Kapitel 21
Er sah zuerst den Bürgersteig und dann seine Hände: sie zitterten. Er war auf die Knie gefallen. Die Stimmen um ihn herum waren laut und erregt. Jemand zog ihn an den Schultern hoch. Ginny. Er musste drei oder vier Atemzüge nehmen, bevor er sich aufrichten konnte. Es war, als wäre er aus einem lebendigen Traum gerissen worden. Die Bilder schwanden schnell und er war leicht desorientiert. Zum einen erinnerte er sich nicht daran, zu nah an einem Springbrunnen gewesen zu sein, und doch war es so. Er war nah genug, dass eine kleine Anzahl von Schritten genügte, damit er sich auf die Kante setzen konnte. Ein paar Fußgänger starrten ihn an, als hätte er irgendeine ansteckende Krankheit, aber es war ihm egal. Er war fremde Blicke gewöhnt.
„Es ist wieder passiert, nicht wahr?"
Er konnte in Ginnys Augen sehen, dass er ihr einen furchtbaren Schrecken eingejagt hatte. Er konnte sie nicht anlügen.
„Es war die Zukunft", sagte er leise.
Die Leute um sie herum sprachen nur Bulgarisch. Er wusste, dass sie ihn nicht verstehen konnten, doch das erschien ihm eine private Angelegenheit, weshalb er die Stimme gesenkt hielt.
„Hast du gesehen, was mit unserem Sohn geschieht?", fragte Ginny geradeheraus.
Harry schloss die Augen und rief sich die Szene in Erinnerung. Er war so nah dran gewesen, den Ausgang herauszufinden, und war dann in der letzten Minute zusammengebrochen. Er war es gewesen, der der Vision ein Ende gesetzt hatte, der nicht weiter wissen wollte. Hatte er zu sehr Angst gehabt, es herauszufinden, oder zu schwach, um der Wahrheit entgegenzutreten? Egal was es gewesen war, Ginny verdiente, alles zu erfahren, da es auch ihre Zukunft betraf.
„Ich habe nicht alles davon gesehen – ich konnte es nicht – aber da ist immer noch Gefahr und vielleicht…"
„Tod?"
Er nickte und dann sah er den Ausdruck von Entsetzen auf ihrem Gesicht und er schämte sich für seine Reaktion. Wenn er noch ein wenig länger durchgehalten hätte, hätten sie den Ausgang erfahren.
„Es tut mir leid. Ich konnte nicht alles sehen."
„Es ist nicht deine Schuld…"
„Doch, es ist meine Schuld", unterbrach er sie. „Ich konnte es nicht herausfinden. Ich musste es beenden. Ich wollte es nicht sehen… Es war schlimmer als Dementoren. Und es ist so real, die Vision. Ich kenne sogar ihre Namen."
„Wessen?"
„Von unseren Kindern."
Ginnys Miene veränderte sich schlagartig. Er konnte nicht erkennen, ob sie glücklich war oder überrascht oder verängstigt. Vielleicht war es Mischung von allem.
„Wir haben drei", fuhr er vorsichtig fort. „Zwei Jungen und ein kleines Mädchen: James, Albus und Lily."
Sie schien ein paar Sekunden darüber nachzudenken.
„Ich mag den Namen Albus. Ich hätte niemals daran gedacht."
„Ich weiß nicht einmal, ob ich Kinder will. Müssen wir sie nach meinen Eltern benennen?"
Ginny schien gerade etwas erwidern zu wollen, wurde aber von einem vertrauten Ruf unterbrochen.
„Harry! Da seid ihr ja! Was macht ihr da? Wir dachten schon, wir hätten euch verloren. Was ist passiert? Du siehst schrecklich aus!"
Hermine keuchte, als sie am Springbrunnen ankam. Sie schien leicht panisch. Ron folgte ihr dicht auf den Fersen, den Rucksack fest in der linken Hand, als kompensierte er, dass er seinen Zauberstab nicht halten durfte.
„Wir sind zurückgeblieben, um euch beiden etwas Privatsphäre zu gönnen, und dann hatte Harry eine Vision", erklärte Ginny rasch, während Hermine wieder zu Atem kam.
„Was? Was hast du gesehen?"
„Ist jetzt nicht so wichtig. Was ist los? Wo ist Viktor?", erwiderte Harry.
Hermine deutete auf die Ampel und nachdem ein paar Fußgänger zur Seite getreten waren, sah Harry die Gestalt von Viktor Krum, dunkel und gebeugt, die Hände tief in den Taschen vergraben, umgeben von drei Wachmännern, die Movieplex- Uniformen trugen.
Harry war sofort auf den Beinen.
„Was wollen sie?"
„Das wissen wir nicht", gab Ron zu. „Fremdsprache, du weißt schon. Wir waren auch weit hinter ihm wie ihr und dann sahen wir diese Kerle mit Krum sprechen."
Harrys Finger tasteten sofort nach der Spitze des Elderstabs, der immer noch in seiner rechten Handfläche lag. Er wollte Viktor keine Schwierigkeiten bereiten, doch er wollte – musste – das Porträt von William Peverell sehen. Wenn Viktor von den Sicherheitsmännern weggebracht werden sollte, dann würden sie es auf eigene Faust finden müssen.
Harry wirbelte herum und suchte nach dem uninteressanten rechteckigen Gebäude, das Viktor als Duellier- Stadion beschrieben hatte. Es war nicht sehr weit zu ihrer linken Seite. Ginny schien seinem Blick gefolgt zu sein.
„Ich sehe es", sagte sie. „Ich würde sagen, wir türmen. Es ist unsere einzige Chance."
„Sei nicht so dramatisch." Hermine stieß einen Seufzer aus. „Es ist eine Schule, kein Hochsicherheitsverlies in Gringotts. Sie werden uns einlassen, wenn wir einen guten Grund haben."
„Nein, werden sie nicht", erwiderte Ron stur. „Hast du jemals einen Schüler von einer anderen Schule in Hogwarts gesehen, außer beim Trimagischen Turnier? Nein, hast du nicht. Und zwar weil der Aufenthaltsort von jeder Schule geheim gehalten werden soll. Es ist eine Tradition. So ist es schon Hunderte von Jahren gewesen. Hast du das nicht in Eine Geschichte von Hogwarts gelesen?"
Hermine wirkte leicht bestürzt bei Rons halsstarrigem Tonfall.
„Das habe ich. Aber ich habe nicht gedacht, dass es wörtlich genommen werden soll. Ich bin sicher, vernünftige Leute können die Logik erkennen…"
Harry sah entfernt, wie Ron die Augen verdrehte.
„Hier geht es nicht um Vernunft oder Logik. Es geht um Rivalität und Eifersucht und Angst, dass das andere Team den eigenen Spielplan stiehlt. Du kennst doch den Spruch: Wenn du den Schnatz nicht zeigst, wird dich kein Klatscher jagen."
„Nur dass es hier nicht um Quidditch geht, Ron", sagte Hermine.
„Wir können später darüber diskutieren", warf Ginny ein, bevor Ron etwas erwidern konnte. „Viktor kommt auf uns zu."
Kurz darauf schloss der Bulgare zu ihnen auf, eine Hand immer noch in der Tasche, wo er zweifellos seinen Zauberstab umklammerte.
„Was ist los?", erkundigte Ginny sich, sobald er in Ohrweite war.
„Es hat einen Sicherheitsbruch gegeben. Wir müssen hinein", sagte Viktor leise.
„Was für ein Bruch?", fragte Hermine, während sie die drei Männer in Movieplex- Uniformen beobachtete, die auf etwas zuliefen, das wie eine Einkaufspassage aussah.
Harry konnte sofort erraten, was ihr durch den Kopf ging, als ihre Miene von kühler Intelligenz zu Nervosität wechselte. Letztes Jahr war es ein Muss gemessen, ihre Spuren zu verwischen, bevor sie disapparierten, und nach einer Weile war es zu einer Gewohnheit geworden. Doch sie hatte keinen von diesen Verbergungszaubern angewandt, bevor sie den Hügel vor Lunas Haus verlassen hatten. Sie hätten mit Leichtigkeit verfolgt werden können.
„Der Alarm gegen Eindringliche wurde ausgelöst, aber nicht von uns", fuhr Viktor fort. Er folgte Hermines angespanntem Blick. „Ich habe Metin im Filmtheater erzählt, dass ihr Mitglieder vom Duellier- Club seid. Das ist das Passwort, das ich letztes Jahr benutzt habe, um Muggle- Geborene einzuschmuggeln. Die Schutzzauber funktionieren immer noch und wir haben die Shirts. Dieser Einbruch ist etwas anderes. Wir sind nicht die einzigen, die nicht hier sein sollten."
Harry sah, wie Ron und Hermine einen Blick wechselten. Sie beide schienen die Hände nah bei ihren Zauberstäben zu halten und sie hatten in stiller Übereinkunft Position an Harrys beiden Seiten eingenommen.
„Dann lass uns schnell reingehen, Viktor", drängte Ginny.
Da waren zu viele Menschen auf dem Fußgängerweg und zu rennen hätte Aufmerksamkeit erweckt. Deshalb gingen sie in zügigem Tempo mit Harry in der Mitte. Es war schwer zu erkennen, wohin Viktor sie führte, doch es ging definitiv auf einen verlasseneren Bereich der Stadt zu.
Die Straßen wurden mit jeder Biegung enger. Sie liefen nach links, dann nach rechts und dann wieder nach links, bis Harry sich nicht mehr an den Weg erinnern konnte. Dies war eine fremde Stadt für ihn und die Wegzeiger und Straßennamen waren in einer fremden Sprache. Sie hatten keine andere Wahl als darauf zu vertrauen, dass Viktor Krum sie sicher in die Wände der Schule führen würde.
Nach ein paar weiteren Häuserblöcken kamen sie auf einen runden Platz, der der Eingang zu einem modern aussehenden Hotel zu sein schien. Es war ein weißer, glänzender Turm mit großen schwarzen Fenstern und einem goldenen Bogen über dem Eingang. Einige Autos waren vor dem Gebäude geparkt. Ein Dutzend goldene Kutschen warteten einsatzbereit nahe der Glasdrehtür, doch da waren keine Touristen, keine Kunden und keine Fahrer. Tatsächlich waren die Wägen leer, wie Harry bemerkte. Es gab keinen, der das Gepäck auf die goldenen Kutschen lud, und niemanden mit Digitalkameras oder Stadtplänen, die sie nach Wegweisungen fragen konnten. Das Hotel sah völlig verlassen aus.
„Dieses Gebäude ist nur eine Fassade. In Wirklichkeit ist da drin die Große Halle", sagte Viktor eilig, während sie über den Platz zu dem beeindruckenden Bauwerk liefen. „Wir können den Vordereingang nehmen. Es ist Sommer, also werden nicht viele Leute da sein."
Als sie die Drehtür erreichten, warf Harry unwillkürlich einen Blick über die Schulter, um zu sehen, um ihnen jemand gefolgt war. Ein Bus voller Menschen war auf der anderen Seite des Platzes vorgefahren, doch keiner schaute in die Richtung des Hotels. Eigentlich schien niemand das Gebäude auch nur zu bemerken. Es bedurfte starker Magie, um das Kommen und Gehen der Durmstrang- Schüler zu verbergen.
Die Lobby war nicht besonders außergewöhnlich und hätte als jedes durchschnittliche Muggle- Hotel durchgehen können. Es gab einen Kamin in der Mitte, bequeme Sessel und Kaffeetische hier und dort und ein Tresen am Ende der Halle.
Krum lief schnell durch die Lobby direkt zum Aufzug. Harry, Ron, Ginny und Hermine folgten ihm ohne Fragen. Als die Fahrstuhltür sich schloss, sah Harry, wie der Bulgare seinen Zauberstab herauszog und drei Mal gegen die Wand zu seiner Rechten tippte. Etwa ein Dutzend verschiedene Hebel schienen aus der Wand zu sprießen. Krum wählte einen mit goldenem Knauf und drückte den Griff nach unten. Der Aufzug begann zu rumpeln, während er seinen Abstieg begann. Es ging unter die Erde und das in schnellem Tempo.
Als er anhielt, hatte Harry das Gefühl, sein Magen würde zu seiner Kehle hochgedrückt. Er wusste von dem Druck in seinen Ohren sicher, dass sie mindestens so tief waren wie Hogwarts' Kerker, vielleicht noch tiefer.
„Oh! Wie wunderschön!", hörte er Hermine wispern, sobald die Tür aufgeglitten war.
Seltsamerweise war das erste, das Harry auffiel, der Marmorsteinboden. Es war, als treten sie auf ein lebensgroßes schwarz- weißes Schachbrett, das ihn an sein erstes Jahr in Hogwarts und ihr lebensechtes Schachspiel erinnerte. Das Feld schien noch ewig weiterzugehen. Das Marmor war makellos und perfekt poliert und Harry taten kurzzeitig die armen Hauselfen leid, die ihn in diesem Zustand halten mussten. Es war wie ein Spiegel. Harry konnte sogar seine Reflexion darin sehen. Doch sein Gesicht war nicht das einzige, das er gespiegelt sah. Als er hochblickte, fand er Hunderte von Steinstatuen an der Wand aufgereiht, Reihe um Reihe, so weit über ihren Köpfen, wie ihr Blick reichte. Jede Statue war einzigartig und repräsentierte eine mystische Kreatur, einige wiedererkennbar und andere nicht so vertraut.
Harry glaubte, einen Hippogreif gesehen zu haben, und mindestens eine von ihnen stellte einen Griffin dar. Und viele andere sahen aus wie wilde Hunde mit Flügeln. Sie kauerten alle auf eigenen Steinstufen und schauten bedrohlich auf die Ankömmlinge hinab.
„Wasserspeier", sagte Ginny staunend. „Ich habe noch nie so viele gesehen. Erwachen sie manchmal zum Leben?"
„Einige ja, aber nur, wenn unser Schulleiter es ihnen befiehlt", erwiderte Krum. „Sie hören nur auf ihn."
„Ich mag diese Wasserspeier nicht", raunte Ron Harry nervös zu. „Es fühlt sich an, als würden wir beobachtet werden."
„Werdet ihr, ehrlich gesagt, auch", sagte Krum nüchtern. „Es ist ihre Aufgabe, Durmstrang zu schützen."
Abgesehen von den Steinwasserspeiern waren in der Halle keinerlei Möbel und es war auch nur dämmrig beleuchtet. Harry sah drei große Holzkronleuchter über ihren Köpfen aufgereiht, doch darin brannten keine Kerzen. Das einzige Licht kam von ein paar Lampen am Ende der Halle, wohin Krum sie führte.
„Wir essen nicht in der Großen Halle wie ihr in Hogwarts. Wir benutzen diesen Raum für Zusammenkünfte wie den Schulabschluss oder das Fest zur Wintersonnenwende."
„Was ist die Wintersonnenwende?", fragte Hermine fasziniert.
Harry hörte, wie Ginny tief seufzte, doch er konnte nicht erkennen, ob aus Genervtheit oder Nostalgie.
„Das ist ein Ball. Jungs in Uniformen, Mädchen in Kleidern. Diese Art von Veranstaltung."
„Hast du mit Viktor…?", setzte Harry an, obwohl er die Antwort nicht wirklich wissen wollte.
„Nein", sagte Viktor abrupt und seine Stimme echote in der langen Halle. „Ich habe sie gefragt, aber sie hat Nein gesagt."
Der Bulgare setzte seinen Kurs zum Ende der Halle fort, während Harry sich den Kopf darüber zerbrach, welches andere Thema den verlegenen Augenblick beenden könnte.
„Was hast du noch mal darüber gesagt, dass Mugglegeborene eingeschmuggelt werden?"
„Ich wollte helfen. Das ist alles", antworte Krum, nun viel ausgeglichener. „Wir haben einige Leute hier versteckt. Es war ein guter Unterschlupf. Niemand hat Verdacht geschöpft, nicht einmal die Todesser. Kein Mugglegeborener hatte jemals Platz im Durmstrang."
„Aber du bist kein Schüler mehr, oder?", fragte Harry wieder. „Wie hast du es geschafft?"
„Ich unterrichte Duellieren", erwiderte Krum. „Dieses Jahr wird mein drittes Jahr als Lehrer. Ob du es glaubst oder nicht, es gefällt mir noch mehr als Quidditch."
Aus dem Augenwinkel sah Harry, wie Rons Kieferlade herunterklappte und sein Mund das Wort „Unmöglich!" formte. Harry fand es jedoch nicht so schwer zu glauben. Schließlich hatte er die Stunden mit Dumbledores Armee überaus genossen und das war ein wenig wie Unterrichten.
„Was sind das für Statuen, Viktor? Sie sind anders als die Wasserspeier", wollte Ginny wissen, als sie an vier goldenen Figuren vorbeigingen, zwei an jeder Seite der Halle: Eine Frau mit großen Flügeln wie ein Engel, ein Mann mit einer Krone, eine Frau mit einer Kugel in der rechten Hand und ein Mann, der auf einem Löwen ritt.
„Das sind die Gründer und sie repräsentieren die vier Häuser", erklärte Krum. „Ich war in diesem Haus", fügte er hinzu und deutete auf die Statue von dem Mann auf dem Löwen.
Der Mann war bei weitem der Jüngste von den vieren, höchstens ein Jugendlicher. Doch als Harry einen genaueren Blick auf das Tier warf, auf dem er saß, erinnerte er sich plötzlich an eine andere vierbeinige Kreatur, die aus Krums Zauberstab gekommen war.
„Dein Patronus ist ein Löwe", sprach Harry seine Gedanken laut aus.
„Ja, wie bei meinem Großvater", sagte Krum nickend. „Zum Porträt geht es hier lang, Potter. Lumos."
Als die Spitze von Krums Zauberstab sich erleuchtete, wurde Harrys Blick sofort zu einer Holztür gelenkt, die im Dämmerlicht der Lampen schwer zu sehen gewesen war, fast unsichtbar.
Sie traten in einer Reihe in den engen Durchgang mit Ron als Nachhut. Die Treppe führte sie abermals nach unten. Als die Tür sich von selbst hinter ihnen schloss, waren sie umgeben in völliger Dunkelheit, außer dem sanften silbrigen Glühen ihrer Zauberstäbe. Harry dagegen hielt den Elderstab im Ärmel, da er sich gegen die Wand lehnen musste, um seine Balance zu halten.
„Das ist schneller und wir wollen ja nicht gesehen werden", sagte der Bulgare, bevor Ron sich beschweren konnte. „Wenn sie uns finden, wird Harry niemals die Chance bekommen, das Porträt zu sehen."
Endlich kamen sie zu einem engen Treppenabsatz und Krum hielt seine Hand hoch als Signal, dass sie anhalten sollten. Es war immer noch pechschwarz vor ihnen, doch wie Harry allmählich realisierte, war es in Wirklichkeit ein schwarzer Vorhang. Viktor ließ seine Hand in den Stoff gleiten und fand eine Öffnung. Er lugte mit äußerster Vorsicht hindurch und wandte sich dann zu der Gruppe um, die ihm folgte.
„Es sieht verlassen aus. Wir können hineingehen. Wenn es irgendwelche Schwierigkeiten gibt, kommt auf diesem Weg zurück. Sonst verlauft ihr euch noch."
Der Raum, in den sie traten, war noch beeindruckender als die Große Halle. Er war so hoch und weit, dass Harry sicher war, dass der Ort groß genug für ein Quidditch- Feld war. Die Wände waren von oben bis unten von weißem Marmor bedeckt mit goldenen Verzierungen, die sich über die Oberfläche zogen und komplizierte Bilder von epischen Kämpfen bildeten, die sich bewegten. Am Boden war schwarzes und messerscharfes Felsgestein und wahrscheinlich ein Strom oder Bach, denn Harry konnte fließendes Wasser hören.
„Schaut! Da ist ein Wasserfall!", sagte Ginny und zeigte auf das andere Ende des Raumes.
Harry trat hinter sie. Sie lehnte an dem Holzgeländer der Treppe. Ein wenig unter ihnen war tatsächlich ein Strom, der aus den Felsen rann und sich in einem Teich von dunklem Wasser sammelte. Als Harry sich ringsum umblickte, sah er, dass vier verschiedene Holzgeländer im Raum verteilt waren. Jedes von ihnen führte mit einer Holztreppe nach unten in die schwarzen Felsen.
„Sind wir im Duellierstadion?", fragte Ginny Viktor, der bereits auf der ersten Stufe der Treppe stand, die hinunterführte.
„Ja, aber wir benutzen es nur für Wettkämpfe oder offizielle Duelle."
Während sie die Treppe hinunterstiegen, um Krum zu folgen, starrte Harry staunend um sich herum. Die Wände waren so hoch, dass es gut vorstellbar war, dass sie weit unter dem uninteressanten Gebäude waren, das sie von außen gesehen hatten. Doch über ihren Köpfen, noch weiter oben als die weißen und goldenen Wände, war derselbe blaugraue Himmel. Ein Blick auf die Welt da draußen, genau wie die magische Decke in der Großen Halle von Hogwarts. Die Decke, die während der Schlacht zersprengt worden war…
„Hast du das bemerkt?", murmelte Ginny in Harrys Ohr, während er nach oben sah. „Viktor ist davon überzeugt, dass Durmstrang zuerst so eine Decke hatte. Ich finde aber, dass unsere schöner ist. Und es ist mir wirklich egal, wer sie zuerst hatte. Er fand es ziemlich komisch, dass ich so denke."
„Ja…", sagte Harry vage.
„Findest du es komisch?"
„Nein! Ich meine… Ich habe gerade gedacht… Ist dir klar, dass Dumbledore hier gegen Grindelwald gekämpft hat?"
„Ja. Und?"
„Was ist, wenn der Elderstab wollte, dass ich hierher komme?"
„Harry, der Stab beherrscht den Zauberer nicht. Das weißt du", erwiderte sie kopfschüttelnd.
„Ich weiß. Aber was ist, wenn…"
Er zog sie näher an sich, damit die anderen es nicht hörten.
„Dumbledore war stark", fuhr er fort. „Er konnte es kontrollieren. Der Stab war praktisch… bezähmt. Aber bei einem Zauberer wie Grindelwald war er vielleicht…"
„Frei?", raunte Ginny zögerlich.
Irgendwie schienen die Worte zusammenzupassen wie die Teile eines Puzzles. Die Bedeutung dessen, was er gerade über den Stab entschlüsselte, fühlte sich an wie eine schwere Last auf seinen Schultern. Wenn er den Stab nicht zerstören konnte, wenn es keinen Weg gab, dann würde er ihn für den Rest seines Lebens unter seiner Kontrolle halten müssen. Er konnte es nicht riskieren, ihn irgendjemandem zu leihen, nicht einmal zur Aufbewahrung. Wer konnte jemals solch einen Stab beherrschen? Wer konnte ihn bezähmt und still halten? Sicherlich nicht Harry, der nicht sehr gut schlafen konnte, der sich vor seinen Träumen fürchtete, der sich so sehr um seine Freunde sorgte, dass es sein Herz schmerzte…
„Ich vertraue dir, alles klar?", sagte Ginny plötzlich. Sie legte ihm eine Hand auf den Arm.
„Vielleicht solltest du es nicht."
Er wusste, dass seine Erwiderung bitter klang, aber er hatte es nicht zurückhalten können. Er hatte die Spitze des Elderstabs in der Handfläche und er wusste, dass er ihn ohne zu zögern benutzen würde, um jeden seiner Freunde zu retten und vor allem Ginny. Er wusste dass er ihn in Rons Tasche verstauen sollte, vielleicht hätte er ihn gar nicht hätte mitnehmen sollen, doch eine wachsende Furcht folgte ihm nun überallhin. Etwas in seiner Zukunft würde furchtbar schief gehen. Aber was war, wenn die Vision der Wahrheit entsprach und der Stab der einzige Weg war, sie zu verhindern? Was sollte er tun? Seinen Sohn opfern? Ginnys Sohn?
„Harry?"
Harry tauchte aus seinen tiefen Gedanken auf und stellte fest, dass Ginny ihn mit dem entschlossensten Gesichtsausdruck ansah, den er bisher bei ihr gesehen hatte.
„Ich habe keine Angst, weißt du. Was auch immer auf uns zukommt, wir werden uns dem gemeinsam stellen."
Er konnte nur mit einem Kuss antworten.
„Hey, ihr beiden! Kommt schon! Harry, du musst das sehen."
Harry sah über Ginnys Schulter und erspähte Rons Gesicht am Ende der Treppe. Hermine und Krum waren nicht mehr in Sicht.
Ginny nahm seine linke Hand und zusammen stiegen sie die Treppe hinunter zum Boden aus schwarzen Felsen und dem rauschenden Wasserfall. Als sie von der letzten Stufe heruntertraten auf den seltsamen Boden, fühlte Harry sich unwillkürlich sehr klein. Die Felsen waren so scharf und dunkel, dass er den merkwürdigen Eindruck hatte, auf einem Feld mit zerbrochenen Tafeln zu laufen. Außerdem erinnerte ihn das an die Arena, wo er ein goldenes Ei von einem Drachennest während des Trimagischen Turniers hatte stehlen müssen.
Ron und Hermine warteten geduldig am Treppenabsatz. Sie führten Harry und Ginny an der Wand entlang, bis sie zu einer Miniatur- Plattform kamen, die den gesamten Grund übersah. Es musste wohl der beste Ort im ganzen Stadion sein, um den Duellen zuzusehen.
Während Harry die paar Stufen zur Plattform hochstieg, realisierte er, dass die anderen drei ihm den Vortritt ließen. Nur Viktor wartete dort oben auf ihn, schweigend vor einem großen und antik- aussehenden Bilderrahmen…
Sobald Harry das Porträt gesehen hatte, wusste er, dass es keine Zeitverschwendung gewesen war, nach Durmstrang zu kommen.
William Peverell war dargestellt als kräftig gebauter Mann mit einer langen Mähne von wilden schwarzen Haaren. Auf dem Gemälde stand er vor einer Felsansammlung inmitten wirbelnder Wellen. An seiner linken Hand trug er einen Ring mit einem schwarzen Stein. In der rechten hielt er einen Zauberstab hoch, als gebe er der stürmischen See um ihn herum Befehle. Und zu seinen Füßen war eine silbrige Lache aus Stoff, der zur Seite geworfen worden war. Sein Oberkörper war nackt und auf seiner Brust prangte ein dunkles Symbol, schwarz und eindrucksvoll, das in seine Haut gebrannt worden war: drei Spiralen, in der Mitte verbunden.
Harrys Brust begann zu brennen. Das Porträt wusste um seine Anwesenheit.
AN: Hallo! Bitte hinterlasst mir einen Kommentar! Ich würde mich sehr freuen!
