Kapitel 16

„Es war in einer Zeit mit Tumulten. Die Zaubererschulen waren gerade erst gegründet worden. In diesen Zeiten ersuchten nichtmagische Könige Bündnisse mit Zauberern, um ihren Reichtum und ihre Macht zu vergrößern. Einige Zauberer nahmen sogar an Kriegen teil, so wie William Peverell, der ein Ritter war.

Der König, dem Peverell diente, war besessen von der Legende über Destina Nobilis oder die Heiligtümer des Todes. Drei magische Objekte, die den drei Brüdern als Geschenk vom Tod, auch bekannt als Hades, Lord der Unterwelt, überreicht worden war. Laut der Geschichte haben die Gegenstände große einzigartige Macht inne, aber niemand wusste, was passieren würde, wenn die Heiligtümer unter einem einzigen Hüter vereinigt würden. Der König hatte die Theorie, dass noch größere Macht aufkommen und der Hüter unsterblich werden würde. Deshalb trug der König dem Ritter Peverell auf, auf die Suche zu gehen und ihm alle drei Objekte zu bringen.

William Peverell reiste viele Jahre und in dieser Zeit gab es viele Schlachten. Der König wurde alt und verlor all seine Söhne in bedeutungslosen Kämpfen. Auf seinem Sterbebett rief er Peverell zurück. Sie sprachen eine lange Zeit unter vier Augen und dann starb der König. Viele glaubten, dass das der Moment war, da der König Peverell enthüllt hatte, dass er in Besitz von mindestens einem oder zwei der heiligen Objekte war. Was den Ritter betrifft, er wurde bekannt als William „der Elder" Peverell. Also können wir annehmen, dass er zumindest den Elderstab besaß."

„William Peverell hatte auch den Umhang", warf Harry ein, der auf der Kante des Tisches saß. „Er muss Ignotus' Urenkel oder so gewesen sein."

Hermine nickte und Viktor fuhr fort:

„Danach ist Peverell nach Durmstrang gegangen und lehrte einige Jahre Duellieren. Er war außerdem beteiligt an den ersten Zauberergesetzen. Zu viele Unschuldige waren gestorben und es wurde zwingend, einige Flüche für illegal zu erklären, wie den Tötungsfluch. Aber das wirkliche Problem war nicht, Gesetze aufzustellen, sondern Strafen zu vollziehen."

„Muggle- Gefängnisse waren der Herausforderung nicht ganz gewachsen", kommentierte Hermine.

„Das stimmt", sagte Viktor und Hermine lächelte, als hätte sie gerade eine richtige Antwort in Zaubereigeschichte gegeben. „Peverell war inzwischen sehr berühmt und deshalb betraute der Groß- Zauberer ihn mit der Aufgabe, den Ort für das erste Zauberergefängnis zu finden.

Also nahm Peverell ein Schiff und fuhr mit einer Muggle- Crew auf die See. Er war viele Monate fort. Und dann eines Nachts gab es einen tödlichen Sturm. Magie nutzte nichts und Peverell verlor die gesamte Crew des Schiffs und fand sich selbst allein auf einer winzigen Insel wieder. Es war kaum eine Ansammlung von Felsen, auf denen nichts stand als ein einzelner Torbogen aus Stein. Und so, weil Peverell nichts zu verlieren hatte, trat er durch den Bogengang des Todes. Das erweckte die Idee, dass die Heiligtümer des Todes eine Art Schutz gegen den Tod boten. Sonst hätte er nicht durch den Bogen gehen und zurückkommen können, um die Geschichte zu erzählen. Niemand kehrt jemals aus der Unterwelt zurück.

Der Rest ist wirklich nur Legende. Peverell traf ein Abkommen mit Hades, dem Lord der Unterwelt, und ersuchte seine Zustimmung, das Gefängnis auf der Insel zu erbauen. Der Dunkle Lord erlaubte es ihm und stellte sogar die Dementoren zur Verfügung, um das Gefängnis zu bewachen, aber unter der Bedingung, dass er die Seelen derjenigen, die ein Kapitalverbrechen begingen, durch den Dementorenkuss sammeln konnte.

Also wurde das Gefängnis Azkaban um den Steinbogen herum errichtet und keiner durfte durch den Bogengang treten außer William Peverell. Viele haben es natürlich versucht, aber als Peverell damit beauftragt wurde, diese Menschen zurückzuholen, sagte er, er könne die Toten nicht zurückbringen. An einem gewissen Punkt gab es eine Protestbewegung und sie versuchten, den Bogen zu zerstören, doch Peverell sagte, dass sie ohne das Tor die Dementoren ebenfalls verlieren würden. Deshalb blieb der Bogengang bestehen.

Viele Jahre vergingen, aber Peverell schien nicht zu altern. Wenn er krank oder verletzt war, trat er durch den Bogen und kam Augenblicke später geheilt wieder heraus. In Azkaban kamen Gerüchte auf, dass er mit Hades eine Vereinbarung getroffen hatte, die sein Leben uneingeschränkt ausdehnte. Es wurde zu einer Geschichte unter den Gefangenen und die Gesellschaft der Destina Nobilis wurde gegründet. Ihre Mitglieder, die Triskelionen, gaben das Wissen weiter. Doch irgendwann entschlüpfte die Geschichte den Mauern von Azkaban."

„Die Gesellschaft der Destina Nobilis?", sagte Harry ungläubig, während Worte durch sein Gehirn wirbelten, die mehr und mehr Sinn ergaben.

„Das ist der Name, den die Triskelionen dem „Meister des Todes" gegeben hatten, dem Hüter der Heiligtümer des Todes, dem einzigen, der durch den Bogen treten kann", bestätigte Krum. „In späteren Jahren schrieben die Triskelionen eine andere Version von der Geschichte der Drei Brüder, eine mit Anspielungen zu Hades und zu der Idee, dass die Objekte eine größere Macht innehaben, wenn sie vereint sind."

„Der Text in meinem Alte- Runen- Buch!", rief Hermine und knuffte Harry vor Aufregung gegen den Arm. „Das muss die Version von den Triskelionen sein. Es geht um das Schicksal und die Unterwelt und die Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen."

Viktor nickte. Er lächelte bei Hermines Begeisterung.

„Die Triskelionen glauben, dass der Lord der Unterwelt dir, sobald du durch das Tor trittst, alles gewährt, das du willst, wenn du gut im Verhandeln bist. Du kannst darum bitten, jemanden zurückzuholen, den du verloren hast, oder nach Unsterblichkeit verlangen oder in deine Zukunft sehen, alles, das du willst."

Es folgte ein kurzer Moment der Stille, als alle im Raum diesem Gedanken nachhingen. Harry sah, dass Hermine wieder angefangen hatte, Luna und ihren Dad anzustarren, Zaubermanns Silbentabelle gegen ihre Brust gedrückt. Vielleicht dachte sie an ihre Eltern oder an alle Menschen, die vor kurzem gestorben waren. Sie schien ungewöhnlich traurig.

„Was ist am Ende aus William Peverell geworden?", fragte Ginny mit gesenkter Stimme.

„Er wurde von einem Fluch getötet. Hat ihn in den Rücken bekommen. Der Mörder ist nie gefasst worden und der Zauberstab ist ebenfalls verschwunden."

„Tja, das war eine gute Geschichte", sagte Ron fröhlich. Er trat näher zu Hermine.

„Und er erzählt sie so gut", sagte Luna. Sie starrte träumerisch zu Viktor Krum hoch, den Kopf immer noch auf dem Schoß ihres Vaters.

Ron seufzte bei Lunas Bemerkung und dann fuhr er etwas enthusiastisch fort: „Habt ihr alle den Teil mitbekommen, dass die Heiligtümer eine Art Schutz gegen den Tod darstellen?"

„Es gibt keinen Beweis dafür", sagte Hermine und blinzelte, als versuchte sie, einen unangenehmen Gedanken loszuwerden. „Was wir mit Sicherheit wissen, ist, dass Peverell durch das Tor getreten und dabei nicht gestorben ist."

„Aber es passt alles", erwiderte Harry.

Die Ereignisse der letzten paar Tage schienen nun mehr Sinn zu ergeben. Wenn es ein weit verbreitetes Gerücht war, dass er unsterblich war, dann war es möglich, auf den Gedanken zu kommen, dass er ein Meister des Todes war, der im Besitz der Heiligtümer des Todes war. Das Problem war herauszufinden, wer diese Person war. Wie viele Triskelionen gab es im Augenblick da draußen? Ein paar? Ein Dutzend? Hundert?

„Daddy und ich glauben, dass Mr. Slughorn ein Triskelion ist."

Die Bestätigung war von Luna gekommen. Sie war zu einem der Tische gegangen und durchsuchte langsam die Rollen von Pergamenten.

„Das ist… das ist wirklich kein dummer Gedanke, Luna!", rief Hermine mit gewisser Überraschung.

„Ja, ich bin viel schlauer, als Leute geneigt sind zu denken. Daddy, wir müssen wirklich deinen Arbeitsplatz aufräumen. Accio Liste der Triskelionen", sagte sie und wedelte mit ihrem Zauberstab in Richtung Papierstapel.

Plötzlich schwebte ein langes gelbes Blatt heraus und sie fing es geschickt in der Luft auf. Sie ließ rasch ihren Finger darüber fahren und verkündete mit sachlicher Stimme: „Da haben wir es: Horace Slughorn verlor seine Verlobte, die versehentlich von Grindelwald während eines Duells getötet wurde. Es tut mir leid, Harry. Ich hätte dir das mit Slughorn erzählen sollen, aber manchmal ist es schwer, auf dem neuesten Stand zu bleiben bei allem, das Dad weiß. Oh! Professor Dumbledore steht auch auf der Liste. Er hat seine Mutter und Schwester sehr früh im Leben verloren. Daddy, ich denke, wir können Dumbledores Namen streichen. Er ist gestorben, weißt du noch."

„Das würde Sinn machen", sagte Harry, während sein Gehirn arbeitete.

„Dass Dumbledore ein Triskelion war?", sagte Ron abwesend.

„Nein, Slughorn!", sagte Ginny brüsk. „Denk mit, Ron. Natürlich wusste ich, dass er letztes Jahr etwas ausgeheckt hatte. Er hat immer wieder nach dir gefragt, Harry, aber immer kleine Details, wie zum Beispiel ob Dumbledore dir jemals etwas zu Weihnachten geschenkt hat. Er muss geglaubt haben, dass du die Heiligtümer des Todes gesammelt hast, Harry."

„Aber Slughorn wusste, dass es nicht so war", erwiderte Harry nachdenklich, während er sich daran entsann, wie er Slughorns Erinnerung zu einem jungen Mann namens Tom Riddle eingeholt hatte, der eine Frage zu Horkruxen gestellt hatte.

Dennoch machte es Sinn, dass Slughorn ein Triskelion war. Vielleicht hatte er die Verbindung zwischen Harry und den Heiligtümern des Todes erst vor kurzem gesehen. Wenn er Harry im dunklen Wald angegriffen hatte, dann würde es erklären, weshalb er hinterher noch in der Nähe gewesen war, um seine Schulter zu heilen. Schließlich war es zu der Zeit noch nicht nötig gewesen, dass Harry starb. Doch wenn der Zentaur, der den Pfeil abgeschossen hatte, tatsächlich Slughorn gewesen war, wer war dann die Kreatur, die ihn auf der Lichtung angegriffen hatte?

„War es nicht?"

Es dauerte eine Weile, bis Harry realisierte, dass es Ginny war, die gesprochen hatte. Sein Kopf brummte immer noch mit Theorien und Informationsfetzen, die er zusammenzufügen versuchte.

„Was?"

„Du hast nicht nach den Heiligtümern des Todes gesucht. Wir haben eine Stunde darüber geredet und du sagst, dass du nicht nach ihnen gesucht hast. Was hast du dann getan?"

Sie klang verärgert, doch Harry hatte noch nicht das Gefühl, dass es gutes Timing war zu enthüllen, dass es tatsächlich sein Ziel gewesen war, die Horkruxe zu zerstören. Das würde bedeuten, gleichzeitig zu verraten, dass er selbst einer gewesen war, und er war nicht sicher, ob er es Luna Lovegood und ihren Vater oder Viktor Krum, den er so wenig kannte, wissen lassen wollte. Er schämte sich so sehr, immer wenn er daran dachte. Da war etwas Böses in ihm gewesen, etwas, das nicht sein Eigen war. Er hatte es sein ganzes Leben lang herumgetragen, nach Hogwarts, zum Fuchsbau, zum Grimmauldplatz. Es war dagewesen, als er Cho geküsst hatte und als er Ginny geküsst hatte. Er konnte es ihr jetzt nicht sagen. Nicht so, dachte er voller Bitterkeit.

„Es ist kompliziert, Ginny. Die Heiligtümer waren nur ein Teil von dem, was nötig war, um Voldemort zu besiegen", warf Hermine hastig ein. Sie warf Harry einen Seitenblick zu.

„Ich weiß… ich… ich habe es nicht so gemeint", sagte Ginny verlegen. Sie wandte den Blick ab.

„Ist schon gut. Luna, lass mich diese Liste sehen."

Harry hörte Hermines Füße auf dem Boden, als sie aus ihrer sitzenden Position auf dem Tisch heruntersprang. Danach wurde jedoch das Rascheln des Papiers zum Klang rennender Füße und alle anderen Geräusche erstarben in seinen Ohren, als hätte er ein dickes Paar Ohrschützer übergezogen. Er erkannte die Schritte sofort, da es seine eigenen waren. Die Vision war so klar, so vertraut. Die Treppenstufen waren direkt vor ihm. Er stieg zum Gryffindor- Gemeinschaftsraum empor. Er konnte das Porträt der Fetten Dame sehen. Und dann nahm er sein Spiegelbild in einem der Fenster wahr. Er war älter und nahe dran, seinem Vater auf dem Bild des ursprünglichen Orden des Phönix zu gleichen. Sein Haar war aber länger und seine Augen blass und erschöpft. Das Leiden auf seinem Gesicht war fast zu schmerzhaft anzusehen. Die Furcht, die er verspürte, war unerträglich. Er konnte fühlen, wie sein Herz pochte, seine Lungen brannten und seine Hände bebten. Es war das Schlimmste, das er sich vorstellen konnte. Etwas Schreckliches war passiert. Das wusste er tief in seinem Herzen. Er hatte solche Angst davor herauszufinden, was, doch er musste sich dem stellen. Er musste in diesen Gemeinschaftsraum treten. Vielleicht war es noch nicht zu spät. Vielleicht konnte er verhindern, dass es geschah. Wie lautet das Passwort?, dachte er verzweifelt. Wie lautet das verdammte Passwort? Ich muss hinein. Ich muss ihn sehen. Bitte, nicht er. Bitte, nimm nicht ihn. Ich bitte um nichts anderes, nur nimm nicht ihn. Nimm nicht meinen Sohn.


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