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Kapitel 6
Eine halbe Stunde später war Harry fast bereit, in die Küche hinunterzugehen, wo Ron wahrscheinlich auf ihn wartete. Er hatte sich seine Jeans angezogen und einen der vielen Pullover, die Mrs. Weasley für ihn gestrickt hatte. Der Tarnumhang, der Elderstab und der Stein waren wieder in Rons Souvenirkasten unter dem Bett verstaut. Harrys eigener Phönix- Zauberstab steckte in seiner Tasche und er trug die gold- rote Brosche an seiner linken Schulter. Die Beule an seinem Hinterkopf war immer noch etwas empfindlich, deshalb hatte er sich die Haare nicht gekämmt. Was die Wunde an seinem linken Arm anging, schienen glücklicherweise alle Spuren verschwunden zu sein. Die einzige Verletzung, die Harry im Moment plagte, war das schwarze Mal mitten auf seiner Brust, wo er von dem Tötungsfluch getroffen worden war. Es war zuerst ein unbedeutender kleiner Punkt gewesen, als er ihn am Tag der Beerdigung entdeckt hatte. Nun war er so groß wie ein Fingerabdruck und sah aus, als wäre seine Haut mit einem dunklen Tintenfleck besetzt. Die Stelle schmerzte nicht, doch es war nichtsdestotrotz ein wenig verstörend und unheimlich.
Harry machte sich eine gedankliche Notiz, Hermine danach um Rat zu fragen, als er bemerkte, dass George in der Tür zu Rons Zimmer stand. Er hielt die Schnur eines Landziehohrs in der Hand.
„Ich habe gelauscht, was sie unten beredet haben", murmelte er trocken, bevor Harry etwas sagen konnte. „McGonagall war hier. Slughorn hat ihr erzählt, dass du von einem Zentauren angegriffen wurdest. Sie ist gekommen, um herauszufinden, ob es stimmt. Sie klang nicht allzu glücklich darüber. Sie sagte, sie würde wiederkommen, um mit dir zu sprechen, und dann ist sie gegangen. Ginny meint, dass der Zentaur unschuldig ist, aber dass wir Slughorn nicht in deine Nähe lassen sollen. Ron will nichts sagen und Dad macht ihm das Leben schwer, weil er so verschwiegen ist. Das war so ziemlich alles."
Harry stand reglos da und starrte immer noch das Langziehohr in Georges Hand an. Ihm fiel unwillkürlich der Ausdruck von Wahnsinn auf dem Gesicht des Zwillings am Abend zuvor ein. George war bereit gewesen, schreckliche Dinge zu tun, um seinen Bruder zurückzubringen, sogar dunkle Magie. Wie würde er reagieren, wenn er wüsste, was im selben Moment in Rons Souvenirkasten lag? Dann kam Harry in den Sinn, dass der Zauber, den Ron auf die Tür gelegt hatte, möglicherweise nicht ausgereicht hatte, um George vom Lauschen abzuhalten. Was war, wenn lediglich eine Person zwischen George und der Möglichkeit stand, Fred zurückzuholen? Was würde George tun?
Harry versuchte, den Gedanken aus seinem Kopf zu drängen. George ist vertrauenswürdig. Es war nur die Trauer gewesen. Er würde niemanden verletzen, nicht einmal um Fred zurückzubringen. Doch eine andere Stimme in seinem Hinterkopf schien ihn mit Zweifeln zu füllen. Er war schon zweimal angegriffen worden, und das an nur einem Abend. Was würde als nächstes kommen? Wie weit würde eine Person gehen, um einen geliebten Menschen von den Toten zurückzuholen?
„Du solltest mit McGonagall reden", sagte George nachdenklich. „Wenn du von einem Zentauren auf dem Schulgelände angegriffen worden bist, wird sie das an das Ministerium weiterleiten müssen."
„Das werde ich", antwortete Harry hastig. „Ich will die Zentauren nicht in Schwierigkeiten bringen. Es war dunkel. Es hätte alles sein können, das diesen Pfeil abgeschossen hat."
„Wusstest du, dass McGonagall die neue Schulleiterin ist?"
„Das sind gute Neuigkeiten. Aber keine große Überraschung."
„Sie hat viel Arbeit vor sich. Ich würde im Augenblick nicht gerne in ihrer Haut stecken. In Hogwarts herrscht ein reines Chaos. Eltern haben Angst, ihre Kinder wieder herzuschicken. Sie muss die Sicherheit wieder herstellen."
„Sie wird gute Arbeit leisten", sagte Harry bestimmt, in der Hoffnung, dass sein Tonfall die Unterhaltung beenden würde.
Doch George blieb in der Tür stehen. Also wandte Harry ihm den Rücken zu und begann, Rons Zimmer aufzuräumen, um den Anschein zu erwecken, dass er beschäftigt war. Er stapelte Kleidungsstücke und Überbleibsel des Frühstückstabletts zu einem Haufen. Er wollte nur, dass George ihn allein ließ, damit er den Kasten unter dem Bett hervorziehen und sicherstellen konnte, dass die Heiligtümer gut verstaut waren. Schon bald gab es kaum mehr etwas zu tun und George wartete immer noch an der Tür. Es sah nicht so aus, als würde er gehen. Also entschied Harry, dass es besser wäre, einfach später in Rons Zimmer zurückzukehren, um nach der Box zu sehen.
„Tja… Ron und Hermine… war ja auch Zeit, was meinst du?", sagte Harry beiläufig, während er die Falten von Rons Bett mit den Händen glattstrich.
„Fred und ich hatten eine Wette abgeschlossen", antwortete George in einem sachlichen Tonfall. „Ich habe gesagt, dass Ron Hermine zuerst küssen würde, und Fred meinte, es würde Hermine sein, die den ersten Schritt macht."
Harrys Gedanken schweiften zu dem Augenblick zurück, da Ron und Hermine sich mitten in der Schlacht zum ersten Mal geküsst hatten.
„Fred hätte gewonnen, schätze ich", sagte er mit dem Hauch eines Lächelns. „Aber vielleicht solltest du Ron fragen. Es war ein bisschen verwirrend."
George nickte, antwortete aber nicht. Seine plötzliche Stille machte Harry unbehaglich. Er war nicht ganz sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, Fred im Vergangenheitstempus zu erwähnen. Irgendwie schien es seine Abwesenheit zu betonen und Harry wusste nicht, ob der überlebende Zwilling damit umgehen konnte.
„Es ist, als würde ein Stück deiner Seele auseinander gerissen."
Harrys Eingeweide zogen sich zusammen und ihm entging der schmerzvolle Ausdruck auf Georges Gesicht nicht.
„Ich erwarte von niemandem, dass er es versteht, nicht einmal von dir", fuhr George fort. „Ich höre immer wieder seine Stimme in meinem Kopf, aber wenn ich aufwache, ist er nicht mehr da und es tut so weh. Ich frage mich immer wieder, ob ich jemals wieder glücklich sein werde. Und alle sagen mir einfach nur, dass das alles normal ist, dass Heilen Zeit braucht und das ganze Zeug. Es ist sehr lästig, nicht wahr?"
„Das kannst du laut sagen", erwiderte Harry.
„Jedenfalls", fuhr George fort und strich sich nervös mit der Hand durchs Haar. „Ich schätze, ich will dir dafür danken, dass du mich davon abgehalten hast, du weißt schon, Zombies zu erschaffen."
Harry zuckte nur mit den Achseln. Er schämte sich fast für das, was er vorhin über George gedacht hatte, doch ihm fiel nichts zum Erwidern ein. Offensichtlich wollte George keine der üblichen höflichen Beileidsfloskeln mehr hören, mit denen die Leute immer aufwarteten. Alles, das Harry tun konnte, war, seine persönliche Erfahrung zu teilen, die sehr unbedeutend wirkte neben der Leere, der sich George nun jeden Tag stellen musste.
„Als Sirius gestorben ist", sagte er zögernd, „habe ich Dumbledores Büro verwüstet. Ich habe ihn angebrüllt und mit Sachen um mich geschmissen."
„Hast du dich hinterher besser gefühlt?", fragte George mit einem matten Lächeln.
„Nicht wirklich."
Georges Augen füllten sich mit Tränen und Harry konnte seinen Anblick nicht mehr ertragen. Doch sie standen einander gegenüber und es gab kein Entkommen.
„Ich wollte nur… ich wollte ihn nur zurückholen, weißt du? Ich dachte, es müsste möglich sein. Und sie sagen alle solche Sachen über dich. Deshalb dachte ich, du hättest vielleicht die Antwort und dass ich es aus dir herausquetschen könnte. Aber das ist lächerlich. Ich meine, schau dich nur mal an. Du bist kaum jemand, den ich als unzerstörbar bezeichnen würde."
„Ich sehe nicht unsterblich aus?", fragte Harry in dem Versuch, fröhlich zu klingen.
„Eigentlich siehst du eher wie ein Zombie aus", erwiderte George scherzhaft.
Harry konnte nicht sagen, was über ihn gekommen war. Er wollte die richtigen Worte des Trosts finden. Er wollte Georges Schmerz lindern. Er wollte ihn wieder lachen hören. Was er sagte, kam wie ein Strom aus seinem Mund, als wäre es eine unaussprechbare Wahrheit, die er schon lange Zeit hatte loswerden wollen.
„Es war der Schutz meiner Mutter, der mich gerettet hat. Sie gab ihr Leben, um mich zu beschützen, und das hat eine Spur in meinem Blut hinterlassen. Danach ist Voldemorts Fluch abgeprallt und er hat seine Macht verloren. Es war alte Magie. Er hat es nicht kommen sehen. Sogar jetzt trage ich immer noch den Schutz, aber ich kann genauso sterben. Ich bin nicht unsterblich oder so. Und ich bin auch nicht von den Toten auferstanden. Es war zwar sehr knapp, aber ich bin auf dieser Lichtung niemals wirklich gestorben. Dumbledore hat einmal zu mir gesagt, dass keine Magie die Toten zurückbringen kann, und ich schätze, das ist wahr. Und es wäre auch nicht richtig. Verstehst du, was ich meine?"
George schien einen Moment lang schockiert und dann änderte sich sein Gesichtsausdruck. Er brachte ein Lächeln zustande, das matt war, aber aufrichtig.
„Ich befürchte, jetzt bist du kein solches Mysterium mehr", scherzte er. „Das ist zu schade, denn ich glaube, das ist der Grund, weshalb meine Schwester dich mag."
„Ginny mag mich, weil ich ein Mysterium bin?", fragte Harry ein wenig verblüfft.
George trat einen Schritt vor und legte Harry eine Hand auf die Schulter.
„Meine Schwester mag dich, weil du Rons bester Freund bist, Kumpel."
Und zu diesen verwirrenden Worten zwinkerte George ihm schelmisch zu und verließ den Raum.
Harry grübelte immer noch über die Bedeutung von Georges letztem Satz, als er die Küche betrat, wo Ron allein am Tisch saß, über ein langes Stück Pergament gebeugt, das eng beschrieben war. Harry war so in seine Gedanken vertieft, dass er kaum bemerkte, wie Mrs. Weasley ihn umarmte und ihm einen großen Becher Kaffee in die Hand drückte.
„Oh du meine Güte! Schau dir deine Hände an!", rief Rons Mutter plötzlich.
Bevor Harry realisieren konnte, was los war, hatte sie ihm den Becher abgenommen und untersuchte seine Handflächen mit entsetzter Miene.
„Ich hatte noch keine Zeit, mich darum zu kümmern", sagte er behutsam.
„Diptam wird seinen Zweck erfüllen. Nur zwei oder drei Stunden und deine Hände werden so gut wie neu sein."
„Zwei oder drei Stunden?"
Doch es gab keine Widersprüche bei Mrs. Weasley. Schon bald darauf saß Harry neben Ron, beide Hände in eine Flüssigkeit mit Pfefferminzgeruch getaucht.
„Neuigkeiten von Hermine?"
Zu Harrys Überraschung ließ Ron hastig das Pergament vom Tisch verschwinden und rollte es mit beiden Händen zusammen.
„Ich wollte dich nicht unterbrechen", sagte Harry grinsend.
Rons Gesicht war leicht errötet.
„Hermine hat mir von ihren Eltern erzählt. Hast du gewusst, dass sie am Anfang gar nicht wollten, dass sie nach Hogwarts geht? Sie haben ihr einen nagelneuen Compitter gekauft in der Hoffnung, dass sie ihre Meinung ändern würde. Sie hätte auf jede Schule in England gehen können."
„Computer, Ron", korrigierte Harry ihn. Er verkniff sich ein Lachen.
„Jedenfalls, sie wollte Naturwissenschaften studieren. Sie war gar nicht davon überzeugt, dass sie eine Hexe war. Sie sagt, die Hogwarts- Broschüre ist nicht besonders gut im Vergleich mit denen, die sie von den Muggle- Schulen bekommen hat. Aber scheinbar haben sie ein Exemplar von Eine Geschichte von Hogwarts mitgeschickt. Und dieses Buch war es, das sie dazu gebracht hat, sich für die Schule der Zauberei zu entscheiden."
„Was noch ein Grund dafür ist, dieses bescheuerte Buch zu würdigen", kommentierte Harry.
„Es ist trotzdem übermäßig langweilig", sagte Ron spitz. „Aber kannst du dir Hermine in einer Schule mit Muggle vorstellen? Ich meine, sie ist die größte Hexe in unserem Alter."
„Und sie wäre wahrscheinlich genauso herausragend in der Muggle- Welt gewesen, Ron, mein Lieber", warf Mrs. Weasley ein, während sie Harrys Hände begutachtete.
„Es wäre eine verdammte Verschwendung von Talent gewesen, wenn du mich fragst", erwiderte Ron mit einem bedeutungsvollen Blick zu Harry.
„Ich glaube, du bist verliebt, Ron."
Harry spürte, wie sein Herz einen Satz in seiner Brust machte, als Ginny den Raum betrat. Sie trug einen langen schwarzen Umhang und hatte ihr rotes Haar elegant zurückgebunden. Percy stand neben ihr, ebenfalls in Schwarz gekleidet.
„Wohin geht ihr?", fragte Harry erstaunt.
„Erinnerst du dich noch an Penelope Clearwater?", sagte Ginny.
Harry nickte, obwohl er nur noch ein vages Bild von dem Mädchen vor Augen hatte, mit dem Percy in Harrys zweitem Schuljahr gegangen war.
„Ihr Vater war vermisst worden. Sie haben vor ein paar Tagen seinen Leichnam gefunden und heute ist die Beerdigung. Ich habe sie nicht wirklich gekannt, aber ihr Bruder Martin war in meinem Jahrgang und in Gryffindor. Alle werden da sein."
Harry fühlte sich etwas niedergeschlagen. Er hatte sich darauf gefreut, einen gesamten Tag mit Ginny zu verbringen. Nun realisierte er, dass sie andere Verpflichtungen hatte, genau wie er.
„Gibt es etwas, das ich tun kann?"
„Nein, ist schon gut."
Sie beugte sich vor, um ihn leicht auf die Lippen zu küssen, und Harrys Welt schien wieder zu einer Blase zu schrumpfen, die nur sie beide enthielt. Als er aufsah, glaubte er zu sehen, wie Ginny einen funkelnden Blick mit ihrer Mutter wechselte.
„Was ist los?", raunte Harry in ihr Ohr.
„Ist nicht wichtig", erwiderte sie und ignorierte nun absichtlich den Blick ihrer Mutter. „Wir sind vor dem Abendessen zurück. Wirst du dann noch hier sein?"
„Was? Natürlich werde ich hier sein."
Er wollte sie fest an sich ziehen und sie niemals loslassen, doch er hing an einer Schüssel voll Diptam. Alles, was er tun konnte, war sie anzustarren, als sie durch die Vordertür das Haus verließ, dicht gefolgt von Percy.
Mrs. Weasley machte sich daran, die Post durchzugehen, und Ron war ins Wohnzimmer geflüchtet, um Hermines Brief zu Ende zu lesen. Harry war also allein gelassen mit seinen Gedanken und Georges Worten, die mit zunehmender Beharrlichkeit in seinem Kopf widerhallten. Ginny mag mich, weil ich Rons bester Freund bin? Das heißt überhaupt nichts. Sie würde nicht mit mir gehen, nur weil es sich anbietet. So etwas sieht Ginny nicht ähnlich. Sie hätte jeden anderen Kerl haben können…
Doch die Vorstellung von Ginny vor einer endlosen Schlange von Kerlen, die alle auf die Gelegenheit warteten, mit ihr auszugehen, war ganz und gar nicht beruhigend.
