Kapitel 9
Ron fiel mit einem lauten Poltern auf den Tisch.
„Was ist passiert?", sagte Hermine und sah von Ron zu Harry. Sie war in einem panischen Zustand.
„Slughorn hat versucht, Harry zu erwürgen", murmelte Ron, während er sich den Kopf rieb.
„Nein, hat er nicht", erwiderte George nüchtern. „Aber er war nicht bei Verstand."
„Was war das gerade?", raunte Ginny in Harrys Ohr.
„Professor Slughorn war hier?"
„Ja und er hat einen phänomenalen Abgang gemacht", sagte George mit einer gewissen Bewunderung in der Stimme. Er hielt die zerbrochenen Stücke der Phiole in der Hand und untersuchte gerade eine graue Substanz an seinen Fingerspitzen. „Unglaublich! Sofortige Dunkelheit! Das ist eine Art von Pulver, wie Asche, und riecht nach angebranntem Toast. Ich muss herausfinden, was das ist."
„Harry, jemand war bei mir zu Hause", warf Hermine ein. Ihre Aufregung schien immer mehr zuzunehmen. „Und dieser Jemand hat nach etwas gesucht."
Harry sah von Hermine zu den beiden Menschen, die hinter ihr standen. Beide waren groß und schlank. Hermines Mutter fröstelte leicht. Ihr Vater hielt seine Frau sanft an den Schultern und warf immer wieder nervöse Blicke zur Tür.
„Ich habe einen Eindringlingalarmzauber auf das Haus gelegt, als wir heute Morgen zum Frühstück weggegangen waren, nur für den Fall. Der Türknauf soll blau scheinen, wenn es einen ungebetenen Gast drinnen gibt. Er glühte, als wir zurückkamen. Ich ließ meine Eltern im Wagen warten und bin hineingegangen."
Rons Kieferlade fiel herab.
„Was? Bist du wahnsinnig? Das war viel zu gefährlich!"
„Ich hatte den Überraschungsmoment auf meiner Seite, Ron", verteidigte Hermine sich. „Und ich hatte meinen Zauberstab dabei. Wie auch immer, ich hörte ein Geräusch vom oberen Stockwerk, wo mein Zimmer liegt. Die Tür war nur leicht geöffnet und ich sah…"
Sie hielt inne und ein Schauer schien durch ihren Körper zu fahren. Sie sah blass und erschöpft aus. Ron nahm ihre Hand in seine und zog sie näher an sich in dem Versuch, so beruhigend wie möglich zu sein. Harry war diese neue Ebene der Vertrautheit nicht ganz gewohnt und wandte verlegen den Blick ab.
„Also, was hast du gesehen?", fragte er nach ein paar Sekunden.
Ron warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.
„Lass ihr doch mal einen Augenblick, ja?", blaffte er.
„Ist schon gut, Ron. Es ist wie das, was du im Wald gesehen hast, Harry. Es wirkte nicht menschlich. Da hingen lange Stücke von Fleisch mitten in der Luft. Es hatte nur ein Auge. Es ist herumgeglitten, wie ein Dementor, oder wie… wie Voldemort."
Ron schloss sie in die Arme, doch sie schluchzte nicht. Sie legte für einen kurzen Augenblick ihren Kopf auf Rons Schulter und dann löste sie sich von ihm und wandte sich zu Harry.
„Ich… ich glaube, es hat mich gesehen. Ich bin die Treppe runtergerannt und schoss einen Lähmfluch über meine Schulter. Was auch immer es war, ich glaube nicht, dass es uns gefolgt ist. Wir fuhren den ganzen Weg hierher, ohne uns umzudrehen. Aber, Harry, diese Kreatur hat nach etwas gesucht."
„Dein ganzes Zeug ist hier", sagte Ron achselzuckend. „Warte! Vielleicht hat es nach meinen Briefen gesucht! Da könnten nützliche Informationen drin gestanden haben."
„Das gleiche habe ich mir auch gedacht", erwiderte Hermine und lächelte Ron stolz an.
„Gut, dass wir so vorsichtig waren", fügte er mit einem vergnügten Blick zu Harry hinzu. „Es gibt keine Gefahr, dass irgendjemand etwas über diese Briefe erfahren wird. Hermine und ich haben einen Verschleierungszauber auf unsere Briefe gelegt, außerdem teilen wir Informationen in Codes mit. Harry, du bist mein Cousin Jimmy aus Guildford…"
„Wäre es aber nicht einfacher gewesen, eine Eule, die dein Haus verlässt, abzufangen?", warf Ginny ein. „Das war eine gewöhnliche Sache letztes Jahr."
Harry hatte fast vergessen, dass noch andere Leute bei ihnen in der Küche waren, doch Ginnys Einmischung in die Unterhaltung hatte ihn wieder in die Realität gebracht. Ron und Hermine schienen jedoch nicht zu bemerken, dass er bedeutungsvoll zum Flur schaute. Sie lauschten Ginny aufmerksam.
„Ich meine, eine Menge Eulen wurden letztes Jahr getötet. Die Eulerei war fast leer. Wenn man einen Brief abschickte, konnte man sich sicher sein, dass die Antwort mit einer anderen Eule kommen würde. Wir haben Pigwidgeon nur noch, weil ich mich geweigert habe, ihn zu benutzen, Ron."
„Vielleicht hast du Recht", sagte Hermine angespannt, „aber ich verstehe nicht, warum jemand mein Zuhause durchsuchen sollte."
Sie warf einen Blick zu ihren Eltern. Sie standen immer noch zögerlich in der Tür. Harry gefiel es nicht, Hermine so besorgt zu sehen, doch der Fuchsbau war wahrscheinlich der sicherste Ort für ihre Familie im Augenblick. Es lagen permanente Schutzzauber auf dem Haus, die damit zusammenhingen, dass Harry viel Zeit dort verbrachte. Rons Zuhause war ein sicherer Unterschlupf. Doch für wie lange?
„Was wollte Slughorn überhaupt?", fragte Hermine nach ein paar Minuten.
„Harrys Arm untersuchen", antwortete Ron. „Und er ist echt ausgerastet, als Harry Nein gesagt hat."
„Eigentlich", sagte Harry, „glaube ich, dass er wütend geworden ist, nachdem ich Destina Nobilis erwähnt hatte."
Hermines Gesicht wurde noch blasser, falls das überhaupt möglich war.
„Oh, Harry, das hättest du nicht tun sollen!"
„Wovon redet ihr drei da?", wollte Ginny wissen. Sie wirkte verärgert. „Was geht hier vor sich?"
Harry konnte ihr nicht antworten. Slughorns Worte hallten noch in seinem Kopf nach. Du hast keine Ahnung, worauf du dich da einlässt. Du solltest dich wieder hinter deine Bücher verkriechen, Potter. Du wirst es nötig haben. Was für Informationen Hermine auch bezüglich Destina Nobilis hatte, es war definitiv der erste Hinweis, den sie verfolgen mussten. Und Harry war nicht sicher, ob er Ginny im Moment einweihen wollte. Er musste allein und auf der Stelle mit Ron und Hermine sprechen.
„Vampirasche!", rief George plötzlich triumphierend.
„Erstaunlich!", sagte Percy, der die Überbleibsel der Phiole in Georges Hand mit großem Interesse betrachtete. „Ich glaube, du hast Recht, George. Das ist wirklich wertvoll und illegal."
„Ich hätte nicht gedacht, dass es möglich ist, an so etwas heranzukommen", fuhr George fort, sichtlich unbeeindruckt von der Illegalität der Substanz. „Ich habe es zuerst für Peruvisches Finsternispulver gehalten, aber es gibt ein paar Unterschiede. Die Beschaffenheit und der Geruch sind verschieden und die besondere Eigenschaft von Vampirasche besteht darin, dass es nicht nur kurzzeitige Dunkelheit hervorruft, sondern die Person, die es freigibt, kann eine ganze Minute lang die Zeit anhalten. Es ist dunkle Magie, das ist mal sicher. Ich frage mich, wo Slughorn…"
„Die Zeit anhalten?", unterbrach Harry, den plötzlich Panik packte. „Du meinst, dass Slughorn eine ganze Minute hatte, um aus dem Haus zu fliehen?"
„Ja. Das ist auch der Grund, warum es illegal ist. Alles, was mit Zeit zu tun hat… Wohin geht ihr?"
Doch Harry, Ron und Hermine rannten bereits die Treppe hinauf. Sie platzten mit solcher Wucht in Rons Zimmer, dass die Tür fast aus den Angeln fiel.
„Was zur…?"
Ron erstarrte auf der Stelle. Er schien ziemlich entsetzt von dem Anblick seines Zimmers, das völlig verwüstet war. Die Schubladen waren auf dem Boden aufgetürmt und ihr Inhalt überall ausgebreitet. Die Poster waren von den Wänden gerissen worden. Die Bilderrahmen waren zerbrochen. Kleine Bälle von Staub schwebten träge herum, als hätte jemand das Zimmer mit einem Besen gefegt.
Harry hatte es schon mal erlebt, dass seine Habseligkeiten durchwühlt worden waren, deshalb war er nicht so schockiert wie Ron.
„Ich kann nicht glauben, dass es noch hier ist", sagte er, während er die Souvenirbox unter dem Bett hervorzog und behutsam ihren Inhalt herausnahm.
„Vielleicht hat Slughorn nach etwas anderem gesucht", schlug Ron vor. Er starrte ein Chudley- Cannons- Poster an, das in zwei Hälften gerissen worden war.
„Und ich glaube, er hat es gefunden", erwiderte Hermine. „Accio Buch der Alten Runen für Fortgeschrittene", rief sie und wedelte mit ihrem Zauberstab.
Nichts regte sich im Zimmer, doch sie hörte entfernte Fußschritte auf sie zukommen. Harry wusste, dass es Ginny sein musste, weshalb es ihn schmerzte, die Tür zuschließen zu müssen. Doch es war von höherer Priorität, ein neues Versteck für den Stein und den Elderstab zu finden, bevor noch jemand versuchte, sie in die Hände zu bekommen. Und sie hatten keine Zeit, Ginny in den Plan einzuweihen.
„Muffliato", sagte er und wedelte ungeduldig mit dem Zauberstab.
„Das hat jemand mit Absicht getan", murmelte Ron vor sich hin, während er die Teile seiner Poster aufhob. „Gar kein Respekt…"
„Es war wahrscheinlich, um uns einen falschen Eindruck zu vermitteln", sagte Hermine mitfühlend.
„Was ist mit deinem Lehrbuch, Hermine?", fragte Harry drängend. „Macht es etwas? Was ist mit dem…?"
„Ja, es macht etwas, Harry, wenn du mehr über das Mal auf deiner Brust wissen möchtest."
Harry war bestürzt. Wenn Hermine davon wusste, hieß es, dass Slughorn es ebenfalls bemerkt hatte.
Ginny klopfte beharrlich gegen die Tür. Harry würde alles dafür geben, diesem neuen Unheil zu entfliehen, das plötzlich über ihn gekommen war. Für einen flüchtigen Moment erwog er, Ginny die Tür zu öffnen und ihr alles zu verraten, das geschehen war.
„Was für ein Mal?", wollte Ron wissen. Er stieg über einen Haufen Kleidung hinweg und setzte sich zu Harry auf den Boden, der die Tür anstarrte.
Jetzt war wahrscheinlich keine gute Zeit dafür, in einen langen Erzählbericht der Ereignisse des letzten Jahres für Ginny einzusteigen.
Harry drehte sich zu Ron und knöpfte ein Stück seines Shirts auf, worauf das schwarze Mal auf seiner Brust zum Vorschein kam. Der Ausdruck auf dem Gesicht seines Freundes war nicht so überrascht, wie er gedacht hatte, doch er war trotzdem bestürzt.
Alle Gedanken an die zerrissenen Poster schienen vergessen. Ginnys Klopfen echote immer noch im Zimmer, was noch zusätzlich zu Harrys Unbehaglichkeit beitrug.
„Das kann nichts Gutes sein, Kumpel. Du hättest was sagen sollen."
„Er hat Recht, weißt du", sagte Hermine. Sie setzte sich ebenfalls im Schneidersitz auf den Boden. „Du kannst es nicht einfach ignorieren, Harry."
Ginnys lautes Hämmern an der Tür hörte abrupt auf. Sie brüllte ein wütendes „Schön!" und ging mit stampfenden Schritten davon.
„Lasst uns erst mal die Dinger verstecken, ok?", sagte Harry ungeduldig. „Sag mir, dass du ein Versteck im Sinn hast, Hermine, bitte."
„Naja, ich denke, wir haben es vielleicht von einer falschen Sichtweise betrachtet", begann Hermine, während sie Harrys Blick zur Tür folgte. „Vielleicht sollten wir nicht nach einem Ort für die Gegenstände suchen, sondern nach einer Person."
„Du meinst wie ein Geheimniswahrer?"
„Das ist genial!", sagte Ron mit einem Seufzer der Erleichterung. „Wie stellen wir das an?"
„Ich bin nicht sicher…"
„Das dachte ich mir schon, Harry", sagte Hermine. Sie legte eine Hand auf seine Schulter. „Denkst du an deine Eltern?"
„Ich würde einfach nicht wollen, dass jemand von euch wegen Informationen gefoltert wird. Einmal hat gereicht", gestand Harry und sah ihr ins Gesicht.
Er konnte sich immer noch an Hermines Schreie erinnern, als sie mit dem Cruciatus- Fluch belegt worden war, und von dem Gesichtsausdruck von Ron zu schließen, hatte sein Freund es ebenfalls nicht vergessen.
„Das ist auch der Grund, warum ich angefangen habe, jede andere Referenz, die ich zu den Heiligtümern des Todes und der Geschichte der Drei Brüder finden konnte, zu recherchieren. Ich dachte, vielleicht würde es einen Hinweis geben und da war tatsächlich einer."
„In deinem Buch der Alten Runen", schloss er für sie.
„Ich wusste, dass ich es hätte bei mir behalten sollen. Wie konnte ich nur so blöd sein?"
„Wir machen dir keine Vorwürfe, Mine", sagte Ron und tätschelte ihr den Rücken.
„Es gibt eine ältere Version der Geschichte der Drei Brüder in diesem Buch, aber es ist für Fortgeschrittene und dauert einfach lange Zeit zum Übersetzen. Ich dachte, ihr beide würdet mir helfen."
Ron warf Harry einen nervösen Blick zu.
„Naja, wir haben es versucht, aber du weißt ja, dass es Runen waren."
„Wie auch immer", fuhr Hermine fort, Rons Kommentar ignorierend, „wie in vielen Mythen und Legenden können wichtige Details verloren gehen. In Antiken Runen zum Beispiel wird die wörtliche Bedeutung des Wortes „Sterben" zu „Er wusste, was war und was sein würde und was gewesen war." Und was am wichtigsten ist, der Tod ist oft personifiziert, wie in der Geschichte der Drei Brüder."
In ihrer Erklärung klang eine Endgültigkeit wider, als hätte sie ihnen die Antwort gegeben.
„Tod ist eine Person?", wiederholte Ron ungläubig. „Du willst, dass wir… den Tod suchen."
„Die Heiligtümer dem ursprünglichen Erschaffer zurückgeben", fuhr Harry fort. „Wie stellen wir das an?"
Plötzlich schien die Idee eines Geheimniswahrers gar nicht so schlecht.
„Ich weiß nicht, Harry."
„Und was ist jetzt Destina Nobilis?"
„Das ist der Titel. Die Geschichte der Drei Brüder in Alten Runen heißt Destina Nobilis. Dadrunter steht die Anmerkung „Das Schicksal hat dem Menschen eine geduldige Seele geschenkt"."
„Weißt du denn, was wir zu tun haben?", fragte Ron aus heiterem Himmel.
Hermine zuckte die Achseln.
„Wir müssen mit der einzigen lebenden Person sprechen, die so viel von den Heiligtümern des Todes weiß."
Zumindest war die Situation nicht aussichtslos, was genug war, um Harry ein Lächeln zu entlocken. Es war nicht viel, aber sie hatten einen Plan.
Hermine schien dasselbe zu denken. Sie lächelte Ron mit zunehmender Zärtlichkeit an. Sie sagten alle drei im Chor: „Xeno Lovegood."
