Hallo, Leute!
Tut mir leid, dass ich so lange hab auf mich warten lassen. Aber hier ist endlich das neue Kapitel. Viel Spaß!
Kapitel 5
Er erlebte alles durch einen halbdurchlässigen Schleier. Er lag rücklings auf dem kühlen Gras. Gesichter starrten ihn von oben an. Es war alles dunkel rundherum.
„Bill ist ins Schloss gegangen, um Madam Pomfrey zu holen."
„Oh je! Er hat eine Menge Blut verloren."
„Harry? Kannst du mich hören?"
„Er muss warmgehalten werden."
„Ich glaube, es kommt aus seinem Arm."
„Ich sehe es. Wir sollten etwas Druck aufbringen, um das Bluten zu stillen."
Dann fuhr ein scharfer Schmerz durch die linke Seite seines Körpers und seine Augen schnappten auf, doch er konnte sie nicht fokussieren.
„Harry! Kannst du uns hören? Nein, versuch nicht aufzustehen."
„Die – die Tasche… und der – der Stab", presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Er tastete mit seiner rechten Hand übers Gras. Er musste sicherstellen, dass die drei Objekte sicher versteckt waren. Er war nicht sicher, warum, aber es war lebenswichtig, wichtiger als sein körperlicher Schmerz.
„Ich habe sie, Harry", sagte Hermine beruhigend. „Ich stecke den Stab in die Tasche und behalte sie die ganze Zeit bei mir, okay?"
Mit einem Seufzer der Erleichterung legte Harry seinen Kopf auf den Boden.
„Fühlt sich an – als wäre ich von – einem Klatscher getroffen worden", sagte er mit dem Ansatz eines Lächelns.
„Ehrlich, das ist nicht lustig."
Schritte kamen in ihre Richtung.
„Wir konnten Madam Pomfrey nicht finden", hörte Harry Mr. Weasley keuchen. „Sie ist mit den Verletzten aufgebrochen. Das Schloss ist verlassen. Hab nicht realisiert, dass es schon so spät ist. Wir haben Glück, dass Horace da war."
„Professor Slughorn", raunte Hermine in Harrys Ohr, als hätte sie seine Frage erwartet.
„Harry, mein lieber Junge! Ich bin froh, dass du bei Bewusstsein bist. Das ist möglicherweise nicht so schlimm, wie es aussieht."
„Professor, bitte, können Sie ihm helfen?"
„An seinem linken Arm, Professor."
„Reducto!"
Mit einem leichten Prickeln spürte Harry, wie sein Shirt aufriss.
„Kalt", keuchte er und konnte ein schmerzvolles Ächzen nicht unterdrücken.
„Was machen Sie da, Professor?"
Es war Ginnys Stimme.
„Glücklicherweise ist Severus' Vorrat sehr gut ausgestattet", erwiderte der Professor bereitwillig. „Wir werden Mr. Potter in Nullkommanichts wieder aufgepäppelt haben."
Harry konnte mehrere Glasphiolen an Slughorns Seite klirren hören.
„Ich habe gefragt, was Sie da tun, Professor", sagte Ginny beharrlich.
„Natürlich, Ginevra Weasley, so neugierig wie eh und je", sagte Slughorn. Er klang recht geschmeichelt. „Nun, ich werde diese schwarze Flüssigkeit auf seine Wunde träufeln, nachdem ich drei Tropfen dieses anderen Tranks hier zu der Mischung zugefügt habe. Das Gebräu wird sofort reagieren, indem es jeden unerwünschten Fremdkörper entfernt, der ins Fleisch eingedrungen sein könnte. Danach werde ich die Wunde mit der wasserähnlichen Substanz in dieser anderen Phiole versiegeln können. Wer braucht schon einen Heiler, wenn man einen Zaubertränkemeister hat, was meinen Sie?"
„Sie haben mir immer noch nicht die Zutaten genannt, Professor", warf Ginny ein. Ihr Tonfall war streng.
Harry war nicht sicher, doch er glaubte, den dünnen Umriss von Ginnys Zauberstab auf Slughorns große Brust gerichtet zu sehen.
„Gütiger Himmel, Kind!", stieß Slughorn hervor. „Das ist kaum die richtige Zeit dafür!"
„Ginny Weasley!", rief ihre Mutter.
„Ich traue ihm nicht über den Weg", antwortete Ginny, als wäre ihr Wort endgültig.
„Denk an Harry", flehte Mr. Weasley.
"Die Zutaten, Sir."
"Er wird noch das Bewusstsein verlieren, Ginny!", beschwor Hermine. „Bitte, Professor…"
„Also schön, also schön", sagte Slughorn ein wenig unbehaglich. „Das hier ist gebrautes Spinnengift, ein sehr seltene und sehr teure Art. Harry dürfte davon wissen. Drei Tropfen Einhornblut als Gegenspieler. Dann eine Infusion aus größtenteils Mandrake- Wurzeln, um die Verletzung abzusichern. Reicht dir das?"
„Es ist okay, Ginny", sagte Harry schwach. Er wusste nicht, wie Aragogs Gift ihn heilen sollte, doch zumindest waren ihm die Heilkräfte von Einhornblut bekannt.
„Tun Sie es."
Ginny kniete jetzt neben ihm. Er konnte ihre Fingerspitzen in seinem Haar spüren.
„Das wird wehtun, fürchte ich."
Es war, als würde heiße Lava auf seine Haut gegossen. Sein ganzer Körper schien vor Schmerz zu pulsieren. Er versuchte sich, sich auf die warme Hand zu konzentrieren, die Ginny auf seine Stirn gelegt hatte. Sie war das einzige, das ihn bei Bewusstsein hielt.
„Ich sehe etwas. Ist das…?"
„Ja, ich habe es."
„Es ist alles in Ordnung jetzt. Die Infusion der Mandraken wird den Rest tun."
Die andere Flüssigkeit war kühl und lindernd. Der Schmerz in seinem linken Arm schien langsam zu verschwinden. Er konnte nun seine Finger bewegen. Seine Augen konnten wieder fokussieren. Er schaute in viele besorgte Gesichter.
„Danke, Professor", sagte er nach nur ein paar Sekunden.
Er bemühte sich, sich auf den Ellenbogen aufzustützen.
„Versuchen Sie noch nicht aufzustehen, Mr. Potter. Sie hatten eine harte Nacht."
„Hat aber schon Schlimmeres erlebt, was?", sagte Ron ein wenig nervös.
Harry hatte gerade Mrs. Weasleys blasses Gesicht und verquollene Augen gesehen und konnte den Gedanken nicht ertragen, ihr noch mehr Sorgen zu bereiten. Deshalb gab er sein Bestes, fröhlich zu klingen.
„Zum Beispiel von einem Besen zu fallen, Kumpel."
„Es ist soweit", verkündete Bill plötzlich. „McGonagall hat den Anti- Apparierzauber für zehn Minuten ab jetzt aufgehoben. Wir können, sobald wir fertig sind, los."
„Gebt ihm etwas zu essen, dann viel Ruhe", sagte Slughorn zu Rons Mum.
Ginny war nicht von Harrys Seite gewichen und er konnte nun deutlich das Misstrauen auf ihrem Gesicht sehen, als ihre Augen zu dem Zaubertränkemeister schossen. Ihr Blick verließ ihn nicht eher, als bis er mit einem entfernten Plopp verschwunden war.
„Ich hasse Apparieren.", sagte sie furchtsam, ihre Aufmerksamkeit wieder auf Harry gerichtet.
„Ich weiß, was du meinst."
„Alls zusammen", rief Mr. Weasley. Er legte eine Hand auf Ginnys Schulter. „Lasst uns nach Hause gehen."
Als Harry sehr viel später aufwachte, lag er unter warmen Decken in Rons Zimmer im Fuchsbau. Die vertraute Umgebung beinhaltete ein winkendes Bild der Chudley Cannons und den Stapel Bücher, die Hermine aussortiert hatte, als sie am Anfang des letzten Jahres gepackt hatte. Strahlendes Sonnenlicht flutete durch das Fenster und Harry konnte das beständige Klirren von Geschirr hören. Als er seine Brille aufsetzte, bemerkte er die kleine, skelettartige Gestalt, die geduldig in einer schattigen Ecke des Zimmers wartete.
„Guten Morgen, Kreacher", sagte Harry freundlich, während er sich nicht ohne Schwierigkeiten aufsetzte. Die Muskeln seines linken Arms und der Schulter waren ein wenig wund.
„Kreacher hat aufgepasst, dass Meister genug Ruhe bekommt", sagte der Hauself mit geneigtem Kopf. „So jung und schon so viel erlebt. Meister muss sich jetzt ausruhen."
Es ertönte ein lautes schepperndes Geräusch von unten, gefolgt von Mrs. Weasleys Geschimpfe. Harry vermutete, dass die Teller jetzt wahrscheinlich alle in Bruchstücken auf dem Boden lagen. Kreachers glasige Augen huschten zu der halbgeöffneten Tür. Der Elf schüttelte missbilligend den Kopf.
„Du musst nicht mehr hier bleiben, Kreacher", bot Harry an, da er sah, wie bestürzt die alte Kreatur von so viel Lärm schien.
Doch Kreacher schien eifrig darauf bedacht, seinem Meister dabei zu helfen, es sich im Bett bequem zu machen. Mit langen ausgemergelten Fingern und langsamen Bewegungen zog er die Decke bis zu Harrys Hüfte hoch und faltete sie sorgfältig auf seinem Schoß. Dann hob er ein weißes Kissen vom Boden auf und legte es hinter Harrys Rücken.
„Danke", sagte Harry anerkennend.
Der Hauself trat ein paar Schritte zurück und zog sich wieder in die schattige Ecke zurück. Harry bemerkte, wie alt und zerbrechlich Kreacher aussah. Doch da lag ein neuer Stolz auf ihm, seitdem Harry ihm Regulus Blacks falsches Medaillon geschenkt hatte. Der Hauself hatte es wie ein Banner in den Krieg in Hogwarts getragen. Harry war gezwungen sich zu fragen, ob Kreacher jemals Mitleid oder Güte in Sirius' Haus erfahren hatte. Der Gedanke schien zu grausam. Schließlich wurde seine Art in vielen Haushalten als Sklaven behandelt. Sirius hatte sich Kreacher gegenüber nur so verhalten, wie es ihm beigebracht worden war.
„Was soll ich bloß mit dir anstellen?", dachte Harry laut.
„Kreacher wird tun, wie Meister befiehlt."
Es schien nicht fair, Kreacher nach der Loyalität und Edelmütigkeit, die er vor so kurzer Zeit gezeigt hatte, herumzukommandieren.
„Aber was willst du tun?"
„Kreacher wird tun, wie Meister…"
„Nein, Kreacher", unterbrach ihn Harry so sanft wie möglich. „Ich möchte von dir wissen, was du für dich selbst willst. Du musst mir die Wahrheit sagen, weil ich dein Meister bin, verstanden?"
Der Ausdruck von Bewunderung und Zärtlichkeit in Kreachers Augen war so schmerzlich, dass es Harry schwer belastete.
„Ich will dich befreien, Kreacher", sagte er vorsichtig in der Hoffnung, dass es den alten Elfen nicht aufregen würde. „Du könntest in Hogwarts mit Winky und den anderen arbeiten. Würde das dich glücklich machen?"
Der Hauself verneigte sich tief, bis seine spitze Nase den Boden berührte.
„Kreacher muss frei sprechen, weil sein Meister es befohlen hat. Dann muss Kreacher sagen, dass er nicht freigelassen werden und in Hogwarts Schule für Zauberei und Hexerei arbeiten möchte."
Soviel hatte Harry schon vermutet. Der Elf war einfach zu alt, um solch eine radikale Veränderung der Lebensweise zu akzeptieren. Er war die gesamte Zeit seiner Existenz ein Diener gewesen, ein stiller und diskreter. Er konnte Kreacher nicht bitten, etwas gegen seinen Willen zu tun. Harry hoffte nur, dass der alte Hauself nicht im Sinn hatte, für immer an seiner Seite zu verharren. Er hatte im Gefühl, dass Hermine solch eine Anordnung nicht akzeptieren würde.
„Was willst du dann, Kreacher?"
„Kreacher will bis zum Ende seiner Tage im Haus von Harry Potter dienen", sagte die Kreatur fast flehend.
„Du willst wieder zum Grimmauldplatz, meinst du?", fragte Harry.
Für ihn war es immer noch Sirius Haus, doch er plante nichtsdestotrotz, sich dort niederzulassen. Die Idee war sei dem Tag der Beerdigung in seinem Kopf gewachsen. Das Haus war natürlich etwas unheimlich, aber es bedurfte nur der Anwesenheit von Lebewesen und vielleicht ein wenig Dekoration.
„Ja, Kreacher will ins Haus von Harry Potter zurückkehren", antwortete der Elf. „Aber Kreacher will, dass Harry Potter auch dort wohnt."
Harry konnte sehen, dass die Forderung den Elf einige Überwindung gekostet hatte. Es war schließlich sehr ungewöhnlich für einen Hauself, jegliche Art von Wunsch auszusprechen.
„Dann haben wir eine Menge sauberzumachen", sagte Harry freudig.
Kreacher verneigte sich wieder tief und Harry sah den winzigen Umriss einer Träne zu Boden fallen.
„Kreacher wird im Haus von Harry Potter dienen", wiederholte der Hauself mit einem Hauch von Stolz. „Kreacher fühlt sich tief, tief geehrt, Sir."
Seine Ehrfurcht machte Harry unbehaglich.
„Ich schätze, du kannst jetzt zurückgehen. Fang ohne mich an, wenn du möchtest", sagte er vorsichtig. „Ich komme bald nach."
„Ja, Meister. Natürlich, Meister. Kreacher wird das Haus sauber und angemessen für den Meister machen. Sehr ehrenwert, sehr freundlich, Meister. Wünscht Meister Frühstück?"
„Ja, bitte", erwiderte Harry aus ganzem Herzen, nun da der Hauself zufrieden schien.
Er war froh zu sehen, dass Kreacher ein paar Minuten später mit einem Tablett voll mit Obst, Toasts, Müsli, frisch gepresstem Orangensaft und einer Tasse dampfendem Kaffee zurückkam. Das Essen war ausgezeichnet und schien ihm seine Kräfte wiederzugeben, wie Lupins Schokolade es einst getan hatte. Harry kaute gerade an einem großen Stück Käse, als Ron hereinkam. Zuerst schob er die Tür langsam und dann hastig auf, als er sah, dass Harry wach war.
„Sind das Erdbeeren? Wo hast du sie her? Es riecht super hier drin."
Ohne weitere Umstände hopste Ron aufs Fußende von Harry Bett und bediente sich an einer Handvoll Käsewürfel, sobald er es sich bequem gemacht hatte.
„Dann ist Kreacher also hier gewesen?", sagte er, während er die Komponenten von Harrys Frühstücktablett betrachtete. „Mum würde keine kleinen Blumen aus Orangenschalen machen. Ich glaube sowieso nicht, dass sie heute Morgen bei der Sache gewesen ist. Wir haben eine Schüssel klebrigen Haferschleim bekommen. Das hier ist viel besser."
Ron stürzte sich nun genüsslich auf Harrys Erdbeeren.
„Wo ist Hermine?", fragte Harry, während er Honig auf sein Toast strich.
„Sie ist ihre Eltern besuchen gegangen. Ich kann es ihr nicht verübeln. Es ist ein wenig düster hier. Jedenfalls muss sie sie ausfindig machen und ihre Erinnerungen wieder zurückstellen. Sie ist bald wieder zurück. Die drei Du- weißt- schon- was sind aber hier."
Ron warf einen verstohlenen Blick zum leeren Korridor, dann wedelte er mit seinem Zauberstab, worauf sich die Tür mit einem lauten Knall schloss.
„Sehr unauffällig", kommentierte Harry.
„Wir haben nicht alle das Talent für Raffinesse. Muffliato", sagte Ron.
Der Zimmer war jetzt geschützt vor jeglichen Abhörversuchen.
„Wo sind sie denn, die Heiligtümer?"
Ron sprang vom Bett und zog eine große Box mit der Aufschrift „Ronalds Souvenirs" darunter hervor.
„Wir haben jeder einen", erklärte er Harry. „Wir bewahren unser Zeug in den Kästen, aber meistens sind sie mit einer Falle versehen. Ich habe einmal versucht, Charlies aufzubrechen, und ein Ding mit Tentakeln wollte mich erwürgen. Ich schätze, es war eine Teufelsschlinge. Ich habe Krätze öfters in meine Box gesetzt und dann hatte ich einen gemeinen Ferocactus Pilosus", sagte er liebevoll. „Man muss ihn mit Menschenhaaren füttern, aber ich war nicht so oft hier gewesen, um mich um ihn zu kümmern. Deshalb ist er jetzt eine nutzlose Pflanze. Er macht nicht wirklich irgendetwas…"
Harry starrte den Kasten an. Tatsächlich hoffte er, dass er versuchen würde, Rons Hand abzubeißen, doch es sah nicht danach aus. Die Stimme, die in seinem Kopf flüsterte, war bestürzt und leicht aufgebracht. Ron bewahrt die Heiligtümer… dadrin auf.
Ron öffnete vorsichtig die Box. Da war der grüne Kaktus mit grauen und weißen haarähnlichen Stacheln. Harry fand, dass er sogar in seinem gegenwärtigen Zustand recht bedrohlich aussah, doch ansonsten schien kein Schutzzauber auf dem Kasten zu liegen, wie Harry befürchtet hatte. Trotzdem benutzte Ron nicht seine Hände, um den Kaktus herauszunehmen. Stattdessen zog er seinen Zauberstab heraus und sagte „Wingardium Leviosa". Die Pflanze schwebte bis zur Höhe von Harrys Bett und fiel mit einem Plumps zu Boden, so dass Erde auf Rons alten Teppichvorleger spritzte. Ron konnte nun den sorgfältig gefalteten Tarnumhang herausziehen und auf den Nachttisch legen. Dann hob er die Box hoch und stellte sie neben Harry.
„Hermine hat mich schwören lassen, dass ich den Stein und den Stab nicht anrühren würde", sagte er verlegen, während er sich wieder aufs Fußende setzte. „Ich weiß echt nicht, was sie damit meint, aber ich wollte ihr nicht widersprechen. Jedenfalls gehört es alles dir, nicht wahr?"
Harry antwortete nicht und betrachtete den Inhalt des Kastens. Sein Zauberstab war ebenfalls hineingesteckt worden und er zog ihn ohne viel Aufheben heraus. Er wirkte ziemlich unbedeutend neben dem anderen. Der Elderstab war länger und viel komplizierter ausgearbeitet. Das Holz war naturfarben und wies ein aufwendiges Muster aus Knoten und Schnörkeln auf.
„Wie hat es sich angefühlt, den Stab zu benutzen?", wollte Ron wissen. Er starrte den Elderstab an.
„Er war sehr machtvoll", sagte Harry und dachte an die magische Energie, die ihn mehr als ein Mal umgeworfen hatte. „Es war, als könnte er meine Gedanken lesen und auch meine Gefühle."
„Tja, das macht non- verbale Zauber leicht, was?"
„Zu leicht", erwiderte Harry angespannt.
„Was meinst du damit?"
„Ich meine gefährlich leicht", begann Harry zu erklären, während er sich die Geschehnisse des vergangenen Abends in Erinnerung rief. „Er reagiert sofort, bevor man überhaupt Zeit hat, über die Worte des Zaubers nachzudenken. So einen Zauberstab zu kontrollieren, völlig zu kontrollieren, ist fast unmöglich. Ich kann verstehen, warum Dumbledore zugestimmt hat, ihn wegzulegen."
„Dumbledore konnte damit umgehen. Warum kannst du es nicht auch?"
„Unfälle passieren", antwortete Harry nüchtern. „Weißt du noch meine Tante Marge, im Sommer vor unserem dritten Jahr?"
Ron grinste breit und dann wurde das Feixen auf seinem Gesicht zu einem Stirnrunzeln. „Du legst den Stab nicht wegen deiner Tante Marge weg, oder? Ich meine, du bist seitdem ein wenig gewachsen und hast deine Gefühle besser unter Kontrolle. Du hast Okklumentik und all das Zeug gelernt."
„Es gibt immer noch das Risiko, dass mein Temperament mit mir durchgeht", sagte Harry düster.
„Du bist kein Teenager mehr", blaffte Ron.
„Es ist nicht nur das, Ron. Was, wenn Ginny etwas Schlimmes zustößt? Was, wenn jemand sie verletzt? Denk daran, wie du dich gefühlt hast, als Hermine gefoltert worden ist. Wie würdest du reagieren?"
Der gepeinigte Ausdruck auf Rons Gesicht war fast unerträglich anzusehen. Harry hatte Ron noch nie so außer sich gesehen als in dem Augenblick, da sie beide im Keller von Malfoy Manor eingesperrt waren und Hermines Schmerzensschreien zuhören mussten.
„Verstehst du, was ich damit meine, die Kontrolle zu verlieren?", fuhr Harry fort. „Wenn so etwas passiert, denken wir manchmal Sachen, die wir nicht so meinen."
„Du meinst zum Beispiel: Stirb, du Bastard?", sagte Ron sarkastisch.
„Ein gutes Beispiel", stimmte Harry zu. „Der Stab wird nicht darauf warten, dass du dich darüber klar wirst, ob du diesen Zauber tatsächlich ausführen möchtest. Er wird es einfach für dich übernehmen. Jedenfalls glaube ich es."
Ron sah nicht vollends überzeugt aus.
„Aber mein Dad sagt, dass der Zauberer den Stab kontrolliert, nicht andersrum", sagte er nachdenklich.
„Der Stab hat keinen eigenen Willen. Aber wenn der Zauberer, der ihn hält, die Kontrolle über seine Emotionen verliert, könnte er schreckliche Dinge anstellen. Ich denke, so funktioniert er."
Ron lehnte seinen Kopf gegen die Wand und nahm sich die letzte Erdbeere vom Frühstückstablett. Er schien ernsthaft über das, was Harry gesagt hatte, nachzudenken.
„Ich glaube nicht, dass ich diese Art von Kontrolle besitze", schloss er und schluckte die letzte Frucht hinunter.
„Es würde sowieso keinen Unterschied machen", erwiderte Harry. Er hob den Elderstab auf und steckte ihn unter den Umhang auf dem Nachttisch. „Du bist nicht sein Meister. Und um ehrlich zu sein, glaube ich auch nicht, dass ich diese Kontrolle habe."
„Du wirst ihn also wirklich nicht benutzen? Du wirst ihn in Ignotus Peverells Sarg verstecken?"
Harry nickte. Jetzt da er den Stab mehr als ein Mal benutzt hatte, jetzt da er seine Macht kannte, wurde es immer dringlicher, ihn zu verstecken. Er spürte eine wachsende Verantwortung diesbezüglich, wie es wahrscheinlich bei Dumbledore der Fall gewesen war. Der Gedanke, dass er in die falschen Hände fiel, war beunruhigend, fast furchterregend. Er war jedoch nicht mehr sicher, dass Godrics Hollow der sicherste Ort dafür war. Er hatte keine Nachforschungen über seine Ahnen angestellt. Vielleicht war die Verbindung zwischen den Peverells und den Potters zu offensichtlich. Wo dann, wenn nicht in Godrics Hollow?
„Was ist damit?", warf Ron ein und riss Harry damit aus seinen Gedanken.
Ron zeigte auf den winzigen schwarzen Stein der Auferstehung. Im selben Moment ertönten ein Aufruhr im Haus und das Geräusch von auf- und zugehenden Türen. Harry nahm hastig den Stein aus dem Kasten und stopfte ihn in eine schmutzige Socke, die auf dem Boden neben seinem Bett gelegen hatte. Dann versteckte er die aufgerollte Socke unter den Umhang neben dem Elderstab. Die Erinnerung an den Angriff im Dunklen Wald war lebendig in Harrys Gedanken getreten. War der Fuchsbau ein sicherer Ort? Wie lange konnte er die Heiligtümer unter Rons Bett verborgen halten, ohne die Weasleys in Gefahr zu bringen? Der nächste Pfeil könnte sehr wahrscheinlich jemanden treffen. Er hatte nur Glück gehabt.
Er hatte sich auf etwas Frieden und Ruhe gefreut, doch er hatte keine Zeit dazu. Der nächste Schritt musste bald unternommen werden, wenn er Ron und seine Familie beschützen wollte. Die Heiligtümer zu verstecken musste die oberste Priorität sein.
„Ich denke, der Stein und der Stab müssen getrennt versteckt werden", raunte Harry mit einem nervösen Blick zur Tür. „Und zwar bald. Wir müssen unsere Köpfe zusammenstecken und uns überlegen, wo."
„Du meinst, wir sollen auf Hermine warten, damit sie uns sagt, wo wir sie verstecken sollen, richtig? Denn wenn du mich fragst…"
„Wir können sie nicht hier behalten, Ron", unterbrach Harry ihn brüsk.
Er wurde zunehmend besorgt und hatte nicht mehr die Geduld, Ron von ihrer Pflicht zu überzeugen.
„Ich weiß, Kumpel! Ich wollte sagen, dass Hermine sich inzwischen wahrscheinlich schon zehn Verstecke ausgedacht hat, deshalb werde ich mir keine Gedanken darüber machen, bevor sie zurückkommt. Aber natürlich will ich sie nicht behalten. Soweit es mich betrifft, gehören sie sowieso dir."
Jetzt konnten sie im ganzen Haus Geräusche hören. Der gesamte Haushalt begann scheinbar den Tag. Harry war nicht besonders glücklich über den Aufschub, doch Hermines Beitrag würde wahrscheinlich genauso ausschlaggebend sein wie üblich.
„In Ordnung", sagte Harry halbherzig. „Dann warten wir auf Hermine."
„Alle denken immer, dass ich nichts Gutes im Schilde führe", beschwerte Ron sich kopfschüttelnd.
„Sorry. Schlechte Angewohnheit."
„Jedenfalls fühle ich mich besser, wenn diese Dinger ein für alle Mal aus der Welt geschafft sind."
Harry schaute zum Nachttisch, wo die drei magischen Objekte lagen. Er wollte die Verantwortung, die richtigen Verstecke für den Stein und den Stab zu finden, nicht auf Hermine abwälzen, doch er musste zugeben, dass er es kaum erwarten konnte, ihre Ideen zu dem Thema zu hören. Aber für den Augenblick würden sie den Kasten wieder unter Rons Bett verstauen müssen.
„Wann kommt sie eigentlich zurück?", fragte Harry.
„Sie hat gesagt, wir sollen ihr drei Tage geben", sagte Ron. „Und ich soll ihr schreiben, wie es dir geht."
„Du kannst ihr sagen, dass es mir gut geht", erwiderte Harry, ohne sich darum zu bemühen, seine Verärgerung aus der Stimme zu bannen. Schließlich hatte er sehr viel Schlimmeres durchgestanden. „Ich hatte aber wahrscheinlich echt Glück, dass Slughorn da war."
„Ginny meint, er ist ein Depp", sagte Ron, als wäre das ein offensichtliches Zeichen für seine Unglaubwürdigkeit.
Harry ließ den Ferocactus Pilosus zu seinem ursprünglichen Platz schweben.
„Ja, ich wollte sie danach fragen", antwortete er. „Sag ihr, ich komme gleich runter."
Aber als Ron das Zimmer verließ und die Tür hinter ihm schloss, lagen Harrys Gedanken bei Ginny. Und jetzt hatte er den perfekten Vorwand, sich unter vier Augen mit ihr zu treffen.
AN: Review bitte!
