Kapitel 18
Mehrere Flüche kamen Harry in den Sinn, doch keiner von ihnen schien mächtig genug, um einen Inferius in Schach zu halten. Er hechtete zur Seite und legte einen Abschirmzauber auf den Ausgang, der den einzigen Weg ins Freie magisch versiegelte. Dann versuchte er, die tote Mrs. Lovegood abermals zu lähmen, wie Viktor es getan hatte, doch sie war zu schnell und sein Fluch traf stattdessen einen Tisch, worauf noch mehr Splitter über den Boden fegten.
Sein Versuch, die monströse Kreatur im Labor zu behalten, schien noch zusätzlich zu deren Zorn beizutragen. Sie wirbelte herum und stürzte sich auf Harry. Er sprang noch gerade rechtzeitig zur Seite, um einen Zusammenprall mit seinem Angreifer zu vermeiden, und der Leichnam von Mrs. Lovegood krachte kopfüber gegen die Wand. Zumindest hatte er jetzt ihre volle Aufmerksamkeit und sie wollte nicht länger den Raum verlassen.
„Das ist es! Komm schon! Komm und hol mich!", stichelte er und sprang über zerbrochene Möbel.
Er musste in Bewegung bleiben, aber es war nicht leicht bei all dem Schutt, Wasser und zersplittertem Glas auf dem Boden. Die Kreatur kam mit unmenschlicher Kraft auf ihn zu, entschlossen, ihn zu töten. Er war das einzige Hindernis zu ihrer Flucht. Während er herumwirbelte und von Wand zu Wand raste, waren Harrys Gedanken auf den Stein der Auferstehung fokussiert, der in dem herzförmigen Medaillon von seiner Faust hing. Er brauchte nur ein paar Sekunden, um den Stein zu benutzen, doch der Inferius gönnte ihm nicht einen Augenblick der Ruhe. Feuer, ich brauche Feuer, dachte er, während er abermals zur Seite hechtete und die Kreatur sich über den Boden rollte, nachdem sie ihn knapp verfehlt hatte.
Er konnte eine blaue Flamme am Ende seines Phönix- Stabes erscheinen lassen und sie auf den Inferius schleudern wie einen Klatscher, aber es war nicht einmal annähernd machtvoll genug und bewirkte nur, dass der Leichnam von Mrs. Lovegood leicht taumelte.
Er kannte natürlich noch einen weiteren Zauber, einen stärkeren. Seine Hände waren davon versengt worden. Er war mächtig genug gewesen, um einen Horkrux zu zerstören, Ravenclaws Diadem. Er wusste nicht genau, wie man ihn ausführte, doch das tat mit Sicherheit der Elderstab. Alles, das er tun musste, war in seine Tasche nach ihm zu greifen.
„Potter, beweg dich! Was machst du da? Wingardium Leviosa!"
Überrascht spürte Harry, wie sein Körper sich vom Boden hob und aufwärts schwebte, als wäre er von einer unsichtbaren Welle getroffen worden. Unglücklicherweise war der Inferius flink und packte ihn am rechten Fußgelenk, bevor der Zauber ihn außer Reichweite tragen konnte. Er spürte, wie sich die scharfen Nägel in seine Haut gruben, und sah die schwarzen Zähne der Kreatur, während sie ihn grimmig herunterriss.
So gut er konnte, zielte er auf die Hände des Inferius und sagte: „Relashio!" Die Kreatur zischte vor Schmerz und zog sich zurück. Doch sein eigener Zauber traf auch seinen Fuß. Er spürte ihn auf seiner Haut und in seinen Knochen brennen. Er landete hart auf dem Boden und taumelte. Sein rechter Fuß wollte ihn nicht länger tragen.
„Incarcerate!", bellte Viktor Krum.
Dicke Seile brachen aus seinem Zauberstab hervor und der Inferius stürzte sofort zu Boden, da seine Beine zusammengebunden waren.
„Alles in Ordnung, Potter?"
„Ich dachte, ich hätte den Ausgang blockiert", brüllte Harry von der anderen Seite des Raumes.
„Das war der leichte Teil", erwiderte Krum.
Seine Augen waren auf die sich windende Kreatur gerichtet und er hielt seinen Zauberstab mit beiden Händen gepackt.
„Es ist noch nicht vorbei. Du musst hier raus."
„Du bist nicht mein Boss, Potter. Wie lautet dein Plan?"
Harry zögerte. Er kämpfte wieder gegen den Drang an, den Elderstab zu zücken, doch die Anwesenheit von Viktor Krum und seine eigene Unfähigkeit, den Stab zu kontrollieren, ließ ihn die Idee verwerfen. Seine einzige Option war der Stein der Auferstehung.
„Ich werde sie zurückschicken – und zwar hiermit", sagte er und hielt den herzförmigen Anhänger hoch.
„Ist das der – ?"
„Ja."
„Dann solltest du dich besser beeilen."
Harry schloss die Augen und drehte das Medaillon drei Mal auf der Handfläche, während er dachte: Geh dorthin zurück, wo du hergekommen bist.
Er konnte die Kreatur immer noch wütend zischen hören, während sie sich auf dem Boden herumwälzte und alles in Reichweite zerstörte. Er wiederholte den Akt noch mehrmals, doch es kam keine Veränderung auf.
„Harry, pass auf!", rief Krum.
Harry öffnete die Augen und sah, wie der Inferius auf seinen Unterarmen auf ihn zu robbte. Er trat wachsam einen Schritt zurück, wobei er versuchte, seinen verletzten Fuß zu schonen, und brüllte „Petrificus totalus!" Doch der Fluch prallte wirkungslos von dem Leichnam ab. „Imperio!", versuchte er wieder, aber der Unverzeihliche Fluch war ebenfalls nutzlos.
„Direkte Zauber bringen nichts. Benutz die Umgebung. Reducto!", brüllte Krum.
Etwas Schweres fiel von der Decke und landete zwischen Harry und dem Inferius mit einem metallischen Klang. Im Zimmer wurde es auf der Stelle dunkel und Harry begriff, dass Krum das Licht zerstört hatte. Sie beide erleuchteten ihre Zauberstäbe und das Labor füllte sich mit Schatten.
„Wo ist sie?"
Harry sah zu Boden und realisierte entsetzt, dass die tote Mrs. Lovegood verschwunden war. Der Stein der Auferstehung fühlte sich unerklärlich nutzlos an in seiner Hand. Er war sicher, dass das Verschwinden des Inferius nicht mit dem Stein zusammenhing. Er hob seinen Zauberstab höher und glaubte, etwas in der Dunkelheit zu sehen.
„Was auch immer du da machst, es funktioniert nicht", sagte Krum.
Er streifte ebenfalls im Raum umher, den Zauberstab hell erleuchtet.
„Ich weiß, dass es nicht funktioniert", sagte Harry gereizt. „Was schlägst du vor?"
„Lass mich es versuchen."
Es war nicht die richtige Zeit oder der rechte Ort, um sich zu streiten. Sofort warf Harry das Medaillon zu Krum hinüber, der es im Halbdunkel so sicher fing, als wäre es der Goldene Schnatz.
„Wende ihn einfach dreimal in der Hand und sag, dass sie zurückgehen soll", sagte Harry.
Er hatte keine Zeit zu sehen, ob Krum seinen Anweisungen Folge leistete. Das Gewicht von Mrs. Lovegoods Leichnam traf ihn mit voller Wucht in die Brust und er stürzte rückwärts zu Boden und schlug mit dem Kopf auf. Der Inferius packte ihn mit all seiner Kraft am Handgelenk. Harrys Zauberstab glitt ihm durch die Finger. Ein beißender Gestand füllte seine Nase und kleine Sterne blitzten vor seinen Augen auf. Alles, was er tun konnte, um die Kreatur in Schach zu halten, war, mit seinen Beinen nach ihm zu treten. Er konnte spüren, wie der Schmerz in seinem rechten Fußgelenk schlimmer wurde und hoffte unwillkürlich, dass der Elderstab etwas Unerwartetes tun würde.
Und plötzlich wurde der Raum von grellem Licht geflutet und der Kontrast war so groß, dass Harry die Augen zukneifen musste. Der Inferius ächzte und zischte und ließ schließlich los. Harry griff mit seiner nun freien Hand nach seinem Zauberstab und brüllte „Stupor!". Die Kreatur wurde von dem Fluch von ihm geworfen. Sie krachte gegen die Wand und landete in einem Kreis von reinem weißen Licht, wo sie zusammenbrach, sich wand und wälzte gegen die zunehmende Helligkeit.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis Harrys Augen sich an das Licht gewöhnt hatten. Jemand kam auf ihn zu. Als er ihren Umriss ausmachen konnte, stand sie bereits vor seinen Füßen.
„Wie geht es meiner Luna?"
Sein Blick fiel auf eine sehr veränderte Mrs. Lovegood. Ihr langes, welliges Haar wehte um ihr Gesicht herum, als wäre sie von einer sanften Brise umgeben. Sie trug einen weißen Seidenmorgenmantel und ein liebevolles Lächeln. Ihre Haut war weder geschwärzt noch verwest. Da war eine strahlende Aura, die ihre Gesichtszüge umgab, und es war schwer zu sagen, ob das Licht von ihrer gesamten Gestalt ausging oder von oben herabschien.
Sie lächelte ihn so mitfühlend an, dass er unbehaglich den Blick abwandte.
„Sie vermisst Sie", erwiderte er vorsichtig.
Er stützte sich auf die Überbleibsel des Schreibtischs, um sich in eine stehende Position aufzurichten. Sie bot ihm keine Hilfe an, sondern wartete geduldig. Schließlich hatte sie keinen Körper. Sie schien aus Dunst und Licht zu bestehen. Anders als seine Eltern, die echt aussahen, war sie geisterhaft, eine Vision aus einem Traum. Kein Geist, dachte er und begriff plötzlich, sondern Mrs. Lovegoods Seele.
„Ich vermisse sie auch", sagte sie mit einer verträumten Stimme, die Lunas sehr ähnelte. „Ich bin immer da, aber es ist nicht dasselbe. Luna versteht es. Sie versucht schon jahrelang, meinen Mann davon zu überzeugen, dass er mich gehen lassen muss. Wie dieser Raum hier beweist, war sie nicht sehr erfolgreich."
Sie warf einen Blick über ihre Schulter und Harry sah, dass sie nicht zu dem Inferius schaute, sondern zu der Schrift an den Wänden. Als ihre Augen sich auf die scheußliche Kreatur auf dem Boden richteten, verdüsterte sich ihr Gesichtsausdruck. Der Leichnam stöhnte und wand sich immer noch unter dem grellen Licht, beide Arme über den Kopf geschlagen.
„Kein schöner Anblick, nicht wahr? Nichts als eine leere Schale. Hat meine Luna es gesehen?"
„Nein – ja. Nur ein Blick. Aber sie wird es überwinden. Sie ist hart im Nehmen."
Sie wandte sich wieder Harry zu und ihre Lippen kräuselten sich zu einem wissenden Grinsen.
„Nicht so hart im Nehmen wie du, habe ich gehört."
„Mrs. Lovegood, was passiert – " Er wollte „mit mir" sagten, doch stattdessen fragte er: „ – mit den Heiligtümern?"
„Du bist sehr tapfer, aber nicht sehr schnell, Harry Potter. Glaubst du etwa, er würde solche Mächte ohne einen Preis vergeben?"
„Preis? Sie meinen, es gibt einen Haken?"
„Er ist der Herr der Unterwelt. Bei ihm gibt es immer einen Haken. Kannst du dir nicht denken, was es ist?"
Sie trat einen Schritt näher zu ihm und beugte sich herunter, so dass sie in sein Ohr flüstern konnte.
„Warum, meinst du, sind die drei Brüder getrennte Wege gegangen?"
„Sie mussten es", antwortete Harry ohne nachzudenken.
Sie richtete sich auf und starrte ihn bedeutungsvoll an, was ihm signalisierte, dass er auf dem richtigen Weg war.
„Sie hatten keine andere Wahl", sagte Harry. Ihm ging die Bedeutung seiner eigenen Worte auf. „Sie wollten nicht in Versuchung geführt werden, die Heiligtümer zu vereinen. Sie wollten nicht, dass die Heiligtümer sich zwischen sie als Brüder drängen."
Sie nickte.
„Nicht schlecht für jemanden, der keine Geschwister hat."
Doch Harry dachte nicht an Brüder oder Schwestern, er dachte an Ron und Hermine. Würde er sich von ihnen fernhalten, um sie zu beschützen? Würden sie jeder ein anderes Heiligtum nehmen und getrennte Wege gehen?
„Wenn vereint unter einem einzigen Meister, werden die Heiligtümer einander und ihren Hüter zerstören. Das war Hades' Warnung an die drei Brüder. Das steht nicht in eurem Märchenbuch, nicht wahr?"
„Nein, tatsächlich behaupten die Gerüchte so ziemlich das Gegenteil", sagte Harry und während er sprach, realisierte er, dass er zitterte. Dann fügte er hinzu: „Ich habe das hier nicht gewählt."
„Das ist, was dich für Ihn so interessant macht", erwiderte Mrs. Lovegood spitz. „Wenn du eine Alternative hättest, welches Schicksal würdest du wählen?"
„Sie sprechen von William Peverell, oder? Er hat einen Pakt mit Hades geschlossen."
„Ein Pakt, ja. Ein Opfer. Die letzte Wahl. Aber zufälligerweise sprach ich von dir. Nicht Peverell. Du solltest darüber nachdenken, bevor du Ihm gegenübertrittst."
„Was schon bald sein wird? Wollen Sie das damit sagen?"
Ein mattes Heulen ertönte, worauf Mrs. Lovegood sich zu ihrer verwesten Leiche wandte.
„Ich fürchte, ich habe nicht alle Antworten, Harry", sagte sie mitfühlend. „Alles, das ich dir gesagt habe, weiß ich aus der Arbeit von meinem Mann. Du solltest annehmen, dass die Triskelionen jetzt auch Bescheid wissen."
Ihr Blick war auf den Leichnam gerichtet und ihr Licht flackerte leicht. Ihr lief scheinbar die Zeit davon.
„Ich danke Ihnen", sagte er aufrichtig.
Sie nickte, antwortete jedoch nicht. Sie war schon von ihm weggewichen und trat näher zu der Kreatur auf dem Boden. Etwas geschah zwischen dem Leichnam und der Seele, aber Harry war nicht sicher, was. Das Licht verlor an Helligkeit, als Mrs. Lovegoods geisterhafte Gestalt sich neben ihre Leiche kniete. Langsam streckte sie die Finger aus und berührte die Hand des Inferius. Als das geschah, bebte das gesamte Haus heftig. Harry taumelte nach vorn und stützte sich auf die Überbleibsel des Schreibtisches. Er sah, wie Viktor Krum ebenfalls wankte.
Mrs. Lovegood schien zu zögern. Sie schaute sich im Raum um und dann zu Harry und Viktor.
„Jahrelang verweilte ich hier, gebunden an mein Zuhause durch die Magie meines Mannes. Wenn ich fortgehe, fürchte ich, wird das Haus nicht fortbestehen. Verschwindet hier und drück Luna von mir."
Mit einem letzten Lächeln wandte sie sich dem Inferius zu und plötzlich verschwanden die Kreatur und das geisterhafte Wesen in einem Blitz aus reinem weißen Licht. Die Nachwirkung war wie ein Erdbeben. Die Wände begannen heftig und mit zunehmender Intensität zu wanken. Teile der Decke fielen auf die anderen Trümmer und wirbelten zusätzliche Rauch- und Staubwolken auf. Das Haus bebte und machte einen unglaublichen Krach. Es würde über ihren Köpfen zusammenbrechen, wenn sie sich nicht schnell rausscherten.
„Protego!", brüllte Krum über das Tosen hinweg, als ein großer Brocken in seiner Nähe herunterstürzte.
Seinem Beispiel folgend, erschuf Harry ebenfalls einen Schild, doch unglücklicherweise machte sein verletzter Fuß es ihm schwer, sich einen Weg durch die Trümmer zu bahnen. Ein weiterer Balken krachte neben ihn und er stürzte über einen Haufen zerbrochener Möbel.
„Komm schon, Potter! Steh auf!", rief Krum.
Hustend und taumelnd schaffte Harry es mit großer Mühe, sich aufzurappeln. Krum kam, so gut er konnte, auf ihn zu. Er hatte Harry fast erreicht, als ein Teil der Steinwand zerbrach und in Krums Weg fiel.
„Geh schon! Verschwinde hier!"
„Machst du Witze? Wir gehen zusammen raus!"
Mit einem riesigen Satz gelangte er zu Harry. Er legte sich Harrys Arm um die Schulter und sagte: „Du kannst nicht disapparieren, oder?"
Krum gab Harry keine Zeit zu antworten. Das letzte, das Harry vom Laboratorium der Lovegoods erhaschte, war dicker grauer Rauch, durch den er die Silhouette einer Frau tiefer und tiefer in die Finsternis ihres Grabs steigen sah.
