Kapitel 27
Harry schlief entgegen seiner Erwartungen ein. Sein ursprünglicher Plan hatte vorgesehen, seinen Kopf einfach nur eine Weile hinzulegen.
Es war Hermines Stimme, die ihn aufweckte. Sie stand am Fuß seines Bettes (Sirius' Bett) mit einer Tasse dampfenden Kaffee, den sie ihm reichte, bevor er aufstehen konnte. Er hatte sich so krank und zittrig und erstarrt gefühlt während der letzten paar Tage, dass er nicht überrascht war festzustellen, dass er in heißem Schweiß gebadet war. Er hatte das Gefühl, als wäre er gerade von einer langen, erschöpfenden Krankheit aufgewacht.
„Danke, Hermine, aber ich glaube, ich nehme lieber ein Glas Wasser und eine Dusche."
„Oh, Harry", flüsterte sie entschuldigend. „Wir haben keine Zeit für eine Dusche. Trink bitte einfach den Kaffee. Ich habe ein Tonikum hineingetan."
Er nahm widerwillig einen Schluck, doch das Getränk war unerwartet erfrischend.
„Geht es dir gut?", fragte Hermine und musterte sein Gesicht.
Der Schwall von Verärgerung, den er verspürte, ließ ihn fast seinen Kaffee verschütten.
„Nein, mir geht's nicht gut, Hermine. Ginny könnte sterben!"
„Nein, ich meine, du hast dich in deinem Schlaf herumgewälzt, weißt du. Du hast gerufen „Bitte, nicht er" und so ein Zeug."
Er nahm einen weiteren Schluck des Kaffees und versuchte sich zu entsinnen, ob er geträumt hatte. Die Visionen waren nun fort. Die Erinnerungen, die er gespeichert hatte, waren nur verschwommene Bilder, Namen und seine eigenen Gefühle der Furcht. War es das, wovon er geträumt hatte? Davon, seinen Sohn zu verlieren?
„Das ist ein guter Kaffee", sagte er mit einem Halblächeln, als Hermines Blick zu eindringlich wurde.
„Er hat nur versucht, dich zu manipulieren", beharrte sie. „Du glaubst doch nicht an diese Visionen, oder?"
„Nein", erwiderte er, bemüht überzeugend zu klingen, „aber sie waren ein bisschen verstörend, weißt du."
Er wusste, dass er bitter klang, doch die Wahrheit war, dass die Erinnerung an jene Visionen für immer in ihm bleiben würde. Er würde stets das Bild von ihm im Sinn haben, wie er zum Gryffindor- Gemeinschaftsraum rannte und sich davor fürchtete, was er dort finden würde, dass seinem jüngsten Sohn etwas widerfahren sein könnte. Es war nicht echt, doch es hatte sich echt angefühlt.
„Du musst daran glauben, dass alles besser wird", sagte Hermine leise. „Es ist der einzige Weg, um durchzuhalten, weißt du. Du wirst wieder mit Ginny zusammensein. Wir werden etwas Schönes unternehmen, wenn es alles vorbei ist, zum Beispiel ins Kino gehen. Ron würde das gefallen."
Sie drehte sich von ihm weg, so dass er ihr Gesicht nicht sehen konnte, weshalb er nicht mit Sicherheit wusste, ob sie weinte. Sie klang mehr als alles andere entschlossen.
Sie zog eine Schublade der Kleiderkommode auf und begann, den Inhalt zu durchwühlen.
„Es hat sich herausgestellt, dass es nur genug Vielsafttrank für zwei Leute gibt. Ron und George werden ihn einnehmen. Passen diese Klamotten dir alle?"
„Äh… ja", erwiderte er unbehaglich und dachte, dass er sich ebenfalls gerne umziehen würde. „Wie lange Zeit haben wir noch?"
„Nicht lange. Sieht so aus, als hätte Kreacher Rodolphus Lestranges Zeug ausgemistet. Ich nehme die Sachen hier mit. Da ist auch noch etwas für dich übrig. Ihr solltet euch alle das gleiche anziehen."
Sie zeigte ihm drei schwarz- rote Shirts mit dem goldenen Gryffindor- Wappen auf der Vorderseite. Dann legte sie eines davon ans Bettende und verließ das Zimmer, damit er sich umziehen konnte. Wie gerne er auch eine Dusche genommen hätte, er musste sich mit einem schnellen Wasserspritzer ins Gesicht, einem Wechsel der Kleidung und ein nutzloses Bürsten seines Haarschopfs begnügen.
Ron, George und Hermine warteten am Ende des Treppenabsatzes auf ihn. Hermine hatte bereits ihren Zauberstab gezückt und wirkte voller Bereitschaft, es ganz allein mit der Mysteriumsabteilung aufzunehmen. Was Ron und George anbelangte, sie hielten beide eine Tasse mit einer widerlich aussehenden Flüssigkeit in den Händen.
„Wir brauchen etwas von dir, Kumpel", sagte George, sobald sie Harry auf der Treppe erblickt hatten.
„Wo ist Percy?"
„Er ist ins Ministerium gegangen. Es wird ihn keiner verdächtigen. Er hatte Sachen vorzubereiten."
„Irgendwelche Neuigkeiten von allen anderen?", erkundigte Harry sich eilig, während er ein paar von seinen Haaren an Ron und George weiterreichte.
„Ja. Wir haben dreiunddreißig Minuten, bevor wir zuschlagen."
Hermine blickte nicht auf ihre Armbanduhr, sondern auf die falsche Galleone in der Hand. Als Harry genauer hinschaute, konnte er sehen, dass sich Zahlen wie in einem Countdown um die Kanten der Münze herumbewegten.
„Wir haben Neuigkeiten von Viktor", fügte sie hinzu. „Karl Lovech – so heißt er mit vollem Namen – ist entkommen. Der Schulleiter ist nicht verletzt, aber ihr Duell hat Teile der Schule zerstört. Einige unterirdische Räume sind tatsächlich eingestürzt. In den Nachrichten haben sie von einem Erdbeben gesprochen. Slughorn war nicht aufzufinden. Viktor hat uns außerdem gewarnt, dass es mehr Triskelionen geben könnte als die, die wir im Stadium getroffen haben."
„Tja, dann lasst uns hoffen, dass sein Schulleiter auftaucht. Wollen wir austrinken?"
Ron schaute seinen Vielsafttrank mit einer Mischung aus Ekel und Besorgnis an. George brauchte keine weitere Aufforderung. Er sagte „Hoch die Tassen" und trank in einem Zug aus.
Harry beobachtete die Verwandlung mit keinem anderen Gedanken, als so schnell wie möglich loszulegen.
„Da ist eine Art bitterer Nachgeschmack", sagte George und zerraufte sein neuerdings pechschwarzes Haar. „Aber nur sehr subtil."
„Harry, deine Muskeln tun am ganzen Körper weh, Kumpel."
Ron streckte die Arme aus und drückte seinen Rücken durch, während Hermine ihm und George zwei Brillen reichte.
„Es sind nicht nur deine Muskeln", fügte George hinzu, ein wenig ernster als Harry gewünscht hätte, „auch deine Brust. Da ist etwas auf deiner Brust. Du hast doch gesagt, du hättest das Mal nicht mehr!"
Bevor jemand ihn aufhalten konnte, hatte George sein Shirt ausgezogen und schaute auf seinen oder, besser gesagt, Harrys Oberkörper hinunter. Seine Finger fuhren über den ovalen Fleck, das einem Brandmal ähnelte, den der Horkrux über Harrys Herz hinterlassen hatte. Genau darunter war eine bläuliche Stelle, wo Voldemorts Tötungsfluch gelandet war. An seiner Schulter war eine winzige Narbe von Slughorns Pfeil zurückgeblieben. An seinem Arm waren die halbverheilten Bissabdrücke von Voldemorts Schlange immer noch sichtbar.
„Was ist das?", murmelte George, der immer noch seinen Körper betrachtete, welcher nicht sein eigener war.
„Es tut ein bisschen weh, oder?", sagte Ron verlegen.
„Tut es? Oh, Harry! Es tut mir so leid! Du hättest sagen sollen…"
„Es ist nicht deine Schuld, Hermine", warf Harry ein, leicht gereizt. „Es tut nicht wirklich weh. Es ist nur so, dass ihr nicht daran gewöhnt seid", sagte er in die Richtung von Ron und George. „Wenn es dir nichts ausmacht, George, hebe ich mir die Geschichte für ein anderes Mal auf. Können wir vielleicht einfach los?"
George schien eine Frage hinunterzuschlucken, die er hatte stellen wollen, doch er entschied sich dazu, stattdessen das Shirt wieder anzuziehen.
„Ich schätze, du zu sein ist nicht so glamourös, wie ich gedacht hätte", brummte er halb grinsend. „Aber toller Waschbrettbauch."
Harry stieß unwillkürlich ein langes Seufzen aus.
„Das ist einfach zu merkwürdig. Das ist das letzte Mal, dass jemand diesen Trank einnimmt, um mich zu verkörpern."
Ron tätschelte ihm den Rücken und sagte grinsend: „Du wirst mich jedenfalls nie verkörpern."
Dann hob er den orangefarbenen Chudley- Cannons- Rucksack hoch, aus dem er den Tarnumhang hervorzog. Er reichte ihn Harry und wählte den Deluminator und, zu Harrys Überraschung und äußerster Verwunderung, einen Zauberstab, der dem Elderstab stark ähnelte.
„Das ist nur zur Täuschung", sagte Ron, der seine Belustigung über Harrys schockierte Miene nicht verhehlte. „Es ist einer von Fred und Georges falschen Zauberstäben. Wenn man Magie damit ausüben möchte, verwandelt er sich in eine Gummiente."
„Ein Maiskolben", berichtigte George. „Wenn das passiert, wedele ihn einfach und flüstere „Verflucht". Dann verwandelt er sich wieder zurück." Er hielt inne und fügte verträumt hinzu: „Wir haben immer Witze darüber gerissen und gesagt, dass wir einen falschen Zauberstab des Schicksals hergestellt haben. Ich schätze, das haben wir wirklich."
„Ron, deine Zeit ist fast abgelaufen", unterbrach Hermine drängend.
Sie schien den Faden der Unterhaltung verloren zu haben und schaute zwanghaft auf ihre Galleone.
„Wie wollen wir das machen?", fragte Harry.
„Ron geht zuerst. Er geht in die Mysteriumsabteilung und sucht sich eine Tür aus. Dann benutzt er den Deluminator, so dass die Triskelionen ihn verlieren. Dann kommt George und nimmt eine andere Tür. Er benutzt Peruvianisches Finsternispulver für seine Flucht. Und dann tauchst du unter dem Tarnumhang auf und gehst direkt in die Kammer des Todes."
„Musst du das so nennen?", sagte Ron.
Doch Hermine ignorierte ihn.
„Wenn du in den rotierenden Raum mit all den Türen kommst, sagt einfach „die weiße Tür" und scheinbar wirst du den Weg wissen. Das ist die einzige nützliche Information, die Percy von dem Unsäglichen in Erfahrung gebracht hat, mit dem er gesprochen hat."
„Er taugt nicht sehr viel im Ausquetschen, oder?", kommentierte Ron.
„Was ist mit dir?"
„Ich werde den Angriff leiten", sagte Hermine. Sie errötete, doch auf ihrem Gesicht war gleichzeitig Entschlossenheit zu sehen.
„Zwanzig Minuten", warf Ron ein. „Es ist Zeit für mich zu gehen."
Er legte eine Hand auf den Türgriff, während er tief Luft holte. Doch plötzlich drehte er sich wieder um, als hätte er etwas Wichtiges vergessen. Er trat einen Schritt auf Hermine zu, aber sie hielt sofort die Hand hoch, um ihn aufzuhalten.
„Also ehrlich, Ron! Du bist Harry, weißt du noch? Ich könnte dich niemals als Harry küssen. Es wäre einfach zu komisch. Gib einfach auf dich Acht, okay?"
Ron murmelte ein leises „okay" und disapparierte dann in den dunklen, verregneten Abend. George schaute sofort auf seine Münze, um den Countdown zu beobachten. Als er achtzehn Minuten erreichte, verschwand er.
Harry ließ seinen Blick kurz ein letztes Mal über das Innere von Sirius' – sein– Haus schweifen, bevor er ebenfalls näher an die Tür trat und darauf wartete, dass er an der Reihe war.
Hermine kam an seine Seite und legte zwei kleine Gegenstände in seine Handfläche: eine falsche Galleone und ihre herzförmige Kette, die den Stein der Wiederauferstehung in sich barg.
„Mach ja keine Dummheiten wie zum Beispiel durch den Bogengang treten, okay?"
„Und wie steht es damit, ihn zu zerstören?", fragte er, während er den Countdown beobachtete.
„George wird sich darum kümmern."
„Mach keine Dummheiten wie zum Beispiel dich umbringen zu lassen", fügte er mit einem Halbgrinsen zu.
Sie erwiderte das Lächeln und flüsterte: „Du kannst jetzt gehen."
Harry kam in der Lobby des Zaubereiministeriums an. Er war ein wenig überrascht, wie leicht es gewesen war, hierher zu apparieren, doch dann kam ihm in den Sinn, wie viel Schaden das Ministerium davongetragen haben musste während des Kampfes zu seiner Befreiung von den Todessern. Der Ort schien jedoch aufgeräumt. Da war keinerlei Schutt auf dem Boden, kein zerbrochenes Glas, sogar die goldene Statue war an ihrer angestammten Stelle.
Die Halle war dämmrig beleuchtet und verlassen und er hörte seine eigenen Fußschritte auf dem Boden widerhallen, als er zum Fahrstuhl lief. Ein einsamer Papierflieger schwebte träge über seinem Kopf, während der Aufzug zur Mysteriumsabteilung abwärts fuhr.
Als er seinen Hals streckte, sah Harry deutlich, dass das Memo an Dolores J. Umbridge adressiert war, und er fragte sich vage, was mit der alten Kröte geschehen sein könnte.
Er versuchte, fokussiert zu bleiben, aber er wurde abgelenkt, als das Memo aus dem Aufzug surrte und zwei andere hereinkamen: eins an Arabella Cremoni vom Aurorenbüro und ein weiteres an Arthur Weasley von der Abteilung für Magische Kooperation.
Dass jemand ihm ein Memo schickte, bedeutete nicht, dass Mr. Weasley im Augenblick im Ministerium war, doch Harry dachte unwillkürlich, wie er sich darüber freuen würde, ein vertrautes Gesicht zu sehen. Doch da war niemand auf dem Korridor, als die weibliche Stimme des Fahrstuhls verkündete, dass er in der Mysteriumsabteilung angekommen war.
Er konnte sich daran erinnern, bei seinem letzten Besuch denselben Korridor voller Dementoren und schluchzender Menschen in jeder Ecke gesehen zu haben. Diesmal war der Ort ruhig und sauber. Es gab kein Anzeichen eines Triskelionen, der ihn verfolgte. Er hatte kein Problem damit, die schwarze polierte Tür zu finden, die ihn in den rotierenden Raum führte. Bevor er sie jedoch aufschob, schlüpfte er unter den Tarnumhang und steckte die Halskette und den falschen Elderstab in die Tasche. Er hielt nur seinen Phönix- Stab gezückt.
Die erste Tür bot keinerlei Widerstand, als würde er erwartet werden. Die zweite Tür war ebenfalls unverschlossen und als sie zufiel, fand Harry sich inmitten von Türen, die um ihn herumwirbelten, und er wusste, dass es kein Zurück gab, auch wenn er es gewollt hätte.
Wie Hermine ihn angewiesen hatte, rief er „die weiße Tür!"
Er erwartete halb, dass der Zauber nicht wirkte. Es klang zu einfach. Überraschenderweise wurden die Türen allmählich langsamer und einige von ihnen begannen, in verschiedenen Farben zu leuchten. Während er sich umschaute und nach einer weißen Tür suchte, wurde er von einer grün- schimmernden Tür verblüfft. Da hindurch konnte er wie ein Spiegelbild den Umriss eines dunkelgrünen Beckens erkennen, das mit einem kleinen weißen Gehirn gefüllt war.
DerZauberenthüllt,wassichinjedemRaumbefindet,dachte er erstaunt. Einige der Türen blieben schwarz, weshalb er vermutete, dass dies leere Räume waren oder Räume, deren Inhalt geheim bleiben musste. Was die weiße Tür betraf, so war sie nirgends in Sicht.
Der Raum drehte sich nicht länger. Deshalb begann er suchend herumzuwandern. Plötzlich erblickte er zwischen einer schwarzen und einer rosa Tür, durch die er Feen in kleinen Grasbüscheln tanzen sah, einen weißen Türknauf, der aus der dunklen Wand hervorragte. Dasmussessein, dachte er.
Er zog an dem weißen Knauf, worauf sich ein Loch in der Wand erhob und Harry sich sofort inmitten weißen Lichts wiederfand.
Wohin?
„Zur Kammer des Todes?", antwortete Harry der weiblichen Stimme unbehaglich.
Für einen kurzen Augenblick, nicht mehr als eine Sekunde, fühlte es sich an, als stünden seine Füße nicht länger auf dem Boden. Es gab einen Windrausch und dann landete er auf festem Boden und das weiße Licht um ihn herum verblasste schnell. Was enthüllt wurde, war tatsächlich die Kammer des Todes.
Vor ihm lag der vertraute Steinbruch, etwa zwanzig Meter tief. An seinem Grund konnte er den Bogengang sehen, der auf einem Podium stand und dessen schwarzer Schleier vor und zurück flatterte. Der Raum war dämmrig erleuchtet, doch er konnte sehen, dass in einigen der Felssäulen große Steinbrocken fehlten, wahrscheinlich Schäden durch Flüche.
Harry stand am oberen Absatz der Treppe, doch er war nicht allein. Er zählte mindestens zehn Triskelionen, die auf jeder Seite der Treppe verteilt waren. Unten im Steinbruch schienen sich noch fünf weitere aufzuhalten. Sie starrten alle Harry an. Besser gesagt, sie starrten dorthin, wo er stand, da er noch von dem Umhang verhüllt war. Sie hatten offensichtlich den Lichtblitz gesehen, der seine Ankunft verraten hatte.
„Komm, Potter! Zeig dich uns!", rief die Stimme von Karl Lovech vom Grund des Steinbruchs.
Es hatte keinen Sinn, den Umhang anzubehalten. Als er ihn abstreifte, hörte er verblüfftes und staunendes Getuschel um ihn herum.
„Komm herunter, Potter. Aber ich frage mich… Bist du diesmal der echte Potter?"
Diesmal? SiemüssenRonoderGeorgeoderbeideerwischthaben, dachte er entsetzt.
„Ich bin es", sagte er, während er den Treppenabstieg begann. „Sie können mich alles fragen."
„Sprich einfach Voldemorts Namen ohne Angst aus und wir werden wissen, dass du es bist. Dieser hier kann es mit Sicherheit nicht."
Er zerrte einen trotzig aussehenden Harry Potter herbei, den Harry sofort als George erkannte. Ron hätte in solch einem Augenblick niemals ein hämisches Grinsen im Gesicht.
„Er ist nicht ich", sagte er voller Überzeugung. „Lassen sie ihn gehen!"
„Sprich einfach Du- weißt- schon- wessen Namen aus!", brüllte eine männliche Stimme nah zu seiner Rechten.
„Dann werde ich ihn einfach Tom Riddle nennen. Tom Vorlost Riddle. Er war ein Mörder und ein Feigling, der dem Tod nicht entgegentreten konnte. Sind Sie jetzt zufrieden?"
„Ja, das genügt", sagte die Stimme von Karl Lovech höhnisch. Dann stieß er den Harry Potter/ George Weasley in die Arme des Triskelion Boris, der direkt hinter ihm stand.
Harry war nun auf halber Höhe der Treppe und konnte die Gesichter der Triskelionen Karl und Draganov sehen. Boris war hinter ihnen und hielt George fest. Zwei vermummte Triskelionen standen zu beiden Seiten von Karl Lovech und zwei weitere waren an jeder Seite des Bogengangs positioniert.
„Das ist er, nicht wahr?", raunte Draganov, als Harry endlich am Grund des Steinbruchs angekommen war. Er deutete auf den Tarnumhang, der unter Harrys Arm klemmte. „Das ist der Umhang aus der Geschichte." In seinen Augen flackerte es, während er sprach.
„Und der Stein?", sagte Karl.
Harry zog die Halskette aus der Tasche und ließ sie vor seinen Gegnern pendeln, bevor er sie wieder zurück in die Hose zu der falschen Galleone steckte.
„Und der Stab?", rief der Triskelion Boris.
Harry zeigte ihnen den falschen Elderstab und steckte ihn etwas hastiger zurück in die Tasche. Er wünschte plötzlich, er könnte einen Blick auf den Countdown der Münze werfen, um zu erfahren, wie viel Zeit er noch schinden musste.
„Bah!", rief Boris, der George immer noch am Oberarm festhielt. „Nicht Todesstab!"
„Boris glaubt nicht, dass du den Stab des Schicksals hast, Potter", sagte Karl. „Aber ich schon. Wie hättest du sonst den Dunklen Lord besiegen können? Dumbledore hat dir eingeschärft, ihn nicht zu benutzen, nicht wahr?"
„Das ist richtig", gab Harry sofort zu.
„Ich finde, Potter sollte beweisen, dass er den Stab des Schicksals hat", beharrte Draganov. Seine Forderung erhielt mehrfache Zustimmung von den anderen Triskelionen.
Es war eine zu gute Gelegenheit, um sie sich entgehen zu lassen.
„Ich kann Ihnen nicht sagen, was in dem Stab ist. Sein Kern, meine ich. Es könnte sich als etwas herausstellen, wogegen Voldemort allergisch war, wie ein Katzenhaar oder Erdnussbutter."
„Willst du sagen, der Dunkle Lord wurde von Erdnüssen getötet?", rief er namenslose Triskelion neben Draganov.
Harry konnte schwören, dass George sich ein Kichern verkniff.
„Ich weiß nicht", sagte Harry achselzuckend. „Vielleicht sollten Sie einen Zauberstabmacher herbestellen."
Sein Vorschlag schien den Beginn einer Diskussion unter einigen Triskelionen zu verursachen. Doch Karl rief seine Anhänger zur Ordnung.
„Schweigt!", rief er mit magisch verstärkter Stimme.
In seinen Augen war das Zeichen von Dringlichkeit und Ungeduld zu sehen, als sein Blick wieder auf Harry fiel.
„Clever, Potter, sehr clever. Versuchst also, Zweifel in unsere Mitte zu sähen, wie ich sehe. Aber da gibt es wirklich nichts für uns zu diskutieren, oder? Wenn du dich als Schwindler herausstellst und nicht als Meister über die Heiligtümer des Todes, wie du uns glauben machen wolltest, dann wird deine Reise durch das Tor sehr kurz ausfallen."
Dann beugte er sich näher zu Harrys Ohr und fügte bedrohlich hinzu: „Ich kann dir persönlich garantieren, dass du, wenn du dich dafür entscheidest, dich zu opfern und nicht von der Welt der Toten zurückzukehren, nicht als Held in Erinnerung bleiben wirst. Wenn man von dir spricht, wird man nur raunen, wie selbstsüchtig du sie im Stich gelassen und zugelassen hast, dass sie an deiner Stelle leidet. Also, wollen wir?"
Und dann, gerade als er dachte, dass er dem Durchtritt durch das Tor nicht mehr entgehen konnte, begann einer der Triskelionen hysterisch zu kreischen: „Töten wir ihn! Ich werde ihn töten! Er hat den Dunklen Lord zerstört! ICH WERDE IHN TÖTEN!"
Harry sah eine der vermummten Gestalten vom oberen Ende der Treppe in seine Richtung rauschen, den Zauberstab gezückt, ein wahnsinnigen Ausdruck im Gesicht.
Doch Karl Lovech gab schnell eine Antwort. Mit einem raschen Wedeln seines Zauberstabs und einem lauten „Avada Kedavra!" stürzte der vermummte Mann auf die Treppe. Er war auf der Stelle tot. Sein lebloser Körper polterte hinunter, bis sein Gesicht wenige Zentimeter vor Harrys Füßen landete. Es war niemand, den Harry erkannte.
„Er hat Recht! Töten wir ihn jetzt! Töten wir den Auserwählten!"
Diesmal war es nicht möglich zu erkennen, wer gesprochen hatte, da keiner eine Bewegung auf Harry zu machte. Doch es gab allgemeines Geraune, als andere Triskelionen dem Vorschlag zustimmten.
„Er wird zuerst das Werk vollbringen!", brüllte Karl die Menge an, das Gesicht rot vor Zorn. „Potter hat die Macht, den Dunklen Lord und Lord Grindelwald zurückzuhholen!"
„Einige deiner Rekruten scheinen nicht einverstanden mit deinem Plan zu sein, Karl", sagte Harry sarkastisch. „Vielleicht solltest du dich mit ihnen beraten und sicherstellen, dass wir der gleichen Meinung sind."
Karl trat einen Schritt zurück und das Grinsen auf seinem Gesicht wirkte auf Harry ganz und gar nicht beruhigend. Der starke Mann sagte etwas Befehlerisches auf Bulgarisch und es gab eine Regung hinter Boris.
Dann sah er sie.
Ein vermummter Triskelion brachte Ginny nach vorn. Sie schwebte mitten in der Luft, an den Handgelenken gefesselt und von einer Kette baumelnd. Sie schien bewusstlos zu sein. Ihr Haar klebte an ihrem Gesicht und an ihren Händen und Armen waren blutrote Flecke. Sie hielten sie so hoch, dass Harry nicht einmal ihre Füße berühren könnte, wenn er es versucht hätte.
„Lassen Sie sie herunter!", rief Harry mit einem Anflug von Wut. „Sie dürfen ihr nichts tun! Lassen Sie sie herunter!"
Doch Karl grinste nur.
„Dreh dich um, Potter", sagte er verächtlich. „Das Schicksal wartet auf dich."
Harry musste sich nicht umdrehen. Er konnte die Stimmen durch den Schleier hören. Der Bogengang war nah, auf dem Podium direkt hinter ihm, flüsternd, einladend. Es war fast hypnotisch. Was, wenn er zu nahe kam? Würde er die Stimmen von Sirius, Dumbledore, Lupin oder Fred hören? Würde der Bogengang ihn hineinlocken?
„Sie werden sie zuerst herunterlassen", sagte er trotzig, den Blick auf Ginny gerichtet und den Phönix- Stab in der Hand geballt. „So lautete unsere Abmachung."
„ERIST NICHT TEIL DES ABMACHUNG!", kreischte der Triskelion Karl zornig, den Zauberstab drohend auf Georges Kehle gerichtet.
Harry konnte sein eigenes Entsetzen auf Georges Gesicht sehen, das immer noch seine Züge trug. Er wusste, dass er nicht länger warten konnte: Karl verlor die Geduld. Wenn er jetzt nicht durch das Tor trat, würde George sterben. Er erkannte das Ultimatum.
„Null."
„Was?", sagte Karl verärgert. Er wandte seinen Blick kurz von Harry ab, um George anzustarren. „Was hast du gesagt?"
Harry hätte nie gedacht, dass sein Gesicht solch ein schelmisches Lächeln hervorbringen konnte.
„Du kleiner Blutsverräter!", brüllte Karl Lovech. Er packte George an den Schultern und schüttelte ihn. „Wiederhole, was du gerade gesagt hast!"
Diesmal hielt George sich nicht zurück und sein Brüllen war ein Kampfesruf.
„NULL!"
AN: Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr euch überwindet und mir einen Kommentar hinterlasst!
