Kapitel 13
„Was denkst du, machen sie da oben?"
„Keine Ahnung", sagte Harry abwesend. Er sah zum gefühlten hundertsten Mal zur Treppe hoch.
Sie standen im engen Korridor in der Nähe der Eingangstür, bereit aufzubrechen. Ginny war wieder hochgegangen, um sich umzuziehen, und Hermine war ihr mit demselben Vorwand gefolgt.
Harry sah auf seine Armbanduhr und verdrehte die Augen. Er hatte schon das Gefühl, dass sie zu viel Zeit verschwendeten, und er konnte nicht begreifen, warum es so wichtig war, die Kleidung zu wechseln. Mädchen, dachte er mit einem genervten Seufzen.
„Ich weiß, was du meinst, Kumpel. Man will sie verfluchen, kann aber auch nicht ohne sie leben. Das nennt man wohl Ironie."
Harrys Lächeln zu Rons Kommentar war sehr matt. Die Unterhaltung am frühen Morgen hatte ihn ausgezehrt und er war selbst leicht erstaunt von seiner eigenen Reaktion. Er hatte nicht geplant, das schwarze Mal jemand anderem als Ron und Hermine zu zeigen, und ihnen auch nur, weil sie schon davon wussten. Außerdem hatte er auch nicht vorgehabt, so offen über die Heiligtümer zu sprechen. Vor ein paar Stunden waren seine beiden Freunde noch die einzigen gewesen, die in das wahre Wesen des Stabs, des Steins und des Umhangs eingeweiht waren. Nun war diese Information drei neuen Menschen anvertraut worden. In seinem Herzen wusste Harry, dass George und Percys Zuverlässigkeit über jeglichen Zweifel erhaben waren, doch ein kleiner Teil von ihm grübelte immer noch über den Ausdruck auf Georges Gesicht nach, als er den Anhänger an Hermines Hals gesehen hatte. Was Ginny betraf, war er nicht sicher, wie die Idee, sie in den Plan einzuweihen, sich einfügte. Es war fast natürlich gewesen, sie mitkommen zu lassen. Vielleicht war es ihre eigensinnige Miene gewesen, die ihn überzeugt hatte. Doch wie auch immer er empfand, er wusste mit Sicherheit, dass sie sich jetzt nie im Leben davon abbringen lassen würde.
„Hast du Angst?", fragte Ron aus heiterem Himmel, was Harry aus seinen Gedanken riss. „Ich meine, wenn ich du wäre, hätte ich Angst. Ich würde kein Tattoo auf meiner Brust wollen, außer vielleicht einem Drachen, der Feuer speit. Charlie hat einen Ungarischen Hornschwanz auf seinem Schulterblatt. Mum und Dad wissen natürlich nichts davon. Aber dieses Spiralding ist schon ein bisschen gruselig, oder?"
Harry zuckte die Achseln.
„Solange kein Bild von mir nackt im Tagespropheten erscheint, so dass alle es sehen können, komme ich damit klar."
„Meinst du, Hermine würde ein Tattoo bei mir gefallen?"
„Definitiv nicht."
Ron verstummte und warf einen nachdenklichen Blick zur Treppe. Harry konnte erkennen, dass sein Freund sich sehr darum bemühte, nicht allzu besorgt zu klingen, doch die Wahrheit war, dass Ron mehr Gründe hatte, sich Sorgen zu machen, als jeder andere. Seine Familie hatte viel mit Harry zu tun und das versetzte sie in eine gefährliche Position seit seinem ersten Jahr in Hogwarts. Der Verlust von Fred, die Folterung von Hermine vor nicht allzu langer Zeit und Mr. Weasleys Krankheit. Doch nichts davon hatte ihre Einstellung geändert und sie sorgten sich immer noch um Harry, als gehörte er zur Familie. Aber er hatte unwillkürlich Schuldgefühle dafür, dass sie wieder eingebunden waren. Rons Nervosität war völlig legitim, doch er konnte seinen Freund nicht bitten, bei seiner Familie zu bleiben, da er die Antwort dazu bereits kannte. Ron und Hermine würden es niemals akzeptieren zurückgelassen zu werden.
„Vielleicht sollte ich sie herbeirufen", sagte Harry mit einem Halblächeln, bemüht fröhlich zu klingen.
Sein Versuch an einem Scherz fiel recht platt aus. Ron nestelte an dem Verschluss seines orangefarbenen Rucksacks herum und sah düster drein.
„Erstaunlich, wie leicht sie wegen der Heiligtümer zu dem richtigen Schluss gekommen sind, oder?"
„Aber sie wissen noch nicht alles", wiederholte Harry, was vorhin schon gesagt worden war. „Ich denke, es ist besser, wenn sie noch nicht von den Horkruxen erfahren. Wir haben schon genug zu tun."
Es folgte ein Augenblick der Stille und dann ächzte Ron frustriert auf, was Harry fast vor Überraschung zusammenzucken ließ.
„Machst du dir überhaupt keine Gedanken über das Mal auf deiner Brust? Es ist so, als würde es dich gar nicht kümmern! Ich meine, du hattest ein Stück von Voldemorts Seele in dir und jetzt hast du dieses merkwürdige Symbol… Und du benimmst dich, als wäre es keine große Sache."
Harry hatte den Eindruck, dass Ron diesen Gedanken zurückgehalten hatte, seit er ihnen das schwarze Mal im Fuchsbau gezeigt hatte. Sie hatten sehr wenig über den Ausgang der Konfrontation zwischen Harry und Voldemort gesprochen. Er hatte seinen beiden Freunden nur die bloßen Tatsachen geliefert und er war nicht sicher, ob er bereit war, weiter in das Thema vorzudringen. Es steckten zu viele Folgerungen in dem, das Ron gerade ausgesprochen hatte. Harry hatte nicht gewagt, über all die Möglichkeiten nachzudenken, über die kleine Chance, dass Voldemort es gelungen sein könnte, einen oder mehrere Horkruxe vor seinem Ende erschafft zu haben. Und wenn es einen weiteren Horkrux gab, würde er es wissen? Würde er es spüren könnten? Würde er immer noch diese Verbindung fühlen? Was war, wenn seine Vision mit dieser Möglichkeit verknüpft war?
Nein, denk nicht daran. Denk nicht daran…, dachte er hastig und verdrängte es aus seinem Kopf.
„Es ist eine große Sache, Ron. Ich will, dass es vorbei ist, genau wie du, aber das ist es eben nicht. Ich versuche nur, einen klaren Kopf zu bewahren, das ist alles. Wir dürfen uns nicht ablenken lassen."
„Ich wünschte nur, du würdest in Panik ausbrechen oder so. Es ist nichts falsch daran, in Panik zu verfallen. Es ist normal."
„Du denkst, ich wäre nicht in Panik ausgebrochen?", blaffte Harry. Er hob die Stimme an. „Ich habe Angst! Mir ist kalt und ich kann nicht schlafen. Ich wurde angegriffen und angeschossen und ich habe Angst, dass einer von euch das nächste Mal verletzt wird. Ich fürchte um deine Familie, Ron. Da hast du es also: Panik."
„Was ist mit Voldemorts Seele und deinem Mal? Ich bin sicher, dass du glaubst, da könnte es eine Verbindung geben."
Harry holte tief Luft und rief sich die Vision in Erinnerung, die er in Rons Zimmer im Fuchsbau erlebt hatte. Die rennenden Fußschritte, das Entsetzen, die Angst davor, was er finden würde, obwohl er nicht wusste, was vor ihm lag. Das waren alles seine Gefühle gewesen, da war er sich sicher. Nicht Voldemorts. Seine. Er würde den Unterschied erkennen. Oder nicht?
„Er ist fort, Ron. Ich bin mir ganz sicher", sagte er so überzeugend, wie er konnte. Ron hob skeptisch beide Augenbrauen. „Sieh mal", fuhr Harry fort, „Hermine scheint darauf zu bestehen, dass das Mal mit den Heiligtümern in Verbindung steht. Das ist genug für mich. Lass uns einfach einen Weg finden, die Heiligtümer zu zerstören, und wir werden sehen, was mit dem Mal geschieht. Vielleicht gibt es gar keine Verbindung. Vielleicht ist es nur ein dummer Zauber."
„Mir gefällt einfach nicht die Vorstellung, dass Teile von Voldemorts Seele herumfliegen. Das ist alles", sagte Ron leise, eine gewisse Erleichterung in der Stimme. „Es macht mich einfach krank."
„Sie könnte nicht einfach herumfliegen, Ron. Sie kann nicht alleine leben. Sie braucht…"
Er wollte seinem Freund etwas Beruhigendes sagen, ihm einen Beweis liefern, dass Voldemort ein für alle Mal zerstört war, doch eine plötzliche Bewegung im schattigen Korridor hatte seinen Blick aufgefangen. Er trat einen Schritt näher zu Ron und raunte: „Hast du das Gefühl, dass wir beobachtet werden?"
Ron zuckte zusammen und wirbelte herum, während er Harry mit seinem ganzen Körper gegen die Wand schob. Er ließ seinen Zauberstab drohend von einem Ende des Ganges zum anderen schweifen.
„Ich meine die Gemälde!", stieß Harry in einem Atemzug aus. „Die Porträts an der Wand, Ron!"
„Ich dachte… Die Porträts, ja", sagte Ron unschuldig. Er stopfte seinen Zauberstab hastig in die Hintertasche und ließ Harry los.
Ron rückte näher an die Wand und versuchte, Harrys verwirrtem Blick auszuweichen. Sie hatten darüber gesprochen, wie sicher Grimmauldplatz für sie alle war. Hermine hatte ihm die üblichen Schutzzauber auferlegt. Ron hatte das Recht, nervös und defensiv zu sein, wo seine gesamte Familie, oder zumindest ein Großteil davon, nur knapp einem Angriff von Hunderten Dementoren entgangen war. Doch sicherlich war Rons Reaktion auf den Gedanken von einem Eindringling in Harrys Haus übertrieben.
„Was war denn das?", fragte Harry. Er war unsicher, ob er wütend oder belustigt sein sollte.
Aber Ron ignorierte ihn. Er starrte die Porträts an der Wand an.
„Ich glaube, wir haben echt Gesellschaft, Kumpel."
Ein kleiner gelbbrauner Welpe schnüffelte am Boden herum und wedelte seinen Schwanz in einem der Gemälde direkt vor der Treppe. Kreachers gründliche Säuberung, so schien es, hatte es geschafft, die Hintergründe auf den Bildern in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen, und da waren ein paar zusätzliche, die Harry noch nie gesehen hatte, die aber weniger ernst wirkten als der Rest. Einige von ihnen hätten ganz gut nach Hogwarts gepasst. Die Bewohner dieser Gemälde liefen in und aus den Rahmen heraus, unsicher, ob sie wiederaufgenommen würden oder nicht. Der kleine Welpe sah aus, als würde er bleiben, da er sich auf einem alten Teppich vor einem dunklen Kamin niederließ.
„Oh, ich wollte immer nach Durmstrang gehen", sagte ein kleines Mädchen in einem der Porträts, bevor eine ernste Frau in einem schwarzen Kleid und einer grauen Schürze sie aus dem Bild zog und einen besorgten Blick über die Schulter zu Harry und Ron warf. Es erinnerte Harry leicht an Professor McGonagall.
„Ich schätze, dieses Haus scheint endlich bereit dafür, dass du einziehst", sagte Ron mit einem Feixen. „Und übrigens: Dieses Durmstrang- Shirt wird dich noch in Schwierigkeiten bringen."
„Ja. Hör mal, Ron, du musst mich nicht beschützen…"
„Bereit zu gehen?"
Sie hatten weder gehört noch gesehen, dass Ginny und Hermine die Treppe heruntergekommen waren. Sie trugen ihre Schuhe in den Händen, um so wenig Geräusche wie möglich zu machen.
„Mum und Dad stehen gerade auf", flüsterte Ginny schnell, während sie in Ballerinas schlüpfte. „Wir sollten jetzt besser gehen."
Als Harry die Tür hinter ihnen schloss, wurden sie draußen von einer kühlen Brise und einem trüben Himmel begrüßt. Ginny trat einen Schritt zur Straße, aber Hermine packte sie sofort am Unterarm.
„Nein, wir müssen auf der Türschwelle bleiben, sonst werden wir gesehen, und wir wissen nicht, wer uns beobachten könnte. Oh! Wartet, ich muss mir die Schuhe zubinden."
Sie reichte Ron ihre perlenbestickte Tasche und lehnte sich gegen die Tür, während sie damit rang, auf der dicht gedrängten Türschwelle an ihre Füße zu gelangen. Harry war dankbar zu sehen, dass Hermine daran gedacht hatte, ihre nützliche Handtasche mitzunehmen. Er vermutete, dass sie sie mit vielen hilfreichen Sachen vollgepackt hatte wie Sandwiches, Vielsafttränke und ihre gesamte Sammlung von Zauberspruchbüchern.
„Wir sollten besser nicht hier verweilen", sagte Hermine. Sie richtete sich auf. „Seit- an- Seit- Apparieren, Leute. Haltet euch gut fest."
„Ich könnte es machen…", bot Harry an. Er dachte daran, wie er es geschafft hatte, sie alle in die Sicherheit vom Grimmauldplatz zu bringen, trotz des Anti- Apparierzaubers auf dem Fuchsbau.
„Nein, Harry", erwiderte Hermine sofort. „Wir wissen nicht, was es war, und Kreacher hat gesagt, dass es Dunkle Magie war."
„Ja, Kreacher ist jetzt unsere neueste Referenz", kommentierte Ron und verdrehte die Augen.
Hermine schoss Ron einen wütenden Blick zu.
„Du weißt, was ich meine, Ron. Was auch immer Harry getan hat, es fühlte sich nicht richtig an. Erinnert ihr euch an die Uhr? Es war, als hätten sich ein paar Stunden einfach in Luft aufgelöst."
„Naja, ich will einfach nicht wieder zersplintert werden", sagte Ron. Er zeigte auf die Stelle an seiner Schulter, wo er den Verlust eines großen Stück Fleischs bei ihrer knappen Flucht aus dem Grimmauldplatz fast vor genau einem Jahr erlitten hatte.
„Das war nicht meine Schuld!", rief Hermine empört.
„Wenn ihr beide fertig seid mit eurem Herumgezicke", warf Ginny plötzlich ein, „könnt ihr ja einfach zu Lunas Haus nachkommen."
Als sie das sagte, nahm Ginny Harrys Hand und sie beide disapparierten mit überraschender Leichtigkeit. Zum ersten Mal war die Erfahrung angenehm für Harry, wie wenn er in tiefes Wasser springen und wieder auftauchen würde, ein wenig außer Atem, aber merkwürdigerweise mit neuer Lebenskraft.
„Es hat mir hier schon immer gefallen", sagte Ginny, während sie sich angetan in ihrer neuen Umgebung umsah. „Es ist ein bisschen wild, wie Luna auch. Aber es sieht so aus, als würde es gleich regnen."
Doch Harry blickte nicht auf die Landschaft. Sogar in dem düsteren Wetter schien Ginny eine Aura des Lichts auszustrahlen. Sie hatte ihr grünes Kleid gekürzt, so dass es gerade bis zu den Knien reichte. Ihr Haar wehte um ihr Gesicht herum, wie warmes Feuer.
„Du siehst verträumt aus", sagte sie und lächelte ihn an.
„Nein… Ja… Ich meine, du siehst hübsch aus."
Sie küsste ihn und für einen Augenblick vergaß Harry die paar Tropfen Regen und die Aufgabe, die vor ihnen lag.
„Du bist so kalt, Harry. Das gefällt mir nicht. Wir müssen darüber Nachforschungen anstellen."
„Im Moment fühle ich mich nicht kalt…", sagte er verlegen.
Sie küsste ihn wieder.
„Ich kann Ron und Hermines Streitereien nicht ausstehen", sagte er, als sie sich ein wenig von ihm löste. „Und ich will von jetzt an immer mit dir apparieren. Wo sind sie überhaupt?"
Sobald er das gesagt hatte, ertönte ein vertrautes Knacken und Ron und Hermine erschienen einen Meter von Harry und Ginny entfernt. Sie taumelten beide ein wenig, während sie ihr Gleichgewicht wiederfanden. Sie waren in einer recht engen Umarmung appariert.
„Warum habt ihr so lange gebraucht?", sagte Harry. Er lächelte bei ihrem unbehaglichen Anblick.
„Wir haben uns zuerst wieder vertragen, also kein Herumgezicke mehr", erwiderte Hermine hastig, bevor sie sich an Ginny wandte: „Du hast deine Apparierprüfung noch nicht abgelegt! Du bist noch nicht siebzehn und du bist nicht dazu befugt…"
„Ich kann tun, was ich will", warf Ginny mit einem Feixen ein.
Hermines Gesicht wurde rot. Sie sah ein wenig aus wie eine jüngere McGonagall.
„Nein, kannst du nicht…"
„Doch, kann ich. Ich bin Reinblüterin seit den ersten Zauberern, deren Namen in den Aufzeichnungen des früheren Zaubereiministeriums gefunden werden können. Ich glaube, wir sind sogar verwandt mit Godric Gryffindor."
Harry konnte seinen Schock nicht verbergen. Ginny auf der anderen Seite hatte ein spöttisches Grinsen im Gesicht. Mit einem entnervten Seufzen setzte sie zur Erklärung an:
„So war das im letzten Jahr. Reinblütern wurden alle Privilegien eingeräumt, ohne dass sie auch nur einen Zauberstab anrühren mussten. Ich schätze, sie hatten noch keine Zeit gefunden, die alten Regeln wiedereinzuführen. Bis dahin kann ich also apparieren, wie ich will."
Es war eine jener seltenen Gelegenheiten, da es Hermine die Sprache verschlug.
„Du musst keine so große Sache draus machen", sagte Ron empört zu seiner Schwester.
Sie schenkte ihm keine Aufmerksamkeit. Sie starrte in die Ferne zur Gestalt von Lunas Haus, das kaum sichtbar durch die Bäume war. Inzwischen waren Regentropfen auf Ginnys Haaren und auf Harrys Brille.
„Ich sollte euch noch vorwarnen", begann Ginny, „Luna ist in letzter Zeit ein wenig paranoid. Noch mehr als sonst, meine ich."
„Wie kommt das?", fragte Harry. Er zog seinen Phönix- Stab heraus und legte schnell einen Wasserabstoßungszauber auf seine Brille.
Er hatte gezögert, bevor er sich für seinen alten Stab entschieden hatte. In seiner Hintertasche spürte er den anderen matt vibrieren, als würde er gegen Harrys Wahl protestieren. Doch er konnte es nicht riskieren, die Kontrolle über den mächtigsten Stab auf der Welt zu verlieren, während er einen wasserabstoßenden Zauber auf Ginnys Kopf legte.
Keiner schien sein Zögern zu bemerken, da die Aufmerksamkeit der anderen auf Ginnys Erklärung lag.
„Ich habe euch doch erzählt, dass Slughorn bei ihr zu Hause gewesen war, richtig? Das war am Tag der Clearwater- Beerdigung. Tja, sie vermutet, dass Slughorn irgendetwas mit ihrem Dad angestellt hat. Sie sagt, dass er danach nicht mehr derselbe war, dass er ihre Fragen nicht beantworten wollte. Sie erzählen einander alles, versteht ihr. Neville sagte, dass Paranoia nur das Ergebnis davon ist, dass sie gefangen genommen worden war und all das, aber das klingt nicht nach ihr. Sie ist normalerweise gut in der Beurteilung von Menschen."
„Wann hast du denn mit Neville gesprochen?", fragte Ron erstaunt.
„Bei der Clearwater- Beerdigung, Ron. Alle waren da."
„Wir waren nicht da…", sagte Harry bestürzt.
„Tja, nein", antwortete Ginny mit einem anklagenden Blick zu Ron und Hermine. „Scheinbar waren einige Leute der Meinung, dass du nicht mit zwei Beerdigungen hintereinander fertig wirst."
Harry wirbelte zu seinen beiden Freunden herum, doch Hermine kam ihm mit selbstsicherer Stimme zuvor:
„Harry, es war zu deinem eigenen Wohl. Ron und ich sind auch nicht gegangen. Wir fühlten uns dem nicht gewachsen."
Wut stieg in ihm auf und der Elderstab begann wieder zu vibrieren. Er musste sein Temperament zügeln. Er hatte keine Wahl.
„Und was machen wir wegen Luna und ihres Dads?", sagte er zwischen zusammengebissenen Zähnen und nach einem langen Atemzug.
„Es ist vielleicht eine gute Idee, getrennt mit Luna und ihrem Dad zu sprechen", sagte Hermine. „Ihr Dad könnte unter dem Imperius- Fluch stehen. Wenn das der Fall ist, denke ich nicht, dass Finite Incantatem ausreichen wird. Ich weiß nicht, wie man diese Art von Magie aufhebt."
„Du wirst es schon noch herausfinden", sagte Ron zärtlich.
„Danke, Ron, aber darauf würde ich nicht wetten. Theoretisch bedarf es eines guten Legilimentikers, um einen Imperius- Fluch aufzuheben. Das ist Magie, die weit über unsere Kenntnisse hinausreicht. Wir hatten diese Art von Training noch nicht."
Slughorns Stimme schien in Harrys Geist widerzuhallen: Du solltest dich wieder hinter deine Bücher verkriechen, Potter. Du wirst es nötig haben.
„Wo steckt Snape, wenn man ihn braucht?", kommentierte Harry in der Hoffnung, dass das die Stimmung aufhellen würde.
Nur Ginny antwortete auf seine Bemerkung mit einem Lächeln. Ron dachte so angestrengt nach, dass seine Stirn tief gerunzelt war.
„Slughorn ist hierhergekommen. Er muss nach Informationen zu den Heiligtümern gesucht haben. Xeno Lovegood hat ihm gesagt, was er wissen wollte, und Slughorn löschte alle Spuren von seinem Besuch mit einem Gedächtniszauber. Er weiß, dass wir auch herkommen würden, weil wir es letztes Jahr aus demselben Grund getan hatten, aber es ist ihm egal, weil er schon weiß, was Xeno Lovegood weiß. Wir sind keine Bedrohung für ihn, weil er uns einen Schritt voraus ist."
Der Rest von ihnen verstummte, während sie über Rons Theorie nachdachten.
„Kapiert ihr es nicht?", platzte er hervor. „Wir tappen hier in eine Falle! Warum hast du uns diese Information nicht früher gesagt?"
Ginny funkelte ihren Bruder an, als würde sie ihn dazu herausfordern, sie mit irgendetwas zu beschuldigen.
„Wir werden nicht in eine Falle tappen, wenn wir mit einer rechnen, Ron", keifte sie zurück. „Was würdest du denn tun? Am Grimmauldplatz warten, bis es noch einen Anschlag gibt?"
„Ich ziehe es vor zu wissen, wo ich reintappe", erwiderte Ron brüsk. „Verstehst du nicht, dass es Harrys Leben ist, das du hier riskierst?"
„Wage es ja nicht, mir zu sagen, was ich hier riskiere, Ronald Weasley!"
„Das reicht jetzt!", unterbrach Hermine. Sie schob sich zwischen Ron und seine Schwester. „Also ehrlich, das ist unerträglich. Es wird nicht funktionieren, wenn wir uns immer wieder streiten."
Ron und Ginny starrten sie an. Beide murmelten kaum hörbar „Tut mir leid", während sie einander wütende Blicke zuwarfen.
„Sehen wir uns erstmal um, bevor wir voreilige Schlüsse ziehen", sagte Harry plötzlich. Er trat ein paar Schritte auf das Haus zu, was klein in der Ferne zu sehen war. „Nehmt eure Zauberstäbe in die Hand und haltet die Augen offen."
Sie liefen eine Weile schweigend, bevor sie den kleinen Bach erreichten, der am Haus vorbeifloss. Es fing an, stärker zu regnen, und sie suchten Deckung unter den Bäumen, um einen besseren Blick auf ihre Umgebung zu bekommen, ohne selbst gesehen zu werden. Das Haus sah genauso aus, wie Harry in Erinnerung hatte. Er konnte kein Zeichen von der Explosion sehen, die es während ihres letzten Besuchs beinahe zerstört hatte. Es war repariert und in genau den gleichen Zustand versetzt worden, in dem es sich befunden hatte.
„Vielleicht solltet ihr drei hier bleiben, während ich an die Tür klopfen gehe", bot Ginny an. „Ich bin schon mal hier gewesen. Es würde nicht komisch wirken oder so. Dann werde ich euch wissen lassen, ob es sicher ist. Ich könnte meinen Patronus schicken."
„Nichts für ungut, aber dein Patronus ist nicht gerade sehr diskret, Ginny", sagte Ron zögernd. Er warf einen Blick zu Hermine, um sicherzustellen, dass sie den Tonfall billigte, mit dem er seine Schwester ansprach. „Er ist aber sehr schön. Wann ist dein Patronus zu einem Phönix geworden?"
Für einen Augenblick vergaß Harry, weshalb er über dem Haus gebrütet hatte. Ginnys Patronus war ein Phönix? Er hatte die vogelähnliche Gestalt und ihre großen Flügel gesehen, aber er hatte nicht realisiert, dass es ein Phönix war. Während der Verteidigung- gegen- die- Dunklen- Künste- Stunden war es ein Pferd gewesen. Was könnte nur solch eine Veränderung hervorgerufen haben?
Bevor er jedoch einen Kommentar machen konnte, schoss ein rotes Licht an ihm vorbei und prallte mit einem lauten Knall in einen Baum zu seiner Rechten.
„Runter! Harry, geh in Deckung!", rief Ron.
Er hatte keine Zeit, auch nur einen Zauber auszuführen. Etwas Schweres war in seinen Rücken gekracht und zwang ihn nun mit solcher Kraft zu Boden, dass er nicht einmal aufblicken konnte. Sein Phönixstab war bei dem Aufprall herausgefallen und er konnte ihn nirgendwo auf dem Boden in der Nähe entdecken. Alles, das er sehen konnte, waren weitere rote Lichter, die um ihn herum wie Feuerwerke hervorbrachen, und Ginnys schwarze Schuhe wenige Zentimeter von seiner Nase entfernt.
„Protego!", ertönte Rons Stimme, während Harry versuchte, seinen Körper hochzustemmen, ohne Erfolg.
Zu seiner Linken und Rechten hörte er, wie Hermine und Ginny Schildzauber ausführten.
„Ron, was machst du da? Lass mich los!", sagte er keuchend und ächzend.
Doch Ron presste ihn gewaltsam runter, ein Knie auf seinem Rücken. Sein Brustkorb wurde schmerzhaft gegen den Boden gedrückt. Eine Hand an seinem Nacken hielt seinen Kopf wenige Zentimeter über dem Gras.
„Das ist doch verrückt! Lass mich los!"
Doch seine Stimme brach, als er nach Luft schnappte. Er würde ein ernstes Wörtchen mit Ron wechseln müssen über seine neue Besessenheit bezüglich seiner Sicherheit. So weit er es erkennen konnte, trafen die roten Blitze die Bäume. Sie waren nicht auf ihn gerichtet. Warnschüsse, dachte Harry.
„Wer ist da? Zeigen Sie sich!", rief Ginny.
Harry konnte sie nun voll sehen. Sie stand ein paar Schritte vor ihm, den Zauberstab hoch erhoben.
„Zeige Sie sich zuerst! Der nächste Schuss wird nicht danebe gehe."
Die tiefe, maskuline Stimme und der fremde Akzent waren unverkennbar.
„Viktor?", rief Ginny. „Viktor, ich bin es! Ich bin hier mit Ron und Hermine."
„Beweis es. Was ist das Passwort?"
„Ein kleiner Fels hält eine große Welle zurück", sagte Ginny laut und deutlich.
Es folgte eine Pause und dann tauchte die Gestalt von Viktor Krum hinter einem Rosenbusch auf. Er wedelte mit dem Zauberstab und die Zweige, hinter denen er sich versteckt hatte, zogen sich in die Erde zurück. Er kam langsam auf sie zu, mit gekrümmten Beinen und unbeholfen auf dem unebenen Boden, doch immer noch bedrohlich mit seinen dunklen Haaren und breiten Schultern.
„Ich wusst, dass ihr bald auftauche würdet", sagte er, als er nah genug war, um nicht mehr brüllen zu müssen.
„Woher sollen wir wissen, dass du es bist?", sagte Ron mit Nachdruck.
Vielleicht war es der Schmerz, der sich auf seinem Rücken anbahnte, oder die Tatsache, dass er mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden lag, aber vom Klang seiner Stimme hätte Harry schwören können, dass Ron zu seiner Linken stand und nicht über ihm. Und doch drückte sich ein schweres Gewicht auf seinen Rücken, das ihm die Luft herauspresste.
„Mein Patronus ist eine Löwe", erwiderte Krum, als er bei Ginny angelangt war.
„Das stimmt", sagte sie. Sie klang erleichtert. „Es ist in Ordnung, Leute. Er ist es wirklich."
Harry sah, wie Krum und Ginny ein Lächeln wechselten, und plötzlich konnte er nachvollziehen, wie Ron sich gefühlt haben musste, als der berühmte bulgarische Sucher Hermine nahegewesen war. Dieser Gedanke verdoppelte nur sein momentanes Gefühl des Frusts und der Erniedrigung. Er würde aufstehen und sich vor Krum fies und ungehobelt aufführen, wenn Ron ihn nur freigeben würde.
„Ron, du kannst mich jetzt loslassen", sagte Harry in einem Atemzug. Er konnte den Elderstab wieder in seiner Tasche vibrieren spüren, während Wut in ihm aufstieg.
Ich werde Ron nicht umbringen, dachte er immer und immer wieder und bemühte sich krampfhaft, sein Temperament im Zaum zu halten. Ich werde Ron nicht umbringen. Ich werde ihn nur versteinern.
„Ist Harry bei euch?", fragte Krum und sah sich um.
Und plötzlich sah Harry aus den Augenwinkeln Rons abgetragene Turnschuhe. Er versuchte sich zu bewegen, doch das Gewicht lag immer noch auf seinem Rücken.
„Ich habe den Tarnumhang über ihn geworfen, als du angefangen hast, Lähmflüche auf uns abzuschießen", sagte Ron.
Er rückte näher zu Ginny, Hermine und Krum, ohne sich zu Harry zu wenden, und nestelte an seinem leeren orangefarbenen Rucksack herum.
„Guter Gedanke, Ron!", sagte Hermine und griff nach Rons Hand.
„Ich hätte nicht gedacht, dass er ihn tatsächlich anbehalten würde", erwiderte er zögerlich.
„Hey, ich bin hier!", brüllte Harry. Er war halb alarmiert, halb verärgert. „Ein bisschen Hilfe, bitte?"
Der Umhang konnte nicht das einzige sein, das Ron über ihn geworfen hatte, da er sich nicht bewegen konnte, nicht einmal seine Arme. War er von einem Körperklammerfluch getroffen worden? Ron hätte das nicht getan, es sei denn, er war wirklich verrückt.
„Harry, wo bist du?", sagte Hermine und schaute sich um.
„Ich bin hier!", rief er wieder. „Könnt ihr… Könnt ihr mich nicht hören?"
„Wartet", sagte Ginny. „Es könnte immer noch gefährlich für Harry sein. Warum hast du hier Wache gehalten, Viktor? Ist Luna und ihrem Dad etwas zugestoßen?"
„Mr. Lovegood", murmelte Krum mit einem bedeutungsvollen Blick in Richtung Haus. „Ich hab ihn gefunde. Er war verflucht, ich glaube. Ich hab ihn hergebracht."
„Dann lasst uns drinnen weiterreden", sagte Hermine mit einem nervösen Blick in die Wälder, wo Harry immer noch auf dem Boden lag.
Er brüllte wieder, doch keiner schien ihn zu sehen noch zu hören. Sein letzter Ruf erstarb in seiner Kehle. Es fiel ihm immer schwerer zu atmen, so wie er auf den Boden gepresst wurde. Je mehr er versuchte sich zu rühren, desto beharrlicher schien das Gewicht auf seinem Rücken zu werden.
„Geht nicht!", sagte er, aber seine Stimme klang wie ein heiseres Flüstern.
Es war zu spät. Ron, Hermine, Ginny und Krum hatten ihm den Rücken zugewandt. Sie liefen nun hastig auf das Haus der Lovegoods zu, überzeugt, dass Harry ihnen unter dem Tarnumhang folgte. Nur Ginny schien zu zögern. Sie hielt inne, um einen Blick zurückzuwerfen, doch nach einem kurzen Moment setzte sie ihren Weg fort. Ein Donnergrollen ertönte und dann war er allein.
