Kapitel 17
„Harry!"
Kalte Schauer liefen durch seinen Körper. Er versuchte, seine Augen zu öffnen, doch seine Nerven waren immer noch gelähmt von der furchtbaren Vision, die er gerade erlebt hatte. Er wusste nicht einmal, ob er sich überhaupt bewegen konnte. Er fühlte sich krank und seine Brust schmerzte. Jemand hielt seine Hände fest.
„Ginny?", hauchte er.
„Harry, bleib bei mir. Bitte, versuch bei mir zu bleiben."
Ihre Stimme klang angestrengt, flehend, wie seine eigene noch vor Sekunden gewesen war. Als er seine Augen öffnete, starrte sie ihn direkt an, eingehüllt in das helle Licht des Labors. Er wollte sie umarmen, sie küssen, sie trösten, aber er fühlte sich nur so schwach und kalt. Alles, das er tun konnte, war ihre Hände zu drücken.
„Er wird ohnmächtig", rief Ron.
„Nein, er kommt wieder zu sich", sagte Ginny. Sie warf den anderen einen Seitenblick zu.
Sie hielt seine Hände für eine Weile und keiner sagte etwas. Er konnte jetzt seinen eigenen seichten Atem hören. Es fühlte sich an, als hätte jemand eiskaltes Wasser in seine Lungen gegossen. Die Haut an seiner Brust tat ebenfalls weh und er wusste, dass der Umriss der drei Spiralen schwarz und bedrohlich zu sehen war.
„Es ist vorbei", sagte er matt zwischen zwei Atemzügen. „Es war nur eine vorübergehende Sache. Es geht mir in ein paar Minuten wieder gut."
„Du hast aufgehört zu atmen, Kumpel, also sag nicht, dass es dir gut geht, in Ordnung? Wir sind nicht bescheuert", gab Ron zurück, ein wenig verärgert.
Harry streckte seinen Rücken und versuchte, Gleichgewicht und Orientierung wiederzufinden. Ron, Hermine und Ginny waren dicht um ihn herum gedrängt, während Viktor und Luna ein paar Schritte entfernt standen, beide mit bestürzten Mienen.
„Was hast du gesehen?", flüsterte Hermine.
„Ich habe nicht…"
„Ich habe dich gehört. Du hast – Sachen gesagt", murmelte Ginny fast unhörbar.
Es hatte keinen Sinn es zu leugnen. Von den besorgten Ausdrücken in ihren Gesichtern zu schließen, sah er wahrscheinlich so schrecklich aus, wie er sich fühlte. Hatte er laut gefleht? Hatte er geschrien? Hatte jemand ihn sagen hören „Nimm nicht meinen Sohn"?
„Ich habe mich selbst gesehen, aber ich war älter", sagte er. Es war, als würde er ihnen von einem sehr privaten Traum erzählen. „Etwas war passiert. Ich weiß nicht was, aber es war etwas Schreckliches. Jemand war tot, glaube ich, oder schwebte in Gefahr."
Er konnte ihnen nicht sagen, dass die Person, die in der Vision in Gefahr war, sein Sohn war. Es war zu seltsam und absolut lächerlich. Er hatte keine Kinder. Er war noch viel zu jung. Der Gedanke, dass solch ein Tag irgendwann aufkommen würde, war ihm noch nie gekommen. Nichtsdestotrotz hatte er es deutlich gespürt: Sein Sohn war die Person, um die er sich gesorgt hatte, ob es nun Sinn machte oder nicht. Ich werde mein Kind nicht verlieren, dachte er furchtsam.
Hermine und Ron starrten einander in die Augen. Beide sahen blass und aufgewühlt aus.
„Wir werden dich nicht verlieren, Kumpel", sagte Ron trotzig und legte eine feste Hand auf Harrys Schulter. „Wir haben dich einmal verloren. Ich werde nicht zulassen, dass so etwas noch mal passiert."
„Es war nicht ich. Es war… jemand anderes. Wovon redest du da?"
„Während des Kampfes konnten wir dich nicht finden", sagte Hermine mit Tränen in den Augen. „Wir dachten, du wärst gestorben, Harry. Wir dachten, du hättest dich aufgeopfert, damit wir Voldemort zur Strecke bringen können. Es war das Schlimmste, das ich jemals gefühlt habe."
Ron nickte. Dann zog er Hermine eng an sich und küsste sie auf den Kopf.
Harry hatte nichts zu erwidern. Es war zum Teil ein wahres Opfer gewesen. Er hatte sich freiwillig Voldemort entgegengestellt, wissend, dass er sterben würde. Und für einen Augenblick hatte er zwischen Leben und Tod gehangen. Doch für Ron und Hermine war er wirklich tot gewesen. Eine Leiche in Hagrids Armen. Er hatte nie aufgehört darüber nachzudenken, wie schrecklich es für sie gewesen sein musste. Und nun erinnerte seine sichtlich geschwächte Verfassung daran, dass er den Gerüchten zum Trotz nicht unsterblich war.
„Es tut mir leid, dass ihr das durchmachen musstet, ehrlich", begann er verlegen, „aber in der Vision war nicht ich es, der gestorben ist."
Ginny schien zusammenzuzucken, als er das sagte. Doch sie schwieg weiterhin.
„Harry, was ist, wenn… was ist, wenn du nur zurückgekommen bist, um Voldemort zu vernichten? Was ist, wenn es dir nicht bestimmt ist zu…? Ich meine, ich weiß, dass du nicht völlig tot warst, aber du bist vom Tötungsfluch getroffen worden…"
Hermines Stimme brach. Sie vergrub ihr Gesicht an Rons Brust und begann leise zu schluchzen. Rons Blick kreuzte Harrys und er konnte sehen, dass sein Freund insgeheim dachte, was Hermine mit solcher Schwierigkeit herausgebracht hatte: Irgendwie, egal was er alles vollbracht hatte, war es ihm nicht bestimmt zu überlegen. Doch wie konnte es wahr sein? War es, weil er ein Horkrux gewesen war? So etwas hatte es noch nie in der gesamten Geschichte der Zauberei gegeben, wie sollte er solche Dinge also herausfinden?
„Ich werde nicht sterben", sagte er, wobei er jedes Wort einzeln betonte.
Er wollte überzeugend klingen, aber Ginny hatte nur seine Hand genommen und er fühlte sich nicht mehr so zuversichtlich. Er wollte leben, doch er wusste, dass er sich für sie auf der Stelle dem Tod stellen würde, wenn es sein musste.
„Wie auch immer", sagte Ginny. Sie starrte ihn forschend an. „Du meintest, in der Vision wärst nicht du gestorben. Wer dann?"
„Ist das denn wichtig?", blaffte Ron. „Ich meine, du solltest eigentlich gar keine Visionen mehr haben, jetzt wo Voldemort fort ist. Du sagst doch immer, dass er fort ist. Wie erklärst du dir das dann? Ich sage, dass es nicht einmal eine Vision ist. Das hat sich dein Gehirn nur ausgedacht, das ist alles. Es ist verständlich nach allem, das du durchgemacht hast."
„Ron, ehrlich, du solltest besser die Klappe halten, sonst jage ich dir einen Fluch auf den Hals, das schwöre ich", erwiderte Ginny scharf.
„Ich denke, es könnte etwas anderes sein, das etwas in mein Gehirn projiziert", sagte Harry direkt zu Ron. „Es sind die Heiligtümer. Irgendwie machen sie das."
Er sah, wie Ron einen nervösen Blick auf seinen Rucksack zu seinen Füßen warf. Hermines Kinn zuckte hoch, als sie nach dem herzförmigen Medaillon an ihrem Hals griff. Ihre plötzliche Unbehaglichkeit konnte nur Eines bedeuten: sie spürten es ebenfalls.
„Es gab ein Gerücht zu Peverell", warf Viktor plötzlich ein. „Die Leute haben gesagt, dass er in die Zukunft sehen konnte."
„Wenn er das wirklich konnte", sagte Ron, der sich zu Krum drehte, „dann hätte er seinen Tod kommen sehen und ihn vermieden, meinst du nicht?"
„Vielleicht hat Hades ihn bestraft", sagte Luna gedankenverloren. Sie stand vor ihrem Vater und zwirbelte sein weißes Haar zwischen ihren Fingern. „Er hätte keinen Pakt mit dem Tod schließen sollen. Jeder stirbt irgendwann einmal. Alles andere ist nur unnatürlich."
„Sag das Fred", knurrte Ron mit tiefer Stimme, doch Hermine versiegelte seine Lippen mit einem Kuss und das hinderte ihn daran, Luna weiter anzufahren.
Unbeeindruckt zuckte Luna nur mit den Achseln und starrte verträumt gegen die Wand neben ihr und die unzähligen Runen darauf.
In der Zwischenzeit hatte Harry sanft seine Arme um Ginnys Schultern gelegt in der Hoffnung, dass ihre Wärme ihm etwas Trost spenden würde. Wenn er nur eine Minute lang still dasitzen könnte, würde sich das Gefühl der Angst, die sich in seiner Brust festgesetzt hatte, vielleicht verlieren. Die Heiligtümer waren noch vor ein paar Tagen so wichtig gewesen, doch jetzt wünschte er sich, er hätte niemals von ihnen gehört. Dann hätte er nicht diese Vision gehabt.
„Harry, denkst du wirklich, du hast in die Zukunft gesehen?", raunte Ginny, so dass nur er sie hören konnte. „Du sagtest – du sagtest etwas von deinem S…"
„SCHLIESST KEINEN PAKT!", rief eine heisere Stimme plötzlich, was sie alle zusammenzucken ließ.
Es war Xeno Lovegood. Sie alle versammelten sich hastig um seinen Stuhl. Luna kniete vor ihrem Vater. Er hatte sich nicht bewegt, doch seine Augen sahen anders aus. Sein Blick huschte schnell von einer Person zur nächsten. Er schien mit einem inneren Willen zu ringen. Und dann fiel sein Blick auf Harry.
„SCHLIESST KEINEN PAKT! NUR EIN MEISTER DES TODES! NUR EINER! SCHLIESST KEINEN PAKT! ZERSTÖRT IHN!"
„Es geht ihm gut! Ich wusste, dass er es zurückschaffen würde!"
„Entweder das oder er ist endgültig wahnsinnig geworden", flüsterte Ron Harry in Ohr.
Doch Harry ignorierte Rons Kommentar und kniete sich neben Luna.
„Mr. Lovegood, was meinen Sie damit? Sprechen Sie von William Peverell?"
„Daddy?"
Aber Xeno Lovegoods Augen waren glasig und unfokussiert geworden und es machte nicht den Anschein, als würde er noch etwas sagen.
„Ich denke, er wollte dich warnen, Harry", flüsterte Luna nach einem Augenblick der Stille. Eine einzelne Träne war auf ihre Wange gefallen. „Mach dir keine Sorgen um Dad. Er ist stark. Er wird es schon schaffen. Ihr müsst Slughorn davon abhalten, durch den Bogengang zu treten. Er will seine Verlobte von den Toten zurückholen und das ist einfach nicht richtig. Aber seid vorsichtig. Er ist zu allem bereit, denn das ist, was Leute tun, wenn sie jemanden verlieren."
Es dauerte ein paar Sekunden, bis Harry realisierte, was sie da sagte. Das war's also. Es war Zeit vorwärtszugehen und Luna und ihren Dad zurückzulassen, um einem weiteren Bösewicht das Handwerk zu legen. Er wollte etwas Tröstendes sagen, aber alles, das ihm wieder in den Sinn kam, war „Tut mir leid". Glücklicherweise erhob Hermine diesmal zuerst das Wort:
„Luna, dein Dad, er hat versucht…"
„Was zum Teufel ist das?", kreischte Ron.
Er packte Harry an der Schulter, was Harry vor Schmerz zusammenzucken ließ, weil es der Arm war, der angeschossen worden war. Doch Ron schien es nicht zu bemerken und zog noch heftiger, so dass Harry gezwungen wurde sich umzudrehen. Er zeigte mit bebendem Finger auf die Wand mit dem Aquarium. Sein Gesicht war kreidebleich geworden.
„Was ist los? Was hast du gesehen?", fragte Harry hastig, während er sich aufrappelte.
„Ein Gesicht, im Wasser", murmelte Ron, der sich immer noch an Harrys Schulter klammerte.
„Das hast du dir nur eingebildet, Weasley", sagte Krum.
„Nein, habe ich nicht!"
„Ich glaube, ich habe es auch gesehen", sagte Ginny.
Sie hatte sich von der Gruppe entfernt und ging vorsichtig auf das große Aquarium zu. Als sie näherkam, realisierte Harry, wie groß es eigentlich war. Es war ein wenig höher als Ginnys Kopf und etwa zwei Armlängen breit. Das Wasser drinnen war trüb und es schien keine Fische zu geben, nur Pflanzen wie diejenigen, in denen Harry im Schwarzen See während der Zweiten Aufgabe des Trimagischen Turniers geschwommen war. Instinktiv griff seine Hand nach dem Elderstab.
Dann sah er es. Zwei weiße Augen blickten durch das Glas heraus und da war ein Gesicht wie ein Totenschädel in Grün mit gelblichem Haar, das die verzerrten Gesichtszüge umgab.
„Ich sehe es auch, Ron!"
„Wir können es alle sehen."
„Da ist etwas Lebendiges da drin."
„Ich glaube nicht, dass es im Wasser ist. Es sieht so aus, als wäre es dahinter", sagte Ginny, den Blick auf das Glas geheftet. Sie stand nun sehr nahe am Aquarium.
Neben Harry erklang ein Plumpsen. Hermine hatte Zaubermanns Silbentabelle auf den Boden fallen lassen. Nun umklammerte sie ihr Halsband mit einer panischen Miene.
„Oh, nein! Oh nein, nein, nein. Harry, ich glaube, ich…"
KNALL!
Harry drehte sich schnell herum. Etwas Schweres war mit dem Aquarium zusammengeprallt. Das Wasser wirbelte und platschte. Tropfen spritzten auf Ginnys Haar und sie trat einen Schritt zurück.
„Es versucht durchzukommen!"
„Ginny, geh da weg!", rief Harry.
Als er auf den Elderstab hinuntersah, jederzeit bereit einen Zauber auszusprechen, sah er einen blassen, dünnen Streifen grünen Rauchs herauswabern. Die Farbe war verstörend vertraut. Er konnte es nicht riskieren. Was auch immer der Stab im Sinn hatte, jeder Fluch aus einer solchen Entfernung konnte Ginny treffen. Er hatte keine Kontrolle darüber.
Während er den Stab mit einem Augenblick Zögern wegsteckte, erklang erneut ein Krachen.
Er stieß Ron aus dem Weg, zückte seinen Phönixstab und rannte so schnell wie möglich zu Ginny. Es hörte ein lautes hämmerndes Geräusch und diesmal schien das Aquarium leicht zu wanken. Mehr Wasser platschte zu Boden.
„Komm schon!", brüllte Harry und packte Ginny an der Schulter.
Doch Ginny rührte sich nicht vom Fleck. Ihre Augen waren auf das totenkopfähnliche Gesicht hinter dem Glas gerichtet. Harry konnte nicht hinsehen. Es war zu vertraut. Es ähnelte zu sehr den Gesichtern, die er in dem dunklen Wasser von Riddles Höhle gesehen hatte. Und er konnte sich lebendig daran erinnern, wie diese Kreaturen versucht hatten, ihn zu töten.
„Komm schon! Wir müssen hier weg!"
„Warte, Harry, sie ist es! Was ist, wenn sie wirklich aufwacht? Sie kommt zurück!"
Harry warf einen Blick über die Schulter in der Hoffnung, dass Luna es nicht gehört hatte. Sie sah entsetzt aus und war ein paar Schritte zurückgetaumelt.
„Da war mal eine Tür zu dem anderen Zimmer gewesen, aber Dad hat sie versiegelt, als wir Mum hinuntergebracht hatten. Er hätte nicht…"
Ein weiterer Schlag folgte und das Glas knackte bedrohlich. Harry sah Hände, grau und entsetzlich, die nach oben griffen. Dann erhaschte er einen Blick auf den gesamten Körper. Er hatte früher ein Bild von Lunas Mutter gesehen, aber so hatte sie nicht ausgesehen. Die Haut war teilweise schwarz. Sie bewegte sich auf eine unnatürliche Art und Weise, öffnete und schloss sich unheimlich. Ihre Finger hatten die Oberseite des Aquariums gepackt und sie trat nun mit den Füßen gegen das Glas. Ginny und die anderen waren regungslos, völlig gebannt.
„Mum!", quietschte Luna plötzlich.
Sie setzte auf das Aquarium zu. Harry konnte sie nicht die Kreatur sehen lassen, die dahinter steckte. Er rannte zu ihr und sie prallten heftig ineinander. Er wollte sie aufhalten, sie zurückhalten, sie vor der Wahrheit beschützen, doch sie wehrte sich gegen seinen Griff.
„Luna, nein! Das ist sie nicht! Das ist nicht deine Mum!", rief er.
Es hielt sie nicht davon ab, gegen Harrys sämtliche Körperglieder zu treten.
„Bringen wir sie einfach raus!", brüllte Ron.
Aber als er das sagte, erklang ein letztes Krachen und das Aquarium zerschepperte wie ein zerbrochenes Fenster. Wasser platzte gewaltsam heraus, zuerst gegen die Wände und leeren Tierkäfige und dann auf den Boden.
Und durch das explosive Geräusch hindurch, das es verursachte, hörte Harry Ginny kreischen.
„GINNY!"
Sie hatte sich auf dem Boden zusammengerollt, das Gesicht mit beiden Armen bedeckt. Harry schob Luna hart gegen die Wand, um sich aus ihrem Griff zu befreien, und rannte so schnell an Ginnys Seite, wie er auf dem nassen und rutschigen Boden konnte. Als er bei ihr ankam, fühlte er nach ihrem Kopf, der klebrig mit Blut war, aber zumindest war sie bei Bewusstsein.
„Harry, pass auf! Stupor!", bellte Krum.
Harry drehte sich gerade rechtzeitig um, um zu sehen, wie der Leichnam von Mrs. Lovegood, von dem Lähmfluch getroffen, durch die Dunkelheit des Lochs in der Steinmauer, wo das Aquarium gestanden hatte, zurückflog.
„Tu – meiner – Mummy – nicht weh!", heute Luna. Sie stürzte sich auf Krum und schlug ihm den Zauberstab aus der Hand.
Aber Krum war groß und Luna war dünn und klein. Körperlich war sie ihm nicht gewachsen. Er rührte sich nicht einmal von der Stelle, als sie begann, auf ihn einzuschlagen.
Sie hatten keine Zeit zu verlieren. Der Leichnam von Mrs. Lovegood würde gleich wieder zurück sein. Harry bückte sich, um Ginny hochzuheben, doch sie rührte sich jetzt.
„Harry, mir geht's gut", sagte sie schwach. „Hilf mir auf."
„Was jetzt?", sagte Krum, der Luna mit einer Hand aufrechthielt, während er sie mit der anderen fest packte.
„Lass mich los!", brüllte sie hysterisch. „Ihr tut meiner Mummy weh!"
Immer noch neben Ginny gekauert, warf Harry einen Blick durchs Zimmer. Mr. Lovegood war von seinem Stuhl gestürzt und wälzte sich auf dem Boden, als wäre er mit dem Cruciatus- Fluch belegt worden. Hermine kniete neben ihm und versuchte ihn zu beruhigen, während Ron einen großen bläulichen Schild vor sie aufzog. Seine Augen waren auf seine Schwester geheftet. Dann fing etwas Glitzerndes um Hermines Hals Harrys Blick auf: die Kette mit dem Stein der Auferstehung.
„Schaff alle hier raus", befahl er. „Ron, schaff alle hier raus!"
„Ich? Was ist mit dir?"
„Schnell! Diskutier nicht rum!"
Ohne ein weiteres Wort senkte Ron den Zauberstab und beugte sich hinunter, um Hermine mit dem erregten Mr. Lovegood zu helfen. Harry war aufgestanden und zog Ginny auf die Füße. Dicke Blutstropfen rannen an ihrer Stirn herunter und ihre Arme waren an mehreren Stellen zerschnitten. Sie wirkte leicht erstarrt. Deshalb drehte er sie vor sich herum zum Ausgang.
„Was ist mit Lunas Mum?", sagte sie mit gesenkter Stimme.
„Ich kümmere mich darum."
Als er näher an die Tür kam, ließ er Ginnys Arm los. Sie schwankte ein wenig und musste sich an Viktor Krums Shirt festhalten, um stehen zu bleiben. Ron hatte den nun schnarchenden Xeno Lovegood auf seine Schulter gehievt und richtete seinen Zauberstab drohend auf Luna, die sich wehrte.
„Hör auf oder ich versteinere dich!", warnte er sie.
„Harry, tut mir leid", murmelte Hermine.
„Gib mir den Stein", kommandierte er. „Haut ab. Ich komme schon zurecht."
Sie öffnete den Mund, um zu protestieren, stieß jedoch stattdessen ein hohes Heulen aus. Harry wirbelte herum und sah, wie die tote Mrs. Lovegood an den Überbleibseln des Aquariums zerrte, einen wilden Ausdruck in den milchig weißen Augen. Instinktiv zeigte Harry mit seinem Zauberstab auf die Wand und brüllte „Reducto!" Die Regale zerbarsten und Dutzende von Büchern stürzten auf sie hinab und versperrten ihr für den Augenblick den Weg.
Als er sich zu Hermine zurückwandte, hielt sie die Halskette auf Armeslänge von sich, als wollte sie möglichst weit entfernt davon bleiben. Harry nahm sie entschlossen entgegen und sagte: „Jetzt geht."
„Warte, nein!", rief Ginny. „Ich lasse dich nicht allein!"
„Ron, schaff sie hier raus und wartet draußen auf mich."
Er konnte nicht in Ginnys Gesicht sehen. Er wusste, dass er sie nicht gehen lassen würde, wenn er das tat. Doch sie war verletzt. Es wäre egoistisch, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, nur weil er sie in seiner Nähe haben wollte.
Viktor Krum schien seine Gedanken zu lesen. Ohne Verzögerung packte er Ginny und Luna an den Armen, auch wenn sie sich heftig wehrten, und führte sie durch die Tür.
„Ihr geht auch", sagte Harry zu Ron und Hermine. „Ich weiß, was zu tun ist."
„Wenn du nicht zurückkommst, wird Ginny mich umbringen", sagte Ron mit einem matten Feixen.
Doch da war keine Zeit für eine Antwort. Mit einem schrecklichen Geräusch kam der Leichnam frei von dem Schutt und hechtete auf allen Vieren vorwärts zur Schwelle, die aus dem Labor der Lovegoods führte und in die Welt jenseits davon.
