Kapitel 23
Während des Bruchteils einer Sekunde war Harry wieder am Bahnhof, in einem Zustand zwischen Leben und Tod, mit der sich windenden Kreatur in einer Ecke. Sie war nicht einmal mehr ein Mensch. Sie war ein gebrochener Körper. Die Überbleibsel von etwas, das einst einmal menschlich gewesen war. Das war alles, das von Voldemorts Seele übrig war.
Sein Geist kam blitzartig wieder zu der Plattform zurück, als er Ron aufkeuchen hörte. Er und Hermine waren beide bleich geworden.
„Nichts kann Voldemort zurückholen. Er ist nicht nur tot. Er ist vernichtet", sagte Harry heftig und ein Teil davon war auch an seine Freunde gerichtet. Sie hatten gutes Recht, Angst zu haben. Sie hatten nicht das erbärmliche Ding gesehen, zu dem Voldemort geworden war in jener Welt zwischen Leben und Tod.
„Vielleicht ist er vernichtet, Potter. Dann wirst du es einfach mit dem Herrn der Unterwelt ausmachen müssen, nicht wahr?", erwiderte der kräftige Mann mit listigem Lächeln.
„Darauf würde ich nicht wetten!", warf Ginny ein, bevor Harry antworten konnte. Ihr Zauberstab war in ihrer Hand gezückt und in ihren Augen brannte ein Feuer.
Sobald sie ihren Satz beendet hatte, kamen die anderen Männer, die hinter den schwarzen Felsen versteckt gewesen waren, heraus, die Zauberstäbe auf die Plattform gerichtet. Sie murmelten in fremder Sprache, wahrscheinlich Bulgarisch, vor sich hin und wirkten so athletisch und beeindruckend wie ihr Meister.
„Mein liebes Kind", höhnte er nach einem Nicken zu den bewaffneten Männern an seiner Seite, „ich glaube, ich habe genau, was ich brauche, um Mr. Potter dazu zu motivieren zu tun, was er tun muss. Stimmen Sie mir da nicht zu, Mr. Slughorn?"
Langsam kam die letzte verborgene Gestalt zu Harrys Linken in Sicht und Harry tat der Hauslehrer der Slytherins auf Anhieb leid. Sein graues Shirt war voller langer Kreise von Schweiß und seine rechte Wange war geschwollen. Er schien Schwierigkeiten zu haben zu atmen. Er schnaufte. In seinem Walross- Schnauzbart klebte eine Spur roten Blutes. Er sah viel älter und schwächer aus als das letzte Mal, da Harry ihn gesehen hatte. Er war die einzige Person, die keinen Zauberstab hielt, und sein ganzer Körper schien unnormal steif, als wäre ein Körperklammerfluch das einzige, das ihn aufrecht hielt.
„Ah, ja", schnaubte der kräftige Mann. „Finite incantatem."
Slughorns Beine zitterten und gaben beinahe nach, weshalb sich der alte Professor an einem Felsen in der Nähe abstützen musste. Einer der Männer, der seinen Zauberstab auf die Plattform gerichtet hielt, murmelte etwas wie „erbärmlich" und schnaubte laut.
„Mr. Slughorns Zustand lässt sich durch seinen kürzlichen Sinneswandel erklären. Er war mit Teilen unseres Plans nicht ganz einverstanden", sagte der Meister in einem Tonfall, der fast spöttisch war. „Eine unglückliche Wende der Ereignisse, doch eine, mit der wir leben können. Aber es hat dir Spaß gemacht herumzuschnüffeln, nicht wahr, Horace?"
„Spaß?", presste der alte Hogwarts- Lehrer zwischen zwei Atemzügen hervor. „Ich hatte Hoffnung! Das ist, was mich aufrechterhalten hat. Das ist, wie ich mit mir selbst leben konnte."
Er hielt außer Atem an. Seine Hand lag an seiner Brust wie bei einem Mann, der einen Herzinfarkt erlitt, doch er stand noch aufrecht. Harry dachte voller Bitterkeit, dass Slughorn ein leichtes Ziel für ihren Gegner und seine Männer bot, angesichts der geschwächten Verfassung des alten Professors und dem Fehlen seines Zauberstabs.
Aus dem Augenwinkel sah er, wie Hermine ungeduldig mit dem Fuß scharrte. Er wusste, dass sie handeln und Slughorn aus den Händen dieser gefährlichen Menschen befreien wollte. Doch Harry hatte das Gefühl, dass ihre Position noch zu riskant war, um einen Versuch zu starten, ohne dabei den Zaubertränkemeister zu gefährden.
„Es wird alles wieder gut, Professor", sagte Hermine mit tiefer Sorge. „Wir verstehen, warum Sie es getan haben…"
„Der Stein der Wiederauferstehung. Das ist das einzige, von dem ich weiß, dass sie hinter ihm her waren!", unterbrach Slughorn sie. Er wandte sich zu den Menschen auf der Plattform. Die Zauberstäbe und die mächtige Gestalt seines Fängers plötzlich ignorierend, trat er einen unsicheren Schritt auf Harry zu.
„Sie haben mir versprochen, dass ich ihn benutzen darf, um sie zurückzuholen. Helen! Es ist schon so lange her… und ich vermisse sie immer noch an jedem Tag meines Lebens! Jahrelang habe ich nach dem Stein gesucht wie nach einer Stecknadel im Heuhaufen und er verriet mir, wo ich ihn finden konnte. Er sagte, der Stein sei der Grund, weshalb du den Tötungsfluch überlebt hast. Dass du von den Heiligtümern des Todes beschützt warst.
Eine Tatsache, die du bewiesen hast, Harry, indem du auf die Lichtung mit dem Zentauren zurückgegangen bist. Alles, das ich zu tun hatte, war, den Stein der Wiederauferstehung von dir zu holen. Aber dann zeigtest du mir den Elderstab, das Mächtigste der drei Heiligtümer, und die Möglichkeiten… In diesem kurzen Moment war ich in Versuchung geführt."
Ginnys Augen weiteten sich, als ihr ein Licht aufging.
„Sie haben auf Harry geschossen! Der Pfeil, das waren Sie!"
Slughorn beugte den Kopf, um Ginnys anklagendem Blick auszuweichen. Harry konnte es kaum fassen. Schließlich war Horace Slughorn ein Freund von Dumbledore gewesen. Er hätte niemals einen Hogwarts- Schüler verletzen können, nicht absichtlich.
„Es tut mir leid, Harry, aber das war ich tatsächlich. Ich war geblendet, verstehst du. Du hast mir solche Macht gezeigt. Ich dachte nur noch daran, sie mir unter allen Umständen anzueignen. Mit dem Elderstab wäre ich stärker als alle Triskelionen. Ich wollte es so sehr in jenem Moment, dass ich Helen fast vergessen hätte.
Aber ich konnte deinen Schildzauber nicht durchbrechen, als du die Grenze des Waldes erreicht hattest. Also entschied ich, auf dich zu schießen, dich dann zu heilen und deine Wunde als Ausrede zu benutzen, dem Weasley- Haus einen Besuch abzustatten. Mein Plan funktionierte. Ich durchsuchte den Fuchsbau kurz, aber erfolglos, und in meiner Hast, die Heiligtümer zu finden, weckte ich sogar Misstrauen bei dir und deinen Freunden.
Ich wusste, dass ich zu den Triskelionen mit irgendetwas zurückkehren musste, deshalb nahm ich eins von Dumbledores Destina Nobilis- Büchern auf dem Weg hinaus mit. Es überzeugte sie davon, dass ich das Richtige getan hatte, indem ich Mr. Weasley und Miss Granger aufsuchte, da du dich deinen engsten Freunden anvertraust. Ich wusste, dass du sie in etwas so Wichtiges einweihst, sie sogar zu Hütern erwählst. Doch es gab nichts in Miss Grangers Haus, das einem der drei Objekte ähnelte. Die Heiligtümer mussten im Fuchsbau sein, aber dieser Ort ist schwer zu durchsuchen mit all den vielen Leuten dort. Also wurden die Dementoren herbeigerufen."
Er hielt wieder inne. Sein Gesicht blutete und Schweiß perlte von seiner Stirn. Was auch immer sie ihm angetan hatten, Harry glaubte, dass es ihn nur wegen seines hohen Alters langsam töten könnte.
„Wie können Sie es wagen, Dementoren in mein Haus zu schicken", rief Ginny anklagend. „Dumbledore würde sich für Sie schämen!"
„Ich war dagegen, das versichere ich euch. Wenn Harry nicht das Mal der Triskelionen heraufbeschworen hätte, hätten die Dementoren ihre Arbeit getan. Da waren etwa hundert über dem Haus und weitere hundert auf dem Weg. Kein Patronus hätte so viele vertreiben können. Sie hätten euch alle getötet."
„Das hätten Sie zugelassen?", sagte Ron. Er schien unsicher, ob er Wut oder Mitleid empfinden sollte.
„Sie haben ihm keine Wahl gelassen", hauchte Hermine. Ihr Blick lag immer noch mit fast mütterlicher Sorge auf der schwachen Gestalt des Zaubertränkemeisters.
Ron wirkte sprachlos und Harry hatte das Gefühl, dass er jeden Moment herausplatzen würde „Aber Sie sind ein Hogwarts- Lehrer!". Doch Hermines mitfühlende Einstellung Slughorn gegenüber schien Ron zurückzuhalten.
„Was ist mit Mr. Lovegood? Was haben Sie ihm angetan?", warf Krum ein.
„Ich habe ihn nur nach Informationen zu den Heiligtümern gefragt. Er wurde zu einer Last, also entschieden wir, den Angriff der Dementoren auf den Fuchsbau auf ihn zu schieben. Was sie ihm angetan haben… ich hatte nicht gewusst, dass es so weit kommen würde."
Slughorn stützte sich schwer auf einen Felsen und sein ganzer Körper schien zu zittern. Einer seiner Fänger trat zwei schnelle Schritte auf ihn zu, den Zauberstab direkt auf die Kehle des Professors gerichtet. Harry hatte den Reflex, seinen Stab zu heben, auch wenn er immer noch unsichtbar war, und er sagte beinahe „Expelliarmus", doch der Meister der Triskelionen rief etwas energisch auf Bulgarisch, das seinen Gefährten dazu brachte, unglücklich den Zauberstab zu senken.
„Lassen Sie ihn in Ruhe! Haben Sie ihm nicht schon genug Schmerzen zugefügt?", brüllte Hermine plötzlich. Rote Funken sprühten aus ihrem Zauberstab. Harry fragte sich insgeheim, wie viel länger sie ihre Wut würde zurückhalten können.
„Ich bin kein schlechter Mann, Miss Granger. Ich verletze keine Menschen nur aus Spaß. Ich musste wissen, ob Mr. Slughorn noch einer von uns war. Offensichtlich ist er es nicht. Trotzdem werde ich ihn nicht töten. Ich glaube, dass er noch eine Rolle zu spielen hat. Ich bin sicher, er kann Potter davon überzeugen, vernünftig zu sein."
„Das werde ich nicht tun."
Slughorns Stimme war nun kaum mehr als ein Flüstern, aber seine Antwort war klar und endgültig. Doch der Meister schien nicht beeindruckt und erwiderte mit süßlicher, fast herablassender Stimme:
„Horace, mein Freund, sei nicht so voreilig. Wir haben noch nicht über deine Rückzahlung gesprochen. Wenn Potter keinen Gebrauch mehr für die Heiligtümer hat, wenn er seine Pflicht getan hat, wird er von dem Torbogen zurückkehren und der Stein wird dir gehören. Dein Leiden wird belohnt werden. Du wirst Helen wiedersehen."
„Glauben Sie ihm nicht, Professor!", platzte Hermine heraus. Sie war einen Schritt vorgetreten und Harry musste sie am Arm packen, um sie zurückzuhalten. „Hermine, noch nicht", raunte er ihr ins Ohr.
„Es ist schon gut, Miss Granger", sagte Slughorn ein wenig lauter. Er richtete sich auf im Versuch, allein zu stehen. „Ich weiß, wo ich mich selbst hineingeritten habe. Es endet hier für mich, Karl."
Er wandte Harry und den anderen den Rücken zu und hob die Hand, die an seiner Brust gelegen hatte. Darin war eine winzige Phiole, gold und glitzernd im Licht des Duellier- Stadiums. Alle Blicke waren sofort darauf gerichtet. Für einen Augenblick starrte Harry es ebenfalls an, doch dann fing etwas anderes seinen Blick auf. Hinter seinem Rücken, unsichtbar für ihre Gegner, zeigten Slughorns Finger nach rechts. Harry folgte der Richtung, doch da waren nur noch mehr schwarze Felsen und der Wasserfall, ein wenig weiter weg als Harrys Sicht reichte.
„Was ist das, Horace? Gift?", lachte der Mann, der Karl hieß.
„Nein", erwiderte Slughorn leise. „Sonnenlicht."
Sobald seine Worte verklungen waren, ließ er den Inhalt der Phiole frei, aber er ergoss sich nicht zu Boden. Stattdessen schwebte er für ein oder zwei Sekunden und schoss dann mit unglaublicher Geschwindigkeit aufwärts, bis er so hoch war, dass er nicht mehr zu sehen war.
Hermine rief „Runter!" und Harry hatte kaum Zeit, sich auf den Boden zu werfen. Ein großer Lichtblitz brach aus und Hitze legte sich über das gesamte Stadium wie eine Bombe. Alles wurde sofort weiß und die Luft heiß und schwer. Harry schloss für einen Moment die Augen, aber als er sie öffnete, war es immer noch unmöglich, etwas in seiner Umgebung zu erkennen.
Jemand prallte gegen ihn.
„Harry! Kannst du zu Professor Slughorn gelangen?"
Es war Hermine. Harry hatte das Gefühl, dass sie niedergekauert war und nicht flach auf dem Bauch lag wie er.
„Ich kann nichts sehen", erwiderte er rasch.
Seine Haut war feucht vom Schweiß. Die Luft war so heiß, dass es schwer war zu atmen. Es war, als stünde er in Flammen, nur ohne Feuer.
„Du hast den Elderstab, Harry! Versuch irgendetwas! Vielleicht Legilimentik. Du könntest dich von Gedanken durchführen lassen."
„In Ordnung, in Ordnung!", sagte er ein wenig genervt. Er rappelte sich auf, streckte den Elderstab aus und sagte „Legilimens!", während er seine Gedanken auf Horace Slughorn richtete.
Das Ergebnis war, als würde er von einer Welle getroffen. Die Wucht warf ihn aus dem Gleichgewicht und er taumelte die Stufen hinunter. Er landete auf dem schwarzen Fels auf dem Rücken. Und dann begannen unvertraute Bilder in seinen Kopf zu strömen und er wusste sofort, dass er recht getan hatte, an seinen Zaubertränkemeister zu denken, während er den Zauberspruch sagte. Die Bilder, die er sah, stammten eindeutig aus dem Leben des alten Professors.
Es war, als schaue er einen Film durch milchige Gläser. Er sah, die der Körper einer Frau nach hinten fiel und sich der weiße Stoff ihres Kleides rasch mit Blut vollsaugte. Er sah einen viel jüngeren Slughorn in ein grünes Feld rennen, stürzen und fallen, schreien, während er zu der Frau eilte, die im Sterben lag. Er beobachtete, wie Slughorn einen schwachen Fluch abfeuerte, und hörte Grindelwalds grausames Lachen. Grindelwald war wie ein Schatten, der verblasste und verschwand.
Dann sah er die Große Halle in Hogwarts und Dumbledore, der auf dem Platz des Schulleiters saß und sich zu seiner Rechten lehnte, um dem Zaubertränkemeister etwas ins Ohr zu raunen.
Der Hintergrund änderte sich und Dumbledore war plötzlich viel jünger, das Haar braun und unordentlich, die Roben schwarz und weiß. Er lief hinter einer Gruppe von Dementoren her, die einen heulenden Grindelwald durch die Toren von Nurmengard geleiteten.
Das Bild wechselte schnell zu der Tür von Mrs. Lovegoods Grab und zu Mr. Lovegood, der seinen Rücken zu seinem Arbeitstisch im Laboratorium wandte, und Professor Slughorn, welcher ein langes Stück Pergament in die Hand nahm, auf dem die Worte „potentielle Triskelionen" geschrieben standen. Slughorn löschte seinen eigenen Namen mit der Spitze seines Zauberstabs.
Das lächelnde Gesicht einer Frau kam in Harrys Geist. Ihr blondes Haar wehte im Wind, das weiße Kleid war nicht länger mit rotem Blut besudelt. Ihre Stimme erklang wie ein Echo. Sie sagte: „Bist du sicher, dass du ein Slytherin bist, Horace?" Wieder und immer wieder sagte sie es mit einem belustigten Lachen.
Dann wurde alles schwarz und er hatte das Gefühl, sein Kopf würde explodieren, wenn er keinen Weg fand, den Gedanken- Zauber zu beenden.
„Potter! POTTER!", sagte eine Stimme, die gleichermaßen in seinem Kopf und nah an seinem Ohr zu sein schien.
Er spürte, wie er an der Schulter gerüttelt wurde.
„Steh auf! Du musst dich hier rausscheren, hast du gehört?"
Harrys Augen öffneten sich und er realisierte, dass die blendende Helligkeit leicht nachgelassen hatte. Er konnte die Person vor ihm erkennen. Slughorns Gesicht sah noch schlimmer aus vom Nahen. Seine Wange war wund und geschwollen.
„Du bist ein schlechter Legilimentiker. Tu es nicht noch mal, Potter. Du hast Glück, dass ich ein guter Okklumentiker bin und dich ausblocken konnte. Jetzt steh auf."
Harry rappelte sich sofort auf, doch es war merkwürdig, den Befehl von einem Mann zu erhalten, der den Anschein erweckte, als könne er selbst nicht aufstehen. Slughorns Atem ging stoßweise. Er schien um jeden Luftzug zu ringen. Es würde nicht leicht werden, aus dem blendenden Licht und der erdrückenden Hitze zu fliehen.
Harry dachte sofort an den Elderstab. Vielleicht konnte er sie beide aus dem Stadium transportieren, wie er es auch im Fuchsbau getan hatte. Doch was war mit Ginny, Ron, Hermine und Krum?
„Kommen Sie, Professor! Wir müssen zu den anderen zurück und hier raus", sagte er herrisch.
Er packte Slughorn am Arm und zerrte an ihm, aber der alte Professor rührte sich nicht.
„Nicht da lang, du alberner Junge! Zum Wasserfall! Dahin habe ich gezeigt. Dahinter verbirgt sich ein Geheimgang. Aber man muss durch das Wasser gehen, nicht drum herum."
Harry wirbelte herum und starrte in die andere Richtung, doch er konnte nichts sehen in dem grellen Licht. Außerdem, so realisierte er, konnte er auch nichts hören. Es war, als wäre er von allen anderen abgeschnitten außer von Slughorn.
„Wie soll ich ihn finden?", fragte er, ein wenig beschämt. „Und wo sind alle anderen?"
„Hoffentlich hat Mr. Krum deine Freunde schon durch den Geheimgang geführt. Du weißt, wie man den Zauberstab als Kompass benutzt, oder, Potter?"
„Ja, aber…"
„Dann wende dich nach Nord- Osten und du wirst ihn finden. Ich werde dir einen Vorsprung von zwei Minuten geben, dann werde ich das ganze Sonnelicht wieder in die Phiole hineinsaugen und du wirst deine Deckung verlieren."
Harry begriff sofort, was das bedeutete.
„Sie kommen nicht mit."
„Ich habe eine Menge gutzumachen, Potter. Ich bin nicht besonders stolz auf mich selbst."
Er hielt inne, um tief Luft zu holen, und Harry konnte ihn keuchen hören.
„Das ist nicht die rechte Zeit dafür, Professor. Sie sind nicht in der Verfassung für…"
„Nicht in der Verfassung?", lachte Slughorn. „Ich habe einige von Fred und George Weasleys Herzinfarkt- Kaugummis mitgenommen. Ich muss sagen, dass die Illusion überzeugend ist, doch die Wirkung hält nicht viel länger an. Du vergisst, dass mehr dazu gehört, ein Zaubertränkemeister zu sein, als nur zu mixen und zu brauen. Nun, hier trennen sich unsere Wege, Potter. Ich werde sie dir vom Hals halten, während du fliehst."
Er streckte die Hand aus und Harry ergriff sie unbehaglich. Der Schritt, zu dem Slughorn bereit war, schien an Selbstmord zu grenzen. Doch Harry wusste, dass er den Professor niemals würde davon überzeugen können, sich anders zu entscheiden. Die Zeit lief ihm davon und er wollte herausfinden, ob es Ginny und den anderen gut ging.
Nach dem Händeschütteln wandte Horace Slughorn seinem ehemaligen Schüler den Rücken zu und wurde schon bald vom blendend weißen Licht verschluckt. Harry blieb allein zurück in absoluter Stille außer seinen eigenen flachen Atemzügen. Es war unerträglich heiß, als stünde er inmitten von Feuer.
Er legte den Elderstab auf die Handfläche und richtete seinen Geist darauf, ihn sichtbar zu machen. Dann flüsterte er „Weise mir den Weg". Der Stab schien zu wissen, wonach er suchte. Während er in die nordöstliche Richtung lief, wirkte es beinahe so, als ziehe er ihn vorwärts. Nur war es schwierig, sich einen Weg durch die scharfen Felsen zu bahnen.
Dann plötzlich sah er etwas Riesiges und noch Helleres als Slughorns Sonnenlicht auf ihn zu gleiten. Er musste die Augen abschirmen, um zu erkennen, was es war. Es war ein Vogel aus silbrigem Licht und die Gestalt, die dicht dahinter folgte, hatte flammend rotes Haar.
„Ginny!", brüllte er.
Ginnys Phönix- formiger Patronus erreichte ihn zuerst und er hatte nur wenige Sekunden, um seine Gestalt zu bewundern. Es war ein Abbild von Fawkes, abgesehen von der silbernen Farbe. Als er verblasste, fand Harry sich Ginny gegenüber. Ihr Haar klebte an ihrer Stirn vom Schweiß und sie hatte einen kleinen Schnitt an ihrer linken Wange. Sie nahm sich nicht die Zeit, ihn zu begrüßen. Ihr Zauberstab war fest in ihrer Hand, jederzeit darauf gefasst, einen Fluch abzuschießen.
„Sie sind in der Nähe", sagte sie rasch. „Wo ist Slughorn?"
„Er verschafft uns Zeit", erwiderte er.
„Der Wasserfall ist blockiert, aber Ron und Hermine sind durchgekommen. Viktor kämpft gerade gegen den Duellier- Meister direkt vor dem Eingang. Wir werden einen anderen Weg hinausfinden müssen."
Ohne weitere Erklärung nahm sie Harry am Arm und begann, ihn in nord- westliche Richtung zu ziehen.
„Woher weißt du, wo lang wir gehen müssen?", sagte er zu ihr, während sie voran lief. „Ich kann gar nichts sehen in diesem Licht!"
Ohne ihr Tempo herabzusetzen, hielt sie ihren Zauberstab vor sich ausgestreckt und sagte „Expecto Patronum!", als kämpfe sie gegen Hundert Dementoren. Der riesige silberne Phönix brach aus der Spitze ihres Stabs hervor und schwebte vor ihnen her.
„Viktor hat mir gesagt, dass es einen anderen Geheimgang hinter der Treppe der westlichen Plattform gibt. Aber es gibt ein gewisses Risiko, dass wir auf einige von ihnen treffen. Also halte deinen Zauberstab bereit."
In ihrer Stimme hörte er eine solche Selbstsicherheit, dass Harry nicht anders konnte als auf sie zu hören.
„Ginny, wir haben nicht viel Zeit, bis wir die Deckung von Slughorns Sonnenlicht verlieren."
„Wie lange?", sagte sie mit einem Blick über ihre Schulter.
Sobald sie ihren Satz beendet hatte, spürten sie einen kühlen Windhauch in ihrem Rücken. Er wurde bald zu einem Wind, der sie umwirbelte. Das grelle Licht, das Slughorns Zaubertrank hervorgerufen hatte, schien sich mit dem Sturm zu bewegen, als wäre es ein Teil davon. Die Helligkeit hob sich vom Boden wie ein Schleier und Harry sah erschrocken zwei Paar Füße nur eine Armlänge entfernt.
Er packte Ginnys Arm so schnell er konnte und zog sie so nah zu sich wie möglich. Dann richtete er seine Gedanken auf den Elderstab und er versuchte, sich den Anblick von der ersten Plattform in Erinnerung zu rufen. Er spürte den vertrauten Anflug von Kälte, die sich seines Körpers bemächtigte, und er fühlte die Schwärze um ihn und Ginny herum mehr als dass er sie sah. Ginny schauderte, sagte aber nichts.
Das letzte, das Harry sah, waren zwei große, vermummte Gestalten, die sich im Nebel auflösten, und Ginnys rotes Haar, das um sie herum im schwarzen Rauch wehte.
