Kapitel 11
„Er wusste, was war und was sein würde und was gewesen war", echote eine Stimme.
Seine Brust fühlte sich eisig an. Er war von Angst gepackt. Schatten huschten vor seinen Augen vorbei wie stumme Gespenster: Cedrics leblose Miene, Dumbledore auf dem Gras ausgestreckt, Sirius' leere Augen, sein Körper, der durch den Schleier fiel, ins Nichts fiel…
„Nur einer kann durch das Tor gehen", lachte ein Mann. „Dumbledores Ritter! Wir werden sehen."
Und dann hob sich der Nebel von seinen Augen und er fand sich selbst auf einem polierten dunklen Holzboden wieder.
„Wo sind wir?"
„Was ist passiert?"
„Harry?", sagte Ginny. Sie beugte sich so nah zu ihm herunter, dass er ihr Haar riechen konnte.
„Geht es allen gut? Sind alle versorgt?", fragte er. Er stand ruckartig auf. „Oh, tut mir leid!"
Er war mit Ginnys Kopf zusammengestoßen. Sie rieb sich ihre Stirn mit der einen Hand.
„Wir sind alle hier. Danke, mein Lieber", antwortete Mrs. Weasley.
„Aber die Frage ist, wo ist hier?", sagte George.
Während er sich aufrappelte, mit der Hilfe von Ginny, musste Harry zugeben, dass er selbst etwas verwirrt war. Er hatte erwartet, auf eine dicke Staubschicht gestürzt zu sein, doch stattdessen war der ganze Raum makellos.
„Oh, Harry!", rief Hermine. „Ich liebe es, was du aus dem Haus gemacht hast!"
Sie standen alle in der Küche vom Grimmauldplatz Nr. 12. Es war jedoch kaum wiederzuerkennen. Auf dem ersten Blick hätte Harry schwören können, dass es das falsche Haus war. Die Möbel waren nicht länger alt und schäbig. Die Wände sahen aus, als wären sie frisch gestrichen. Über den Fenstern hingen dicke burgunderfarbene Vorhänge und in den Glasschränken lag blitzende weiß- goldene Tafelware. Ein glänzender Kerzenleuchter hing über dem Esstisch und legte ein warmes Licht über den dämmrigen Raum.
„Grimmauldplatz! Ich habe es kaum wiedererkannt. Wie wunderbar! Ich habe es nie so sauber bekommen", sagte Mrs. Weasley, dem Anschein nach entzückt.
„Willkommen im Hauptquartier, Perce!", sagte George fröhlich und klopfte seinem Bruder auf den Rücken. „Das erste Mal hier, glaube ich."
„Sirius Blacks Haus?", fragte Percy ungläubig. „Ich dachte, ihr habt gesagt, dass es kein sicheres Versteck mehr ist."
„Eigentlich ist es Harrys Haus", sagte Hermine, die sich anerkennend umschaute.
„Es war nicht sicher, letztes Jahr herzukommen, Sohn", sagte Mr. Weasley. „Aber ich schätze, jetzt ist es halbwegs in Ordnung. Harry hält es offenbar für sicher. Was sagst du, Harry?"
Sie wandten sich alle um und starrten ihn an. Die Ebene der Besorgtheit schien erheblich gesunken zu sein seit ihrer Ankunft im Grimmauldplatz, doch die Zeichen der Anstrengung und Erschöpfung waren deutlich zu sehen an allen Weasleys, vor allem an Rons Dad, der sich jetzt gegen einen Stuhl lehnte, aber immer noch in Harrys Richtung lächelte. Hermines Eltern sahen blass und kränklich aus, wie Dudley nach seiner ersten Begegnung mit Dementoren. Ginny war die einzige, die fast unberührt von dem Angriff schien.
„Hör zu, das tut mir alles echt leid…"
„Unsinn, Harry", erwiderte Rons Dad, bevor Harry seinen Satz beenden konnte. „Ich glaube, wir haben dir unsere sehr knappe Flucht zu verdanken."
„Dementoren, in unserem Haus!", jammerte Mrs. Weasley. Sie klappte auf einem der vielen Stühle um den Esstisch herum zusammen und seufzte tief.
„Hermine hat uns von diesen Kreaturen erzählt", meldete Mrs. Granger sich zu Wort, „aber sie hat nicht gesagt, dass es so schlimm sein würde… Argh! Was ist das?"
Hermines Mutter war beinahe auf Kreacher getreten, der, wie Harry realisierte, die Stühle für sie ausgezogen hatte, damit sie sich setzen konnten. Er glaubte, den Elfen „wertloser Dreck" vor sich hin murmeln zu hören, doch er erwähnte es nicht, da Hermine bereits einen Wirbel um Kreacher veranstaltete.
„Das ist Kreacher, Mum, und er hat Gefühle, weißt du. Nein, das mache ich schon, Kreacher", sagte sie und riss einen Stuhl aus seinen Händen, worauf Kreacher sich mit einem unfehlbaren Höhnen tief verbeugte und in einer schattigen Ecke des Zimmers verschwand.
Harry konnte nicht anders, als sie alle anzustarren. Die Erinnerung an die anklagenden Geister und traumähnlichen Stimmen kam wieder an die Oberfläche. Und was war mit seinem Patronus geschehen? War der Elderstab die Ursache von allem Seltsamen, das ihm zustieß? Er konnte die Weasleys nicht deswegen leiden lassen. Sie hatten seinetwegen schon so viel durchmachen müssen. Er schwor sich insgeheim, dass der Angriff der Dementoren der letzte Anschlag auf die Leben der Weasleys gewesen sein würde. Er musste handeln. Doch zuerst brauchten sie Ruhe. Er brauchte Ruhe. Er fühlte sich so kalt, so schuldbewusst und er schämte sich so. Er konnte es nicht ertragen, Mr. und Mrs. Weasley in die Augen zu sehen. Deshalb gab er vor, die Möbel und Tafelware zu begutachten.
„Hast du das alles getan, Kreacher?", sagte Hermine staunend. „Du hast tolle Arbeit geleistet!"
„Ich muss zugeben…", echote Ron. „Ich schätze, hier zu leben wird nicht mehr so schlimm sein."
„Tja, warum ziehst du dann nicht mit Harry ein?", keifte Ginny Ron an.
Harry drehte sich zu ihr um, doch sie wich seinem Blick aus und ging zum Tisch, wo sie sich zwischen George und Percy niederließ.
„Harry, schau dir die Uhr an!", sagte Hermine, die dem unbehaglichen Augenblick wahrscheinlich ein Ende setzen wollte. „Sie ist jetzt so schön. Wir haben sie noch nie so sauber gekriegt, weißt du noch? Oh! Ist es wirklich schon so spät?"
Ron stellte sich hinter sie und spielte abwesend mit ihrem Haar, während er die Uhr anstarrte.
„Die Uhr geht falsch", sagte er und hob eine Augenbraue. „Es war fünfzehn Minuten vor Mitternacht, als ich nach Dads Schwächeanfall im Wohnzimmer nachgeschaut hatte. Jetzt ist es vier Uhr morgens. Das kann nicht stimmen."
„Die Uhr des Meisters geht niemals falsch", zischte Kreacher von der Ecke des Zimmers.
„Es war fünf nach Mitternacht, als wir angefangen hatten, nach Harry zu suchen", sagte Hermine.
Harry trat ebenfalls näher an die Uhr heran.
„Naja, ihr hattet ja nicht sehr weit suchen müssen oder?", sagte er gedankenverloren. „Ich war in Rons Zimmer."
„Nein, warst du nicht", erwiderte Ron. „Du warst erst da, als wir das dritte Mal dort nachgesehen hatten. Wir dachten, die wärst verschwunden, Kumpel. Und übrigens musst du echt damit aufhören."
„Wir sollten diese Uhr reparieren", sagte Hermine ein wenig besorgt. Dann sah sie auf die Uhr und sagte: „Meine Armbanduhr zeigt auch vier Uhr morgens an. Hat das noch jemand auf seiner Uhr?"
Einer nach dem anderen bestätigte die Zeit, worauf Hermines Gesicht eine verwirrte Miene annahm. Es war jedoch Kreacher, der zuerst das Wort erhob.
„Die Uhr des Meisters geht niemals falsch. Meister sollte keine Dunkle Magie betreiben, wenn er nicht will, dass ihm die Zeit entschlüpft."
Hermine schlug die Hand vor den Mund.
„Harry, ich glaube, er könnte Recht haben", stieß sie hervor. „Dieser Zauber, den du ausgeführt hast, hat sich nicht nach Apparieren angefühlt. Und er hat den Anti- Apparier- Zauber auf Rons Haus durchbrochen. Was hast du getan?"
Harry warf einen Blick zum Speisetisch und sah, wie die anderen aufmerksam lauschten. Der Elderwand steckte in seiner Tasche, doch er konnte es ihnen nicht sagen. Er wollte sie beschützen. Es hatte schon zu viele Angriffe gegeben.
„Lass uns nicht jetzt darüber reden, okay?", sagte er nervös.
Er wandte sich zu der dunklen Ecke des Zimmers, wo er wusste, dass der Hauself verborgen stand.
„Kreacher, wir brauchen Schokolade, genug für alle hier."
Man hörte ein leises Popp- Geräusch und der Elf tauchte einen Augenblick später mit einem glänzenden Tablett voll dunklen Trüffel und zehn Tassen heißer Schokolade wieder auf, die alle angenommen, aber nicht mehr als zur Hälfte ausgetrunken wurden. Harry nahm nur einen Schluck aus seinem Krug. Es war nicht, dass etwas mit dem Geschmack nicht stimmte, sondern seine Kehle war noch zugeschnürt von Sorge und Furcht, so dass er nicht mehr hinunterbekam. Er wandte sich an die Gruppe, die am Speisetisch saß, und sagte in einem, wie er hoffte, unmissverständlichen Tonfall:
„Hört zu, es gibt eine Menge Räume und ich möchte, dass ihr euch alle hier wie zu Hause fühlt. Kreacher wird für alles sorgen, das ihr braucht. Es ist eine lange Nacht gewesen. Ich glaube wirklich, dass wir alle ins Bett gehen sollten."
„Ich nicht", sagte George entschlossen. „Ich gehe zurück, wenn ich die Schokolade ausgetrunken habe. Ich werde mir den Bastard schnappen, der uns diese Monster auf den Hals gehetzt hat."
„Ich komme mit dir", sagten Ginny und Percy gleichzeitig.
„Nein, das ist zu gefährlich", erwiderte Rons Dad, der seine Kinder mit seinem strengsten Blick bedachte.
„Ich stimme Mr. Weasley zu", sagte Harry und er glaubte zu sehen, wie Hermines Kieferlade vor Überraschung herunterklappte. „Wir können jetzt im Augenblick nichts unternehmen. Und wir können auch nicht alle zurückgehen."
„Was?", rief George ungläubig.
Doch Harry hatte sich schon einen Plan überlegt und er fühlte sich zuversichtlich genug, dass er sich nicht von George oder Percys Bitten umstimmen ließ. Die Gefahr der Situation war nicht von der Hand zu weisen. Jemand musste sich hervortun und die Richtung angeben, um jegliche voreilige Entscheidung zu verhindern, die zu weiteren Tragödien führen könnte.
„Ron, Hermine und ich werden gehen, weil es das Zeug betrifft, das Dumbledore uns letztes Jahr aufgetragen hat", sagte er mit dem selbstsichersten Tonfall, den er aufbringen konnte.
Er war froh, als Ron und Hermine an seine Seiten traten, um ihre Unterstützung zu zeigen.
„Nie im Leben", erwiderte George. „Kein Dementor wird mich von meinem Zuhause fernhalten können."
„Du wohnst da nicht mehr", sagte Ron ungeduldig.
„Da sind Fred und ich aufgewachsen!"
Bei der Erwähnung von Fred verstummten alle. Nur das Ticken der Uhr war zu hören.
„George und Percy, ihr bleibt hier. Ihr werdet die Wächter des Grimmauldplatzes sein und alle Menschen hier stehen unter eurer Verantwortung, einschließlich Kreacher. Das Haus braucht neue Schutzzauber, also habt ihr viel Arbeit vor euch", sagte Harry.
Percy schien einverstanden und nickte.
„Du kannst mir nicht sagen, was ich zu tun habe", murmelte George vor sich hin.
„George, bitte", flehte Mrs. Weasley. „Kannst du nicht ein einziges Mal tun, was dir gesagt wird? Wir wollen dich nicht verlieren. Wir wollen nicht noch ein Kind verlieren. Ich könnte… ich kann es nicht ertragen! Es ist so furchtbar! Oh, Fred!"
Und mit diesem herzzerreißenden Ruf vergrub sie ihr Gesicht in den Händen und begann zu schluchzen, sofort gefolgt von Mrs. Granger und Hermine. Harry warf einen Blick zur Seite, um zu sehen, ob Ginny ebenfalls weinte, doch sie tat es nicht, genau wie er erwartet hatte. Sie wirkte entschlossener denn je. Ihre Hand war so fest um ihren Zauberstab geballt, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Harry glaubte, einen silbrigen Rauch um ihre Faust herumwabern zu sehen.
„Werdet ihr wieder untertauchen?", brachte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Nein, werden wir nicht. Wir kommen zurück, versprochen."
Er wollte etwas Tröstliches sagen, doch das Weinen brachte ihn aus der Fassung. Er fühlte sich erschöpft und kalt. Er versuchte es mit einem Schokoladentrüffel, doch es zeigte überhaupt keine Wirkung.
Als das Schluchzen allmählich erstarb, erhob Mr. Granger sich von seinem Stuhl, die Hand seiner Frau haltend, welche ebenfalls aufstand.
„Ich denke, wir nehmen dein Angebot an und gehen zu Bett, Harry."
„Gute Idee", sagte Mr. Weasley. Er stand auch auf, nahm sich aber die Zeit, eine weitere kleine Schokoladenkugel hinunterzuschlucken.
Mr. Weasleys Beispiel folgend, begannen sie alle, einer nach dem anderen den Raum zu verlassen. Als Harry sich zu Ginny umdrehte, war sie bereits gegangen. George fluchte vor sich hin und verschwand in den Korridor. Hermine warf Harry einen besorgten Blick zu, bevor sie den Raum verließ, um ihren Eltern ihr Zimmer zu zeigen.
„Also, was meinst du? Slughorn und die Dementoren. Gibt es da eine Verbindung?", fragte Ron leise, während er Hermine nachsah.
Er kaute an einem Trüffel und sein Schokoladenbecher war schon leer. Der Chudley- Cannons- Rucksack war über seine linke Schulter geschlungen und er ließ ihn hin- und herschwingen, wie er es mit seiner Schultasche in Hogwarts zu tun pflegte. Er schien sich völlig von dem Angriff erholt zu haben, wofür Harry dankbar war. Er brauchte jemanden, der richtig denken konnte.
„Vielleicht kann Slughorn Dementoren dazu bringen zu tun, was er will", erwiderte Harry mühevoll. „Ich frage mich, wie man ihnen Befehle erteilt hat. Wir müssen das herausfinden."
„Ich werde Hermine fragen", sagte Ron, als würde das alle Fragen in der Welt beantworten.
„In Ordnung", sagte Harry, halb lächelnd.
„Slughorn führt irgendetwas im Schilde. Wir müssen ihm auf die Spur kommen. Ich will Xeno Lovegood einen Besuch abstatten, wie wir gesagt haben, aber wir könnten auch…"
„Morgen früh, Kumpel", warf Ron ein. Er klopfte Harry auf den Rücken. „Es kann ein paar Stunden warten. Wir sind hier in Sicherheit, richtig? Also versuch, dich ein wenig zu entspannen, okay?"
Harry musste zugeben, dass Ron Recht hatte, doch der Gedanke ans Entspannen ließ ihn an Ginny denken und an ihre bitteren Kommentare über seinen Auszug. Irgendwie hellte das seine Stimmung nicht auf.
„Findest du es in Ordnung, wenn wir uns kein Zimmer teilen?"
Harry konnte seine Überraschung nicht verbergen. Es dauerte einen kurzen Moment, bis er realisierte, was Ron da fragte und war er möglicherweise im Sinn hatte.
„Oh, okay. Ich nehme Sirius' Zimmer."
„Danke, Kumpel."
Ron verließ den Raum und stieg die Treppe in Hermines Richtung hoch, zwei Stufen auf einmal nehmend. Langsam steuerte Harry auf sein eigenes Zimmer zu, während er sich fragte, ob er sich jemals daran gewöhnen würde, dass Ron und Hermine ein Paar waren. Und dann dachte er wieder an Ginny und überlegte, ob sie ihn einlassen würde, wenn er an ihrer Tür auftauchte. Doch er wusste nicht einmal, welche es war. Also ging er allein in sein Zimmer und schlief unruhig für gefühlte paar Minuten. Und obwohl die Sonne ihre warmen Morgenstrahlen durch sein Zimmerfenster warf, wachte er schaudernd vor Kälte auf.
