genauso stickig, wie in der Kneipe. Kein Mensch war auf der Straße. Der Nebel war so dicht, dass auch Hogwarts war kaum zu sehen. Harry schloss die Tür hinter sich und versuchte, sich zu beruhigen. Dann kamen wie üblich Gewissensbisse. Er wusste, dass er wirklich die Wahrheit gesagt hatte, dass er damit nicht einfach kränken, sondern etwas beweisen wollte, hat er aber etwas erreicht? Das konnte er nicht bestimmen, besonders weil er selbst davongelaufen war. Er fluchte. Er fühlte sich wieder verwickelt. Eines war klar: er sollte aufmerksamer sein. In allen Fällen, wenn das überhaupt möglich war, aber er sollte sich dazu Mühe geben. Ein undeutliches Vorgefühl stieg im Inneren, und er drehte sich ängstlich um. Die Gefahr schien sich in allen Seitengassen verborgen zu haben, die Bäume flüsterten etwas einander, und die Straße versank langsam in Halbdunkel. Nach einigen Minuten kamen die ersten Tropfen vom Regen.

Harry maßte die Straße mit Schritten und wartete ungeduldig auf Ron und Hermine. Sie sollten längst angekommen sein. Er wollte nicht daran denken, dass etwas passieren konnte. Das Wetter war klar, ein plötzliches Gewitter konnte man kaum vermuten, außerdem konnte Hermine Flüge nicht leiden, so konnte Ron sich nirgendswo aufhalten. Ob sie dann für ihn suchten? Und wieder fühlte Harry sich schuldig. Wie konnte er noch darüber urteilen, ob Neville und Luna erwachsen sind oder nicht? Solch ein Kind wie er selbst hatte er nie gekannt! Außer einem, wahrscheinlich... Harry lächelte bei diesem Gedanken und beschloss, dass keine Kraft ihn zwingen kann, das diesem „Kind" gerade zu sagen.

Da spürte er, dass er nicht mehr allein war. Er drehte sich um. Der Regen war schon ziemlich stark, und hinter den kalten Wasserstrahlen bildete sich plötzlich eine dunkle Figur. Harry griff instinktiv nach dem Zauberstab. Die Figur bewegte sich nicht. Sie war riesig und trug einen langen Mantel, nicht den Umhang. In Hogsmeade kann man solch einem Wunder sehr selten begegnen, das machte Harry also noch mehr gespannt. Unerwartet machte die Figur einen ungeheuren Sprung und landete dicht neben ihm, nicht mehr als zwanzig Meter überwältigt zu haben. Harry hörte jemand nach ihm rufen, sah dann einen sehr hohen und kräftigen Mann vor sich, der kahlköpfig war und schwarze Brille trug. Außerdem hatte er so etwas wie ein Panzerhemd an, das ein wenig leuchtete. Ohne lange nachgedacht zu haben, schleuderte Harry mit einem Betäubungsspruch los. Er war schon darin sehr gut trainiert, aber der Spruch hat dem Unbekannten gar nicht geschadet. Er streckte rasch die Hand im ledernen Handschuh und Harry fühlte, dass etwas Scharfes sich in seinen Hals hineingebohrt hat. Danach war alles verschwommen.

Kapitel 9. Wieder allein.

Omnia praeclara – rara"

(Cicero)

Die roten und grünen Funken in den Augen verschwanden, und Harry eine dunkle Wand vor sich. Er zwinkerte einige Male. Von oben herab fiel scharfes, grelles Licht, das von der einzigen im Zimmer elektrischen Lampe ausging. In der nächsten Sekunde besann er, dass er zu einem alten und wackeligen Stuhl angebunden wurde. Er versuchte zu verstehen, ob sein Zauberstab bei ihm wäre, spürte ihn aber in seiner rechten Tasche der Jeans nicht. Harry schloß die Augen und versuchte die Panik zu mildern. Bis die Lage sich aufklärt, hatte er noch Zeit, den ersten Plan der Rettung auszuarbeiten. Er prüfte die Knoten auf den Händen vorsichtig: sie waren sehr fest. Als er diese Bewegung wiederholte, ertönte eine heisere, bedrohliche Stimme aus der Ecke hinter ihm.

An deiner Stelle täte ich das nicht.

Wer sind Sie? Und wo bin ich? – die Stimme gehorchte Harry nicht und zitterte verräterisch.

Ist gar nicht wichtig für dich. Niemand weiß, wo du bist. Und natürlich fällt es kaum jemand ein, wo dieser Ort sich befinden kann. Wir können es gut: unsere eigenen Geheimnisse bewahren.

Wer ist das – „wir"? – Harry gewann die Ruhe allmählich wieder. Die Tatsache, dass er seinen Gesprächspartner nicht sehen konnte, machte ihn richtig nervös.

Bald verstehst du alles. Niemand will dir etwas antun, das sollst du dir aber vor allem aneignen.

Nanu? Wozu denn all dieses Schauspiel? – Harry unterdrückte das Zittern in der Stimme endgültig, aber das Herz klopfte, wie bei einem gefangenen Spatzen.

Der Unbekannte schwieg. Es roch nach Rauch. Er musste in diesem Moment rauchen. Wie dem auch sei, machte das einen bestimmten Eindruck. Harry wartete ab. Dann hörte er plötzlich den Unbekannten aufstehen, und da erschien der genau vor ihm und verdeckte mit sich den ganzen Raum, der zu sehen war. Harry prallte zurück: das war derselbe Mensch, der ihn entführt hatte. Harry war überrascht, als er begriff, wie der sich überhaupt bewegen musste, wenn er mit einem Ruck solche Entfernungen überwinden konnte. Der Mensch (wenn er nur ein Mensch wäre) schmunzelte unangenehm und nahm die Zigarette vom Mund weg. Der Rauch stieg zur Decke, bildete eine Wolke über der weißen Lampe und löste sich langsam auf. Der Unbekannte bügte sich zu Harry und zeigte seine Zähne. Die Schneidezähne waren groß und scharf, wie bie einem Wolf oder...

Gut, dass wir einander verstanden haben, - sagte er befriedigt, als er Harrys Gesichtsausdruck bemerkte: - Wenn wir zum Ding gleich übergehen, geht alles schneller und sicherer für dich!

Zu welchem Ding? – fragte Harry. In seinem Mund war es trocken.

Das geht nicht, - der Vampir näherte sein Gesicht zu Harrys und fragte deutlich, jeden Buchstaben unterstreichend: - Wo ist die Karte?

Was?

Du hast mich gehört.

Aber ich verstehe doch nichts. Worum geht es?

Um einen sehr wertvollen Ding, Mr. Potter. Ich habe nicht vor, Umstände zu machen. Du hast Angst, und du tust es richtig. Wenn es nicht so wertvoll wäre, hätte ich dich nicht beunruhigt, nicht wahr?

Ich verstehe Sie aber immer noch nicht, - antwortete Harry sehr höflich. – Habe keine bloße Ahnung von irgendwelcher Karte! Ich interessiere mich nicht für Karten.

Das geht nicht, - wiederholte der Vampir nachdenklich und ruhig, und Harry fing seinen Blick auf. Seine Augen brannten, aber sehr merkwürdig: so brennt nicht das Feuer selbst, aber nur sozusagen ein Abbild des Feuers in einem schmutzigen und stäubigen Spiegel.

Harry wartete, was danach kommt, und rechnete verschiedene Variante im Kopf ab. Es war für Vampire nicht erlaubt, Zauberstäbe zu haben, also er konnte keinen „Cruciatus" oder so etwas gegen ihn verwenden. Aber Vampire können von einem Zauberer „Veritaserum" bekommen und es frei gebrauchen, warum nicht? Einmal hatte Harry schon dieser Substanz wesentlichen Widerstand geleistet, aber er konnte nicht vermuten, ob er es noch einmal schaffen wird. Die Angst stieg in ihm, als er an verschiedene Instrumente für Folter denken musste. Der Vampir wendete seinen Blick von ihm nicht ab. Da nahm er etwas aus der Tasche heraus und zeigte es Harry. Das war ein sehr seltsames Instrument, einer Zange und einem kleinen Stahlklöppel gleichzeitig ähnlich. Harry empfand plötzlich Ekel. Der Vampir machte eine schnelle Bewegung, Harry kam nicht zurecht, etwas zu verstehen, und ein schrecklicher Schmerz hat ihn durchgestochen. Er atmete einige Male auf, und der Schmerz ließ nach, er fühlte aber seine Beine nicht.

„Was war das? Was hat er getan?" – das Gehirn schaltete ab, und Harry stürzte in die Dunkelheit ein.

Er versank in der eigentümlichen Schwäche. Es lärmte in seinem Kopf, und manchmal hallten verschiedene Stimmen bis ihn. Er konnte nicht bestimmen, wieviel Zeit schon vorbei war. Vielleicht auch einige Stunden... das Bewusstsein kehrte unerwartet zurück, grell und scharf, und das erste, was er empfand, war der pulsierende Schmerz in den Beinen und in der Narbe. Er schloß die Augen, dann machte sie wieder auf und führte den Blick zu den Beinen über. Er sah einige Rißwunden, die brannten, wie Kohlen, das Blut rannte hinunter, und die Kräfte verließen die Glieder. Die Narbe brannte aber am stärksten, Harry seufzte laut auf und sofort hörte eine einschmeichelnde Stimme neben seinem linken Ohr, die sich erkundigte:

Ich begrüße Sie herzlich wieder mit uns, Mr. Potter. Ich hatte schon Angst, sie haben diese Welt verlassen. So, so: das Ergebnis ist aber gut, ich hoffe.

Welches Ergebnis? – Harry bewegte die Lippen kaum.

Lassen wir uns endlich frei sprechen. Und ehrlich, was besonders gewünscht ist. Niemand weiß, dass du hier bist, und niemand wird darüber in den nächsten zwei oder drei Tagen wissen. Dieses Gebäude hat einen sehr guten magischen Schutz und mehr als fünfzig Wachleute. Und es ist gar nicht wichtig, dass sie keine Zauberer sind. Ich erzähle dir das alles, damit du dir deine Lage merkst und dich vernünftig benimmst. In zwei Tagen bleibt nichts von dir, du stellst dir nicht einmal vor, was dir bevorsteht.

Er sagte das alles ohne jeglichen Ausdruck, vollkommen ruhig und sicher, nicht so wie Todesser zum Beispiel. Er rauchte wieder eine Zigarette mit einem ekelhaften Geruch. Harry schluckte, drehte aber seinen Kopf zu seinem Quäler nicht. Er sah einfach die Wand an und schwieg. Im Inneren besann er die einfache Wahrheit: er wird von diesem Ort nie rausgehen.

Also, die Nacht wird lang sein, - grinste der Vampir. – ich und meine Freunde haben viele Überraschungen für unseren Gast.

Ich habe aber schon gesagt, dass ich nichts weiß, - sagte Harry. – Was kann ich dann erzählen?

Du hättest dich dann ganz anders benommen, mein Freund, gar nicht so, wie in der letzten Zeit.

Hat man mich ja verfolgt?

Aber selbstverständlich! Die interessanteste - oder fast die interessanteste – Figur in der ganzen magischen Welt. Heute kann man ohne Kontrolle nicht umgehen, wenn man über alles Bescheid wissen will. Also denn, wo ist die Karte?

Ich verstehe Sie wirklich nicht! Warum soll ich dann über irgendwelche Karte wissen?

Weil du der einzige Mensch bist, der über sie theoretisch wissen könnte, - grinste der Vampir wieder.

Harry begriff mit einem Schreck, dass der recht hatte, genau gesagt, Holder. Dieser Holder erriet viele Dinge, wenn er es wollte, dachte Harry verzweifelt. Es wäre aber sehr interessant, herauszufinden, was genau Holder wusste und was er seinen Helfern mitgeteilt hatte. Zum Unglück wusste das Harry nicht und folglich wusste er nicht, was zu tun war. Die Unklarheit machte ihm Angst und störte ihn beim Nachdenken sehr.

Die Tür öffnete sich, und einige Vampire tritten herein. Sie waren schon ein bisschen besoffen, sahen aber Harry sehr interessiert an. Einige von ihnen holten auch, wie ihr Führer, Zigaretten aus und zündeten sie mit Lust an, die anderen begrüßten den Vampir, der Harry gefoltert hatte, faul aber mit Respekt. Sie nannten ihn Karlos und Harry spürte, dass er schon mit Angst überfüllt war. „Das geht nicht, - sagte er zu sich selbst, - du sollst stark sein, was ist los mit dir?" Der Wirrwarr im Kopf wollte keineswegs verschwinden. Verschiedene Vorgefühle peinigten ihn gleichzeitig, und er konnte nicht beschließen, welche von ihnen eine größere Gefahr darstellten. Die Vampire machten nichts, sie standen bloß und warteten auf etwas. Vielleicht dass er unter diesem psychologischen Druck resigniert. Harry überlegte sich kramphaft, ob Karlos ihn einfach hinterging. Er wirkte darin bewandert. Der Vampirenkreis wurde unmerklich enger und enger. Harry schloß die Augen und lauschte. Er hörte nur die schreckliche Stille überall. Niemand kommt zur Hilfe... Niemand...

Später konnte er sich daran nicht erinnern, was genau ihm weiter passiert war. Er wusste nur, dass man ihm gruselig weh tat, dass er stöhnte und schrie, man lachte aber nur zurück. Als er richtig zu sich kam, war niemand da. Die Lampe brannte nicht mehr, da war schon der Aufstand hinter dem Fenster. Er versuchte noch einmal die Knoten, keiner wurde schwächer. Das Gedächtnis verzichtete darauf, die letzten Stunden zurückzurufen, er war aber ihm dafür sehr dankbar. Die trübe Sonne beleuchtete den schmutzigen Raum schwach. Der Aufstand... Er weckte gar keine Hoffnung in Harrys Herzen, er wünschte nur eines: zu sterben, bevor man etwas von ihm rauszieht. Aber der Tod lachte über ihn verächtlich und flog auf seinen schwarzen Flügel weg. Die Stille drückte. Harry möchte wenigstens schlafen, die Nervosität störte ihn aber. „Merkwürdig, - dachte er, - es ist scheinbar schon Zeit, sich zu beruhigen oder sogar abzufinden".

Er wusste, dass es schon gegen sieben Uhr morgens sein musste, und das bedeutete, dass der Unterricht in der Aurorschule in einer Stunde zu beginnen war. Ob es Sonntag oder Montag war, war er selbst nicht ganz sicher. Er stellte sich vor, wie man nach ihm vergeblich suchte, sah Ginnys Gesicht sehr deutlich, nettes, geliebtes Gesicht, dem heiße Tränen hinunterliefen, sah dann Hermine und Ron mit aufgeregten Gesichtern, die immer noch eine wahnsinnige Hoffnung hatten, dass er am Leben wäre. Und dann sah er Snape, genau wie es letztes Mal war, mit einem erlöschten, schmerzhaften Blick, mit den Spuren der Folter auf den Händen, erinnerte sich daran, wie der sich darum kümmerte, dass Harry nach keinen Unannehmlichkeiten für sich suchte, und das Entsetzen überkam ihn. ALLE diese Leute wussten noch nicht über seine Narbe, diese verdammte Narbe, von der er nie Ruhe haben wird! Jetzt hatte Harry einen schreckenden Verdacht, was dieser Schmerz bedeutete. Er stieß sich von diesem Gedanken all diese Zeit mit Händen und Füßen ab – und was nun? Jetzt weiß keiner über die Hauptgefahr, auch dieses Tier – Holder! Harry empfand Abscheu gegen ihn, aber gegen sich selbst – am meisten. Was hatte ihn früher gestört? Stolz, Unsicherheit? Oder mangelnder Wille, wie bei Hermine, anzuerkennen, dass gar nichts vorbei war? Wie konnte er nur sie beurteilen? Harry zuckte mit einem heftigen Ruck, erreichte aber nichts und heulte vor Unvermögen auf. Dann spürte er den schwachen Druck des Elder Stabs unter dem Herzen in einer speziellen Tasche, die Ginny für diesen Stab gemacht hatte. Harry fühlte sich noch hilfloser. Wenn er nur konnte, die Karte jetzt loszuwerden! Er hatte aber nichts außer den Händen, die zusammengebunden waren. Außerdem: was könnte er tun, wenn er auch sich befreit hätte? Er hatte keinen eigenen Stab mehr, und sein Tarnumhang und das Säckchen, das ihm so teuer war, wurden entnommen. Er bemühte sich sehr, daran nicht zu denken, was für ihn alle diese Dinge bedeuteten. Dem Wutausbruch folgte die Verwüstung.

Harry presste die Zähne zusammen und bemerkte plötzlich, dass Karlos wieder da war, diesmal allein.

Wie fühlst du dich? – fragte er.

Wunderschön, - erwiderte Harry, ohne ihn eines Blickes gewürdigt zu haben.

Das ist gut. Und ich habe eine Nachricht für dich. Schön, dass du dich wohl fühlst, sonst... Also, du hast eine gute Möglichkeit.

Wozu?

Die-Kar-te, - sagte Karlos getrennt. Er kauerte neben Harry und sah ihm wartend ins Gesicht. – Wir können uns hier nicht lange amüsieren. So, der Befehl ist gekommen, in einer halben Stunde machen wir uns auf den Weg.

Wohin? – fragte Harry gelassen, aber er erstarrte vor Entsetzen.

Nach Azkaban, natürlich. Es gibt eine Meinung, dass es dann schneller geht. Denke, mein Freund, es bleibt noch Zeit, denke...

Karlos verließ den Raum. Harry sah ihm nach und konnte es einfach nicht fassen, wie alles so blitzschnell passieren konnte. Was war hier zu unternehmen? Vielleicht konnte er versuchen, die Vampire zu betrügen, aber das wäre leicht zu prüfen. Und dann... Harry schauderte. Er konnte das nicht zulassen. Auch wenn es um die Rettung der Welt ginge...

Als Karlos zurückkehrte, sah Harry den Boden an und biss sich auf die Lippen. Dann sagte er in einer farblosen Stimme:

Gut. Ich sage euch... sage...

Das sollte man ahnen, - grinste Karlos. – Und er hat behauptet, dass du nichts wüsstest... Merkwürdig, nicht wahr? – er lachte und ging raus.

Harry konzentrierte sich darauf, was er jetzt machen sollte. Er hatte gar nicht vor, diesen Subjekten den Elder Stab zu übergeben, deshalb musste er sich bloß an die Karte erinnern. Sie war ganz deutlich, aber ziemlich einfach zusammengestellt. Die Ausnahme waren einige besondere Zeichen, die noch nicht entziffert worden waren. Harry beschloß, sie taktvoll gar nicht zu erwähnen... auf jeden Fall.

Die Vampire kamen bald zurück. Sie brachten Holder nicht mit, und Harry entspannte sich. Sein ganzer Körper pulsierte mit Schmerzen, besonders die Narbe, und ein bestimmter Teil seiner Seele wollte mit allem so schnell wie möglich Schluß machen. Harry machte sich sofort Vorwürfe wegen solches Kleinmutes und sah Karlos herausfordernd an.

Also, wo ist die Karte? – fragte der mit einer Drohung.

Alles ist tatsächlich einfach, - erwiderte Harry mit Mühe, - sie existiert nicht mehr.

Das ist eine Lüge, - Karlos zuckte die Achseln. – Bist du sicher, dass du gerade das sagen wolltest?

Ja, das kommt seltsam vor, aber das ist so, - antwortete Harry. – Sie ist vernichtet.

Für eine Sekunde schien Karlos verwirrt, dann sagte er aber gleichgültig.

Nehmen wir an, aber da muss es eine Kopie geben! Potter, zwinge mich lieber nicht.

Aber ich... ich erinnere mich an... sie, - presste Harry hervor und senkte den Blick. Ein straffes Klümpchen blieb ihm im Hals stecken. Es gab keinen Rückweg mehr.

Karlos entfaltete ruhig eine große Papierliste, als ob er so was erwartete, und schnippte, damit noch ein Stuhl gebracht wird. Zwei andere, die ihn mit Angst und Kriecherei anstarrten, verbeugten sich und erfüllten den Befehl in der nächsten zеhn Sekunden. Da Karlos schwieg, beobachtete Harry die Bemühungen seiner Knechten und hoffte darauf, die Zeit zu ziehen. Karlos schien seine Gedanken erraten zu haben. Er zögerte nicht mehr, er verbreitete die Liste auf dem Stuhl vor Harry mit einem Ruck und fragte ihn ernsthaft:

Erkennst du das, Potter? Sieh dir das aufmerksam an und zeichne schnell, was hier fehlt. Alles ist einfach.

„Für dich natürlich!" – dachte Harry mit Bosheit. Das war die Karte, dieselbe, aber viele Details fehlten. Harry dachte, dass Holder sie auch gut kennen musste, er hatte sie aber bestimmt nicht so gut erlernt, wie er, sonst wäre er nicht so nervös wegen dieses Velustes. Harry hat sich die Karte schon tausendmal angesehen und musste mit Bitternis gestehen, dass er sich an alle Einzelheiten ausgezeichnet erinnerte. Er seufzte.

Alles ist einfach! – wiederholte Karlos. – Der Meister hat sie im Kopf im großen und ganzen. Und außerdem sitzt er oben (Harry schluckte). Wenn du etwas spinnst, versteht er das im Augenblick. Du hast einfach keinen anderen Ausweg. Wenn du einen Beweis bekommen willst, dass das kein Bluff ist, kann ich ihn bitten, hierher zu kommen. Aber das wird ihn zweifellos sehr ärgern.

Nicht nötig, - sagte Harry heiser und wandte sich ab. Die Karte stand vor ihm, als ob er sie wirklich in den Händen hielt. Er unterdrückte den Knäuel in der Kehle, der immer schwerer wurde, und drehte sich zur Karte.

Karlos sah so zufrieden aus, wie ein Vampir nur zufrieden aussehen kann.

Sehr gut, - sagte er vertrauensvoll und nickte jemand kurz. Harry fühlte, dass man seine blutigen Handgelenke von den Stricken befreite.

Ich bin kein guter Maler, - sagte er und versuchte, seinen Händen Bewegung zu machen.

Das macht nichts. Wenn du gerade und krumme Linien zeichnen kannst, geht es...

Harry sah sich nach einer Feder oder so ähnlich um. Einer der Vampire zwängte ihm einen Bleistift in die Hand hinein. Die Finger bogen sich schlecht, Harry strengte sie an und begann, zu zeichnen. Von Zeit zu Zeit nahm Karlos die Karte und brachte sie nach oben zu Holder. Harry schwindelte nicht, er verstand, dass Holder seine Bedrohung erfüllen wird, wenn er Verdacht schöpft. Doch hat Harry von Basilisken und von allem für ihn unbekanntem absichtlich nicht erwähnt. Es kostete ihn viel Mühe, Karlos Blick fest auszuhalten und zu behaupten, dass nichts mehr dort stand. Dann wartete er mit stockendem Herzen auf Holders Reaktion. Nachdem Karlos gekommen war und genickt hatte, begriff Harry, dass es ihm gelungen war, Holder zu täuschen. Gelungen?... Harry hasste sich selbst wie noch nie bevor. Außerdem war er nicht sicher, dass er die Situation gerettet hatte. Karlos befahl, ihm die Hände wieder zusammenzubinden, ließ einen Vampir im Raum und gab jemand ein Zeichen. Harry sah den Boden an und lauschte gespannt. Dann verstand er, dass Holder weg war. Wohin? Nach Azkaban oder in die Moore, um die Karte gleich zu prüfen? Ohne nachzudenken? Das war kaum. Dann nach Azkaban? Konnte Harry doch Karlos glauben, dass Holder sich an sein Wort halten wird? Sein Herz krampfte sich zusammen und einige Sekunden lang musste er mit den Tränen kämpfen. Alles... Alles... Er verlor das Bewusstsein zum dritten Mal diese lange Nacht.

Ein unvorstellbares Chaos. Harry dachte zuerst, er wäre im Mittelpunkt einer großen Schlacht. Dann besann er die Wirklichkeit und lauschte. Der Vampir, sein Wächter, lauschte auch, verließ aber seinen Posten nicht. Er fletschte die Zähne, saß aber auf dem Stuhl regungslos. Stimmen, unverständliche Laute, Gerassel, Getrampel und Schreie. Das ganze Gebäude schien in Bewegung gekommen zu sein, wie ein großer Ameisenhaufen. Harry hatte für einen Moment eine verrückte Hoffnung gehabt, dass die Hilfe doch gekommen war, dann zweifelte er daran. Karlos hatte recht: niemand wusste, wo er war... Niemand, außer... (Harry lächelte sogar bei diesem Gedanken) vielleicht wusste Malfoy über diesen Ort. Aber konnte er? Harry wollte lachen, er hielt sich aber rechtzeitig zurück. Der Vampir sah ihn merwürdig an, plötzlich stand er auf und näherte sich Harry zu.

So-so, lächeln wir etwa? – er betrachtete Harry aufmerksam, und Harry wurde schwindlig. – Weißt du, dass du sowieso ein Tote bist?

Ich habe das geahnt, - antwortete Harry vorsichtig.

Und ich bin hungrig und müde, will bloß nicht mehr warten.

Harry zuckte, aber (die Fessel waren nur tiefer in seine verwundeten Handgelenke eingeschnitten), er Vampir griff ihn bei den Schultern und hielt fest. Seine Augen waren gierig und fast wahnsinnig. Harry konnte seinen Blick von diesen schonungslosen Augen nicht abwenden. Der Blutsäuger entblößte krumme Reißzähne, und Harry kniff die Augen zusammen. Ein entsetzliches Krachen, und etwas Schweres fiel auf Harry. Er sah, dass das der Körper seines Wächters war. Dann spürte er, dass seine Hände frei waren. Das Gehirn arbeitete langsam. Harry drehte mit dem Kopf, aber im nächsten Moment stellte man ihn schon auf die Beine.

'st lebendig? – fragte der magere, schwarzhaarige Mann, der neben ihm stand, sehr bekannter Mann...

Sie? Das ist unmöglich! – stotterte Harry und sah wieder den Boden an.

Wie du es sehen kannst, doch, - grinste Snape ohne besondere Heiterkeit und warf ihm den Tarnumhang über die Schulter. – Ist deines?

Was? Aber...

Keine Zeit! Potter, wann wirst du endlich klüger werden? Von hier aus kann man nicht apparieren. Folge mir... schweigend, bitte! Hier ist auch dein Stab und ein Säckchen mit Arzneimitteln, ich glaube...

Hier ist auch Ihr, Sir! Aber wie denn...

Verstecke ihn, Idiot! – fauchte Snape zornig. Harry sah ihn total überrascht an: er hat erst jetzt bemerkt, dass Snape ein langes blutbedecktes Messer in der linken Hand hatte.

Sir, aber...

Komm! – ohne auf ihn zu warten, rannte Snape aus der Kamera heraus, und es blieb Harry nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

Zuerst konnte er nicht verstehen, warum er nicht kämpfen durfte. Aber er hat das sehr bald verstanden. Sie liefen nur einigen Kurven vorbei, als drei Vampire ihnen entgegenliefen. Snape warf sich nach links und stieß Harry nach rechts. Es stellte sich heraus, dass die Gegner Balester hatten. Dann sah Harry, wie schnell sie sich bewegten, und weitere Fragen, warum die Magie hier nicht helfen konnte, waren selbst hinfällig geworden. Sie schienen gleichyeitig in einigen Orten zu sein: auf der Decke, auf dem Boden, links, rechts – überall, so spontan waren ihre Sprünge. Harry geriet in Panik, Snape handelte aber sicher, und es entstand ein Verdacht bei Harry, dass er es mit den Vampiren nicht zum ersten, und sogar nicht zum zehnten Mal zu tun hatte. Wo er das gelernt hatte, konnte Harry nicht einmal vermuten, aber die Gegner waren nach einigen Schwinden des Messers erfolgreich besiegt. Snape atmete schwer und gab Harry ein schnelles Zeichen.

Sir, - flüsterte Harry, - sind sie tot?

Snape drehte sich nicht um und erwiderte sehr irritiert.

Stelle mir nicht vor, wie Sie den UTZ abgegeben haben! Man kann sie nicht töten! Nur mit einem Espenpfahl. Und ich hatte keine Zeit, sie zu besorgen!

Aber sie fürchten sich auch vor der Sonne!

Schon nicht mehr. Gibt's eine Salbe, die es ihnen leistet, auch am Tage herumzulaufen, Und jetzt – mach den Mund zu!

Harry beschloß, dass alle anderen Fragen abwarten konnten. Dann empfand er ein richtiges Entsetzen. Aber er musste jetzt alles erzählen, und über seine Visionen, auch wenn Snape ihn umbringt. Und diesmal hat er es verdient... Moment mal, woran denkt er nur? Es war immer noch nicht ganz klar, ob sie sich überhaupt herausfinden. Aber Snape schien den Weg zu wissen, jedenfalls dachte er vor keiner Wegegabel nach. Endlich tauchte er in eine niedrige und enge Tür, Harry machte dasselbe und flog hinunter. Er landete auf den steinernen Boden und schrie auf. Er war dunkel. Snape tastete nach ihm gereizt und rüttelte ihn auf. Harry stand mit Mühe auf und wollte sich aufs Apparieren vorbereiten, Snape spannte sich aber an. Harry hörte auch irgendwelche Bewegung in der Finsternis und dachte, dass es jetzt äußerst angebracht wäre, sich davonzumachen. Dann pfiff aber etwas neben seinem Kopf, dann noch etwas leichtes, und wahrscheinlich auch scharfes. Er hob den Zauberstab und in der nächsten Sekunde pfiff etwas zurück, und da hörte er einen heiseren Aufschrei. Er erkannte Karlos. Harry verließ sich auf das Glück und suchte nach Snape. Der griff plötzlich nach seiner Hand, und sie apparierten.

Kapitel 10. Die kalte Woche.

Wir sind für diejenigen verantwortlich, die wir an sich gewöhnt gemacht haben"

(Antoine de-Saint Exupery)

Die Erkenntnis der Tatsache, dass sie doch davongelaufen waren, gab Harry einen zweiten Atem. Er wartete mit geschlossenen Augen ab, bis das Apparieren endet, und sah sich dann schnell um. Das war Hogsmeade, früh am Morgen, nach dem großen Bierfest. Niemand war natürlich zu sehen. Harry lächelte erleichtert und wandte sich zu seinem Lehrer, und wurde baff vor Schrecken. Snape wankte und sank zu Boden, in seiner Brust sah Harry ein langes schwarzes Pfeil.

Nein! – flüsterte er und fasste Snape bei den Schultern. – Professor, Sie können es nicht! Nein!

Er warf den Umhang ab, der war aber schon rot wegen des Blutes. Harry brummte schnell einen Spruch, den Hermine früher verwendet hatte, um das Blut zu stoppen, das half aber wenig. Dann fiel es ihm ein, dass Vampire ihre Pfeile mit einem speziellen Gift versorgten, deshalb starb das Opfer besonders lange und qualvoll. Harry kämpfte umsonst mit Verzweiflung und der schrecklichen Leere, die in seiner Seele aufstieg. Er bemühte sich, mit dem Schuldgefühl abzuwarten, weil er befürchtete, dass er das nicht überleben wird. Er suchte mit den Augen nach jemand. Die Straßen waren leer. Harrys Blick fiel auf das Aushängeschild der nächsten Kneipe. Das war „Eberkopf". Fieberhaft sprang er auf, bedeckte Snape, der keine Lebenszeichen vorzeigte, mit dem Tarnumhang und rannte zur Kneipe aus aller Kräfte, eigene Wunden vergessen zu haben.

Aberforth schlief nicht. Harry trommelte in die Tür einige Sekunden lang und sah dann den Wirt. Aberforth schaute ihn forschend an. Er bemerkte natürlich, dass Harry, gelinde gesagt, verletzt war, aber die echte Panik in den Augen des jungen Mannes, hielt ihn von den offensichtlichen Fragen ab.

Helfen Sie, bitte! – Harry konnte seine heiserer Stimme nicht beherrschen. – Fragen Sie nicht, aber dort... ein Mensch stirbt...

Wo? – Aberforth nahm den Stab in die Hand und ging sofort aus dem Haus.

Dorthin... ich zeige... ich... ich hatte keinen anderen Ausweg, aber... das Schloß... schon spät..., - er wusste nicht, was re redete.

Als er den Tarnumhang fand, erlaubte er sich umzufallen... Seine Kräfte waren aus.

Guten Morgen, Harry!

Was?

Guten Morgen, hab ich gesagt.

Ginnys Stimme. Was soll das bedeuten? Harry erinnerte sich an alles allmählich und hob den entsetzten Blick auf sie. Sie weinte vor Glück und lächelte ihm zu. Er nahm sich zusammen und fragte leise:

Hab lange geschlafen?

Ja, - sie wurde finster, eine... eine Woche.

WAS? – Harry setzte sich gerade auf dem Bett und begriff, dass er im bekannten Krankenflügel war.

Ja, wir hatten schon Angst..., - sie verstummte.

Was aber, - Harry sank mit einem abwesenden Gesichtsausdruck, er konnte nicht darüber sprechen, - was war dann?

Nachdem du abgeschaltest hast? – fragte Ginny verständnisvoll.

Harry sah die gegenseitige Wand an.

Also, Ab trat in Verbindung mit McGonnagal sofort. Der Gang mit seiner Schwester arbeitet nicht, wie wir es vermutet haben, - Ginny fing an, sehr schnell zu sprechen. – Deshalb schuf er einen Portschlüssel, nachdem er denen im Schloß, den es nötig war, Bescheid gegeben hatte. Alles ging glatt, und du wurdest gleich hierher gebracht. Alle befürchteten, dass du zu viel Blut verloren hast und darum zu sich nicht kommst, aber Madam Pomfrey hat dir viele Kräftigungsabsude gegeben, intravenös natürlich, und war am nächsten Tag mit deinem Zustand befriedigt...

Ginny brach ab: Harrys Augen drückten nichts mehr, außer dem grenzlosen Entsetzten aus.

Ginny... Ginny... es ist doch gar nicht wichtig... Ginny... wozu schweifst du ab?

Ich schweife nicht ab! – Ginny sah unglücklich aus. – Aber ich kann dir wirklich nichts tröstendes mitteilen.

Wie meinst du das? Sage jetzt! Alles, wie es ist.

Harry, rege dich nicht so auf... er ist am Leben.

Ja? – Es schien Harry, als ob sein Herz erst jetzt zu klopfen begann. – Was für ein Problem ist das denn?

Das war ein sehr... böses Gift im Pfeil, und deswegen... ist Madam Pomfrey der Sache nicht gewiß, ob er dazu fähig ist...

Er ist dazu fähig! – rief Harry hartnäckig. – Ginny, denke nur, wie kann es so sein, dass er nicht durchkommt? Er war immer durchkommen! Ginny, das ist unwahrscheinlich!

Er sah, dass Ginny Mitleid mit ihm fühlte und keine Details erzählen wollte. Er wollte aber wissen. Er gab sich Mühe, damit seine Stimme ruhig klang und fragte:

Und wo ist er?

Ginny erwartete anscheinend etwas anderes und seufzte mit Erleicherung auf. Dann neigte sie sich zu Harry und flüsterte auf jeden Fall:

Das ist auch eine der guten Nachrichten. Der Raum der Wünsche arbeitet, stellst du es dir vor?

Nein, - flüsterte Harry begeistert zurück.

Also, er arbeitet nur nicht als das Saal, in dem man alles verstecken kann, verstehst du?

Ja, - antwortete Harry und schauderte unwillkürlich.

So, man hat ihn dorthin gebracht, und niemand hat es gesehen. Jetzt müssen wir nur warten.

Und die da im Ministerium? Was machen sie?

Azkaban steht auf dem Kopf, - berichtete Ginny lustig, - die Dementoren gerieten in Wut, einige haben schon ihre Posten verlassen, ich weiß wirklich nicht warum.

Harry fühlte eine neue Leere im Bauch, die nichts mit dem Hunger zu tun hatte. Ob Holder seine Expedition schon ausgerüstet hatte? Aber man musste doch etwas darüber wissen!

Ginny! Gab es etwas Merkwürdiges in den Zeitungen?

Meinst du was über die Moore? – flüsterte Ginny noch leiser. – Harry, dort geschieht etwas, aber... ziemlich langsam, würde ich sagen, als ob jemand sich auf etwas gründlich vorbereitet. Hermine meint, dass alles bald zum Vorschein kommt, man kann es ja nicht lange verbergen.

Ist Hermine hier?

Aber natürlich! Und Ron auch! Aber sie schlafen jetzt, wir wechseln uns bei deinem Bett.

Ach, so! – Harry begriff unerwartet, dass er allein bleiben möchte. Er war froh, Ginny zu sehen, aber das unerbärmliche Schuldgefühl füllte schon sein Inneres, der Knoten im Hals wurde fester, und er legte sich auf die Seite.

Was, Harry? – fragte Ginny besorgt.

Darf ich... einfach liegen?

Was meinst du damit? Tut es dir irgendwo weh?

Ja, - antwortete Harry nach einer Pause. – Hier, - er zeigte auf die Brust.

Ginny verstand, was er meinte, er sah das in ihren schönen, traurigen Augen. Obwohl sie tatsächlich fast nichts wusste, konnte sie leicht seine Laune erraten, weil sie ihn überhaupt gut fühlte. Er nickte dankvoll und starrte die Fensterscheibe an. Er wollte nur einschlafen und nie wiedererwachen. Es kam ihm vor, dass nichts mehr ihm Erleichterung bringen konnte, nach der Sache, die er angerichtet hatte. Und niemand...

Harry genas sehr schnell. Das Immunsystem hielt aus, und schon nach zwei Tagen stand er vor dem Fenster und sah die fernen und dämmerhaften Bergspitzen an. Seine Freunde besuchten ihn oft, ein paar Male wurde er von Narzissa Malfoy besucht, sie war sehr bleich und dühn, und er bekam einen sehr seltsamen Eindruck, dass sie das Licht in sich selbst trug. Sie sagte wenig, und gar nichts über ihre eigene Gesundheit. Harry konnte aber sehen, dass sie sich wenigstens nicht wohl fühlte. Sie achtete aber darauf scheinbar nicht, äußerte aber nur Besorgnis um ihren Mann in Azkaban, und ihr Gesicht wurde für einige Sekunden dunkel. Harry wollte trösten, fand aber keine Worte wie üblich. Sie ging weg, und er blieb schon wieder in seiner Dunkelheit, erzählte alles wortkargig, und seine Freunde konnten die Ursache nicht verstehen. Er wusste aber, dass er zuerst mit Snape sprechen sollte, der Gedanke machte ihm aber riesige Angst, die er nicht bewältigen konnte.

Am 6. November hat man ihm berichtet, dass Snape zu sich kam. Harry erstarrte für einige Momente, Ginny war aber nebenan, und sie sagte ihm leise:

Ich verstehe, Harry, du bist an etwas schuldig, aber das hilft dir nicht, hier zu bleiben und es so tun, als ob dir nichts angeht. Tu es schon, gehe!

Harry nickte unbewusst. Hermine sagte, sie wird ihn begleiten. Er ging hinter ihr her und versuchte auszudenken, wie er das erzählen wird. Wie könnte man das überhaupt erzählen? Und die Hauptfrage – wem? Harry ballte die Fäuste zusammen: solch eine Scham empfand er zum ersten Mal im Leben. Übrigens konnte er sich nie als einen Verräter vorstellen. Bei diesem Gedanken krampfte sein Herz noch mehr zusammen.

Hermine ging dreimal einer Wand vorbei, und eine kleine Tür erschien dort. Harry tritt rasch ein, und Hermine sah ihm verständnisvoll nach. Er fand sich in einem kleinen dunklen Zimmer ohne Fenster, mit einem Tisch (auf dem ein Leuchter mit zwölf Kerzen stand), einem Stuhl, einem gemütlichen Sessel in der Ecke und einem großen Bett, auf dem ein Mensch lag. Er schlief. Harry sah ihm ins Gesicht und stand lange so, ohne den Blick abzuwenden. Er wollte um Verzeihung bitten, aber jetzt musste er warten. Snape atmete langsam und schwer, Harry wusste schon, dass das Pfeil eine der Lungen durchschlagen hatte, und das war auch für Madam Pomfrey schwierig, die Folgen zu beseitigen. Es gab aber schon ein Gerücht, dass als Snape erwachte, forderte er, dass man seinen Anweisungen folgt und die Arzneimittel nur so kocht, wie er wollte. Harry lächelte: er konnte daran ruhig glauben, wie jeder, der den Meister der Zaubertränke persönlich kannte.

Plötzlich öffnete Snape die Augen und sah Harry, der unschlüssig vor der Tür stand. Snape studierte ihn für eine Minute, und Harry senkte sofort den Kopf. Die schwarzen Augen waren kalt, wie nie, und Harry verstand, dass er schon wusste. Er sah verstohlen den Tisch an. Darauf lag „Tagesprophet". Es gab keinen Sinn, die Wahrheit weiter zu verschweigen, und Harry fing an, zu erzählen, ohne Snape anzublicken. Er sagte alles, wie es war, und legte dann den Elder Stab auf den Tisch. Snape nahm ihn nicht. Er bewegte sich überhaupt nicht und schwieg, schwieg... Das war ein Folter für Harry, er wartete auf irgendwelche Antwort, und wartete umsonst. Nach einigen langen fürchterlichen Minuten hob er ängstlich den Blick und sah, dass Snape ihn gar nicht anschaute. Er lag wie erstarrt, gleichgültig und eiskalt, aber die Falte zwischen seinen Augenbrauen wurde tiefer. Harry hielt es nicht aus, er ging weg, um diese Stille nicht mehr zu hören.

Dann erzählte er alles den Freunden und persönlich Ginny. Hermine und Ron sagten ehrlich, es war ein bisschen dumm seinerseits, weil er die Zeit irgendwie anders ziehen oder eine falsche Karte zeichnen sollte. Hermine erklärte ihm, wie man es so machen konnte, damit die Karte als ähnlich aussah, war aber falsch. Harry verstand, dass er selbst wirklich daraufkommen könnte, er sagte beschämt.

Ich... ich hatte bloß Angst, dass...

Harry, - fügte Hermine hastig hinzu, - ich sage aber nicht, dass ich an deiner Stelle es geschafft hätte! Aber du hast dich beeilt unter den Emotionen.

Du hättest es geschafft! – sagte Harry bitter. – Erinnere dich ans Vernehmen bei den Malfoys..

Hermine zögerte.

Das war 'ne andere Sache. Ich war dort nicht allein... Und überhaupt kann er dich nicht für alles schuldig machen, das ist einfach eine Schweinerei. Denkt nur an sich selbst und seine eigenen Versuche! Das ist Egoismus seinerseits und nichts mehr, seine Probleme! Als ob er gar kein Verständnis für deine Erlebnisse hat.

Aber er hat recht, nicht wahr? – sagte Harry düster. – Er hat doch seinen Erlebnissen nicht nachgegeben.

Ihr beide habt euch zu etwas entschlossen, wer kann jetzt behaupten, dass nur du dich in allem geirrt hast? – Ron versuchte eifrig, Harry von ihm selbst zu verteidigen. – Worüber kann man hier noch diskutieren? Jetzt soll man sich Gedanken machen, wie man es verbessern könnte.

Glaubt ihr mir jetzt, dass das keine Legende ist? – fragre Harry scharf.

Na ja, - sagte Hermine nachdenklich. – Aber ich denke, dass es doch keinen Schatz gibt, das ist aber einfach meine Meinung.

Natürlich, - willigte Harry ein. – Aber das ist doch nicht das Wichtigste.

Was denn? – fragte Ron mit Angst.

Harry zeigte auf seine Narbe bedeutungsvoll. Eine Stummszene. (Vorhang)

Gib ihm Zeit! – sagte Ginny. – Du wirst noch sehen, alles wird gut sein.

Ginny, hast du nicht gehört, was ich gesagt habe? Die Narbe brennt immer öfter.

Aber ich dachte, die Narbe wäre nicht sehr wichtig für dich. Irre ich mich?

Nein, - sagte Harry überrascht.

Hast du ihm über die Narbe gesagt?

Ja. Ich... ich habe alles gesagt.

Dann, ich wiederhole es, gib ihm Zeit. Er beruhigt sich nicht so leicht, wie du, aber er wird verstehen.

Das glaube ich nicht, - erwiderte Harry, - er wird es nicht verstehen, Ginny, aber ich möchte sehr, dass er mich wieder anspricht.

Er sagte das Ron und Hermine nicht. Ron konnte darüber lachen, und Harry fühlte, dass er es nicht ertragen wird. Und Hermine... Hermine war und blieb immer skeptisch, so war ihre Natur, und in diesem Fall war Ginny der nächste Mensch, der ihm was passendes raten konnte.

Aus „Tagespropheten" hat Harry verstanden, dass Holders Expedotion schon nah war. Der eilte nicht und benutzte verschiedene schickliche Vorwände für die Gesellschaft, wie die Notwendigkeit, eine Ermittlung anzustellen, ein Ende den Verschwinden zu machen und die Macht des Ministeriums über dieses Territorium für ewig zu festigen. Diese Aufrufe waren vielen recht, und Kingsley Shacklebolt – der neue Minister der Magie – hatte keine Beweise gegen Holder. Außerdem wusste er über die Gefahr in den Mooren nicht, weil alle Verdächte sich schließlich auf Vermutungen und Legenden stützten. Der einzige positive Moment war folgende: McGonnagal hat versprochen, gegen Holder und seine Truppen aufzutreten, wenn es nötig ist. Es blieb fast nichts vom Orden des Phönix, und die Lage schien Harry immer hoffnungsloser. Seine Vermutungen über Voldemort konnten nicht geprüft werden, und man konnte und wollte so einfach die Menschen nicht riskieren.

Die ganze Woche versuchte er, sich mit Snape zu treffen. Obwohl der sich noch nicht wohl fühlte, verschwand er ab und zu aus dem Schloß, und niemand konnte Harry etwas erklären. Harry vermutete, was Snape machte, aber es gelang ihm nicht, mit ihm zu sprechen. Ein paar Male trafen sie sich in der bekannten Bibliothek, Harry öffnete schon den Mund, Snape ging aber sofort raus. Das Peinlichste war, dass nur er genau wissen könnte, wann der Krieg zu beginnen war, aber er sprach mit niemand. Madam Pomfrey war äußerst empört, weil er es ihr wieder nicht erlaubt hatte, ihn zu heilen. „Geniert sich", - kicherte Ron, und Harry schenkte ihm einen wütenden Blick. „Sie verstehen nichts, - dachte Harry – und versuchen sogar nicht". Ginny meinte aber, dass er deswegen mit seinen besten Freunden nicht Krach haben sollte. Harry war im Inneren einverstanden, Ron brachte ihn aber oft aus der Fassung, wenn Hermine nicht dabei war. „Wenn sie es endlich verstehen, wird es schon spät sein".

Die ganze Zeit beschäftigte Harry sich mit seinen Hausaufgaben und spielte Quidditsch. Das Spiel klappte selten, weil das Wetter sehr oft schlecht war: es donnerte und blitzte, der Wind riss die Dächer aus Stroh von den Dächern in Hogsmeade weg. Harry sah darin bestimmte Vorzeichen, beschloß aber fest, in Hogwarts zu bleiben, bis etwas sich aufklärt.

Eines Tages nach dem Abendessen ging er in den Turm von Gryffindor, als jemand sich auf ihn zufällig stürzte. Das war Malfoy. Er warf einen erschrockenen Blick auf Harry und versuchte, zu entlaufen, Harry spürte aber, dass etwas nicht stimmte und griff nach seinem Arm.

Was ist los? – fragte Harry sachlich.

Nichts, - Malfoy riss seinen Arm an sich, Harry bestand aber auf seinem und entließ ihn nicht. Dann sah er Harry mit merkwürdig abwesendem Blick an und sagte: - Meine Mutter stirbt.

Wieso? – Harry ließ seinen Arm los, er traute seinen Ohren nicht. – Ich habe sie doch vorgestern gesehen!

Und gestern? – fragte Malfoy spöttisch.

Harry schüttelte den Kopf.

Was hat sie doch?

Weiß nicht. Aber sie hatte einen Anfall und fiel um. Ich brachte sie in den Krankenflügel. Jetzt muss ich eigentlich dem Vater schreiben, aber..., - Malfoy verstummte und dann sagte boshaft: - Ich kann das nicht, Potter! Ich kann überhaupt nichts! Weißt du, was es ist: nichts machen zu können?

Sein Blick war scharf und böse, aber auch flehend. Harry erwog jedes Wort, als er antwortete:

Meinetwegen, ja. Ich weiß, was es ist. Schreibe noch nicht. Mal sehen, was zu machen ist.

Nanu? – fauchte Draco mißtraurisch. – Was ist dir eingefallen, Potter?

Geh zu ihr, ich komme in einer halben Stunde.

Harry drehte sich um und ging in die geheime Bibliothek. Er hoffte darauf, dass Snape da war, sonst... sonst kommt er in den Krankenflügel später, aber es kann doch nicht sein, dass er verzichtet! Es kann einfach nicht so sein...

Snape saß am Tisch und blätterte wie üblich in einem sehr baufälligen Band mit einer Hand. Harry hielt vor dem Tisch und sagte in einem Atem:

Professor, man braucht Ihre Hilfe. Dringend. Narzissa Malfoy ist schlecht, und niemand kann ihr helfen. Sie können aber, nicht wahr? Ich bin sicher..., - Harry verstummte. Snape nahm keine Rücksicht auf seine Worte und blätterte im Buch weiter.

Ich... ich lüge nicht, - sagte Harry mit gefallener Stimme.

Snape sah ihn scharf und verächtlich an, dann stand auf und verließ die Bibliothek. Harry setzte sich auf den Stuhl und presste seine Schläfen zusammen. Wird er etwa nicht helfen? Harry saß da, in der dunklen Bibliothek, mit der einzigen brennenden Kerze auf dem Tisch, und die Einsamkeit füllte ihn. Er sah ein, dass alles in der Welt irgendwie ohne ihn passierte. Und wenn es zum Beispiel Ron und Hermine recht war, fühlte er sich unnötig, wie ein verlorener Hund. Er wußte dabei, dass es Leute gab, die ihn brauchten, aber in diesem Moment fühlte er nur das Gegenseitige und konnte seinen Emotionen nicht widerstehen.

Jedenfalls hat er Malfoy versprochen, dass er kommt. Und er ging in den Krankenflügel und fand dort eine seltsame Szene: es war ziemlich dunkel, einige Lampen beleuchteten das Bett von Mrs. Malfoy, um es herum standen Madam Pomfrey, Draco und Professor McGonnagal. Snape hielt Narzissas Hand, und sie, blaß, schwach, wie ein Kind, flüsterte ihm etwas zu. Er schwieg. Harry kam näher, und sie sah ihn. Ihre hellen Augen strahlten, sie lächelte ihm zu. Dann wendete sie ihren graziösen Kopf wieder zu Snape.

Du bist nicht gepflegt, Severus.

Ich weiß, - antwortete er kurz, nahm ein kleines Bündel aus ihrer Hand und ging rasch aus.

Draco stürzte sich zu seiner Mutter. Er versuchte, das Schluchzen zu unterdrücken.

Was hast du ihm gesagt, Mutti?

Rege dich nicht auf, mein Sohn. Er weiß, was er tut.

Mum, - sagte Draco erschrocken, - du darfst dem Vater nichts übergeben.

Das ist doch das Letzte, - sie lächelte ein wenig.

Harry wollte erwidern, hielt sich aber zurück. Er wollte sich eigentlich in diese merkwürdigen Beziehungen nicht einmischen, aber er hatte Angst, dass etwas bei Snape schief gehen konnte. Narzissa verstand seinen Blick und ihre Augen wurden schuldbewusst. Draco wurde dann von Madam Pomfrey weggeschoben, und McGonnagal kam auf Harry zu.

Führen Sie ihn weg, Potter, und bleiben mit ihm, wenn Sie es können.

Das war leicht zu sagen, Harry gehorchte aber sofort. Er nahm den erstarrten Draco bei der Hand und zog ihn hinter sich. Der ging stolpernd, hielt aber in den Türen und sah Harry in die Augen.

Er nannte es Krebs. Muggelkrankheit, von der man sehr seltsam gesund wird... Zu spät, Potter. Sie hat es lange verheimlicht... Und jetzt geht sie weg...

Sein Gesicht glänzte vor Tränen. Harry führte ihn schweigsam weg. Es war im ganzen Schloss stiller, als gewöhnlich. Harry dachte, dass es immer so still sein sollte, wenn ein Sterbender im Haus liegt. Er bemerkte nicht, wie er Draco in den Gryffindors Gemeinschaftsraum geführt hatte, aber es war ihm völlig egal, wohin zu gehen. Nach einer kurzen Erklärung stellte man keine Fragen mehr. Draco setzte sich auf den Boden vor dem Kamin, umfasste seine Knien und bewegte sich nicht mehr.

Harry saß da für eine Stunde, dann bat er Ginny, auf Draco aufzupassen, und ging in den Krankenflügel zurück. Der Wind und der Regen schlugen gegen die Fensterscheiben, alles war irgendwie unrealistisch. Narzissa Malfoy lag still und sah nach oben, Madam Pomfrey war geschäftig um sie herum. Harry setzte sich aufs Nebenbett und sah ihr klares und ruhiges, aber sehr dünnes, Gesicht an. Er hörte nicht, wie Snape hereinkam. Er näherte sich Narzissa zu, blickte sie gerade an und sagte:

Er hat's bekommen, Narzissa.

Danke, Severus, - sagte sie mit Lippen. – Verlass meinen Sohn nicht!

Kannst ruhig sein.

Sag ihm... ich liebe ihn sehr..., - das Licht in ihren blauen Augen erlosch.

Harry stand auf, er fühlte, dass er zitterte und dass eine ungeheure Schwäche ihn überkam, und wollte etwas gegen diese Sehnsucht und Ausweglosigkeit unternehmen, aber es war ihm klar: hier war alles zu spät. Verzweifelt blickte er den erstarrten Snape an, und zum ersten Mal blickte der zurück. Seine Augen schienen noch leerer geworden zu sein.

Madam Pomfrey warf die beiden mit zitternder Stimme aus dem Krankenflügel hinaus. Harry ging krumm, ging irgendwohin. Snape holte ihn vor der Haupttreppe ein und sagte (seine Laune konnte Harry nicht auffangen):

Sag Draco. Lass ihn aber nicht hierher kommen, nicht jetzt.

Sir, was sollten Sie übergeben?

Ist das nicht gleich? – fragte Snape bissig. – Marsch ins Schlafzimmer und kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten!

Er drehte sich scharf um und ging weg, und Harry blieb allein im Korridor. Die Uhr schlug zwölf...