Kapitel 22

Harry konnte seinen Blick nicht vom Porträt von William Peverell abwenden. Er wollte sich nicht zu seinen Freunden herumdrehen. Er konnte sich vorstellen, dass Ron und Hermine völlig schockiert aussahen, doch vielleicht war ihnen noch nicht aufgegangen, was er schon begriffen hatte. Das ominöse Mal auf der nackten Brust, das schwarze wilde Haar, die Anwesenheit von drei heiligen Objekten: Das war kein Zufall.

„Es ist zu alt", sagte Ron mit gesenkter Stimme. „Es sieht so aus, als wäre die Magie aufgebraucht."

„Nein, er spricht. Ich habe ihn einmal gehört, als ich noch Schüler war. Er hat mit Dumbledore geredet."

Was?", sagten Ron und Hermine sofort.

Harry drehte sich zu Krum um, die gleiche Frage ins Gesicht geschrieben. Der Bulgare lehnte lässig am Holzgeländer des Balkons und strich sich nachdenklich übers Kinn.

„Dumbledore ist vor einiger Zeit hergekommen. Es war im Jahr nach dem Trimagischen Turnier. Es muss im Juni gewesen sein, direkt nachdem der Tagesprophet verkündet hatte, dass Du- weißt- schon- wer wieder da ist. Ich habe mit dem Duellier- Club trainiert. Dumbledore kam und bat mich, ihn zu Peverells Porträt zu führen. Er wollte etwas über den Torbogen wissen, glaube ich. Ich habe nicht alles gehört. Peverell sagte ihm, dass er nicht versuchen solle, worüber sie auch immer gesprochen haben. Dumbledore sah sehr traurig aus, als er wieder ging."

„Sie haben von Sirius gesprochen."

Ginny hatte unerwartet das Wort erhoben und Harry war überrascht zu sehen, dass sie nicht ihn anstarrte, sondern das Porträt.

„Ich habe Dumbledore angebrüllt", fuhr sie mit bedrückter Stimme fort. „Ich nannte ihn einen Feigling, weil er nicht durch den Steinbogen getreten ist. Ich sagte, wenn Harry ihm auch nur im Entferntesten am Herzen läge, würde er hineintreten und Sirius zurückholen. Er hat mir nie geantwortet. Er ist einfach gegangen. Vielleicht hätte er es getan, aber ich schätze, Peverell hat ihm gesagt, dass es nicht möglich ist."

„Das ist ein schlaues Mädchen, das du da hast, Potter."

Harry war für einen Augenblick aus der Fassung gebracht, doch er erholte sich sehr schnell wieder. Die Stimme war von dem Porträt gekommen und es war nicht das einzige Geräusch, das nun aus dem Bild ertönte. Auch die wirbelnden Wellen waren zu hören. Das Gemälde war zum Leben erwacht und William Peverell stand in der Mitte eines mächtigen Sturms, auch wenn es ihn nicht zu stören schien. Sein schwarzes Haar wehte im Wind, die nackte Brust glänzte vom Meerwasser, der Zauberstab lag lässig in seiner rechten Hand und er grinste.

„Sie haben alles gehört, das wir gesagt haben?", fragte Hermine ein wenig misstrauisch. Sie trat einen Schritt auf Harry zu.

William Peverells Gesichtsausdruck schien weicher zu werden, als er antwortete. Er wirkte überhaupt nicht mehr selbstgefällig oder achtunggebietend. Tatsächlich war da etwas Sorgloses und Lässiges in seinem ganzen Auftreten. Wie bei meinem Vater, dachte Harry.

„Ich höre immer alles, aber meistens ziehe ich es vor zu schweigen."

„Woher kennen Sie meinen Namen?", fragte Harry geradeheraus.

Es schwirrten so viele Fragen in seinem Kopf, dass es ihm schwerfiel, seine Anliegen in eine Reihenfolge zu bringen.

„Dumbledore hat mir von dir erzählt, Harry Potter. Es ist unverkennbar."

Harry dachte an seine blitzförmige Narbe und legte instinktiv seine linke Hand auf die Stirn. Seltsamerweise war es nicht die Narbe, die im Augenblick brannte. Es war das schwarze Mal auf seiner Brust. Er konnte es entfernt auf seiner Haut spüren. Es war nicht wirklich schmerzhaft, wie es seine Narbe gewesen war. Es war mehr eine Präsenz, ein Puls.

„Warum sollte Dumbledore mit Ihnen über mich sprechen?"

„Eigentlich haben wir über Sirius Black geredet. Das rothaarige Mädchen hat richtig geraten: Dumbledore wollte wissen, ob es eine Möglichkeit gibt, deinen Paten aus dem Jenseits zurückzuholen. Ich habe ihm die Wahrheit gesagt: Der einzige Weg wäre durch William Peverells Erben. Nur der Erbe könnte den Herrn der Unterwelt um so etwas bitten. Um ehrlich zu sein, ich war enttäuscht, dass Dumbledore genau wie die anderen war und nach dem Torbogen fragte in dem Versuch, einen Weg zu finden, mit Hades persönlich zu sprechen."

„Die anderen? Sie meinen die Triskelionen", warf Krum ein. „Sie sind hergekommen, um Sie nach dem Torbogen zu fragen."

„Mehr als ein Mal, wette ich", fügte Ron missbilligend hinzu.

„Sie kommen alle her mit ihren Problemen und ihren Bitten. Niemals mit rechten Absichten", antwortete Peverell mit einem Anflug von Erbitterung. „Der Torbogen und die Heiligtümer. Das ist alles, worüber sie jemals sprechen."

„So war Dumbledore nicht", erwiderte Ginny abrupt, die Arme vor der Brust verschränkt, die Augen auf das Porträt gerichtet. „Und ich bin übrigens auch kein rothaariges Mädchen. Ich heiße Ginny Weasley."

William Peverell schien ungestört von Ginnys trotzigem Tonfall. Im Gegenteil, er lächelte leicht in ihre Richtung.

„Wie ich sagte, ich war bestürzt, als Dumbledore mich nach dem Bogen fragte. Ich erinnerte mich natürlich an ihn von dem Duell mit Grindelwald. Ich war daran interessiert, wie viel er bereits wusste, und an etwas, das er mir gezeigt hatte, also erzählte ich ihm die ganze Geschichte. Es gibt nur einen, der durch den Torbogen treten und hoffen kann zurückzukehren."

„Ja, das sagten Sie schon. William Peverells Erbe", murmelte Hermine.

Sie warf einen Seitenblick zu Harry und ihre Augen wirkten bedeutungsvoll. Sie begann ebenfalls zu verstehen.

„Dumbledore hat Ihnen seinen Zauberstab gezeigt, oder? Deshalb haben Sie ihm die ganze Geschichte erzählt."

„Du begreifst schnell, Potter", erwiderte Peverell anerkennend.

„Aber warten Sie einen Moment", warf Viktor Krum plötzlich ein. „William Peverell hatte keinen Erben. Er hatte keine Kinder. Der Name Peverell ist mit ihm gestorben. Er war der letzte. Das weiß jeder."

„Keine Kinder? Aber…", begann Hermine.

„Ja, keine Kinder. Verflucht. Unsterblich, aber allein", erwiderte Peverell in bedauerndem Tonfall. Er bewegte sich nun im Porträt und die Wellen schienen seine Stimmung widerzuspiegeln. Über seinem Kopf erschienen Blitze und Donnerschläge waren von weit drinnen zu hören.

„Lass mich dir eine Geschichte erzählen, junge Dame", fuhr Peverell fort. „Vor langer Zeit gab es einen jungen Zauberer, der mächtig, selbstsüchtig und arrogant war und sich selbst für unbesiegbar hielt. Es musste eine Aufgabe erledigt werden, die sich kein anderer Zauberer zutraute. Deshalb machte sich der junge Zauberer, der Ruhm und Ehre suchte, auf eine Reise. Er segelte lange Zeit umher, bis er schließlich in einen tödlichen Sturm geriet, der stärker war als seine mächtigsten Zauber. Das Schiff ging unter und der junge Zauberer fand sich allein auf einer verlassenen Insel wieder, die er mit keiner Magie verlassen konnte, die ihm bekannt war. Auf dieser Felsansammlung gab es nichts als einen Steinbogen, schwarz und leer, fast eine Ruine. Der junge Zauberer, der sich für unbesiegbar hielt, entschied sich durchzugehen. Und dann starb er."

„Er starb?", sagte Hermine. Sie klang ein wenig verwirrt.

William Peverell hob wieder beide Augenbrauen. „Natürlich! Der Bogen ist ein Tor zur Welt der Toten, junge Dame. Wenn man durchtritt, gibt es kein Zurückkommen mehr."

„Dann sind die Stimmen…", begann Harry, der sich an die merkwürdigen Geräusche erinnerte, die er vor zwei Jahren durch den Schleier hindurch vernommen hatte.

Peverell hielt inne in seinem Auf- und Ablaufen und schaute auf Harry hinunter. Seine Miene war finster.

„Die Stimmen gehören zu den gequälten Seelen, die nicht ins Jenseits hinübergehen konnten. Man muss mehr als ein Mal dem Tode nahe gekommen sein, um diese Stimmen zu hören."

„Oder sogar ein Mal im Jahr", murmelte Harry, halb grinsend.

Er hatte gehofft, dass sein Kommentar die Stimmung aufheitern würde, doch er bemerkte, dass all seine Freunde verstummt waren. Hermine und Ron starrten ihn mit demselben Blick an wie damals, als er ihnen erzählt hatte, dass er mit Schlangen sprechen könne.

„Luna hat die Stimmen auch gehört", blaffte er sie an, ein wenig verärgert.

„Luna?"

Die Frage kam von Peverell.

„Luna Lovegood. Sie ist eine Freundin von uns", erwiderte Ginny. Sie schien wie aus einem Traum zu erwachen.

Das Lächeln auf Peverells Gesicht war unfehlbar. „Lovegood. Das ist interessant", kommentierte er mit gesenkter Stimme.

„Wie sind Sie dann zurückgekommen?", warf Krum ein, eifrig darauf bedacht, wieder zum Thema zurückzukehren.

„Im Nachleben traf der junge Zauberer auf den Herrn der Unterwelt, Hades, der vor so vielen Jahren drei nichtsahnenden Brüdern einen Umhang, einen Stein und einen Stab gegeben hatte. Er war neugierig und wollte einen Nachkommen der Peverells treffen, wisst ihr. Der junge Zauberer entschied, diese Gelegenheit zu nutzen, um einen Pakt mit Hades zu schließen. Aber der Herr der Unterwelt gibt nichts ohne Preis. Im Austausch gegen das sicherste Gefängnis, das jemals gebaut worden war, mit Dementoren, die es bewachen, und offensichtlich eine zweite Chance aufs Leben für den jungen Peverell, forderte Hades eine Seele."

„Eine Seele?"

Die Worte waren aus Harrys Mund gekommen, ohne dass er es realisierte.

„Ja, eine Seele. Meine Seele. Seht ihr, Hades sammelt die Seelen der Toten. Das ist seine göttliche Aufgabe, aber er hat keine Macht über die Lebenden. Er wusste natürlich, dass ich nicht seine Marionette sein würde, deshalb hat er mir mehr als das Leben angeboten. Er bot mir Unsterblichkeit an, außer dass meine Seele ihm gehören würde. Und es gab noch einen Haken: Solange ich lebte, würde ich niemals ein Kind haben können. Wie auch? Ich besaß keine Seele mehr, die ich hätte weitergeben können."

Als er den letzten Satz sagte, begegnete Peverells dunkle Augen Harrys Blick. Die Ähnlichkeit war deutlich zu sehen und das Mal pochte auf Harrys Brust wie eine Uhr. Wenn es Peverells Teil der Abmachung gewesen war, Kinder aufzugeben, wie konnte er, Harry Potter, dann hier stehen?

„Und Sie waren einverstanden?", fragte Hermine bestürzt.

„Warum nicht?", platzte William Peverell heraus. Er warf die Arme hoch und schnaubte. „Ich hatte niemand Wichtigen in meinem Leben. Niemanden, den ich liebte. „Peverell, der Unsterbliche". Das war alles, was mich kümmerte. Azkaban würde mich zu einem Helden machen, aber Unsterblichkeit zu einer Legende. Und das ist auch geschehen, wie ich gehört habe."

Sie hörten keine Selbstzufriedenheit oder Freude in seiner Stimme.

„Aber sie hatten ein Kind, oder nicht?", sagte Harry, der sich nicht länger zurückhalten konnte.

Peverells Gesichtszüge schienen sofort weicher zu werden.

„Zuerst verliebte ich mich. Elisabeth hieß sie. Sie bedeutete mir alles, aber ich konnte ihr nicht geben, wonach sie sich am meisten sehnte: eine Familie. Trotzdem blieb sie lange Zeit an meiner Seite, auch wenn sie von meinem Fluch wusste. Und dann eines Tages wachte ich auf und sie war verschwunden. Sie ließ einen Brief zurück, in dem stand, dass ich nicht nach ihr suchen solle, und ich gehorchte. Sie heiratete und hatte viele Kinder und ich freute mich für sie. Viele Jahre später erfuhr ich, dass sie im Sterben lag und dass sie mit mir sprechen wolle. Als ich an ihrer Seite kniete, rief sie ihren ältesten Sohn herbei, um ihr Wasser zu bringen. Und sobald ich ihn erblickte, wusste ich, dass ich der Vater war."

„Was war mit dem Pakt?", fragte Viktor hastig.

„Der Herr der Unterwelt hat es nie herausgefunden, nicht bis zu dem Augenblick, da ich starb."

„Aber Sie waren unsterblich", beharrte Krum.

„Ich war nur unsterblich, solange Hades danach zumute war, mich am Leben zu halten. Meine Seele stand jederzeit unter seiner Kontrolle. Letztendlich, nach etwa hundert Jahren, wurde er meiner überdrüssig und entschied, dass meine Zeit zu Ende war. Zumindest hatte er den Anstand, mir ein paar Tage einzuräumen, um meine Angelegenheiten zu regeln. Ich konnte dieses Gemälde anfertigen lassen und dann trat ich durch den Torbogen, um niemals zurückzukehren. Er war wahrscheinlich wütend gewesen, als er die Sache mit dem Jungen herausfand."

Peverell lief nun im Kreis und drehte den Zauberstab zwischen den Fingern herum. Die Wellen wirbelten grau, grün, blau und braun um ihn, doch der Donner war nun weit entfernt wie eine Erinnerung, die allmählich verblasste.

„Wahrscheinlich?", wiederholte Harry mit einem Blick zu Hermine.

„Er kann nicht wissen, was als nächstes passiert ist, Harry", erklärte sie mit gesenkter Stimme. „Er ist nur ein Gemälde."

Der große Mann nickte wortlos.

„Was ist mit dem Jungen passiert?", fragte Harry.

„Er ist erwachsen geworden und hat eigene Kinder bekommen, soweit ich weiß."

„Und keiner hat herausgefunden, dass er Ihr Sohn war?", fragte Ginny.

Peverell holte tief Luft.

„Der echte William Peverell glaubte, dass der Herr der Unterwelt seinen Verrat nicht ungestraft lassen würde. Er fürchtete um seinen Sohn und um die zukünftigen Generationen. Deshalb legte er einen Zauber auf sein eigenes Blut und einen Fluch auf die Heiligtümer. Der Zauber würde seine Nachkommen vor Hades verbergen, bis ein Erbe, der des Namens Peverell würdig ist, sich zeigen würde."

Harrys Augen schossen sofort zu den schwarzen Spiralen auf Peverells Brust. Er hatte einen Zauber auf sein eigenes Blut gelegt und nun trug Harry das gleiche Mal auf der Haut. Langsam tastete er nach der Stelle unter seinem Hals, wo er die schwarzen Linien wie ein Blutstrom pulsieren spürte. Peverell bemerkte seine Bewegung und trat ein paar Schritte näher an den Rahmen, so dass er direkt in Harrys Augen sehen konnte.

„Und der Fluch auf den Heiligtümern?", fragte Hermine mit einem Seitenblick zu Harry.

Sie umklammerte ihre herzförmige Halskette und Ron hatte plötzlich den Rucksack näher an die Brust gezogen.

„Das ist, was die Heiligtümer tun, oder?", sagte Harry, den Blick immer noch mit Peverells verschmolzen. „Wenn vereint, enthüllen sie, wer der Erbe ist."

Peverells Miene wurde ernst, fast schmerzhaft.

„Ja, aber sie können nicht lange vereint bleiben. Die Heiligtümer sind nicht dazu bestimmt, vereint zu sein. Hades hätte solche Geschenke nie ohne Preis vergeben. Aber, Harry, du kannst sie nicht behalten. Durch sie kann er direkt in deine Seele sehen und er wird das benutzen, um dich zu manipulieren."

„Manipulieren? Warum sollte er Harry manipulieren?", fragte Krum verblüfft.

Er schaute zu Ron, Ginny und Hermine, die ihm alle bedeutungsvolle Blicke zuwarfen. Der Schock auf Krums Gesicht war unbestreitbar.

„Harry hat auch das Mal auf der Brust", erklärte Hermine Viktor.

Doch Harry dachte nicht an das schwarze Mal oder die Heiligtümer, sondern an die Visionen von seinen Kindern. Der Gedanke, dass jemand in seine Seele schauen konnte, wie Voldemort es getan hatte, war erschreckend. Wie hatte er es wieder zulassen können? Er war es so leid, ein Eindringen in die verborgenen Winkeln seines Geistes und Herzens zu verhindern. Was hatte er schon entgegenzusetzen? Einige wenige Kniffe in Okklumentik? Würde es reichen gegen den Herrn der Unterwelt, einen Gott?

„Es hat schon begonnen, nicht wahr?", sagte Peverell in gesenkter Stimme, direkt an Harry gerichtet. „Er hat dir Sachen gezeigt. Hades kennt deine Zukunft, aber er kontrolliert sie nicht. Du darfst ihn nicht an dich heranlassen."

„Das ist nicht gerade leicht", sagte Harry zwischen zusammengebissenen Zähnen.

Die Angst, eine geliebte Person zu verlieren, ein Kind, schien sich in seiner Brust niedergelassen zu haben, irgendwo unter dem pulsierenden schwarzen Mal. Er konnte es nicht ertragen zu glauben, dass es fast mit Sicherheit geschehen würde, als hätte irgendein obskures Schicksal entschieden, ihn zu bestrafen. Doch es war noch schlimmer zu wissen, dass jemand wusste, wie verängstigt er war.

„Aber was will er mit Harry?", sagte Ginny heftig, fast wütend. Ihre Stimme hallte von den schwarzen Felsen durchs Stadium wider. „Warum quält er ihn? Ist es aus Rache für das, was der echte Peverell getan hat? Nichts davon ist Harrys Schuld!"

„Ich bin nicht sicher, was Hades zu erreichen versucht", erwiderte Peverell. Er strich sich übers Kinn. „Aber Harry wird durch den Torbogen treten müssen, um ihn zu treffen. Sonst könnte es sein, dass die Quälereien niemals enden."

Harry spürte, wie Ginny nach seiner Hand griff, und hörte sie wispern: „Nie im Leben."

„Tod oder ewige Quälerei", schnaubte Ron. „Gibt es noch eine andere Option, nur so aus Neugier?"

„Ich habe eine", gab Ginny hitzig zurück. „Wie wäre es, wenn wir den Torbogen in die Luft sprengen? Lasst uns das verdammte Dinge zerstören!"

Das, Miss Weasley, ist keine Option."

Harry wirbelte herum. Er hatte erwartet, dass Hermine als erstes auf Ginnys Vorschläge reagieren würde. Doch die Stimme, die gerade gesprochen hatte, gehörte zu keinem seiner Freunde, noch zum Porträt von William Peverell. Es war eine viel tiefere Stimme und wegen des Echos schien es von überall im Duellier- Stadium zu kommen.

Der Elderstab glitt sofort an Harrys Arm entlang und lag bald in seiner Hand, bereit zu handeln, doch immer noch unsichtbar. Ron, Hermine und Ginny zogen ihre Zauberstäbe heraus und nahmen an Harrys Seite Stellung ein. Mit den Rücken zum Porträt hatten sie nur einen Teilblick auf die Arena. Die schwarzen und scharfen Felsen waren größtenteils ein paar Füße hoch und konnten mehr als eine Person verstecken. Harry hatte das Gefühl, er stehe am Rand des Irrgartens vor der Dritten Aufgabe des Trimagischen Turniers. Und das war nicht gerade ein sehr tröstlicher Gedanke.

„Ich kenne diese Stimme", sagte Peverell.

„Ich auch", fügte Krum zwischen zusammengebissenen Zähnen hinzu.

„Wer ist da? Zeigen Sie sich!", bellte Ron. Doch die einzige Erwiderung war das Echo seiner Stimme.

Krum brüllte etwas auf Bulgarisch, aber er erhielt ebenfalls keine Antwort. Doch Harry hörte Geraschel in der Nähe, nahe zu seiner Linken. Vielleicht war jemand auf den Felsen gestürzt. Es gab so viele Verstecke, dass es schwierig sein würde, jemanden zu erblicken, sogar aus kurzer Entfernung.

„Professor Slughorn?", rief Harry.

„Wer auch immer Sie sind", sagte Hermine, „die Schule ist über Ihre Anwesenheit informiert. Sie haben nur Sekunden, bevor…"

„Das bezweifle ich", erwiderte dieselbe tiefe Stimme.

Sie war jetzt viel näher und echote weniger. Die Person war auf der rechten Seite der Plattform, auf der das Porträt hing, wahrscheinlich nah am Wasserfall.

„Wer zur Hölle sind Sie?", brüllte Ron.

„Vergiss es, Ron", warf Ginny plötzlich ein. Dann wedelte sie ihren Zauberstab in einem weiten Halbkreis vor sich, während ihre Lippen die Worte Homenum revelio formten.

Ein blasses orangefarbenes Glühen erschien an mindestens sechs verschiedenen Orten im Stadium. Sie schwebten über den schwarzen Felsen, als markierten sie jede Stelle. Das Nächste der Lichter war zu Harrys Linken. Sobald Hermine es erblickt hatte, schob sie sich selbst zwischen ihn und das Licht. Ginny schien die Geste zu bemerken, blieb aber an Harrys rechter Seite, den Zauberstab gezückt und den Blick auf den Ort gerichtet, wo sich die Person mit der tiefen Stimme wahrscheinlich befand.

„Wir können mit ihnen kämpfen", raunte Ron in Harrys Ohr. „Wir müssen sie hinhalten, bis die Movieplex- Leute herkommen. Sie kommen doch bald, richtig?"

„Ich bin nicht sicher", sagte Krum ausweichend.

„In der Tat", stimmte Peverell sofort zu. „Ich werde gehen und den Schulleiter holen."

William Peverell hatte kaum Zeit, seinen Satz zu beenden. Ein roter Lichtblitz schoss zwischen Harry und Ron hindurch und traf dann das Porträt. Harry wirbelte gerade rechtzeitig herum, um seinen großen, athletischen Vorfahr in den stürmischen Ozean hinter ihm hechten zu sehen. Ein Schwall von Wasser schwappte auf die Felsen, doch es war nicht genug, um den sengenden Fluch aufzuhalten. Das Gemälde begann, von der Mitte des Bildes aus zu brennen. Asche bröckelte auf die Plattform wie flammende Schneeflocken.

„Aguamenti!"

Hermines Zauberstab produzierte sofort einen Wasserstrom Richtung Porträt, aber es war zu spät. Der Schaden war vollbracht. Mindestens die Hälfte des Gemäldes war unwiderruflich verbrannt.

„Das wollte ich schon lange tun."

Eine vermummte Gestalt stand nun ein paar Schritte vor der Plattform. Harry konnte nur raten, wie die Person so schnell dahin gekommen war, obwohl sie noch vor wenigen Sekunden weit zu ihrer Rechten gestanden hatte.

Das orangefarbene Licht hing immer noch über dem Kopf des Mannes, offensichtlich unsichtbar für ihn. Der lange schwarze Mantel wehte um ihn herum und sein Gesicht war verborgen im Schatten, doch seine Präsenz war achtunggebietend.

„Sie müssen sich nicht verstecken, Professor", sagte Krum brüsk.

Mit seiner freien Hand zog der Mann die Kapuze vom Kopf, worauf ein Gesicht zum Vorschein kam, das Harry noch nie zuvor gesehen hatte. Das einzig Vertraute war das lange schwarze Haar, das Harry entfernt an Severus Snape erinnerte. Doch der Bulgare war viel kräftiger gebaut. Er wirkte eher wie ein Quidditch- Spieler als wie ein Lehrer.

„Schau nicht so grimmig, Viktor. Du bist eine große Hilfe gewesen", sagte er mit derselben tiefen Stimme wie zuvor.

Was?", rief Ginny. Ihr Blick schoss zu Viktor Krum.

„Nein, das stimmt nicht! Glaubt ihm kein Wort!"

„Aber natürlich stimmt das. Ich dachte mir schon, dass deine Beziehung mit dem Weasley- Mädchen uns zum Meister der Heiligtümer führen würde. Und das hat es in der Tat."

Harry sah entfernt, dass die orangefarbenen Lichter sich bewegten. Sie schwebten näher zur Plattform heran.

„Ihr habt mich benutzt", sagte Krum zwischen zusammengebissenen Zähnen. Er umklammerte seinen Zauberstab so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten.

„Viktor, wir wissen beide, dass der Zweck die Mittel heiligt. Das ist Durmstrang, nicht Hogwarts", sagte der Mann höhnisch. Er stieg höher auf dem flachen Felsen, so dass er auf sie alle herabsehen konnte, und das einzige Geräusch im Stadium war das Rascheln seines Umhangs. Er war es offensichtlich gewöhnt, sich in dieser Umgebung fortzubewegen.

„Wir sind hier unter erwachsenen Menschen", fuhr er fort, als hielte er eine Rede. „Wir versuchen alle, die Welt zu verbessern. Jener, die dabei sterben, wird für ihr Opfer gedacht."

„Eine ganze Schule voller Slytherins", höhnte Ron. Dann fügte er leiser hinzu: „Wir sind bereit, wenn du es bist, Kumpel."

Mit einem raschen Blick sah Harry, dass Ron, Hermine und Ginny ihren Zauberstab auf die anderen nahenden Gestalten gerichtet hatte, die sich immer noch hinter dem Felsen verbargen.

Krum schien seine gesamte Aufmerksamkeit auf den schwarzhaarigen Mann gebündelt zu haben, was tatsächlich eine gute Gelegenheit war, um zuzuschlagen. Doch Harry zögerte. Er wollte zuerst mehr über diesen Mann erfahren.

„Durmstrang hat sich verändert", sagte Krum. „Was auch immer Ihr Plan ist, es wird nicht funktionieren. Die Leute werden sich wehren."

„Nein, werden sie nicht. Nicht, wenn sie sehen, was ich anzubieten habe", erwiderte der andere Mann mit dröhnender, voller Stimme.

„Wir haben Hoffnung jetzt", gab Krum voller Überzeugung zurück. „Hier ist kein Platz für einen weiteren Dunklen Lord."

„Ha! Hier sind wir!", rief die schwarze Gestalt heftig.

Die anderen orangefarbenen Lichter hatten sich im Halbkreis um die Plattform versammelt und Harry konnte den Umriss eines zweiten Gegners erkennen, während vier andere sich immer noch hinter den Felsen versteckten. Sein Kopf war bedeckt, er war sehr groß und sein Zauberstab zeigte auf Krum. Doch der Bulgare schien nur auf den zu achten, den er „Professor" genannt hatte.

„Harry Potter! Dumbledores Ritter! Ist das, was du Hoffnung nennst, Viktor?", lachte der Mann. „Was ist, wenn er derjenige ist, der eine neue Ordnung bringt? Was werden die Leute dann sagen?"

„Niemals!", rief Krum und Harry war fast schockiert, wie überzeugt er klang. Sogar Ginny warf einen Seitenblick zu Viktor und ihr Gesicht wurde leicht rot.

„Aber Sie haben noch nichts getan und wir sind hier, um Sie aufzuhalten", warf Hermine ein, die sich nicht länger zurückhalten konnte. Sie war rot vor Wut. „Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie es zu tun haben. Wir sind Dumbledores Armee. Es gibt noch mehr von uns da draußen. Wenn wir Sie nicht aufhalten, werden andere es tun. Sie wissen, wo wir sind und was wir tun. Die Auroren haben wahrscheinlich inzwischen die Wachen um den Torbogen verdreifacht. Für den Fall, dass Sie es nicht bemerkt haben, viele Leute werden an Harry Potters Seite stehen, komme, was wolle. Ich wette, das war nicht Teil Ihres Plans, genauso wenig wie Voldemorts Untergang!"

Sie hatte das ganze in einem Atemzug gesagt und sprach so laut, wie sie konnte, ohne zu schreien. Harry musste wieder ihren Wagemut bewundern und ihre Fähigkeit, ohne Blinzeln zu lügen.

Doch der kräftige, schwarzhaarige Mann vor ihnen schien keinesfalls beeindruckt.

„Ehrlich gesagt macht es alles noch einfacher, Miss Granger", sagte er grinsend. „Der Untergang des Dunklen Lords ist bedauerlich, doch nicht irreparabel. Überlegt nur, womit er mich belohnen wird, wenn ich ihn aus der Welt der Toten zurückhole."