Kapitel 4

Es war nun dunkel um Hogwarts herum und die drei wanderten langsam zum Schwarzen See. Harrys linker Arm war immer noch merkwürdig kalt und taub und er hielt ihn um seine Hüfte geschlungen. Der Schmerz würde mit Sicherheit in Kürze eintreten, deshalb berichtete er rapide und knapp. Das einzige, was ihn etwas hemmte, war, dass er nicht Hermines Gesichtsausdruck sehen wollte, wenn er ihr erzählte, dass er einen Pfeil aus seinem Fleisch gezogen hatte.

Er sah Ron und Hermine erleichtert aufseufzen, als er ihnen berichtete, dass sein Versuch, Parsel zu sprechen, gescheitert war.

„Es macht aber Sinn, oder? Dass du deine Fähigkeit, mit Schlangen zu sprechen, verloren hast", sagte Hermine

„Es ist eine Art Bestätigung, oder nicht?", fügte Ron hinzu. „Dass Du- weißt- schon- wer wirklich weg ist."

„Ich denke, wir dürfen ihn jetzt beim Namen nennen, Ronald."

Normalerweise hätte Harry bei Hermines Bemerkung gefeixt, doch sein Kopf schmerzte zu sehr an der Stelle, wo er von dem Stein getroffen worden war. In seinem linken Arm pochte es jetzt beunruhigend. Er konnte das Blut wie heißes Wasser aus der Wunde heraussickern spüren. Dicke Tropfen von Rot liefen von seinen Fingerspitzen. Die Dunkelheit des Abends war das einzige, das Hermine davon abhielt, ihn mit einem entsetzten Keuchen zum Krankenflügel zu schleppen. Er musste seine Geschichte schnell beenden.

„Meine Fresse!", rief Ron ungläubig, als Harry den plumpen Umriss des Zentauren beschrieb, der seinen Pfeil auf ihn abgeschossen hatte. „Zumindest wissen wir, dass es nicht Firenze war. Ich meine, das konnte nicht sein, richtig? Aber ich kann nicht glauben, dass ein Zentaur auf dich schießen würde. Vielleicht würden sie auf Umbridge schießen oder auf Grawp, wenn er sich daneben benommen hat, aber doch nicht auf dich. Du bist der Gute. Das wissen sie doch sicherlich."

„Ich glaube nicht, dass es etwas Persönliches war", fuhr Harry fort. „Aber es hatte definitiv etwas mit den – …den Objekten zu tun."

Ron nickte, sagte aber nichts, ebenso wie Hermine. Sie schien Harrys Unwilligkeit, den Stab und den Stein in ihrer jetzigen Umgebung zu erwähnen, beizupflichten. Sie waren immer noch ein gutes Glück vom Rand des Schwarzen Sees entfernt und die Dunkelheit machte es schwierig, mögliche Lauscher zu entdecken. Die Plattform war jenseits der großen Büsche zu sehen, da sie sich gegen den grauen monderleuchteten Himmel abhob. Rons Familie wartete wahrscheinlich auf sie. Vielleicht stand George immer noch neben Freds Sarg und weigerte sich, ihn zurückzulassen…

„Ich frage mich, ob wir schon bereit sind, nach Hause zu gehen", sagte Ron angespannt.

„Harry", sagte Hermine plötzlich, „Als du sagtest, es wurde auf dich geschossen, heißt das… dass du wirklich angeschossen worden bist?"

Ihr Blick huschte zu seinem linken Arm, den er so fest, wie er konnte, an seine Seite drückte, während er immer noch den Elderstab umklammerte. Er wollte gerade sagen, dass er so bald wie möglich zu Madam Pomfrey gehen musste, als ein furchtbares Krachen und ein mächtiger roter Lichtstrahl von der Plattform erscheinen. Es war, als hätte ein roter Blitz in der Nähe des Schwarzen Sees eingeschlagen. Sie waren kurzzeitig geblendet und als sie aufsahen, stand die hölzerne Konstruktion nicht länger.

„Ron, warte!", brüllte Hermine.

Doch Ron war bereits zum Ufer des Sees losgerannt, wo seine Familie sich befand.

„Komm schon!", sagte Hermine und zerrte an Harrys Shirt.

Ihr Eifer ließ Harry vor Schmerz grunzen, doch er zwang sich, mit ihr Schritt zu halten.

„Es muss George sein", keuchte Hermine. „Armer George! Ich hoffe, er hat nichts getan… Oh! Es ist zu schrecklich, um darüber nachzudenken!"

Harrys Stärke wankte. Er taumelte vorwärts, so gut er konnte, doch Hermine rannte zu schnell für ihn.

„Komm schon!", rief sie mit einem Blick über die Schulter.

„Ich kann nicht mehr", sagte er matt. „Ich bin kaputt. Geh schon mal vor."

Es war, als müsste er eine Niederlage eingestehen, doch der Schmerz, der nun von seiner linken Schulter zu seinen Fingerspitzen schoss, machte es ihm schwer sich zu konzentrieren. Er konnte nicht rennen. Er hatte einfach nicht mehr die Kraft. Er würde Hermine nur zur Last fallen. Sie musste ohne ihn gehen. Ron brauchte sie. Er ist ihr Freund, dachte Harry. Sie sind jetzt zusammen.

„Ich lasse dich nicht hier zurück", sagte Hermine, leicht panisch. „Ich kann nicht…"

„Doch, kannst du. Ich habe den Tarnumhang und den Elderstab bei mir. Ich komme schon klar", sagte er stur.

Hermine zögerte einen Augenblick und dann rannte sie zu Harry zurück. Als sie bei ihm anlangte, packte sie ihn am Shirt und zerrte ihn in einem schnelleren Tempo hinter sich her. Harry hatte keine andere Wahl, als ihr mit der wenigen Kraft, die er noch hatte, zu folgen.

„Wenn dir irgendetwas zustößt", sagte sie schnell, „werde ich es mir nie verzeihen."

Harrys Gedanken waren darauf konzentriert, mit Hermine Schritt zu halten, weshalb er nicht antwortete. Der Schmerz in seinem linken Arm war nun quälend und er wusste, dass er ihn nicht mehr würde bewegen können, wenn er wieder angegriffen werden sollte. Sicher, er hatte den Elderstab in seiner Zauberstabhand, doch ihn zu benutzen schien ihm die Luft aus den Lungen zu pressen. In diesem Zauberstab steckte eine enorme Macht. Er konnte ihn sogar fühlen, während er untätig dalag. Er wünschte sich nur, dass er einen Heilzauber für seinen Arm kennen würde. Er hasste es, nutzlos zu sein, die ganze Zeit geschwächt oder verletzt zu sein, sich immer abzustrampeln, immer zu kämpfen. Sein Wille ließ ihn weitertaumeln, obwohl sein Körper mit jedem Schritt protestierte. Hermine zerrte blind an seinem Shirt, ihre volle Aufmerksamkeit auf die Szene vor ihnen gerichtet. Er würde jede Minute zu Boden stürzen und wahrscheinlich ohnmächtig werden. Er hatte schon so viel Blut verloren. Wie lange dauerte es, bis man verblutete?

Sie hörten das Geschrei, bevor sie überhaupt sahen, was los war.

„Lasst mich in Ruhe! Ihr begreift es nicht! Er ist weg!"

Es war tatsächlich George, der mit seinem Gebrüll alle anderen Stimmen übertönte. Die Trauer und Wut waren unfehlbar. Hermine riss noch einmal an Harrys Shirt, doch diesmal blieb er auf der Stelle angewurzelt stehen.

„Du bist ohne mich schneller", sagte er entschlossen. Als sie wieder zögerte, fügte er hinzu: „Ron braucht dich."

Sie sprintete los und verschwand im Halbdunkel. Harry setzte seinen taumelnden Lauf zum See fort. Er konnte mehr von den Geschehnissen hören.

„George, wir werden es zusammen durchstehen", sagte Rons Stimme flehend. „Wir sind für dich da, wir alle…"

„Fass mich nicht an! Geh weg! Ihr kapiert es nicht, oder? Ich will ihn nicht zurücklassen! Ich kann nicht!"

Harry konnte sie von seinem Standort aus, halb verborgen in den Schatten, sehen. Die Plattform war auseinandergesprengt worden und der schwarze Vorhang lag im Gras. Der Wind erzeugte darauf Riffel wie kleine Wellen. Die hölzernen Balken waren auf den Überbleibseln der Stühle ausgebreitet. Mr. Weasley hielt Mrs. Weasley fest in den Armen, die unkontrolliert schluchzte. Die anderen Weasley- Kinder standen in einem Ring um George herum. Sie alle hatten die Zauberstäbe gezogen. George lief im Kreis herum und schrie jeden von ihnen an. Er schien nicht mehr ein- noch auszuwissen, wie ein Kompass, der seine Richtung nicht mehr finden konnte. Harry sah, wie er sich in einem Akt der Verzweiflung zum Sarg stürzte, doch er wurde abrupt von Bill zurückgehalten, der George an den Schultern packte.

„Du musst loslassen, Georgie", sagte Bill fast gebieterisch.

„Fass mich nicht an! Bleibt weg von mir, ihr alle!"

„Fred wusste, was er da tat", rief Bill wieder.

„HÖR AUF DAMIT!", brüllte George zurück. „HÖR AUF DAMIT! DU HAST ÜBERHAUPT KEINE AHNUNG!"

Als er das sagte, fuhr ein Schauer durch Georges Körper und ein Ausbruch von Energie fegte an seinen Füßen über den Boden. Die anderen mussten zurücktreten und legten einen Schildzauber auf ihre Umgebung. Georges Magie war außer Kontrolle geraten. Er hatte wahrscheinlich die Plattform zersprengt, ohne es beabsichtigt zu haben, genau wie Harry seine Tante Marge im Ligusterweg aufgeblasen hatte.

„Er war mit uns in Dumbledores Armee", warf Ron ein. „Er wäre nicht zurückgeblieben! Er wollte kämpfen!"

„Was weißt du schon vom Kämpfen, Ron?", bellte George. „Du warst nicht einmal da! Du hast den ganzen echten Kampf verpasst!"

„WIE KANNST DU ES WAGEN!", brüllte Ron aus vollem Hals, die Fassung verlierend. „ICH HAB DA DRAUSSEN MEIN LEBEN RISKIERT!"

„Wir haben alle gekämpft, George. Wir haben alle unseren Teil beigetragen."

Es war Ginnys Stimme.

Als Harry nähertrat, sah er sie vor den Reihen aus Särgen stehen, winzige weiße Blumen an ihren Füßen, während der Wind durch ihr Haar blies. Sie wirkte fast geisterhaft. Sie hatte ihren Zauberstab nicht gezogen. Außerdem brüllte sie auch nicht.

„Ich werde ihn auch vermissen", sagte sie. „Es war uns immer bewusst gewesen, dass es Unglücksfälle geben könnte. Es ist nicht fair, dass es Fred treffen musste."

„Wir haben gewusst, worauf wir uns einließen, als wir beigetreten sind", fügte Ron hinzu und Harry musste seine Bemühung anerkennen, wie seine Schwester die Stimme zu senken.

„Wo sind wir beigetreten, Ron? Bei Dumbledores Armee? Beim Orden des Phönix? Was für einen Unterschied macht es?"

„Es macht einen Riesenunterschied!", schaltete sich Hermine ein.

Harry hatte sie nicht gesehen, da sie im Hintergrund stand. Sie war die einzige Person, die keine goldene Weasley- Brosche trug. Ihr Gesicht war blass und entschlossen.

„Wir haben eine Ungerechtigkeit gesehen und uns dazu entschlossen, dagegen anzukämpfen", fuhr sie fort. Sie näherte sich dem Kreis und nahm ihren Platz neben Ron ein. „Jetzt müssen wir mit den Konsequenzen leben."

„Was wisst ihr schon von Konsequenzen? Ich muss mit den Konsequenzen leben!", rief George und rote Funken sprühten drohend aus seinem Zauberstab.

„Wir sind deine Familie, George", sagte Mr. Weasley, der immer noch seine Frau in den Armen hielt. „Du bist nicht allein, Sohn."

„ICH BIN ALLEIN! JETZT BIN ICH ALLEIN! IHR BEGREIFT ES NICHT, IHR ALLE! IHR WERDET ES NIE BEGREIFEN!"

Das Flackern an der Spitze seines Zauberstabs explodierte plötzlich und ein Strahl rotes Licht schoss in einen Haufen zersplittertes Holz.

Ron hob seinen Zauberstab und brüllte „Protego!", während er Hermine eng an sich zog. Splitter regneten auf Rons Schild herunter. Bill machte Anstalten, George zu entwaffnen, doch Mr. Weasley legte seinem Sohn eine Hand auf den Arm und Harry hörte ihn sagen „Er muss es rauslassen, Bill".

„Es ist okay, wütend zu sein, Georgie", sagte Ginny, die immer noch vor den Särgen stand, als würde sie sie bewachen.

Sie bewacht sie wirklich, dachte Harry. Sie will sicherstellen, dass George ihnen keinen Schaden zufügt.

„SO WAR DAS NICHT GEPLANT!", kreischte George. „WIR WOLLTEN DOCH GEMEINSAM STERBEN! GEMEINSAM! VERSTEHT IHR NICHT?"

„Oh, Liebling!", schluchzte Mrs. Weasley.

„Aber es ist egal", sagte George plötzlich in einem heiseren und feindseligen Tonfall, der sich nicht nach ihm anhörte. „Es gibt Wege. Ich kann ihn zurückholen."

Alle verstummten. Sie starrten ihnen Bruder an, als erkannten sie ihn nicht mehr wieder. Er hatte etwas Furchtbares gesagt und keiner von ihnen wusste, wie er darauf reagieren sollte. Hermines Augen huschten zu Harry und er konnte sehen, dass ihr Gesicht kreideweiß geworden war.

„Kein Zauber kann die Toten zurückbringen", sagte Bill. Er trat einen Schritt auf George zu.

„Wirklich?", erwiderte George aufbrausend und hob warnend seinen Zauberstab. „Das werden wir noch sehen. Warum probieren wir es nicht gleich aus?" Er drehte sich auf dem Absatz um und kam von Angesicht zu Angesicht mit Ginny. Doch er sah sie nicht an, sondern starrte auf die Reihen von Särgen hinter ihr. Sein Gesicht hatte nun einen merkwürdigen und wilden Ausdruck. „Tritt besser zur Seite, Schwesterherz", sagte er drohend.

Harrys Reaktion war schnell und instinktiv. Er bellte „Expelliarmus!" und Georges Zauberstab schoss mit so großer Wucht in die Luft, dass der Weasley- Zwilling auf die Knie fiel und sich vor Schmerz ans Handgelenk griff.

„DU!"

Und Harry spürte alle Blicke auf sich. Georges Augen schienen vor Zorn zu brennen. Er deutete anklagend auf Harry und rappelte sich währenddessen auf.

„WIE KANNST DU ES WAGEN!", brüllte er.

„Tu das nicht, George", sagte Harry in demselben ruhigen Tonfall, den Ginny benutzt hatte. „Die Toten wollen nicht geweckt werden. Sie sind schon weitergezogen."

Harry versuchte, ein paar Schritte näherzutreten, stellte aber fest, dass er kaum genug Kraft hatte, um stehen zu bleiben.

„Hör auf, mit mir wie mit einem Kind zu sprechen! Du denkst, du weißt mehr als wir, nicht wahr? Wenn du so schlau bist, wie kommt es dann, dass du Voldemort nicht erledigen konntest, bevor das passiert ist?"

„Lass es ja nicht an Harry aus!", schaltete Ron sich ein.

Harry war natürlich dankbar, dass Ron sich für ihn einsetzte, doch im Herzen konnte er nicht wütend auf George sein. Ein Teil von ihm grübelte immer und immer wieder über dieselben Fragen nach: Was hätte er noch mehr tun können? Und hätte er es schneller tun können?

„Voldemort konnte nicht getötet werden, George", sagte Harry ruhig. „Er musste zerstört werden. Er war nicht wie wir."

„Ach ja?" George lachte hämisch. „Das ist aber nicht, was du in deiner Rede gesagt hast. Voldemort hat als nichts anderes angefangen als wir und all das. Ich fand deine Rede, ehrlich gesagt, ziemlich gut. Ich finde, dass ihr beide eine Menge gemeinsam hattet."

„Wie kannst du so etwas sagen?", rief Mrs. Weasley verzweifelt.

„Komm schon, Harry!", sagte George verächtlich. „Es gefällt dir doch, deine außerordentlichen Mächte zur Schau zu stellen? Genauso wie Voldemort."

Harry fühlte sich, als hätte er einen Schlag ins Gesicht erhalten.

„Parsel, Harry? Genauso wie Voldemort."

„Nein! Du verstehst nicht! Sag es ihm, Harry!", wimmerte Hermine.

„Die sogenannten Visionen? Bin ich der einzige, der die Verbindung hier sieht? Sie sagen es alle, Harry. Du- weißt- schon- wer wollte dich persönlich töten und er hat es von niemand anderem übernehmen lassen. Was glaubst du, warum? Ihr wart fast dieselbe Person, oder nicht? Ihr musstet zusammen sterben."

George lachte nun, doch es war ein grausamer Klang. Es lag ein solcher Wahnsinn auf seinem Gesicht.

„Das ist doch der Grund, warum du ihn nicht vorher erledigen konntest, oder?", fuhr George fort. „Hattest Angst, dass du deine Parade verpassen würdest, wenn du auch stirbst? Nun, während du dich entschieden hast, sind Leute gestorben. Oder hast du das vielleicht nicht bemerkt?"

Klatsch!

Eine riesige, lederne Faust tauchte aus dem Nichts auf und schlug George mitten ins Gesicht. Dann zerpuffte sie zu weißem Raum und Ginny kam zum Vorschein, die Hände auf die Hüften gestützt und mit wütender Miene.

„Du solltest dich was schämen, George Weasley!", sagte sie anklagend. „Du bist ein dummes Ekel, weißt du das?"

George schien zurückzuweichen, als seine Schwester ihren Zauberstab auf seine blutende Nase richtete.

„Ich sollte dir eine Extraportion Prügel verpassen dafür", warnte sie. „Was, glaubst du, würde Fred sagen, wenn er hören würde, dass du so von Harry redest? Ihr habt ihm eine Brosche gegeben! Du und Fred! Harry ist praktisch dein Bruder!"

„Ich wollte nur wissen, wie er es getan hat. Von den Toten zurückkehren und all das", sagte George matt, während er versuchte, den Blutfluss zu stoppen. „Ron und Hermine wissen es!", fügte er hinzu.

„Tja, vielleicht haben sie jetzt einen guten Grund dafür, es dir nicht zu verraten", erwiderte Ginny kühl.

„Aber er hat überlebt, Gin! Er hat den Tötungsfluch mehr als einmal überlebt! Willst du nicht wissen, wie?"

Ginny sah zu Harry und ihre Blicke trafen sich. Er wusste, dass er es ihr nicht verraten konnte, wenn sie ihn jetzt fragte. Die Geschichte war insgesamt viel zu düster. Voldemorts Seele in ihm; die Schlange, die aus Bathilda Bagshots Körper glitt; das Medaillon, das an seinem Herz pulsierte; die Kette, die sich um seinen Hals schloss; das grüne Licht, das seinen Kopf erfüllte; der schmerzhafte Knoten in seiner Brust; der Stein der Auferstehung in seiner Tasche. Er konnte es ihnen noch nicht sagen. Es war zu früh. Ginny schien es zu verstehen, denn sie brach ihren Augenkontakt, bevor Harry irgendetwas sagen konnte, und wandte ihre Aufmerksamkeit stattdessen wieder zu George.

„Es wird Fred nicht zurückbringen", sagte sie sanft.

„Ich werde die Zeit zurückdrehen!", wimmerte George. „Ich werde ihn retten! Ich werde einen Weg finden! Dann werden wir beide zusammen unsterblich sein! Wir werden nie wieder sterben! Wenn Harry es kann, können wir es auch! Wir können für immer leben! Wir können für immer zusammen sein!"

Als er fertig gesprochen hatte, schien aller Wahnsinn von seinem Gesicht zu verschwinden und Tränen begannen, seine Wangen herabzulaufen. Er drückte seine Hände an die Augen und weinte ohne Zurückhaltung. Ginny zog ihn in eine feste Umarmung, streichelte ihm übers Haar und murmelte sanft auf ihn ein.

Harry konnte nichts sagen und er wusste, dass es nicht nötig war. Das war eins der Momente, da er sich als Außenseiter unter den Weasleys fühlte. Es war ihre Trauer, die Harry gesehen hatte, nicht nur Georges Verlust. Harry war lediglich Zeuge ihres Kummers. All seine Gedanken lagen nun bei Ginny. Er fühlte sich mehr hingezogen zu ihr, als er jemals für möglich gehalten hatte. Er wollte ihre Arme um sich spüren. Er wollte diesen Augenblick mit ihr teilen. Doch sie war weit von ihm entfernt, außer seiner Reichweite. Er konnte sie nur von der Ferne beobachten. Es kam ihm vor, als würde sie von einem strahlenden Licht umgeben und alles um sie herum würde dunkler und dunkler…

Er hörte eine Stimme seinen Namen rufen. Dann war das letzte, das ihm bewusst war, sein eigener flacher Atem und das Blut, das durch die Finger seiner rechten Hand tröpfelte.


AN: Review bitte! Danke^^