Kapitel 15
Sie standen auf der Stelle angewurzelt, einander zugewandt, unfähig zu sprechen. Er wollte es leugnen. Er wollte ihr sagen, dass es keinen Sinn machte. Nach allem, das er durchgemacht hatte, nach allem, das er getan hatte, wäre es nicht fair, wenn er nicht ein paar Jahre des Glücks erleben durfte. Hatte er sich nicht entschieden zurückzukommen, damit er Voldemort zerstören konnte? Es war seine eigene Wahl gewesen, am Bahnhof, mit Dumbledore. Er glaubte nicht an Fügung oder Prophezeiungen. Er hatte dieses Schicksal gewählt. Er hatte gewählt zu leben.
Warum konnte er Ginny dann nicht sagen, dass sie falsch lag?
„Hey! Versucht mit uns Schritt zu halten, ihr beiden! Wir haben keine Zeit für andere Sachen", rief Ron plötzlich an der Schwelle der Ziegelmauer.
Es dauerte einige Sekunden, bis Ginny ihren Blick von Harrys Augen lösen konnte.
„Wir kommen! Gebt uns eine Minute!", erwiderte sie.
„Ich sterbe nicht", flüsterte Harry, als Rons Gesicht wieder verschwand.
„Nein, wirst du nicht, weil ich es nicht zulassen werde", antwortete Ginny stur. Sie nahm seine Hand und führte ihn zum Eingang ins Labor. „Wir werden einfach eine Lösung finden müssen."
„Das ist der Grund, weshalb wir hier sind", sagte er, während er in den Raum trat.
Harry hatte noch nie so einen chaotischen Raum gesehen. Im Vergleich zu Lovegoods Laboratorium konnte Rons Zimmer als ordentlich bezeichnet werden. Während sich Harrys Augen an das helle Licht gewöhnt hatten, konnte Harry getrocknete Blätter und Tierkäfige von jedem Zentimeter der Decke hängen sehen. Alle Käfige schienen jedoch ungewöhnlich leer und viele wirkten ramponiert, als hätte sich irgendeine wilde Kreatur ihren Weg herausgebahnt und Verwüstung angerichtet. Nur das riesige Aquarium an der linken Wand sah intakt aus und Harry war sicher, dass der lange, grüne Tentakel, der darum gewickelt war, eine Teufelsschlinge war.
Die drei übrigen Wände waren bedeckt mit Zeichnungen und Bildern, auf denen Symbole standen, die Harry als Runen erkannte. Teile des Mosaiks waren mit schwarzen Linien durchgestrichen, während andere Teile in glänzender Silbertinte umkreist waren. Hermine hatte keine Zeit verschwendet: sie hatte Zaubermanns Silbentabelle aus ihrer Perlentasche hervorgezogen und versuchte bereits, die Bedeutung der Runen herauszufinden. Ron auf der anderen Seite hatte sich kaum von der Tür bewegt. Er wirkte unruhig und warf immer wieder nervöse Blicke zu Hermine.
„Bisschen unheimlich, was?", raunte er Harry zu. „Das ganze Licht, es ist unnatürlich. Warum können sie nicht einfach Taschenlampen wie normale Leute benutzen?"
Während er Ron zunickte, fiel Harrys Blick auf den Mann, der in der Mitte des Raumes saß, zwischen zwei Arbeitstischen, auf denen Hunderte Seiten für Recherchen ausgebreitet waren. Xeno Lovegood war regungslos; sein Rücken war zur Tür gewandt. Sein dünnes weißes Haar fiel über einen braunen Umhang, genau wie der, den Luna trug.
„Was ist los mit ihm?", fragte Harry. Er trat näher an Luna heran.
Sie kniete neben ihrem Dad und las ihm aus einer alten Edition des Klitterers vor.
„Das ist seine Lieblingsausgabe", erwiderte sie. Sie faltete das Heft behutsam zusammen und drückte es liebevoll an ihr Herz. „Das ist der erste Klitterer, den er und Mum gemeinsam gedruckt haben. Er mag es, wenn ich daraus vorlese. Schaut, sein Blick hat sich geändert."
Harry sah auf das Gesicht hinunter, entdeckte aber überhaupt keine Veränderung. Xeno Lovegoods Augen waren merkwürdig verschleiert und unfokussiert. Er schien sich nichts um sich herum bewusst zu sein und rührte sich nicht, als Luna seine Hand drückte.
„Er war schon so, als wir ihn gefunde habe", beantwortete Viktor Harrys Frage. „Sieht nach eine Verwirrungszauber aus, der schiefgelaufe ist. Oder – " er senkte die Stimme, damit Luna es nicht hören konnte, „der Cruciatus- Fluch. Es ist ein Möglichkeit."
Das Bild von Nevilles Eltern drängte sich in Harrys Geist. Sirius hatte gesagt, dass ihr Schicksal schlimmer als der Tod war.
„Was?", fragte Ron bestürzt. „Warum? Doch nicht wegen – "
„Mir?", erwiderte Harry mechanisch.
„Uns", berichtigte Hermine ihn sofort. „Aber ich glaube eher, dass er einer Sache auf der Spur war. Gebt mir nur einen Augenblick, um das alles zu übersetzen", sagte sie und deutete auf das Gekritzel an der Wand.
Harry, der nicht länger in Mr. Lovegoods Gesicht sehen konnte, wandte seinen Blick stattdessen auf Ginny. Sie stand neben Krum, die Arme vor der Brust verschränkt, und sie unterhielten sich in gedämpften Stimmen.
Harry bemerkte unwillkürlich eine gewisse Vertrautheit zwischen ihnen. Er konnte sich nicht entsinnen, Viktor und Ginny jemals einander vorgestellt zu haben. Vielleicht hatte er es zu Bill und Fleurs Hochzeit getan. Andererseits hätten sie sich auch bei einer anderen Gelegenheit im letzten Jahr kennen gelernt haben können. Harry vergaß immer wieder, dass noch andere Dinge geschahen, während er auf der Suche nach den Horkuxen gewesen war. Und da war noch der Code, den Ginny immer wieder verwendete: „Ein kleiner Fels hält eine große Welle zurück." Was hatte es damit auf sich?
„Dein Haus war verlasse, außer ihm", raunte Krum Ginny zu. „Er stand im Garte und schien nicht mal zu merke, dass ich da war. Ich wusste, dass die Aurore bald komme würde, deshalb nahm ich ihn mit mir und wir kame hierher. Wir habe uns darauf geeinigt, falls es Schwierigkeite gebe sollte, nicht dem Ministerium zu vertraue, nur der DA. Und ich wusste, dass ihr bald auftauche würdet."
„Wann ist er in die DA eingetreten?", fragte Ron empört.
Doch Ginny ignorierte ihren Bruder.
„Dementoren haben uns angegriffen, deshalb sind wir zu Harrys Haus geflohen. Warum bist du überhaupt gekommen, um mit mir zu sprechen?"
War es nur Harrys Einbildung oder errötete Viktor Krum tatsächlich?
„Ich wollt sicherstelle, dass es dir gut geht, weißt du, nachdem ich den Tagesprophete gelese habe."
„Was stand im Propheten?"
Krum antwortete nicht. Stattdessen zog er eine zerknitterte Zeitung unter seinem Umhang hervor und reichte sie Ginny. Ihre Augen huschten über die Seite, während sie den Inhalt las.
„Ich kann es nicht fassen! Das ist unerhört!", platzte Ginny plötzlich hervor.
„Ich wusst, dass es dir nicht gefalle würde."
„Was ist los?", sagte Harry. Er trat ein paar Schritte näher zu Ginny und Krum.
Ron stand hinter Ginny, um über ihre Schulter hinweg zu lesen, und Hermine kam ebenfalls näher, Zaubermanns Silbentabelle unter dem Arm geklemmt.
„Was steht drin?"
„Hört euch das an", sagte Ginny angespannt. „Heute um etwa zwei Uhr morgens wurde gemeldet, dass der viel gefürchtete Morte- Incantato- Zauber über dem Haus von Mr. Arthur Weasley, dem kürzlich ernannten Leiter der Abteilung für Magische Kooperation, gesichtet wurde. Das berüchtigte Symbol wurde von einem Bewohner des Viertels beobachtet, Mr. Amos Diggory, 49, der den illegalen Zauber sofort an das Aurorenbüro meldete. Zu Mr. Diggorys Aussage ist noch kein Urteil abgegeben worden, doch es bahnt sich eine volle Ermittlung an, da die Bewohner des Hauses nirgendwo aufzufinden waren. Das verbotene Zeichen, drei mittig verbundene Spiralen, bekannt als Wappen der Triskelionen, ist sei 1899 geächtet infolge des Aufstands von… bla bla bla. Der Rest ist geschichtliches Zeug. Da steht auch ein wenig über dich, Harry.
Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, dass das Haus der Weasleys, bekannt als „Der Fuchsbau", der inoffizielle Wohnort von Harry Potter für die letzten sieben Jahre gewesen war. Einem von Potters Lehrern scheint das Auftauchen des Mals der Triskelionen über dem Dach dieses Hauses kein Zufall zu sein. „Natürlich wird Potter von dem Morte- Incantato- Zauber wissen, wegen seiner Ähnlichkeit zu dem Dunklen Mark, das die Todesser benutzen, aber auch wegen seiner Verbindung zu den Triskelionen", sagt Professor Horace Slughorn, Leiter des Slytherin- Hauses in Hogwarts, der Schule für Zauberei und Hexerei. Neben Potters Zaubertränkelehrer in der sechsten Klasse gibt Mr. Slughorn zu, eine besondere Rolle dabei gespielt zu haben, den Helden, der den Dunklen Lord besiegt hat, zu lehren und auszubilden. „Es ist allgemein bekannt, dass Potter begabt in den Dunklen Künsten ist. Beispielsweise ist er ein Parselmund. Er hat in sehr jungem Alter den Unverzeihlichen Fluch erlitten, was vermutlich teilweise zu seiner Neigung geführt hat, die Dunklen Künste als einen Ausweg zu betrachten. Die Zauberergemeinschaft dürfte gezwungen sein, sich der Tatsache zu stellen, dass Potter den Triskelionen beigetreten sein könnte. Wenn das stimmt, könnten die Gerüchte, die Potters Unsterblichkeit betreffen, ebenfalls gut der Wahrheit entsprechen, doch zu welchem Preis? Ich habe versucht, ihm etwas Vernunft einzureden, sogar erst neulich, aber ich fange an zu glauben, dass ich zu spät war, wie das Erscheinen des Morte- Incantato- Zaubers beweisen dürfte. Sie sehen, ich war nicht der einzige, der an seiner magischen Ausbildung interessiert war."
Mr. Slughorn hat keinerlei Kommentar bezüglich der Beziehung zwischen Albus Dumbledore, dem verstorbenen Hogwarts- Schulleiter, und Harry Potter verlauten lassen, den viele den Auserwählten nannten, doch es ist offenkundig, dass es weiterer Nachforschungen bedarf zu entscheiden, ob der Held sich als Bedrohung für die Zauberergemeinschaft herausstellen wird."
Ginnys Stimme schien in Harrys Ohren nachzuhallen, als sie verstummte. Er fühlte, wie sich Zorn um seine Kehle schloss. Merkwürdigerweise war alles, an das er denken konnte, Dolores Umbridge, wie sehr er sie hasste, wie er ihre Kätzchen verabscheut hatte, die Farbe ihres Büros und der Klang ihres Kicherns. Er hatte es nicht für möglich gehalten, aber es gab jetzt jemanden, den er mehr als Umbridge hasste.
„So ein abscheulicher Mann! Es ist, als würde er den Ruhm für alles einheimsen, das du getan hast, und dich zur gleichen Zeit runtermachen", rief Ginny. Sie stopfte den Tagespropheten in Krums Hand zurück.
Harry erhaschte einen Blick auf die erste Seite. Das Bild von ihm sah aus, als wäre es auf der Beerdigung aufgenommen worden. Unter seinen Augen lagen dunkle Ringe. Über seinem Kopf waren drei Spiralen gezogen worden und die Schlagzeile, die in Großbuchstaben gedruckt waren, nahm den übrigen Platz ein.
Harry Potter: Held oder Bedrohung?
Lesen Sie das Exklusiv- Interview mit H. Slughorn auf Seite fünf.
„Sein Name steht auf der ersten Seite", sagte Ron, der Harrys Blick auffing, „das sollte ihn glücklich machen. Was sind Triskelionen?"
Harry drehte sich zu Hermine und erwartete eine Antwort von ihr, doch sie sah völlig ratlos aus. Es war Viktor Krum, der stattdessen sprach:
„So werde die Mitglieder einer Geheimorganisation genannt, die sehr bekannt in meinem Land sind", erklärte Krum. „Der berühmtest Triskelion war Gellert Grindelwald."
„Aber Grindelwalds Mal ist nicht das Spiral- Ding, der Morte- Incantato- Zauber, es ist das augenförmige Dreieck, das Symbol der Heiligtümer des Todes", sagte Harry schnell. Er war nicht ganz sicher, ob es Sinn machte, was er da sagte.
Seine Eingeweide kochten immer noch vor Zorn, der gegen Slughorn gerichtet war, doch er wusste, dass er ihn im Zaum halten musste, ihn in den Hinterkopf verbannen musste. Aber all diese aufgestauten Emotionen, verbunden mit der eisigen Kälte, die durch seinen Körper lief, machten es ihm schwer sich zu konzentrieren.
„Die Triskelione gab es lange Zeit, sogar noch vor Grindelwald", fuhr Krum fort. „Niemand weiß, wer sie sind, nur dass sie existiere. Aber als Grindelwald angefange hat, den Morte- Incantato- Zauber als eigene Zauber zu benutze, ist klar geworde, dass er sich ihne angeschlosse hat. Manche sagen, dass er ihr Anführer geworde ist, aber es gab nie eine richtige Beweis. Dann hat Dumbledore Grindelwald ins Gefängnis von Nurmengard geschickt und dieser Zauber wurde verbote."
„Ich habe etwas darüber gelesen", sagte Hermine nachdenklich. „Sie konnten Grindelwald nicht nach Azkaban bringen, aber da stand keine Erklärung, warum."
Sie hatte sich auf einen der Arbeitstische hinaufgehievt und saß nun auf einem Stapel von Xeno Lovegoods Notizen. Sie hatte Zaubermanns Silbentabelle immer noch in den Armen. Harry nahm neben ihr Platz, nachdem er einige der Papiere zur Seite geschoben hatte. Er hätte es vorgezogen, neben Ginny zu stehen, doch da war nur wenig Platz zwischen ihr und Viktor.
„Es war Dumbledore, der darauf bestande hat, Grindelwald dahinzuschicke, und er hatte gute Gründe", sagte Krum. „Es wäre nicht sicher gewese, Grindelwald am selbe Ort zu halte wie den Bogegang der Tote."
„Was ist das?", warf Ron ein.
Die Antwort kam von Luna Lovegoods verträumter Stimme:
„Der Bogengang der Toten. Das Tor von Hades, genauer gesagt. Du weißt es natürlich, Harry. Dem Mythos zufolge soll er in Azkaban sein, aber nicht mehr. Dumbledore muss das Ministerium davon überzeugt haben, ihn fortzubringen."
„Das Tor von Hades, bist du sicher? Wir reden hier von dem Tor zur Unterwelt?", fragte Hermine mit gesenkter Stimme, als spräche sie von etwas Dunklem und Verbotenem. Harry war überrascht, nicht einen Hauch von Sarkasmus in ihrer Stimme zu hören.
„Warte", sagte er und warf einen Blick zu Luna. „Du meinst diesen Steinbogen in der Mysteriumsabteilung? Er stand früher in Azkaban?"
„Wenn man an diese Art von Sachen glaubt", sagte Ron. Er verschränkte die Arme vor der Brust.
„Es hat nichts mit Glaube zu tun", warf Krum ruhig ein. „Der Boge war in Azkaban. Dumbledore wollte Grindelwald nicht in der Nähe davon habe, deshalb tat er alles, das er konnte, um ihn stattdesse nach Nurmengard zu schicke. Das einzige Problem war, dass die Dementore an Azkaban hänge und sie nicht nach Nurmengard gehe könne. Deshalb konnte Grindelwald den Dementorekuss nicht erhalte. Das hat viele Leute wütend gemacht."
„Das kann ich gut nachvollziehen", presste Harry zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.
Der Kommentar war fast unerwartet aus seinem Mund gekommen und er bereute es schon nach einer Sekunde. Es stimmte, dass Dumbledore und Grindelwald enge Freunde gewesen waren, doch der Gedanke, dass Dumbledore absichtlich versucht hatte, Grindelwald vor einer Verurteilung zu bewahren, war absurd. Wenn Dumbledore gedacht hatte, Azkaban sei nicht angemessen dafür, Grindelwald zu beherbergen, dann musste er gute Gründe gehabt haben. Dumbledore hätte seinen Freund nicht vor dem Kuss der Dementoren beschützt. Grindelwald hatte Menschen getötet. Andererseits hatte Harry schon mal falsch gelegen bezüglich Dumbledore.
„Warum konnte das Ministerium den Dementoren nicht befehlen, den Kuss auszuführen?", sagte Ginny.
„Nichts kann in oder aus Nurmengard heraus", erwiderte Krum ein wenig selbstgefällig, „nicht einmal Dementoren. Sie hätte Grindelwald schon nach Azkaban bringe müsse und er wäre während der Überführung geflohe."
„Nurmengard ist schlimmer als Azkaban, Harry", sagte Hermine. Sie drückte Harrys rechte Hand, während sie immer noch das Buch gegen die Brust drückte. „Dumbledore hat Grindelwald nicht beschützt. Nurmengard ist „das Grab" genannt worden, weil niemand lebendig herauskommt."
„Tja, vielleicht hätte er Grindelwald von vornherein nach Azkaban bringen sollen", gab Harry zurück, „dann hätte es überhaupt keine Überführung geben müssen."
Er war überrascht, Wut in seiner eigenen Stimme zu hören, doch er konnte die Tatsache nicht ignorieren, dass es Dumbledores Entscheidung gewesen war, Grindelwald von dem Kuss der Dementoren fernzuhalten.
„Er konnte ihn wegen des Torbogens nicht nach Azkaban bringen, Harry", sagte Luna leise.
Sie strich ihrem Vater in einer mütterlichen Art und Weise über das Haar und Harry schämte sich plötzlich. Seine eigene Angst und Zweifel hielten ihn von seinem wahren Ziel ab. Seine Freunde schwebten in Gefahr, die Weasleys waren angegriffen worden und nun war Lunas Vater verflucht. Er musste seine Aufmerksamkeit auf die Aufgaben wenden, die vor ihm lagen: die Heiligtümer zerstören, Slughorn aufhalten und hoffentlich würde das Mal auf seiner Brust verschwinden, wenn das vollbracht war, und er würde sich wieder warm fühlen. Er konnte keine Zeit und Energie auf Dumbledore und Grindelwald verschwenden.
Harry holte tief Luft in der Hoffnung, dass sein Frust aus ihm herausströmen und seine Ruhe wiederkehren würde.
„Geht es dir gut, Harry?", sagte Krum. Er starrte ihn an. „Du siehst…"
„Ich weiß, ich sehe furchtbar aus. Was ist dieses Torbogen- Zeug eigentlich? Ich dachte, niemand weiß, was es ist."
„Viktor wusste es", erwiderte Ginny geradeheraus. „Er hat uns letztes Jahr davon erzählt. Es ist, wie Luna gesagt hat. Es ist der Steinbogen, den wir in der Mysteriumsabteilung gesehen haben. Der, durch den Sirius gefallen ist. Er heißt der Bogengang der Toten und er gehört nach Azkaban."
„Aber was macht er?", fragte Harry. Er warf einen Blick zu Ginny, ein wenig verärgert. „Wozu hat Dumbledore versucht, Grindelwald davon fernzuhalten?"
Was er wirklich wissen wollte, waren die Umstände, in denen Ginny und Viktor Krum die Angelegenheit besprochen hatten, doch wieder musste er sich daran erinnern, beim Thema zu bleiben.
„Azkaban wurde drum herumgebaut", sagte Luna in ihrer üblich verträumten Stimme. „Es ist das traute Heim der Dementoren."
„Ich bezweifle, dass Sirius es für ein trautes Heim hält", sagte Ron empört. „Das hier führt grad nirgendwohin. Was kümmert uns Grindelwald? Er hat verdient, was er bekommen hat. Wollen wir den ganzen Tag damit vertrödeln, über irgendein bescheuertes Tor von Was- auch- immer zu sprechen? Was ist mit dem Rest? Was ist mit den Triskelionen? Ich will etwas von ihnen hören."
„Das Tor ist wichtig, Ron", warf Ginny genervt ein.
„Das ist Müll. Es ist eine dämliche Legende…"
„Eine Legende wie die Kammer des Schreckens? Oder wie die Heiligtümer des Todes?", erwiderte Ginny wütend.
„Kapierst du irgendetwas hiervon, Harry? Ich nämlich nicht!", platzte Ron noch heftiger heraus. „Ich weiß nicht mehr weiter. Diese Leute sind deine Freunde. Sie sollten dir helfen. Wir vergeuden Zeit!"
„Ron, ich denke, wir sollten hören, was…", begann Hermine mit kläglicher Stimme.
„Nein! Wir drehen uns im Kreis. Wir können es uns nicht leisten, von Bogengängen und Geheimorganisationen zu reden. Nichts davon kann Harry helfen. Versteht ihr? Er wird – "
Rons Stimme brach und er konnte seinen Satz nicht beenden. Schweigen legte sich über sie, so dass nur das Geräusch von rauschendem Wasser in dem Aquarium zu hören war. Ron und Hermine starrten einander in solcher Weise an, dass Harry merkwürdig verlegen wurde, als hätte er sie beim Küssen erwischt. Er wandte sich zu Ginny in der Erwartung, den gleichen sturen Ausdruck auf ihrem Gesicht zu sehen, doch sie hatte sich von ihm weggedreht, so dass er ihre Miene nicht lesen konnte.
Also glaubten sie, wie Ginny auch, dass er sterben würde. Und was war, wenn es stimmte? Er hatte nicht wirklich Angst zu sterben. Er hatte schon einmal den Tod als sein Schicksal akzeptiert, damit er Voldemort töten konnte, und er wusste, dass er es wieder tun würde, wenn es darauf ankam, seine Freunde zu retten. Was auch immer mit ihm geschah, welch dunkle Macht ihn auch immer überkam, er würde nicht zulassen, dass Ron oder Hermine oder Ginny oder jemand anderes starb, nur damit er selbst weiterleben konnte. Diese Option war einfach unakzeptabel.
„Der Morte- Incantato- Zauber, das warst du?", murmelte Krum nach einem Augenblick. „Du hast ihn benutzt, um die Dementore zu verjage. Sie könne es nicht leide. Es ist sogar für sie zu dunkel. Sie werde zurückkomme und sich deine Seele hole. Du hast dich selbst verdammt, Harry Potter."
„Sag das nicht!", keifte Ginny Viktor so heftig an, so dass er einen Schritt zurücktrat.
„Viktor, hier ist unser Problem", sagte Hermine, um sie alle zur Ordnung zu rufen. „Es ist nicht nur der Zauber, es sind die Heiligtümer des Todes. Sie haben Besitz von Harry ergriffen. Wir hatten gehofft, dass Mr. Lovegood uns auf den richtigen Weg führen könnte, weil er derjenige gewesen war, der uns überhaupt von den Heiligtümern des Todes erzählt hatte, aber er kann uns nicht mehr helfen. Gibt es irgendwas, das du uns sagen kannst, irgendetwas Wichtiges, das die Heiligtümer mit den Triskelionen verbindet? Es gibt ein Bindeglied, das Mal beweist das, und wir müssen herausfinden, was diese Verbindung ist."
Viktor Krum starrte von Harry zu Ron und zu Hermine mit einer Mischung aus Neugier und Verwunderung.
„Dann ist es also wahr? Du bist Meister des Todes, Hüter der Heiligtümer des Todes. Du kannst durch das Tor trete, wie William Peverell."
„William Peverell?", sagte Harry eifrig. Zum ersten Mal während ihrer Unterhaltung stieg etwas Hoffnung in ihm auf.
Ron und Hermine sahen nun in seine Richtung. Sie hatten den Nachnamen ebenfalls wiedererkannt.
„Er ist der Gründer von Azkaban", antwortete Krum, „und der letzte bekannte Meister des Todes."
„Erzähl uns die ganze Geschichte, Viktor", sagte Ginny hastig. „Aber verschwende nicht zu viel Zeit auf die Details."
„Oh, Daddy und ich lieben gute Geschichten", sagte Luna. Sie setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den Boden und legte ihren Kopf auf den Schoß ihres Vaters. „Mum hat diese Legenden über den Lord der Unterwelt geliebt. Ich bin sicher, sie hört auch zu."
Neben sich sah Harry, wie Hermine Zaubermanns Silbentabelle enger an die Brust presste und ihr Kinn dagegen drückte, während sie die ganze Zeit Luna ansah. Eine einzelne Träne hatte sich in ihrem linken Augenwinkel gebildet.
„Schieß los, Viktor", sagte sie und wischte die Träne hastig mit dem Handrücken fort. „Wir sind ganz Ohr."
