Kapitel 19

Sobald ihre Füße den Boden berührten, wedelte Krum mit dem Zauberstab und schickte eine silbrige Gestalt durch den Nebel. Es war schwer, die Umrisse des Patronus in dem grauen, grässlichen Wetter auszumachen, aber es war vierbeinig, groß und schnell.

Harry schwankte leicht, als er wieder versuchte, Gewicht auf seinen rechten Fuß zu legen, doch seine Bemühungen waren sinnlos. Glücklicherweise war da ein großer Stein in der Nähe, auf den er sich ungelenk niederließ. Er war ein bisschen glitschig, obwohl es aufgehört hatte zu regnen. Die anderen würden bald kommen, geführt von Krums Patronus.

Sie waren auf die Spitze des Hügels in der Nähe vom Haus der Lovegoods appariert. Es war dieselbe Stelle, wo er, Ron und Hermine vor ein paar Monaten gestanden hatten, als sie Xeno Lovegood besuchten. Der Anblick würde nie mehr der gleiche sein, so realisierte Harry. Die zylindrische Konstruktion, die Lunas Haus gewesen war, war halb kollabiert und stand nun in einem merkwürdigen Winkel und eine dicke Wolke aus grauem Rauch stieg von einem Loch im Dach auf. Insgesamt machte es den Eindruck von einem gekrümmten Daumen ohne Fingernagel.

„Es hätte nichts gebracht, wenn du zurückgeblieben wärst", sagte Krum, den Blick erwartungsvoll auf den Pfad gerichtet, der von ihrer jetzigen Position zu Lunas Haus führte. „Dort drin zu sterben, wäre sinnlos gewesen."

„Stimmt", murmelte Harry unbehaglich.

Er wurde das Gefühl nicht los, dass er bevormundet wurde. Doch bevor er etwas hinzufügen konnte, um seine Reaktion zu rechtfertigen, deutete Krum zum Horizont und sagte: „Da sind sie."

Hermine lief vorneweg, nahm große Sätze auf dem schlammigen Boden und stürzte ein oder zwei Mal beinahe. Glücklicherweise folgte Ron ihr so dicht auf den Fersen, dass er sie am Arm auffangen konnte. Gemeinsam taumelten sie vorwärts auf die Hügelspitze zu, wo Harry und Krum warteten. Sie wurden gefolgt von Ginny, deren rotes Haar unter dem grauen Himmel etwas weniger glänzte, und dann von Xeno Lovegood, der unter Lunas Zauber leicht wie eine Feder in der Luft schwebte.

„Es ist nicht deine Schuld, Hermine", sagte Harry, sobald sie angekommen waren.

„Harry, es tut mir so leid", erwiderte sie keuchend. „Ich konnte nichts machen. All diese Schriftzüge an der Wand. Sie waren über sie, über Lunas Mutter. Er hat versucht, sie zurückzuholen."

„Ich weiß. Ich glaube, er hat ihre Seele magisch im Haus gefangen gehalten."

Hermine und Ron schnappten gleichzeitig nach Luft.

„Aber das ist furchtbar!"

„Wie hast du es in Ordnung gebracht?", fragte Ron. Er hob eine Augenbraue und warf einen Blick über die Schulter auf das zusammengebrochene Haus. „Du hast es doch in Ordnung gebracht, oder?"

„Ehrlich gesagt, nein. Viktor hat es getan, mit dem Stein. Aus irgendeinem Grund hat er bei mir nicht funktioniert. Aber im Endeffekt ging es und das ist alles, das zählt. Sie war durch Magie an das Haus gebunden und jetzt ist sie frei."

„Das erklärt auch, was mit dem Haus passiert ist", schloss Hermine.

Während sie sprach, kam Ginny an der Spitze an und lief auf Harry zu. Für einen Augenblick konnte er nichts anderes sehen als sie.

„Was ist passiert?", sagte sie. Sie kniete sich neben Harry und sah zu Viktor Krum.

„Wir haben sie in die Welt der Toten zurückbefördert und dann ist das Haus über uns zusammengebrochen", erwiderte der Bulgare ruhig.

„Den Teil habe ich mitbekommen. Ich meinte, was mit Harry passiert ist."

Sie streckte ihre Hände zu Harrys Fußgelenk. Erschrocken bemerkte er, dass seine Jeans unten zerrissen war und rote Flecken seine Schuhe zierten.

„Ich habe aus Versehen Relashio auf meinen Fuß geschossen", antwortete er verlegen. „Was ist mit dir? Geht es dir gut?"

Er hatte gerade ein paar dünne Schnitte an ihren Armen und ihrem Gesicht entdeckt, außerdem eine Stelle mit klebrigem Blut an der Stirn.

„Es ist nicht schlimm. Ich war ein wenig betäubt, das ist alles. Ich war dumm, wirklich. Ich hätte viel schneller aus dem Weg springen müssen."

„Sag das nicht", entgegnete Krum mit überraschend sanftem Tonfall. „Du bist nicht dumm."

Er starrte Ginny mit so intensivem Blick an, dass Harry sich klein und etwas fehl am Platz fühlte. Er fragte sich unwillkürlich, was Ginny und Krum geteilt hatten, während er auf der Suche nach Horkruxen gewesen war. Und während er das dachte, spürte er eine große Welle der Eifersucht über sich wallen. Wie viel Gelächter hatte er verpasst? Wie viele warme Nachmittage? Wie viele Abende am Kamin im Gryffindor- Gemeinschaftsraum? Aber andererseits hatte Krieg geherrscht, nicht wahr? Die glücklichen Momente mussten rar gewesen sein. Und doch war er in jenen Augenblicken nicht bei ihr gewesen und vielleicht war Viktor dagewesen.

„Ich bin nicht so perfekt, wie du es dir vorstellt, Viktor", murmelte Ginny nach einer Weile. Sie schüttelte den Kopf.

Krum schien nicht streiten zu wollen und verstummte. Ron und Hermine starrten beide auf die schwebende Gestalt von Xeno Lovegood, während sie nervöse Blicke zu Harry und Viktor warfen.

Nur Ginny schien der unbehagliche Augenblick nicht zu stören. Sie zog ihren Zauberstab heraus, richtete ihn auf Harrys Fußgelenk und begann, einen Zauber zu murmeln. Harrys Zehen wurden langsam taub und der Schmerz in seinem Fuß schien signifikant abzunehmen, bis er nur noch ein leichtes Prickeln spürte.

„Das sollte für jetzt reichen, aber wir werden dich zu einem Heiler bringen müssen", sagte sie, als sie fertig war. „Magische Verletzungen sind immer kniffliger, als sie aussehen. Ich habe es nur erträglicher gemacht, damit du laufen kannst."

„Das kannst du? Ich wusste nicht, dass du es kannst", sagte Hermine und Harry konnte deutlich die Mischung aus Ungläubigkeit und Interesse in ihrer Stimme hören.

„Naja, ich habe es letztes Jahr oft gemacht", erwiderte Ginny in nüchternem Tonfall. „Da war immer jemand, der aufgepäppelt werden musste. Deshalb haben Luna, Neville und ich ein paar Heiltechniken gelernt."

Mit ihren Händen auf Harrys Knien stand sie auf. Doch ihr Fuß rutschte im Schlamm aus und es war Viktor Krum, der sie am Arm auffing, was in einem weiteren verlegenen Moment mündete. Heiße, brodelnde Eifersucht überkam abermals Harrys gesamten Körper und er beschloss, dass es ein guter Zeitpunkt war, sich die Schuhe zuzubinden.

„Wir sind immer noch Dumbledores Armee, oder nicht?"

Harry war froh über die Ablenkung und fragte sich für einen kurzen Moment, ob Luna es bewusst getan hatte.

„Stimmt, Luna", erwiderte er feierlich. Er richtete sich wieder auf.

„Also spielen wir immer noch etwas vor?"

„Etwas vorspielen?"

Da begriff Harry an der Art, wie Luna Ginny und Viktor anstarrte. Es wurde ihm alles klar: Ginnys offensichtliche Nähe zu Viktor Krum. Die Informationen, die sie zu teilen schienen. Viktors Wissen über das geheime DA- Motto. Ginnys enge Beziehung zum Staatsfeind Nr. Eins, nämlich Harry Potter, war allgemein bekannt. War ihre Sicherheit bedroht gewesen, als sie nach Hogwarts zurückgekehrt war? War das die Lösung gewesen?

„Ihr habt den anderen letztes Jahr vorgespielt, dass ihr zusammenseid, oder?"

Was?", keuchte Ron. „Wer? Wovon redest du da?"

Ginny befreite sich aus Krums Griff. Ihr Gesicht war plötzlich rot geworden.

„Es war nur für unsere Sache, in Ordnung?", platzte sie heraus. „Alle dachten, ich wäre in Gefahr. Sie wollten mich nicht nach Hogwarts zurückgehen lassen, solange es weit verbreitet war, dass Harry und ich etwas wie eine Beziehung hatten. Es war ein dummer Plan."

„Es war nicht dumm", beharrte Krum. „Du spielst es immer herunter, aber da waren ernsthafte Bedrohungen."

„Was für Bedrohungen?", erkundigte sich Hermine bestürzt.

„Heuler. Einmal ist ein Paket voller Schlangen gekommen. Die Art von Sachen. Es war nicht einmal annähernd genug, um mich einzuschüchtern."

„Hätte es aber tun sollen", entgegnete Krum, worauf Ginny nur verächtlich aufschnaubte.

„Mum hat sich diesen Plan einfallen lassen. Und als sie mir endlich davon erzählt haben, ist schon alles in Bewegung gesetzt worden. Nevilles Großmutter und Tantchen Muriel haben das Gerücht verbreitet. Es war ausgemacht, dass Viktor mich zur Plattform 9¾ bringen würde, aber das haben sie mir erst auf dem Weg nach Kings Cross gesagt."

Krum erwiderte: „Sie wussten, dass du nicht einverstanden wärst, und es war notwendig, dass du…"

„Was? Dass ich gehorche?"

„Dass du kooperierst."

„Sie haben mir nicht wirklich eine andere Wahl gelassen, oder?"

„Sie wollten dich beschützen."

„Dann hätten sie mich in den Plan einweihen sollen!"

Ginnys letzter Ausbruch echote um sich herum. Viktor schien seine Entgegnung hinunterzuschlucken, als wüsste er, dass er keinen Streit mit ihr gewinnen konnte.

„So war es die ganze Zeit", sagte Luna zu Harry. „Zumindest war Viktor eine gute Wahl. Sie wollten zuerst vortäuschen, dass Ginny mit Neville zusammen ist. Das wäre merkwürdig gewesen."

Harry dachte unwillkürlich, dass er die erste Option bevorzugt hätte. Irgendwie beruhigte ihn die Vorstellung, wie Ginny mit dem breitschultrigen, weltberühmten bulgarischen Sucher Händchen hielt, nicht gerade, selbst wenn es nur Fassade gewesen war.

„Aber es gibt Leute, die immer noch nicht wissen, dass es nur vorgespielt war. Habe ich Recht?"

Seine Stimme kam ihm entfernt und verschwommen kam, als gehörte sie ihm nicht. Es war ihm gerade aufgegangen, wie fern und abgeschottet von Ginny er während des letzten Jahres gewesen war. Die Beziehung, die sie vor Dumbledores Tod aufgebaut hatten, schien wie die Erinnerung an das Leben von jemand anderem.

Es würde nie wieder genauso sein. Nichts würde jemals wieder genauso sein. Er hatte sich verändert, ebenso wie Ginny und alle anderen. Was auch immer sie zuvor innehatten, nun würde es anders sein. Ein kleiner Teil von ihm, eine beharrliche Stimme, die er zum Schweigen bringen wollte, raunte permanent in seinem Kopf: Was, wenn sie ihn nicht mehr wollte?

„Du denkst an Slughorn", sagte Ginny. Sie versuchte, seinen Blick aufzufangen. „Ja, ich glaube, er kauft es uns immer noch ab. Für ihn sind wir so gut wie verheiratet, Viktor und ich. Er erzählt allen immer, was für ein gutes Paar wir seiner Meinung nach abgeben. Ich habe ihn sogar bei der Beerdigung gehört. Er ist so neugierig und er wechselt gern ab und zu ein Wort mit Rita Kimmkorn. Wenn er glaubt, dass wir noch zusammen sind, dann können wir darauf wetten, dass der Rest der Zaubererwelt es ebenfalls tut."

„Und ihr spielt es immer noch vor, weil – ?", begann Ron.

„Slughorn heckt etwas aus, Ron!", keifte Ginny zurück. „Es verschafft uns einen Vorteil. Er glaubt, er kenne Harry durch und durch, aber so wissen wir etwas, das er nicht weiß. Er glaubt, ich spiele keine Rolle, während es in Wirklichkeit anders ist. Um ihn zu verstehen, musst du wie ein Slytherin denken."

„Dumbledore hat ihm vertraut", warf Hermine ein.

„Ich sage ja nicht, dass er ein Todesser ist", erwiderte Ginny. „Ich sage nur, dass er ein dreckiger kleiner Spitzel ist."

„Wir glauben, er steckt hinter dem, was Elinor Ferrars und Matthew Bones zugestoßen ist", sagte Luna, als würde das Slughorns Wesen deutlich machen.

Ginny warf ihr einen raschen Blick zu. Es war, als hätte sich ein Schatten über sie gelegt. Da war etwas wie Schmerz und Trauer auf Ginnys Gesicht, doch gleichzeitig auch Wut.

„Was – was ist ihnen zugestoßen?", fragte Hermine zitternd. Sie griff nach Rons Hand.

Ginny holte tief Luft, bevor sie zur Antwort ansetzte. Wie Luna starrte sie jetzt die schwebende Gestalt von Mr. Lovegood an.

„Sie haben sich heimlich getroffen. Matthew hat sich versteckt. Er war Amelia Bones' Neffe, der einzige Überlebende ihrer Familie. Slughorn hat Elinor zu einer seiner Partys eingeladen und ein paar Wochen später wurde ihre Leiche in Hogsmeade entdeckt."

„Das heißt nicht, dass er sie verraten hat…", begann Hermine.

„Slughorn hätte alles getan, um in Snapes Gunst zu stehen", unterbrach Ginny sie. „Er hat sich betrunken und es ausgeplaudert. Das ist, was passiert ist."

Harry erinnerte sich unwillkürlich daran, wie er vor einem Jahr die Erinnerung von Slughorn geholt hatte. Es wäre einfacher für Snape gewesen, da er ein guter Legilimentiker war. Aber Snape war auf unserer Seite, musste Harry sich in Erinnerung rufen. Hätte der Professor zugelassen, dass seinem Schüler etwas zustieß, nur um sich einen Platz an Voldemorts Seite zu sichern? Harry konnte es nicht ertragen, an die Antwort zu denken: Severus Snape, der seine Mutter Lily geliebt hatte, so tief, so unmissverständlich…

„Sie haben es so aussehen lassen, als hätte sie sich selbst erhängt", fuhr Ginny fort. „Es gab einen Selbstmordbrief, aber die Schrift war eindeutig von Alecto Carrow. Am nächsten Tag ist Matthew Bones in die Große Halle gestürmt und hat alleine versucht, es mit den Carrows aufzunehmen. Sie haben gelacht, während sie ihn mit dem Cruciatus- Fluch quälten. Und dann haben sie die Dementoren gerufen und Matthew mit dem Kuss bestraft, vor der ganzen Schule. Er war erst 15 Jahre alt. Sie hätten es nicht getan, wenn McGonagall dagewesen wäre, aber sie war ein paar Tage zuvor beim Quidditch verletzt worden und lag bewusstlos im Krankenflügel. Sie war außer sich, als sie es herausfand. Wir mussten sie davon abhalten, ebenfalls etwas Dummes zu tun. Da hat Neville angefangen, alles in die Hand zu nehmen. Wir konnten nicht zulassen, dass McGonagall gefeuert wurde. Das hätte das Ende von Hogwarts bedeutet. Wir mussten einfach durchhalten, bis – bis du zurückkommst."

Ginnys Rücken war allen zugewandt, doch Harry merkte, dass es ihr schwergefallen war, den letzten Teil der Geschichte zu erzählen. Sie hatten das gesamte Jahr damit verbracht, auf seine Rückkehr zu hoffen, ohne zu wissen, wann oder ob er überhaupt auftauchen würde. Sie hatten sich an diese eine einzige Hoffnung festgeklammert, einander unterstützt, einander ermutigt durchzuhalten.

In diesem Moment spürte Harry das Bedürfnis, zu Ginny zu gehen, sie fest in die Arme zu schließen und ihr zu sagen, dass es nun vorbei war.

Doch er taumelte auf seinem verletzten Fuß und es war Viktor, der zuerst bei ihr ankam. Er konnte nur zusehen, wie der starke Bulgare eine tröstende Hand auf Ginnys Schulter legte.

„Ich kannte sie nicht einmal", sagte sie schließlich. Sie wischte sich das Gesicht am Ärmel.

„Sie waren beide in Ravenclaw, vierte Klasse", kommentierte Luna. „Elinor ist glücklich jetzt, wie Mum, aber Matthew nicht. Er ist nicht wirklich tot: Ihm wurde die Seele genommen. Das war wirklich furchtbar anzusehen, oder nicht?"

Niemand sagte etwas. Harry konnte es kaum fassen: Der Kuss der Dementoren, fast unerträglich anzusehen, ausgeführt in der Großen Halle, in Hogwarts, vor den Schülern… Wenn er tatsächlich ein Meister des Todes war und wenn er durch den Torbogen des Todes trat, könnte er sicherstellen, dass das niemals wieder geschah. Er könnte die Dementoren in ihr Reich zurücktreiben. Mrs. Lovegood hatte von einem Pakt gesprochen, einem Opfer, der ultimativen Wahl. Was würde er dafür geben, die Dementoren nie wieder zu sehen? Würde er ein glückliches Leben mit Ginny dafür aufopfern?

Ginny, die nun Viktor hatte, der sich so sehr um sie sorgte…

„Was jetzt?", fragte Viktor, während eine dicke Regenwolke über ihren Köpfen aufzog.

„Die Heiligtümer zerstören", sagte Hermine herrisch, die Augen auf Harry geheftet.

„Ja", stimmte Ron eifrig zu. „Die Triskelionen können ruhig weitersuchen. Sie werden die Heiligtümer nie finden, wenn sie nicht mehr existieren."

„Was ist mit eurer Familie? Was werdet ihr alle tun? Euch verstecken, bis sie herausfinden, dass ihre Suche vergeblich ist?"

„Was schlägst du dann vor?", sagte Krum.

Harry starrte die schwebende Mrs. Lovegood an und erinnerte sich an den verzweifelten Schrei: „Schließt keinen Pakt!" Seine Instinkte befahlen ihm zu tun, was Hermine vorgeschlagen hatte, doch in seinem Herzen wollte er die Welt von diesem anderen Übel befreien: Dementoren. Und wenn die Verantwortung auf seine Schultern gefallen war, sei es drum.

„Was ist, wenn ich mehr über William Peverell erfahren möchte?", fragte er in die Runde. „Wo könnte ich anfangen?"

Er konnte in seiner Stimme denselben flehenden Unterton hören, den er angenommen hatte, um Hermine davon zu überzeugen, nach Godrics Hollow zu gehen.

„Hogwarts' Bücherei natürlich", sagte Luna fröhlich.

Hermine sagte: „Azkaban."

Ron sagte: „Zaubereiministerium."

Krum sagte: „Durmstrang."

„Azkaban, das ist genial! Aber das ist auch Wahnsinn, nicht zu vergessen furchtbar beängstigend. Vergiss es. Ich setze niemals einen Fuß darein."

Doch Harry dachte nicht über Azkaban nach.

„Durmstrang?"

„In unserer Großen Halle hängt ein Gemälde von William Peverell", sagte Krum, als wäre das Allgemeinwissen.

Ginny wirbelte zu dem Bulgaren herum.

„Kannst du uns hinbringen?", fragte sie.

Viktor schaute zu den anderen und runzelte die Stirn, als heckte er etwas Kompliziertes aus. Dann fiel sein Blick auf Mr. Lovegood.

„Ihn nicht", sagte er mit einem bedeutungsvollen Blick zu Luna.

„Daddy und ich gehen zu Neville."

Harry sah überrascht zu ihr. Er hatte erwartet, dass sie sie begleiten würde, jetzt da sie mit von der Partie war. Ihre Anschauungen waren immer einsichtig und erfrischend. Er brauchte das im Moment. Er hatte Schmerzen, ihm war kalt und er war erschöpft. Er brauchte jemanden, er einen klaren Kopf bewahren konnte.

Doch es war zu spät. Hermine hatte schon eine Feder aus ihrer Handtasche in einen Portschlüssel verwandelt und Ron half Krum damit, Mr. Lovegood auf den Boden zu ziehen.

„Du wirst es schaffen, Harry", raunte Luna ihm zu, während die anderen beschäftigt waren. „Du hast es so weit geschafft. Ich fand schon immer, dass du eine Art Ritter bist, nur ohne die glänzende Rüstung."

„Ich bin kein Ritter…"

„Natürlich bist du das. Du bist Dumbledores Ritter. Du vertraust nur nicht genug darauf. Was hat meine Mummy gesagt?"

„Sie – sie lässt dir ausrichten, dass sie dich liebt", murmelte Harry, etwas verblüfft.

Lunas Augen füllten sich mit Tränen. Die anderen konnten es von ihrem Standort aus nicht sehen, doch aus irgendeinem Grund scheute sie sich nicht davor, Harry ihre Trauer zu zeigen.

„Bist du bereit, Luna?", rief Ron.

Sie wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht und dann küsste sie Harry auf die Wange, als wäre es die natürlichste Sache auf der Welt. Danach lächelte sie ihn warm an und gesellte sich dann zu ihrem Vater, der nun unbeholfen mit geschlossenen Augen dastand.

Harry legte automatisch eine Hand an seine Wange. Wenn ihm nicht so kalt gewesen wäre, wäre er wahrscheinlich errötet.

„Oh, ich habe etwas vergessen!", hörte er Luna sagen, als sie mitten auf dem Weg zu ihrem Vater war.

Sie kam zurück zu Harry und ließ einen seidigen Stoff in seine Hände fallen.

„Dad hatte das bei sich, als Viktor ihn fand. Es könnte ein Hinweis sein."

Sie zwinkerte ihm zu und ging wieder davon. Diesmal drehte sie sich nicht wieder um. Eine Minute später verschwanden Luna, der schlafende Mr. Lovegood und die lilafarbene Feder mit einem leisen rauschenden Geräusch.

Erst als sie fort waren, faltete Harry den Stoff auseinander. Das silbrige seidige Material fühlte sich schockierend vertraut zwischen seinen Fingern an.

„Was hat sie dir gegeben?", fragte Ginny. Sie trat näher heran.

Harry war so überrascht, dass er nicht gleich antwortete. Der Stoff war an einigen Stellen abgenutzt. Er konnte es nicht fassen und doch machte es furchtbar Sinn. Jeder, der dieses Tuch trug, würde mit Sicherheit nur teilweise verborgen sein, wie Stücke von Fleisch, die mitten in der Luft hingen. Harrys Gedanken rasten: der Dunkle Wald, die Kreatur, die unmenschliche Erscheinung.

Xeno Lovegood, mit einem abgetragenen Tarnumhang.