Kapitel 14
„Bitte kommt zurück", dachte Harry immer wieder verzweifelt.
Es regnete nun in Strömen und was fester Boden gewesen war, begann zu Schlamm zu zerfließen. Wenn er nicht bald einen Weg fand, sich von dem Tarnumhang zu befreien, würde er schmutzig, einsam und furchtbar nass sterben. Wenn er nur an seinen Phönixstab herankommen könnte oder an den Elderstab…
Als er das dachte, erschauderte der Elderstab und Harry war sicher, dass er auf seinen Zustand der Panik reagierte.
Schaff den Umhang von mir runter, dachte er in der Hoffnung, dass der Stab es als Befehl auffassen würde.
Es funktionierte jedoch nicht und er spürte, wie sein Körper noch tiefer in den schlammigen Boden sank. Er konnte Donner hören und den schweren Regen, der auf die Bäume herabprasselte. Wenn der Elderstab nicht reagierte, dann brauchte er seinen Phönixstab oder irgendeinen Stab, sonst war er verloren.
„Accio Zauberstab", brachte er spuckend und prustend heraus. Doch es kam kein Stab.
Als er nach Luft schnappte, erschienen schwarze Punkte in seinem Sichtfeld. Er war kurz davor, in Ohnmacht zu fallen. Er konnte nicht atmen. Und dann dachte er an Ginny. Er konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass sie mit Krum plauderte, während er allein war in seinem vielleicht letzten Augenblick. Wenn er sie nur mit seinen Gedanken erreichen könnte. Es gab so viele Sachen, die er ihr sagen wollte… aber jetzt war es zu spät.
Er konnte sich schon die Schlagzeile des Tagespropheten ausmalen.
Der berühmte Harry Potter wurde am späten Nachmittag von seinen drei Freunden tot in einer Schlammpfütze gefunden. Alle Beweise scheinen darauf hinzudeuten, dass der Held, der Lord Voldemort zerstört hatte, ertrunken ist, nachdem er während eines schweren Regenfalls mit dem Gesicht in einen Teich gefallen war. Harry Potter wird am meisten für seine enge Beziehung zu Albus Dumbledore, dem verstorbenen Hogwarts- Schulleiter, in Erinnerung behalten.
„Harry! Wo bist du?"
Zuerst glaubte er, ihre Stimme durch den Regen zu hören. Ginny, dachte er mit einem leisen Hoffnungsschimmer.
Etwas blitzte über seinem Gesicht auf und plötzlich war er frei. Er rollte sich auf die Seite und sog so viel Luft ein, wie seine Lungen es erlaubten, worauf er sich noch schlechter fühlte. Wenn er seine Atemzüge nicht kontrollierte, würde er mit Sicherheit in Ohnmacht fallen.
„Ich bin jetzt hier. Hol tief Luft." Es war wieder Ginnys Stimme. Er hatte es sich nicht eingebildet.
Das Gewicht hatte sich wundersamerweise von seinem Rücken und Nacken gehoben, doch er zitterte nun am ganzen Körper. Er war jetzt auf Händen und Füßen, aber er konnte noch nicht aufstehen.
„Ginny", sagte er matt. Er versuchte, seine Augen zu fokussieren. „Wie hast du…?"
„Harry, ich habe dich in meinem Kopf gehört. Und dann sah ich… Es war, als hätte jemand ein Bild in meinen Kopf gepflanzt. Impervius."
Als sie das sagte, hörte der Regen, der so schwer gefallen war, auf der Stelle auf und begann, stattdessen leicht um sie herum zu flimmern. Er konnte ihn immer noch in den Bäumen hören, doch er fiel nicht mehr auf seinen Kopf und seine Brille herab.
„Danke, Ginny. Danke, dass du zurückgekommen bist."
„Wir dachten, du wärst vor uns, weil wir ein Geräusch und Schritte gehört haben, aber es war in Wirklichkeit Luna unter einem Disillusionierungszauber, der wir gefolgt waren. Und dann, etwa zur selben Zeit, als wir realisierten, dass du nicht da warst, habe ich deine Stimme in meinem Kopf gehört."
Er konnte sie jetzt deutlich sehen. Ihr Gesicht war blass, aber der glitzernde Regen umschien sie wie eine Aura.
„Ich denke, das war Legilimentik. Ich wusste gar nicht, dass du das kannst. Es war richtig stark. Es hat mich fast umgehauen. Was ist passiert?"
„Ich weiß nicht", sagte er und stützte sich auf Ginnys Schulter zum Aufstehen. „Es war der Umhang. Er hat etwas Merkwürdiges getan. Ich konnte ihn nicht abwerfen."
„Wo ist dein Zauberstab?"
„Ich habe ihn fallen lassen."
Ginny verschwendete keine Zeit, nach ihm zu suchen. Sie benutzte einen Aufrufezauber, um den Phönixstab und den Tarnumhang aufzusammeln und dann machten sie und Harry sich auf dem Weg zum Haus, so schnell sie konnten. Sie trafen auf dem Weg Ron und Hermine, die sich beide in solch einem Zustand der Panik befanden, dass sie vergessen hatten, sich gegen den Regen zu schützen. Eine Minute später standen sie in dem unordentlichen Vorraum von Lunas Haus, wo sie Wasser über den gesamten Holzfußboden tropften.
„Tut mir leid wegen des Umhangs, Kumpel", brummte Ron.
„Harry, was ist passiert?", warf Hermine besorgt ein. „Warum bist du uns nicht gefolgt? Warum bist du so voller Dreck?"
„Hi, Harry."
Luna Lovegood war durch die Tür vom Wohnzimmer erschienen, einen braunen Umhang um sich gewickelt und den Zauberstab gezückt.
„Bist du wirklich Harry?", fragte sie geradeheraus.
„Mein Patronus ist ein Hirsch", erwiderte Harry rasch, Krum imitierend.
„Das weiß jeder."
Sie starrte ihm ins Gesicht, den Zauberstab in der Angriffsposition, die er von Dumbledores Armee wiedererkannte.
Harry sah hilfesuchend zu Hermine und Ron hinüber, doch sie beide schienen auf eine Bestätigung zu warten, dass er wirklich er selbst war. Nicht dass er irgendetwas getan hatte, das Verdächtigungen rechtfertigte, aber sie hatten wahrscheinlich dieselbe Behandlung erhalten bei ihrer Ankunft. Nur Ginny schien verärgert von Lunas Misstrauen.
„Kannst du nicht sehen, dass er es ist, Luna? Also ehrlich, das ist lächerlich", sagte sie und legte Harry eine Hand auf den Arm.
In der Zwischenzeit zerbrach Harry sich den Kopf darüber, etwas zu finden, das nur er und Luna wissen konnten. Und dann fiel es ihm ein.
„Wir haben beide Stimmen hinter dem Schleier von diesem komischen Steinbogen in der Mysteriumsabteilung gehört."
Das Lächeln auf Lunas Gesicht schien zu zeigen, dass er die richtige Antwort gegeben hatte.
„Ja, ich erinnere mich daran. Ich wusste aber in jedem Fall, dass du es bist, Harry. Es liegt an deinen Augen. Jetzt bin ich an der Reihe: Mein Patronus ist ein Nargoyle."
„Er ist ein Kaninchen. Du solltest über so etwas keine Witze reißen, Luna", tadelte Hermine. „Wir könnten uns dazu entscheiden, dich zu verhexen."
Das schien Luna nicht im Geringsten zu verstören. Stattdessen setzte sie zur Erklärung an:
„Mein Patronus ist wirklich ein Nargoyle, Hermine. Nargoyles sind Gestaltwandler. Das solltest du doch wissen. Tja, ich schätze, du weißt doch nicht alles."
Hermine öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch Ron brachte sie mit einem Kuss auf die Wange zum Schweigen.
„Das ist wirklich Luna. Das ist alles, was zählt, Mine", sagte er sanft. „Harry und ich denken immer noch, dass du die schlaueste Hexe unseres Jahrgangs bist, sogar wenn du nicht weißt, dass Nargoyles Gestaltwandler sind."
„Ron, du weißt, dass das völliger Schwachsinn ist", klagte Hermine und schob ihn leicht von sich. „Du solltest sie nicht noch ermutigen…"
„Hermine, Luna ist alt genug, um an alles zu glauben, was sie will, sogar an Nargoyles. Geht es dir gut, Kumpel? Du siehst übel aus. Was ist überhaupt passiert?"
Harry versuchte, mit seinem Zauberstab den Schlamm von seiner Kleidung zu entfernen, doch er zitterte so stark, dass seine Bemühungen nutzlos waren. Am Ende tat Ginny den Großteil der Säuberung, während er von seiner Nahtod- Erfahrung berichtete. Sogar trocken fühlte er sich merkwürdig kalt und wackelig an. Er hätte alles für eine warme Decke und ein Butterbier gegeben. Ron und Hermine schauten ihn mit derselben Entrüstung an wie letztes Jahr, als er ihnen gesagt hatte, dass er seinen Patronus nicht hatte ausführen können. Das verschaffte ihm nicht gerade ein besseres Gefühl.
„Ich denke, der Umhang hat sich gegen mich gewandt", sagte er, um seine Gedanken zu ordnen. „Du hast keinen Zauber darauf gelegt, richtig? Du hast ihn nur über mich geworfen?"
„Ja, nur den Umhang", erwiderte Ron. Er wechselte einen besorgten Blick mit Hermine. „Wir hatten hinter deinem Rücken ausgemacht, dass ich dich darunter stecken würde, wenn Schwierigkeiten aufkommen sollten", erklärte er mit einem Schimmer von Schuldgefühlen in der Stimme.
„Es war zu deinem eigenen Wohl", sagte Hermine hastig. „Aber was meinst du mich „gegen dich gewandt"?"
Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr machte es Sinn. Es war, als hätte der Umhang es getan. Wenn Ginny nicht gewesen wäre, wäre er da draußen einsam gestorben. Das war das Schlimme daran, unter dem Tarnumhang zu stecken: die Einsamkeit, nicht gehört oder gesehen zu werden. Er fragte sich, wie jemand so leben konnte. Hatte sein Vorfahr Ignotus Peverell tatsächlich unter dem Umhang gelebt? War das überhaupt möglich, wie ein Geist zu leben?
„Ich glaube, er hat versucht, mich zu töten", antwortete er nach einigem Nachdenken.
Er wollte den entsetzten Ausdruck auf Hermines Gesicht meiden und den unausweichlichen Fragen, die mit Sicherheit folgen würden. Deshalb wandte er sich Luna zu.
„Wo ist dein Dad? Wir sind hier, um mit ihm zu reden."
Luna musterte Harry von oben bis unten, als würde sie irgendeine mysteriöse neue Kreatur bewundern. Ihre Augen huschten von seiner immer noch zitternden Hand zu seinem Gesicht und dann zu seinem Shirt.
„Durmstrang, das ist interessant", kommentierte sie. „Ich vermute, du wohnst bei deinem Paten zu Hause. Mein Dad ist im Labor mit Viktor. Kommt mir. Lumos."
Sie erleuchtete die Spitze ihres Zauberstabs und Ron, Hermine, Ginny und Harry taten es ihr nach.
„Labor?", murmelte Ron in Harrys Ohr. „Was meint sie mit Labor?"
Harry zuckte nur mit den Achseln. Dass die Lovegoods ein Laboratorium hatten, war nicht überraschend, aber die Aussicht darauf, ihm einen Besuch abzustatten, beruhigte seine Nerven in keiner Weise. Er dachte daran, dass Lunas Mutter bei einem ihrer eigenen Experimente getötet worden war, und er fragte sich vage, ob ihr Vater den Unfall mitangesehen hatte. Doch es schien keine gute Gelegenheit, um Luna nach Details zu dem Tod ihrer Mutter zu befragen.
Sie führte sie durch das dunkle Wohnzimmer, das durch seine ganzen leeren Bücherregale auffiel.
„Wir ziehen es jetzt vor, unsere Bücher im unteren Stock aufzubewahren. Sie sind alle ziemlich selten und gefährlich", antwortete sie auf ihre neugierigen Blicke. „Das Labor ist der sicherste Ort im Haus. Dad verlässt es in letzter Zeit nur selten, was ganz gut ist, weil der Rest des Hauses mit Tumblern infiziert ist."
„Tumbler?", murmelte Ron. „Ich hatte Angst vor ihnen, als ich noch ein Kind war. Sie sehen wir Spinnen aus. Sie leben in den Wänden und essen Stein. Manchmal knabbern sie sich heraus und dann kriechen sie unter dein Bett und…"
„Ron, hör auf damit", zischte Hermine warnend. „Es gibt so etwas wie Tumbler gar nicht. Sie existieren nur in Märchen."
„Manchmal werden sie mit Spinnen verwechselt", warf Luna ein. Ihre Stimme war gesenkt und wehmütig. „Aber sie sind real wie viele Sachen, die in Märchen vorkommen, zum Beispiel die Heiligtümer des Todes."
„Wir haben ihr nichts erzählt. Sie hat es sich selbst erschlossen", sagte Ginny mit einem Blick zu Harry.
„Es war wirklich nicht schwer", fuhr Luna fort. „Wir haben keine Geheimnisse voreinander, mein Dad und ich."
Sie hatten die Küche erreicht und standen nun vor einer schweren Holztür mit vielen Stahlschlössern daran. Luna zog mit ihrem Zauberstab einen Kreis um die Schlösser herum, während sie einen Zauber murmelte, und dann schwang die Tür mit einem unheilvollen kreischenden Geräusch auf.
„Passt auf, wo ihr hintretet", sagte sie und ging voran die enge Treppe hinunter. „So ein Donner lässt die Gremlins aus dem Keller kriechen und das hier ist der einzige Ausgang. Sie neigen dazu aggressiv zu werden, wenn sie nicht herauskommen können. Wusstet ihr, dass Knallrümpfige Kröter allergisch gegen Gremlin- Speichel sind?"
„Warum haltet ihr Gremlins in eurem Keller?", fragte Ron genervt, als die Stufen unter seinen Füßen laut knackten.
„Oh, sie sind toll, wenn es darum geht, Irrwichter abzuhalten. Da sind wir."
Sie hatten die letzte Stufe erreicht und standen nun auf der Schwelle zu einem bequemen Wohnbereich mit wackligen Stühlen, überfüllten Schreibtischen, sehr alten Tapeten und einem roten Teppich auf dem Boden. Vor ihnen war eine Stahltür, die einen Türklopfer in Form eines Löwenkopfes trug, aber kein Schloss. Luna trat näher an die Wand, zog einen alten Schlüssel unter ihrem Umhang hervor und steckte ihn in ein fast unsichtbares Schlüsselloch in der Ziegelmauer. Sie hörten ein Geräusch, als würden Steine bewegt werden, und ein Teil der Wand öffnete sich zu einem hell erleuchteten Raum. Die Stahltür blieb jedoch geschlossen.
„Was ist da drin?", wollte Ron wissen.
„Oh, das ist das Zimmer von meiner Mum. Dad wollte sie nahe bei uns behalten."
„Die Leiche von ihrer Mutter ist da?", raunte Ron, als Luna außer Hörweite war. „Ich würde keine Leiche in meinem Haus haben wollen."
„Das ist keine Leiche", sagte Ginny leise. „Das ist ihre Mum."
Sie war vor der Stahltür stehen geblieben und drückte leicht ihre Hand dagegen. Da war eine Traurigkeit an ihr, so wie sie dastand, die Harry nicht ganz nachvollziehen konnte. Hermine und Luna gingen zuerst ins Laboratorium. Ron blieb zurück und trat schweigend an Ginnys Seite.
„Ich glaube nicht, dass ihr Dad jemals die Idee aufgegeben hat, seine Frau zurückzuholen", flüsterte Ginny mitfühlend. Sie warf einen Seitenblick zu Harry. „Luna sagt, dass sie versucht hat, es ihm auszureden, aber er sucht immer noch nach einem Weg."
Harry dachte sofort an den Stein der Auferstehung um Hermines Hals. Was würde Xeno Lovegood tun, wenn er wüsste, dass sie ihn hatte?
„Er würde nicht…"
„Doch, würde er", erwiderte Ginny, bevor er seinen Satz beenden konnte. „Er würde sie zurückholen, genau wie George Fred zurückholen würde, wie Mum Dad zurückholen würde, wie Ron Hermine zurückholen würde. Es heißt nicht, dass es richtig ist oder dass sie schlechte Menschen sind. Es heißt nur, dass wir unsere Schwächen haben."
Er wusste, dass sie Recht hatte, aber ein Teil von ihm wollte gar nicht wissen, was seine Freunde mit dem Stein der Auferstehung tun würden. Hermine hütete ihn, aber wenn Ron etwas zustieß, war er nicht sicher, ob sie dem Drang widerstehen könnte, ihn zu benutzen. Erwar nicht sicher, ob er ihm widerstehen könnte.
„Du bist nicht schwach", sagte er sanft zu Ginny. „Und es wird nicht passieren. Ich werde nicht zulassen, dass so etwas passiert."
Sie wandte sich ihm zu und lächelte. Ihre Augen strahlten mit unverhüllten Tränen. Sie sah ihn so an, dass er spürte, wie er rot wurde, obwohl ihm so kalt war.
„Ich bin nicht wie du, Harry. Als ich dachte, dass du gestorben wärst… als ich sah, wie Hagrid deinen Körper getragen hatte… Du warst für ein paar Minuten lang tot und in dieser Zeit habe ich mir etwa hundert Wege einfallen lassen, dich zurückzuholen."
„Tu es nicht", sagte er ein wenig brüsk. „Wenn es passiert… hol mich nicht zurück."
Ginnys Augen weiteten sich. Sie schien auf der Stelle angewurzelt.
„Warum sagst du das?", flüsterte sie.
„Naja, du weißt schon… ich finde… es ist nicht natürlich."
„Du bist doch zurückgekommen."
„Ich war nicht richtig tot…"
„Du bist von einem Tötungsfluch getroffen worden."
„Ich hatte den Schutz meiner Mutter…"
Sie berührte jetzt sein Gesicht, seine Stirn und seine Hände.
„Du bist so kalt. Du bist kalt wie Eis, Harry."
„Es liegt an den Heiligtümern des Todes oder dem komischen Mal auf meiner Brust. Mir wird es wieder gut gehen, sobald die Heiligtümer zerstört sind."
Doch sie hörte ihm gar nicht zu. Als sie das Wort ergriff, war es in einem tiefen Flüstern, als spräche sie eine unerträgliche Wahrheit aus.
„Harry, stirbst du?"
AN: Über ein Review würde ich mich sehr freuen!
