Kapitel 28
„NULL!"
Georges Ruf war wie eine Glocke, die einen Hurrikan ankündigte. Der Angriff kam vom gesamten Umkreis des Steinbruchs. Es blitzten rote, blaue, gelbe und grüne Lichter auf. Es krachte wie Donnerschläge und Schreie des Entsetzens ertönten von den Triskelionen.
Harry musste sich ducken, um einem sehr großen Felsbrocken zu entgehen, der in seine Richtung flog. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, dass der Fels Karl oder Draganov oder einen anderen Triskelionen getroffen hatte, doch als er herumwirbelte, sah er, dass sie sich zerstreut hatten und sich gut gegen den Überraschungsangriff verteidigen konnten.
„Ich habe dich gewarnt, keine Dummheit zu begehen, Potter!", rief Karl Lovech.
Er richtete seinen Zauberstab auf Ginny.
„Sectumsepra!", sagte Harry, bevor Lovech handeln konnte.
Der Fluch traf den Triskelion in die Schulter und Harry sah rote Blutstropfen auf seinem Shirt auftauchen. Der starke Mann antwortete sofort mit einem Lähmfluch, dem Harry ausweichen musste, indem er sich auf den Steinboden warf.
Als er seinen Zauberstab aufsammelte und sich aufrappelte, hörte er plötzlich eine leise Stimme.
„Wingardium Leviosa!"
Karl Lovech wurde von den Füßen gerissen und hoch in die Luft geschleudert von dem Gegner, den er nicht gesehen hatte. Doch bevor irgendein Schaden angerichtet werden konnte, fand er sein Gleichgewicht wieder und glitt auf der anderen Seite des Steinbruchs wieder zu Boden, wo Harry ihn aus den Augen verlor.
Harry wirbelte herum, um nach der Person zu suchen, die ihm geholfen hatte, und sah sofort Luna Lovegood, die hinter einem Felsbrocken kauerte. Sie zwinkerte ihm zu und schleuderte einen weiteren Fluch („Levicorpus!") auf einen Triskelion, der auf Harry zurannte. Das verschaffte ihm genug Zeit aufzustehen und Lähmflüche auf eine vermummte Gestalt zu legen, die hinter dem Torbogen verborgen war. Der Mann wich nicht zurück, worauf Harry „Expelliarmus!" rief und der Triskelion sich endlich zurückzog.
„Pass auf, Harry!", brüllte jemand über ihm.
Drei oder vier große Steinbrocken flogen an Harry vorbei in die Luft. Harry erhaschte einen Blick auf Oliver Wood, der mit einem Sammelzauber Felsen auf seinen Gegner schleuderte. Der aufwirbelnde Staub machte es Harry schwer, weit zu sehen. Deshalb entschied er sich, auf das Podium zu steigen. Was er sah, war viel eindrucksvoller als er erwartet hatte.
Um den Torbogen herum und auf der ganzen Steintreppe kämpfen Menschen. Da waren einige, die er kannte, und andere, die nur vage vertraut aussahen. Da waren Lehrer und Schüler, alt und jung, die alle mit ihrer ganzen Macht gegen die mächtigen Feinde kämpften.
Die Triskelionen stellten sich als starke Gegner und verblüffende Duelliere heraus, genau wie Viktor Krum gesagt hatte. Er sah Boris mindestens zehn Leute auf einmal mit einem komplizierten Fluch niederstrecken, dann in einer Wolke von Rauch verschwinden, wobei er eine Feuerspur hinter sich zurückließ. Glücklicherweise schaffte es eine Hexe, die Flammen auf der Kleidung der Leute zu löschen. Es war ein Mädchen mit welligen Haaren, das Harry bekannt vorkam. War es Lavender Brown?
Boom! Da war ein lautes Krachen über ihren Köpfen und Harry dachte sofort an Ginny. Es geschahen so viele Dinge gleichzeitig im Steinbruch, dass er sie aus dem Blick verlor, und nun hatte jemand eine Wolke heraufbeschworen, die scheinbar willkürlich Lichtblitze abschoss.
„Diese Wolke ist ein schönes Stück Magie, meinst du nicht? Ich frage mich, wer sie heraufbeschworen hat. Ich hoffe, sie sind auf unserer Seite."
Harry drehte sich um und sah Luna Lovegood, die lässig neben ihm stand. Sie starrte Ginnys bewusstlosen Körper an, der am langen Ende der Ketten schwebte. Luna schien zu überlegen.
„Wir müssen sie herunterholen, bevor die Blitze sie treffen", drängte Harry.
Er richtete seinen Zauberstab nach oben und rief „Accio Ginny!", doch der Zauber zeigte wenig Wirkung. Er schien nur an Ginnys Fuß zu zupfen, während die Ketten befestigt blieben.
Er schaute zu Luna in der Hoffnung, dass sie einen Vorschlag hatte, doch sie schien immer noch die Situation abzuschätzen.
„Ich werde den Zauber auf den Ketten aufheben und du fängst sie mit einem Schwebezauber auf", befahl Harry Luna.
„Knifflig", kommentierte Luna, als sprächen sie über die Zubereitung eines Kürbissaftes. „Katie Bell benutzt den Windwirbelzauber und Neville einen Windmühlenzauber. Wenn Ginny fällt, wird der ganze Wind sie in den Bogengang der Toten wehen."
Wie zur Bestätigung spürten sie einen starken Schwall um den Torbogen herum. Lunas Haar flog nach hinten, als stünde sie vor einem Fön.
Harry wünschte plötzlich, er hätte den Elderstab, doch er schüttelte den Gedanken rasch ab.
„Kannst du etwas wie eine Brücke erzeugen?", fragte er Luna.
Er sah einen roten Lichtblitz aus dem Augenwinkel und er zog Luna gerade rechtzeitig aus dem Weg.
Jemand nahe dem Bogen kreischte: „Da ist er! Potter! Tötet ihn! Für den Dunklen Lord!"
Harry zog Luna eilig hinter sich und sagte „Protego!" und dann wurde der Triskelion von einem mächtigen Lähmfluch getroffen. Der vermummte Mann wurde rückwärts in den Torbogen hineingeschleudert, wo er mit einem kurzen Brüllen verschwand.
Harry wirbelte herum, um herauszufinden, wer den Fluch ausgeführt hatte. Auf einem Felsbrocken ein paar Meter über ihn stand ein Abbild von ihm selbst.
„Kumpel, ich hasse es, du zu sein!"
Bevor Harry antworten konnte, schickte ein weiterer Triskelion einen Fluch in die Richtung des falschen Harrys, der einen Schildzauber hochzog. Jemand anderes brüllte „Expelliarmus!" und der Triskelion, der seinen Zauberstab verloren hatte, sprang außer Sichtweite. Hermione tauchte hinter dem falschen Harry auf, den Zauberstab gezückt.
Donner krachte über ihren Köpfen und ein Blitz traf neben ihnen ein, als Hermine gerade etwas in Harrys Richtung rufen wollte. Als sie merkte, dass ihre Nachricht nicht ankam, beschwor Hermine ihren otterförmigen Patronus herauf, der geschmeidig auf Harry und Luna zuglitt.
„Ein paar von ihnen sind Todesser, keine Triskelionen", sagte der Patronus mit Hermiones Stimme. „Ron und ich werden sie fortlocken, während du Ginny hier rausholst."
„Wir bekommen sie nicht herunter!", rief Harry Hermine zu. Doch sie schien ihn nicht zu hören, da sie und Ron sich bereits in Bewegung gesetzt hatten.
„Ich denke, das wird als Brücke funktionieren, Harry."
Harry schaute zu Luna hinüber. Ihr Blick war auf Ginny gerichtet und ihr Zauberstab versprühte bunte Funken.
„Mach schon, Luna!", sagte er.
Luna wedelte ihren Zauberstab von links nach rechts wie ein Maler und ein wunderschöner, leuchtender Regenbogen brach daraus hervor. Die bunte Brücke wuchs und wuchs, bis sein Scheitelpunkt mit Ginnys Zehen in Berührung kam. Harry tastete nach dem Regenbogen. Er fühlte sich seidig und weich an wie ein langes Stück Stoff.
Er stopfte seinen Zauberstab in die Hosentasche, ließ seinen Tarnumhang zu Lunas Füßen fallen und begann seinen Aufstieg auf dem Regenbogen, auf allen vieren und die Finger in den Stoff krallend.
Luna hatte Recht gehabt. Es war sehr windig. Von seinem höheren Blickpunkt aus konnte er das volle Ausmaß des Sturmes erkennen, der nun die Todeskammer von Wand zu Wand ausfüllte. Er schien das Resultat aus vielen Flüchen zu sein. Harry erhaschte einen Blick auf Professor Flitwick, der zu versuchen schien, die Blitzwolke unter Kontrolle zu bringen. Doch das war alles, das Harry durch den Wind, Rauch und Staub sehen konnte. Der Regenbogen wurde an allen Seiten herumgeworfen und er musste sich sehr anstrengen, nicht abgeworfen zu werden.
Dann plötzlich hörte er: „Potter! Ich kriege dich, Potter!"
Er erkannte Draganov sofort. Der Triskelion wurde von Boris gedeckt, der alle Flüche abblockte, die in ihre Richtung geschleudert wurden. Harry sah mindestens sieben Leute, einschließlich Bill und Charlie Weasley, die versuchten, sie mit verschiedenen Flüchen außer Gefecht zu setzen.
Harry konnte mit seinem Schildzauber drei oder vier Flüche abblocken, doch sein Griff auf den Regenbogen entglitt ihm allmählich und er konnte keinen klaren Blick auf Boris oder Draganov bekommen durch das ganze Chaos.
Er glaubte gerade, dass er den Halt verlieren würde, als er einen Schrei von Draganov hörte. Der große Mann war von einem großen Felsbrocken getroffen worden, der von einem zornig aussehenden Mr. Weasley auf ihn geschleudert worden war. Die beiden Triskelionen begannen sich bald zurückzuziehen, nachdem noch mehr Leute den Weasleys zur Hilfe kamen. Deshalb konnte Harry seinen Aufstieg fortsetzen.
Er kam nun näher, doch der Wind war sehr stark. Unter ihm konnte er den Bogengang der Toten sehen und den Luftzug, der ihn umwirbelte.
„Harry!"
Es war Ginny, die geschrien hatte. Sie hatte das Bewusstsein wiedererlangt. Er konnte sehen, wie sie mit den Füßen um sich trat und an den Ketten an ihren Handgelenken zerrte.
„Pass auf!", kreischte sie wieder.
Harry hatte die Feuerbrunst nicht gesehen, die in seine Richtung züngelte. Der Regenbogen verlor plötzlich an Höhe. Luna, die noch die Kontrolle über den verzauberten Regenbogen hatte, wurde von Feuer umgeben. Harry hob seinen Phönix- Stab hoch und schoss den mächtigsten Wasser- Zauber ab, den er zustande bringen konnte. Das Feuer, das nun über dem Steinbruch wirbelte, entstammte Dunkler Magie, doch sein klarer silbriger Wasserstrom bewirkte, dass das Feuer sich zurückzog.
Blitze krachten um Ginnys Kopf herum. Er hörte sie kreischen, doch er konnte seinen Kampf gegen das wütende Feuer nicht unterbrechen und der Regenbogen trug ihn weiter weg von ihr.
„Harry, aus dem Weg!", rief Luna plötzlich.
Sie hielt den Zauberstab in beiden Händen und Harry war froh zu sehen, dass sie nicht brannte.
„Mach den Weg frei für Viktor! Er versucht, zu ihr zu kommen."
Harry hielt den Wasser- Zauber aufrecht und schaute hoch zu den Wolken, den Blitzen, dem Feuer und dem Wasser, wo die gebückte Silhouette von Viktor Krum auf einem Besen Ginny umkreiste, ohne zu ihr gelangen zu können.
Was er benötigte, um Viktor den Weg frei zu räumen, war Wind, doch das würde bedeuten, dass er das Feuer nicht mehr im Schach halten konnte. Das Feuer würde nicht gelöscht werden. Er konnte Boris und Draganov gackern hören, als hätten sie den Verstand verloren. Doch es gab keine andere Möglichkeit, wenn er Viktor helfen wollte, Ginny zu retten.
Er tauschte den Wasser- Zauber gegen einen Wind- Zauber aus. Er hatte diesen Zauber nicht viel geübt und er fiel am Anfang recht mager aus. Er spürte den Hauch des wilden Feuers von allen Seiten, aber er behielt seine Konzentration bei und es dauerte nur wenige Sekunden, bis der reine Wind an Stärke gewann. Er zielte auf das Feuer und konnte ihn aufwärts schicken, um die Wolken und Blitze aus Krums Weg zu blasen.
Währenddessen gestattete er dem Feuer, sehr viel näher zu kommen, doch Viktor konnte nun zu Ginny gelangen. Der bulgarische Sucher flog auf seinem Besen neben sie und packte sie fest an der Taille, während er die Kette mit einem Peitschen seines Zauberstabs zerstörte. Dann sauste er auf der anderen Seite des Raumes hinunter und Harry verlor sie aus den Augen, doch zumindest hatte er die Gewissheit, dass Ginny in Sicherheit war.
Der Stein, der ihn traf, kam von hinten. Er stieß ihn gegen den Rücken und er verlor seinen Halt auf dem Regenbogen. Er hörte, wie mehrere Stimmen „Harry!" brüllten, als er auf den harten Grund des Steinbruchs stürzte. Er spürte den Rausch eines Windes, bevor er den Boden unter sich spürte. Der Luftstrom schob ihn zur Seite und er musste sich an der Seite des Podiums festklammern, um nicht direkt durch das Tor gerollt zu werden.
Er hatte den Bogengang nicht einmal gesehen, da er nun in eine Wolke von grauem Staub gehüllt war. Es dauerte einen kurzen Moment, bis er seine Orientierung wiedergewonnen hatte und realisierte, wie knapp sein Entrinnen gewesen war. Er versuchte aufzustehen, als er spürte, wie eine Hand ihn an der Kehle packte.
„Du wirst dafür bezahlen, Potter. Wenn ich dich nicht dazu bringen kann, durch den Torbogen zu treten, dann werde ich die Heiligtümer an mich nehmen!"
Ein schweres Gewicht zwang ihn auf die Knie. Er wusste, dass es Karl war, doch er konnte ihn nicht sehen, da er von hinten niedergedrückt wurde. Der graue Staub schien überall zu sein. Er konnte nicht einmal sehen, ob Luna noch auf dem Podium stand. Sein Phönix- Stab lag hoffnungslos neben seinen Knien. Wenn er nur an ihn herankommen könnte…
Karl Lovech verstärkte seinen Griff und zog etwas aus Harrys Tasche: den falschen Elder- Stab.
Harry konnte nicht mehr denken. Er konnte nicht mehr atmen. Er musste atmen. Er brauchte seinen Zauberstab. Es fühlte sich an, als würde sein Hals zerbrechen. Schwarze Punkte verschleierten sein Sichtfeld.
„Stupor!", sagte Lunas Stimme aus heiterem Himmel.
Der Fluch zwang Lovech, Harry loszulassen. Doch als er Luna erblickte, riss er die Augen auf und wirbelte herum, um sie am Haarschopf zu packen. Sie stand neben dem Podium und er schlug ihren Kopf dagegen.
„Incarcerate!", brüllte Harry.
Seine magischen Fesseln schienen ein paar Sekunden lang auf dem Triskelion zu wirken, doch der starke Mann murmelte einen schnellen Zauber und die Fesseln wanden sich von ihm los wie Schlangen
Sobald er wieder frei war, sprang der Mann von dem Podium, Luna fest am Hals gepackt. DerUmhang, dachte Harry hastig. WoistderUmhang?
Er stürzte dem Triskelion hinterher und schaffte es, die Kapuze seines Umhangs zu schnappen. Der Triskelion taumelte rückwärts, aber eine Sekunde später wedelte er seinen Zauberstab in Harrys Gesicht und Harry fiel vom Podium. Er landete plump auf einem Boden voller zerbrochener Felsen und spürte ein Pochen an der linken Seite seines Brustkorbs. Er schaute gerade rechtzeitig auf, um zu sehen, wie Karl den silbrigen Umhang vom Steinboden aufhob, während er eine bewusstlose Luna in seinem linken Arm hielt.
„Der Stein, Potter, oder das Mädchen stirbt."
Er stand über Harry, mächtig and gewaltig.
„Sie können nicht durch den Bogengang treten", sagte Harry. „Sie sind nicht der Erbe. Sie sind niemand."
Doch den starken Triskelion schien es nicht zu stören. Er trat einen Schritt vor und setzte die Spitze des Elder- Stabs unter Harrys Kinn.
„Noch bin ich niemand, aber hiermit werde ich der mächtigste Zauberer sein, den die Welt je gesehen hat. Der Stein, Potter, wenn du so nett wärst."
Auch wenn der Zauberstab, mit dem er bedroht wurde, eine Fälschung war, gab es sehr wenig, das er tun konnte. Seine linke Seite brannte wie Lava. Er konnte nur schwer Luft holen. Er hatte seinen Zauberstab fallen lassen. Wenn er etwas zu Unbesonnenes unternahm, könnte Lovech sich dazu entscheiden, Luna zu verletzen oder zu töten.
Langsam griff er nach dem herzförmigen Kettenanhänger in seiner Tasche, doch er übergab ihn noch nicht dem Triskelion.
„Wissen Sie überhaupt, wie er funktioniert?", sagte er zögerlich.
„Gib mir die Kette, Potter!"
„Sie können Grindelwald nicht damit zurückholen", gab Harry zurück.
„Mit dem Stein und dem Stab kann ich eine Armee zurückholen, wie du sie dir nie ausmalen könntest. Grindelwalds Vision wird erfüllt werden."
„Sie sollten keine Toten zurückholen. Es ist falsch."
„Genug, Potter! Gib mir den Stein oder sie stirbt", bellte Karl Lovech und richtete den falschen Elderstab auf Lunas Kopf. „Ich werde es langsam leid, dich darum zu bitten."
„In Ordnung, ich werde es tun!", sagte Harry alarmiert. „Lassen Sie sie los. Dann werde ich es Ihnen geben."
Harry konnte das Dilemma auf Lovechs Gesicht sehen. Er hielt den Stab mit einer Hand und Luna mit der anderen. Er hatte keine freie Hand, um den Stein entgegenzunehmen. Für Harry war es der geeignete Augenblick, um das herzförmige Medaillon zu öffnen. In der nächsten Sekunde ertönte ein Poltern, als Karl Lovech Lunas bewusstlosen Körper auf den Boden fallen ließ.
„Hier", sagte Harry, während er die Kette auf die Handfläche des Triskelionen legte.
Die Reaktion des Mannes kam unverzüglich. Er sprang auf die Füße und packte den Umhang. Er warf ihn sich auf den Rücken und er hatte einen triumphierenden Ausdruck im Gesicht, den Harry selten gesehen hatte.
„Meister der Heiligtümer des Todes!", kreischte Lovech. „Stärker als die Drei Brüder! Der größte Zauberer der Welt!"
Doch Harry, nun frei von dem herzförmigen Kettenanhänger, hatte bereits den Stein der Wiederauferstehung drei Mal in der Hand gedreht.
„Albus Dumbledore war der größte Zauberer auf der Welt", murmelte er vor sich hin.
„Dumbledore", wiederholte Lovech höhnisch. „Dumbledore war ein alter Narr, der nur ein paar Tricks auf Lager hatte. Ich hätte Dumbledore dazu gebracht, vor mir auf die Knie zu sinken."
Daswäremirsehrschwergefallen, ertönte eine ferne Stimme hinter Karl Lovech, daichschonimmereinenwundenPunktanmeinemlinkenKniehatte.
Harry konnte den Schwall von Freude nicht zurückhalten, den er beim Anblick des Hogwarts- Schulleiters verspürte. Der alte Mann tauchte durch die Wolke aus grauem Rauch auf. Er schien nicht zu gehen, sondern über den Pfad von zerklüfteten Felsen zu gleiten.
„Nein! Sie sind tot!", brüllte der Triskelion.
Nun,dasistdasTorzurUnterwelt, erwiderte Dumbledore, doch diesmal zwinkerte er Harry deutlich sichtbar zu.
Harry begriff sofort. Er tastete rapide nach seinem Phönix- Stab, hielt ihn dann hoch in die Luft und brüllte „Finite incantatem!"
Das Gewitter, das immer noch über ihren Köpfen wütete, schien plötzlich zu erstarren, als würde die Zeit stillstehen. Die Blitze und all der Krach hörten sofort auf und die Wolken begannen zu verblassen und sich zu einem feinen Sprühregen zu zerstäuben, der auf den Steinbruch hinabnieselte, worauf sich der Staub legte.
„Nein!", kreischte Karl Lovech wieder. „Ich habe den Elderstab!"
Doch als er ihn wedelte, verwandelte der Stab sich mit einem Plopp in einen Maiskolben. Dann griff er nach dem Umhang, stellte aber fest, dass er verschwunden war. Er schaute sich mit einem irrsinnigen Gesichtsausdruck um, aber Lunas Körper war ebenfalls fort. Es war offensichtlich, dass sie den Tarnumhang genommen hatte und sich darunter versteckte.
Der Triskelion schlug mit seinen Fäusten um sich durch die leere Luft, doch es war nutzlos. Schließlich war das der perfekteste Tarnumhang, den es jemals gegeben hatte.
„NEEEEEIN!"
Mit diesem letzten Schrei fiel Karl Lovech auf die Knie und verstummte, gebrochen, immer noch den falschen Elderstab in der rechten Hand. Es schien fast sinnlos, ihn zu fesseln, doch Harry tat es trotzdem, nur um sicherzugehen. Er tat ihm fast leid.
Dumusstihnnichtbemitleiden, sagte Dumbledore, als hätte er Harrys Gedanken gelesen. DieHeiligtümerhabenihmdasnichtangetan.Eristselbstdaranschuld.
Dumbledore war nun sehr nah. Harry hatte das Gefühl, er sollte etwas zu dem alten Schulleiter sagen, der sein Mentor gewesen war, doch er stellte fest, dass seine Kehle von Emotionen zugeschnürt war. Er konnte nicht einmal den Mund öffnen, um „Danke" zu sagen.
Dusolltestesuntersuchenlassen, raunte Dumbledore mit einem bedeutungsvollen Blick auf Harrys linke Seite, die er mit seiner Hand umklammerte.
„Ja, Sir", brachte Harry hervor.
Dann plötzlich tauchte Lunas Kopf neben ihm auf, als sie den Tarnumhang abstreifte.
„Tut es sehr weh, Professor, wenn man stirbt? Ich wollte es schon immer jemanden fragen, der kein Geist ist."
Dumbledore lächelte sie an.
Wenn ich Ihnen das verraten würde, Miss Lovegood, würde ich meinem Ruf nicht gerecht werden.
„Der Bogengang, Sir?", fragte Harry und bemühte sich, nicht in Dumbledores scharfe Augen zu sehen.
Der Schulleiter stieß einen langen Seufzer aus.
Ah, Harry! Ich denke, du hast bei vielen Gelegenheiten bewiesen, dass du diese Entscheidungen für dich selbst treffen kannst.
Und mit diesen letzten Worten blickte er auf und Harry folgte seinem Blick. Im gesamten Steinbruch hatten die Kämpfe aufgehört. Die Triskelionen waren auf ihren Knien, die Gesichter entblößt. Einige von ihnen erkannte Harry als Todesser. Die anderen Menschen, die ihm zu Hilfe geeilt waren, starrten auf Harry und Dumbledore hinab.
Harry konnte all seine Freunde und Lehrer aus Hogwarts sehen. Alle Weasleys waren dort, außer Fred. Ron und Hermine standen auf der Treppe. Ron hatte sein Aussehen wiedererlangt und Hermine weinte leise. Viktor Krum stand aufrecht da und stützte Ginny an den Schultern. Sie trat einen Schritt vorwärts, als ihre Blicke sich trafen, doch dann hielt sie abrupt inne.
Ichsolltedirsagen, begann Dumbledore, dassichnichtdereinzigebin,dervorbeischauenundHallosagenwollte.
Und plötzlich tauchten durch den Staub und den Nebel all jene auf, die in der Schlacht gestorben waren. Er sah Lupin und Tonks zuerst. Sie standen Hand in Hand direkt hinter Dumbledore. Sirius und seine Eltern waren ebenfalls anwesend. Sie lächelten ihn warm an.
Er wischte sich eine Träne von seiner Wange und schaute wieder hoch, wo alles lächelte und weinte. Es herrschte völlige Stille im Raum. Es wurde kein Wort gesprochen. Es war, als würde jede Person den Atem anhalten und an dem letzten Augenblick mit ihren geliebten Menschen festhalten. Da war nur einer, den er nicht sehen konnte. Wo war Fred?
Langsam setzten sich die Toten in Bewegung und glitten auf den Bogengang zu. Dumbledore stand nun vor dem Tor. Harry hatte nicht einmal gesehen, wie er dahingekommen war. Mit einem letzten Blick zu Harry verschwand er hinter dem Schleier. Als Nächstes sah der die liebliche Mrs. Lovegood in einem langen weißen Kleid. Er wusste, dass unter ihm Luna weinte. Lupin, Tonks, Sirius und seine Eltern traten danach ein. Seine Mutter warf ihm eine Kusshand zu.
Einer nach dem anderen glitten diejenigen, die gestorben waren, durch den Bogen und Harry wartete auf dem Podium. Er wusste nun, dass er den Torbogen vernichten musste, selbst wenn er einen Stein nach dem anderen zerstören musste.
Der Raum war fast leer, als er Fred sah. Es war, als hätte der Weasley- Zwilling sich versteckt. Er tauchte hinter dem Bogen auf.
„Fred!", rief George, die Stille durchbrechend. Ginny und Mrs. Weasley stießen ebenfalls einen kleinen Schrei aus.
George stand neben einem Raketen- ähnlichen Gegenstand, der auf den Steinbogen wies, und er war auf der anderen Seite des Steinbruchs. Er begann hektisch, einen Pfad aus zerbrochenem Geröll herabzusteigen, stolpernd und fast fallend, während er rannte.
Doch Fred blieb nah am Torbogen und er schaute Harry mit einem flehenden Blick an.
Ich hätte nicht kommen sollen. Er war noch nicht bereit. Lass nicht zu, dass er mir folgt. Sag ihm… sag ihm, dass er leben soll.
Und mit diesem letzten Satz verschwand er als Letzter der Toten durch den Bogengang.
„Warte, Fred!", brüllte George, während er fast auf der letzten Stufe stürzte.
Mrs. und Mr. Weasley schrien: „George, nein!"
Doch Harry stand schon vor dem Tor.
„Er ist weg! Er ist schon weg! Warum hat er nicht gewartet? Warum ist er nicht geblieben? Was hat er zu dir gesagt?"
„Er hat gesagt, dass du leben musst, George", sagte Harry heftig, während er den Zwilling mit beiden Händen zurückhielt.
„Das hat er zu dir gesagt?", brüllte George und stieß Harry mit aller Kraft von sich.
Sie waren beide gefährlich nah am Bogengang.
„Das reicht, ihr beiden", rief Mr. Weasley von der Treppe.
„Du rufst ihn zurück!", bellte George Harry an. Er versetzte ihm einen weiteren Stoß. „Ich weiß, dass du es kannst. Ruf ihn sofort zurück!"
„Er wird nicht zurückkommen", erwiderte Harry energisch, während er abermals versuchte, George zurückzudrängen.
Georges Faust traf Harrys Gesicht mit der Kraft eines Lähmfluchs. Es zwang Harry, sich an die Seite des Torbogens zu lehnen, doch es gestattete ihm, aus den Augenwinkeln zu sehen, dass Hermine, Ron und Ginny auf Georges Raketenwerfer zurückten. Alles, was er tun musste, war George ein wenig länger hinzuhalten.
„Willst du kämpfen?", brüllte Harry. „Na los, schlag mich! Ich werde ihn nicht zurückholen."
„Ich werde es selbst tun", sagte George. Er packte Harrys Hand, in dem er immer noch den Stein der Wiederauferstehung hielt.
Und dann hörten sie Stimmen. Der Schleier wogte sachte, als würde er von einem Flüstern bewegt. George blieb abrupt zu stehen und starrte den leeren Raum im Zentrum des Bogengangs an. Er war so nah, dass der schwarze Schleier sein Gesicht streifte.
„Fred, bist du das?", sagte George mit seltsamer, trüber Stimme.
„Geh nicht weiter."
Harry war vor George getreten. Nun trennte ihn nichts mehr von der Leere des Tors.
„Levicorpus!"
Harry hatte nicht gesehen, dass George seinen Zauberstab gezückt hatte. Er wurde auf der rechten Seite erwischt und flog mit den Füßen voraus in die Luft. Der Zauber war nicht sehr mächtig, wahrscheinlich weil George so zerstreut war. Harry landete auf der Kante des Podiums und sah, dass Mr. und Mrs. Weasley ebenfalls dort waren.
„Georgie", schluchzte Mrs. Weasley. "Wir wollen dich nicht auch noch verlieren."
An der Art, wie George sie anstarrte, wusste Harry, dass er handeln musste. Er dachte nicht einmal weiter nach. Er rappelte sich auf und rannte los. Er wusste einfach, dass er George unter allen Umständen aufhalten musste.
Dann geschahen mehrere Dinge gleichzeitig.
Luna rief „Accio George!" und der Zwilling wurde vom Bogengang weggerissen, genau in dem Augenblick, als Harry ihn packen wollte.
Es knallte, als die Rakete sich entzündete und auf den Bogengang zuschoss.
Funken roten Lichtes und fallende Felsen schienen Harry von allen Seiten auf einmal zu treffen.
Dann hörte er seinen Namen und alles wurde schwarz.
AN: Ich würde mich total freuen, wenn ich zum nahenden Ende der Geschichte hin noch ein paar Reviews bekommen könnte! Danke!
