Kapitel 30
Panik packte Harry, als er sich selbst von dunklem, eisigem Wasser umgeben sah. Er hatte keine Ahnung, wie viel über ihm war oder wie viel unter ihm. Alles, das er wusste, war, dass er so heftig treten musste, wie er konnte, wenn er leben wollte. Das Gewicht seiner Kleidung zerrte ihn in die Tiefe, deshalb entledigte er sich hastig seiner Schuhe, um besser schwimmen zu können.
Der Luftzug, den er einsaugte, als er die Oberfläche durchbrach, kam ihm vor, als wäre ihm neues Leben eingehaucht worden. Er sah eine enge Steinplattform, wo er sich aus dem Wasser hieven konnte. Es war völlig finster um ihn herum und er schien allein zu sein.
Nicht noch eine Höhle, dachte er verzweifelt.
Er war froh, am Leben zu sein, aber seine Lage hatte sich nicht viel verbessert. Deshalb war er mehr alarmiert als erleichtert, als er ein weißes Licht in seine Richtung wandern sah. Er hatte sich schon dagegen gewappnet, sich dieser neuen und schrecklichen Bedrohung zu stellen. Deshalb war er recht überrascht, als ein kleines Boot die Ecke am anderen Ende des Gewässers umkurvte. Der Lichtstrahl war nichts weiter als die Taschenlampe, die zu einem jungen Mann auf dem Boot gehörte. Er erspähte Harry schnell und rief ihm einige Worte in scheinbar verschiedenen Sprachen zu.
„Parla Italiano? Parlez- vous français? Du sprechen Englisch?"
„Ja, Englisch!", rief Harry.
Der junge Mann senkte die Taschenlampe und nahm stattdessen die Ruder in die Hand.
„Du verletzt?", fragte er Harry mit einem sehr starken Akzent, der schwer einzuordnen war.
„Nein, mir geht's gut", sagte Harry, während der junge Mann näherkam.
Sein kleines Boot bewegte sich gleichmäßig über das Wasser und er half Harry schon bald hinein. Harrys Blick fiel sofort auf einen Notfallkasten, einen blauen Helm und mehrere Taschenlampen zu seinen Füßen. Der junge Mann war in Blau gekleidet und sein Shirt wies weiße Zeichen auf, die Harry wie fremde Buchstaben erschienen. Er sah nicht viel älter aus als Harry.
„Deine Freunde albernen Streich gespielt dir?", fragte der junge Mann. Sein Tonfall war leicht verärgert.
„Streich?"
„Nicht witzig! Sehr gefährlich! Du deinen Freunden sagen, dass sie dich fast töten haben, ja?"
Während er sprach, begann er das Boot dorthin zu steuern, wo Harry den Ausgang vermutete.
„Amerikaner?"
„Nein, Engländer", antwortete Harry abwesend. Er war mehr daran interessiert, die Höhle hinter sich zu lassen als eine Unterhaltung anzufachen.
„Ach, Engländer? Normalerweise Amerikaner tun das. Sie wollen sein Indiana Jones, weißt du. Aber du, du bist James Bond, was? Ha! Ha!"
Harry fand, dieser Kommentar war keiner Erwiderung würdig. Jedenfalls ruderten sie auf das Tageslicht zu und Harry konnte es nicht erwarten zu sehen, wo genau er sich befand. Der junge Mann plapperte fröhlich vor sich hin „Ich rette James Bond! Ha! Ha". Harry wollte so schnell wie möglich aus der Höhle herauskommen.
Er hatte sich noch nie so gefreut, das Tageslicht zu sehen und auf Gras statt auf Felsen zu stehen. Nur war ihm die Umgebung keinesfalls vertraut. Die Höhle entpuppte sich als ein Loch seitlich eines felsigen Hügels. Alles um ihn herum war grün: Bäume, so weit das Auge reichte. Da war eine enge Straße vor ihm mit einigen Autos und einem kleinen Bus am Straßenrand. Neben dem Bus wartete eine Gruppe von Touristen, dem Aussehen nach zu urteilen Japaner, die Fotos von dem Eingang zur Höhle schossen.
Harry beobachtete sie ein wenig, während er sich auf einen moosüberdeckten Fels setzte, um sich die Socken auszuziehen, die klitschnass waren. Er zerraufte sich sein feuchtes Haar und versuchte, etwas Wasser aus seinem Shirt zu wringen, wobei er insgeheim dachte, wie einfach es mit einem Zauberstab wäre.
Er hatte gerade entschieden, dass es seine beste Option wäre, barfuss zu bleiben, als er ein Schild auf der rechten Seite erspähte, das Informationen über die Höhle zeigte. Er versuchte es zu lesen, doch es war eine fremde Sprache, weshalb er sich entschloss, stattdessen den jungen Reiseführer zu fragen, der ihn gerettet hatte.
„Wo…?", fragte er den jungen Mann, der an ihm vorbeilief.
„Du nicht wissen, wo du bist, richtig? Das passiert. Leute kommen orientierungslos aus Höhle. Das Wasser nicht gut für Trinken, James Bond! Diros- Höhlen. Die Tore von Hölle, wenn du es glaubst."
„Tore von… was?"
„Griechische Legende. Mythologie. Tore von Hades, dieser Ort."
Harrys Gedanken rasten bei dieser neuen Information.
„Griechisch? Ich bin in Griechenland?"
Der junge Mann tätschelte ihm den Rücken.
„Keine Sorge", lachte er. „Du nicht tot, James Bond! Ha! Ha!"
Und damit stapfte er davon zu einer anderen Gruppe von Touristen, die alle blaue Helme trugen.
„Großartig! Griechenland", murmelte Harry vor sich hin, während er sich die Brille mit dem Saum seines Shirts trocken wischte. „Wie soll ich jemals zurückkommen?"
Eine japanische Frau, die vor einigen Minuten das Informationsschild betrachtet hatte, wirbelte plötzlich herum und starrte ihn an.
„Sie sprechen Englisch? Gott sei Dank! Ich kann nicht ein Wort von dem verstehen, was alle hier sagen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, ein Bild…? Oh, mein Gott! Sie sind Harry Potter!"
Die japanische Frau schaute nun mit aufgerissenen Augen an ihm hoch und runter und dann fiel ihr Blick auf seine Stirn, wo sie zweifellos die Blitznarbe entdeckte. Neben ihr schien ein Mädchen von 9 oder 10 Jahren gleichsam schockiert.
„Äh… Ja. Das ist mein Name", sagte er und spürte das Blut in seine Wangen schießen.
Die Frau schüttelte den Kopf und begann dann, nervös in ihrer Handtasche herumzukramen. Sie schien ihr Bestes zu geben, ihren Enthusiasmus in der Anwesenheit so vieler Muggle im Zaum zu halten.
„Oh, wo ist dieser Fotoapparat…?"
„Er steckt in deinem Rucksack, Mum", seufzte das Mädchen.
Sie sprachen beide perfektes Englisch. Das Mädchen hatte glattes, langes schwarzes Haar, das Harry an Cho erinnerte.
„Ich gehe nächstes Jahr nach Hogwarts", sagte das Mädchen. „Ich möchte nach Gryffindor wie du und ich will auch Quidditch spielen. Stimmt es, dass Erstklässler keine eigenen Besen mitbringen dürfen? Du bist ein Sucher, richtig? Ich glaube, ich werde es als Jägerin versuchen."
„Äh… ich habe Freunde, die Jäger waren", erwiderte Harry, unsicher, welche Frage er zuerst beantworten sollte.
„Naja, ist doch klar! Du warst Quidditch- Kapitän! Ich bekomme einen Besen zum Geburtstag."
„Oh, da ist sie ja", rief die Mutter des Mädchens. Sie hielt ihre Kamera hoch. „Würde es Ihnen etwas ausmachen…?"
Sie winkte einer anderen Frau zu, die in der Nähe stand, und fragte sie schnell auf Japanisch, ob sie ein Foto von ihr und ihrer Tochter mit Harry in der Mitte schießen könnte. Harry protestierte nicht, da er mehr als froh war, hier eine Hexe zu treffen. Es würde ihm alles viel leichter machen.
Der junge Reiseführer, der ihn aus der Höhle gerettet hatte, schien die Szene faszinierend zu finden. „Du berühmt, James Bond?", brüllte er Harry zu.
Die anderen Reiseführer lachten ebenfalls.
„Das ist Harry Potter, ihr dummen Trottel", hauchte das Mädchen, nachdem sie ihnen einen rügenden Blick zugeworfen hatte. „Nur seinetwegen seid ihr alle glücklich und am Leben." Sie wandte sich an Harry. „Stimmt es, dass Du- weißt- schon- wer alle Muggle- Geborenen töten wollte? Meine Mum ist eine Muggle- Geborene."
„Satsuki!", sagte ihre Mutter empört. „Bitte entschuldige, Harry."
„Nein, ist schon okay." Zu dem Mädchen gewandt fügte er hinzu: „Voldemort hatte Pläne, ja, aber du brauchst dir keine Sorgen mehr um ihn zu machen. Es ist vorbei."
„Hast du das gehört, Mum? Und er hat Du- weißt- schon- Wessen Namen ausgesprochen!", stieß das Mädchen bewundernd aus.
Ihre Mutter zog sie in eine enge Umarmung und formte mit dem Mund ein stummes „Danke" in Harrys Richtung.
„Ich muss wieder nach London zurück, zum Zaubereiministerium", sagte Harry, die Gelegenheit am Schopf packend. „Sie wissen nicht zufällig, wie…?"
„Oh je! Haben Sie Ihren Zauberstab nicht bei sich?"
„Ich habe ihn… zurückgelassen", erwiderte Harry in der Hoffnung, dass sein Phönix- Stab noch in der Todeskammer und intakt war.
„Nun, das ist kein Problem, mein Lieber. Es ist wirklich das Mindeste, was ich tun kann. Warten Sie kurz."
Sie nahm das Mädchen bei der Hand und ging zu der Gruppe von japanischen Touristen zurück, wo sie eine Minute mit ihnen sprach. Dann drückte sie ihrer Tochter einen Kuss auf dem Kopf und kam ohne ihre Reisetasche zu Harry zurück. Sie zog ihn ohne Umschweife hinter das Informationszeichen. Sie waren nur halb verdeckt, doch es schien sie zufriedenzustellen.
„Sie sind vertraut mit Seit- an- Seit- Apparieren, richtig? Also, los geht's!"
Sie apparierten direkt ins Atrium des Zaubereiministeriums. Die japanische Frau wirkte überhaupt nicht so, als hätten sie gerade solch eine Entfernung in wenigen Sekunden zurückgelegt. Doch Harry brauchte einen Augenblick, um sich zu orientieren. Es war Tag gewesen in Griechenland, doch das Zaubereiministerium war verlassen und dämmrig beleuchtet, als wäre es mitten in der Nacht.
„Da sind Sie ja, Harry. Gibt es noch etwas, das ich tun kann?", sagte die Frau. Sie lächelte ihn freundlich an, doch ihr Blick schweifte im Raum umher, als erwartete sie, dass ein Eindringling auf sie zustürzte.
„Ich komme schon klar. Vielen Dank für Ihre Hilfe."
„Ich kann kämpfen, wissen Sie", sagte sie mit entschlossenem Tonfall. „Wenn Sie in Schwierigkeiten sind, werde ich bleiben und Ihnen helfen. Das ist das Mindeste, das ich tun kann. Sagen Sie mir einfach, was ich machen soll."
Harry war sehr dankbar, doch er glaubte nicht, dass es nötig war.
„Ehrlich, ich komme schon klar. Wirklich. Aber danke nochmal."
Sie küsste ihn auf die Wange, was Harry ein wenig verlegen machte, und trat dann ein paar Schritte zurück. Direkt bevor sie verschwand, rief sie mit schriller Stimme: „Harry Potter! Das wird mir kein Mensch glauben!"
Und dann war Harry allein.
Er lächelte unwillkürlich. Er war noch nie so glücklich darüber gewesen, dass er berühmt war. Dieses Mal hatte es sich als hilfreich erwiesen. Und da war etwas so Freundliches und Liebenswürdiges an der Frau und ihrer Tochter gewesen, dass er aufrichtig hoffte, dass er sie wiedersehen würde.
Doch was er jetzt wirklich wollte, war, Ginny und die anderen zu finden. Er machte sich abermals auf den Weg zu den Fahrstühlen. Es war ein bisschen merkwürdig und unheimlich, durch die leere Eingangshalle zu laufen, während er wusste, welche Art von Schlacht sich in den unteren Geschossen abspielte. Im Augenblick schien sich nichts zu rühren außer Harrys nasse Schritte (seine Kleidung triefte immer noch), wodurch er realisierte, dass er keine Ahnung hatte, wie lange er fortgewesen war.
Tatsächlich dachte er, je näher er zu den Fahrstühlen kam, dass es wahrscheinlich keine so gute Idee war, ohne einen klaren Plan in die Mysteriumsabteilung zu platzen. Schließlich wusste er nicht, wie die Schlacht ausgegangen war. Oder war sie überhaupt schon vorüber?
Aus dem Augenwinkel sah er eine Bewegung in den Schatten und etwas wie eine Silhouette.
Er trat sofort ein paar hastige Schritte zur goldenen Statue, um sich daneben zu verstecken, und hörte währenddessen trappelnde Schritte. Er schaute sich rasch nach etwas um, mit dem er sich selbst verteidigen könnte, doch vergeblich. Dann schwangen alle Türen der vielen Fahrstühle auf einmal auf und eine große Menge Menschen strömte heraus in die Halle.
Harry war sicher, dass er mindestens die Hälfte von ihnen kannte: Hogwarts- Schüler, Lehrer, Eltern von Schülern, Bekannte. Doch es gab kein Zeichen von Ginny, Ron, Hermine oder den anderen Weasleys. Alle schienen sehr verstört. Einige weinten und andere führten Freunde an den Schultern. Sie schritten nicht besonders schnell voran, als wollten sie nicht gehen. Niemand von ihnen schien Harry zu bemerken, der allein neben der goldenen Statue stand.
Seine Gedanken waren alle auf seine engsten Freunde fokussiert und darauf herauszufinden, ob es ihnen gut ging. Er erwog, zu einem der Aufzüge zu laufen. Wenn er schnell genug war, würde ihn keiner bemerken.
Er wollte sich gerade in Bewegung setzen, als er plötzlich bestürmt wurde.
„DA – IST – ER – JA!", brüllte eine Stimme mit unverhohlenem Zorn.
Harry sah die Gestalt von Dolores Umbridge aus dem Schatten herausspringen und auf ihn zu rennen, den Zauberstab in der Hand. Die Blicke aller Menschen in der Halle wandten sich in seine Richtung. Tut doch etwas!, dachte er hoffnungslos, als sah, dass alle schockiert auf der Stelle angewurzelt waren. Und dann –
„Expelliarmus!"
Der Zauberstab flog aus Umbridges Hand. Sie wurde von der Stärke des Zaubers zurückgeschleudert und ihr Kopf prallte schmerzhaft mit dem Zentauren der goldenen Statue zusammen. Umbridge stürzte bewusstlos zu Boden.
Harry wandte seinen Blick zu den Leuten, um herauszufinden, wer den mächtigen Zauber losgelassen hatte. Neville Longbottom stand ein paar Schritte vor allen, den Zauberstab in der Position, die Harry ihm in Dumbledores Armee beigebracht hatte. Das Gesicht des jungen Gryffindors war blass und seine Augen waren rot. Er schien vor Ungläubigkeit erstarrt, ebenso wie der Rest der Gemeinschaft.
Die Wahrheit traf Harry wie eine Tonne Ziegelsteine.
Sie haben gedacht, ich wäre tot!
Er wollte gerade etwas sagen, als er sie sah, wie sie sich durch die Menge drängte, das Haar flammendrot.
Harry konnte nicht sagen, ob er auf sie zurannte oder sie auf ihn. Das einzige, dessen er sich sicher war, waren die Jubelschreie, die seine Ohren erfüllten, als sie zusammenprallten. Und danach konnte er nichts mehr zu ihr sagen. Es machte ihm nichts aus, dass eine Menge Leute zusahen oder dass sie weinte oder dass er nass war. Er wollte sie nur küssen, ihren Duft einhauchen und sie berühren und sie dann wieder küssen.
„Stirb – nie – wieder!", brachte Ginny zwischen Schluchzern hindurch hervor.
Sie schien gleichzeitig zu weinen und zu lachen. Sie nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und küsste ihn leidenschaftlich.
„Geht es dir gut?", fragte er unbehaglich. Er nahm ihre Hände in seine. Sie hatte Schnitte und Blutergüsse überall.
„Ja! Harry, es sind nur ein paar Kratzer! Ich habe gedacht, du wärst tot! Schon wieder!"
„Naja, ich konnte dich doch nicht einfach zurücklassen, oder?"
Während er das sagte, sah er die Gestalten von Ron und Hermine durch die Menge auftauchen. Sie hatten beide rote Augen und Blutspuren über der ganzen Kleidung. Als Hermine ihn erblickte, kreischte sie mit solcher Intensität, dass Ginny wieder in Tränen ausbrach.
Hermines Umarmung stieß sämtliche Luft aus ihm heraus. Rons Begrüßung war ebenso herzlich.
„Du warst weg! Du warst tot!", rief Hermine.
Er konnte sie durch das Gejubel, den Applaus und das Schluchzen hindurch kaum hören.
„Wir dachten, wie hätten dich mit der Rakete umgebracht, Kumpel", murmelte Ron fast entschuldigend. „Aber du warst weg, weißt du, dein Körper war nicht da. Dann dachten wir… wie Sirius…"
Er konnte seinen Satz nicht beenden. Seine Stimme brach. Er drehte sich weg, um sich Augen und Nase mit dem Handrücken zu wischen. Dann versuchte er noch mehr zu sagen, doch die Worte schienen nicht hervorkommen zu wollen, also reichte er Harry stattdessen ein Stück gefalteten Stoff.
Es war der Tarnumhang, ein wenig schmutzig, doch ansonsten unbeschadet. Harry nahm ihn mit aufrichtigem Dank entgegen. Da war noch etwas anderes bei dem Stoff. Zu Harrys Erleichterung war sein Phönixstab aus der Todeskammer geborgen worden.
„Das ist alles, das wir gefunden haben, als wir uns durch die Überbleibsel des Bogengangs gewühlt hatten", murmelte Hermine. „Wenn die Rakete dich nicht getötet hat, dann die Felsen… aber da war kein Blut…"
„Ich schätze, ich bin durch das Tor durchgefallen, bevor es zersprengt wurde", warf Harry ein.
„Hindurch?", keuchte Hermine. Ihr Gesicht wurde noch blasser als ohnehin schon. „Oh Harry! Aber du hast doch nicht… Sag mir, dass du es nicht getan hast!"
„Kein Pakt", sagte er triumphierend. „Es ist nicht einmal annähernd dazu gekommen."
„Wurdest nicht in Versuchung geführt?", murmelte Ron, obwohl Harry ein wenig Skepsis in seinem Tonfall entdecken konnte.
„Naja, er hat mir ein neues Leben als Muggle angeboten, aber ich hätte mich von keinem von euch trennen können und, weißt du, ich würde Quidditch vermissen."
Sie lachten alle. Hermines Wangen waren von Tränen benetzt und Ron zog sie fest in seine Arme.
Harry wandte sich wieder Ginny zu und wollte sie abermals küssen, doch er wurde fast von Neville umgeworfen, der ihn brüderlich umarmte. Neben Neville stand Viktor Krum, dessen Augen zu Harrys Erstaunen leicht feucht waren.
Als Harry die Leute um ihn herum anblickte, realisierte er, dass er umgeben war von Mitgliedern von Dumbledores Armee und dass sie alle von einem Elternteil oder einem Freund begleitet wurden. Außerdem gab es eine große Anzahl von Menschen, die alle rote Shirts und Fellmützen trugen. Harry erkannte sogar einen der Zauberer vom Movieplex. Das waren alles die Leute, die sich auf Hermines und Krums Bitte hin am Kampf beteiligt hatten. Es war ein bisschen überwältigend zu sehen, wie viele Menschen da waren.
Ginny schien zu begreifen, was ihm durch den Kopf ging.
„Lasst ihn doch mal zu Luft kommen!", rief sie.
Harry hielt es für einen guten Augenblick, sie wieder zu küssen, doch er realisierte, dass sie ihn nicht mehr anschaute.
„Was geht hier vor sich?"
Die Stimme, die er hörte, stammte von Mr. Weasley, der hinter Harry stand. Der Rest der Weasleys war gerade gleichzeitig aus dem Fahrstuhl gestiegen. Es war ein unbehaglicher Moment, der sich schnell in Überraschung verwandelte und dann in eine tränenreiche Wiedervereinigung. Mrs. Weasley kreischte auf die gleiche Weise wie Hermine. Sie alle schienen hin- und hergerissen zwischen Rührung und Freude. Sie weinten und lachten zugleich. Es folgten Umarmungen von Mr. und Mrs. Weasley, Percy, Bill, Fleur und schließlich George.
Bill und Charlie standen wachsam auf beiden Seiten ihres Bruders und als George zögerte, schoben sie ihn vor.
„Entschuldige, Kumpel", sagte George verlegen. „Ich schätze, ich hab die Beherrschung verloren. Schon wieder."
Harry musste keine weiteren Entschuldigungen hören. Er schlang seine Arme um George und umarmte ihn warm, worauf Mrs. Weasley wieder in Schluchzen ausbrach.
Sie hatten sich kaum voneinander getrennt, als Ginny direkt auf ihren Bruder zukam und ihn hart gegen die Schulter boxte.
„Blöder Trottel", sagte sie mit einem Tonfall, der dem ihrer Mutter in nichts nachstand. „Wenn du Harry nochmal schlägst, verwandle ich dich in einen Topf."
Es folgte lautes Gelächter, das vielleicht noch von der Euphorie der Menschen verstärkt wurde. Harry bekam noch mehr Glückwünsche dafür, dass er abermals einen Bösewicht geschlagen hatte. Mr. und Mrs. Weasley begannen, allen dafür zu danken, dass sie so schnell gekommen waren. Ein weiterer Beifall brach aus, als Viktor und Krum und seine Gruppe vorgestellt wurden.
„Ich liebe ihn nicht", sagte Ginny aus heiterem Himmel.
Sie stand nah bei ihm und legte ihre Hand in seine.
„Es gibt einen sehr einfachen Grund dafür, weißt du."
Und als Harry ihr einen fragenden Blick zuwarf, sagte sie: „Er ist nicht du."
Sie küssten sich nochmals und diesmal vergaß Harry, dass sie von Leuten umgeben waren und dass Ron und Hermine zuschauten.
„Könnt ihr das Knutschen nicht zu einem Minimum reduzieren?", brummte Ron. Dann sagte er „Was! Sie ist meine Schwester!", als Hermine ihn mit dem Ellenbogen in die Rippen stieß.
Doch Harry lachte nicht. Aus dem Augenwinkel hatte er einen Blick auf die bewusstlose Dolores Umbridge erhascht, die neben der goldenen Statue schwebte. Zwei Auroren, die Harry nicht persönlich kannte, führten den notwendigen Zauber aus, um sie zu fesseln und sie in der Luft zu halten.
Hermine, Ron und Ginny schienen seinem Blick zu folgen.
„Kannst du fassen, dass sie die ganze Zeit hier gewesen ist?", sagte Hermine leise. „Sie haben überall nach ihr gesucht."
„Shacklebolt schätzt, dass sie die Nerven verloren hat", fügte Ron mit gleichsam gesenkter Stimme hinzu. „Sie hat einen Teil der Hassbriefe geschickt, die du bekommen hast."
„Was wird jetzt mit ihr passieren?", fragte Ginny. Sie wandte sich zu ihrem älteren Bruder, der hinter ihr stand.
„Sie wird nach Azkaban geschickt, um einen fairen Prozess zu erhalten, ebenso wie alle Todesser und jetzt auch die Triskelionen", sagte Percy gewichtig.
Es ging Harry plötzlich auf, dass er keine Ahnung hatte, was aus dem Triskelion Karl Lovech und seinem Gefolge geworden war.
„Ihr habt sie erwischt?", fragte er Percy. „Aber sind sie alle in Gewahrsam? Habt ihr alle von ihnen gefangen? Was ist mit ihrem Anführer?"
„Entspann dich, Kumpel", warf Ron ein. Er legte Harry eine Hand auf den Arm, als wolle er sein Temperament zügeln. „Es ist alles vorbei. Sobald das Tor Bumm gemacht hat, dauerte es nur etwa zehn Sekunden, bis Krums Leute alle Triskelionen zusammengetrieben hatte. Einige von ihnen haben versucht zu fliehen. Ich schätze, eine Menge von ihnen hat mehr bekommen, als sie erwartet hatten. Jedenfalls hat Shacklebolt es unter Kontrolle."
„Das ist leicht für dich zu sagen", warf Percy ein. „Du musst morgen ja auch nicht zur Arbeit gehen, um dieses Chaos zu beseitigen.
Hermine öffnete den Mund, um etwas zu sagen, entschied sich jedoch dagegen, als sie eine große dunkelhaarige Frau zielstrebig auf sie zukommen sah.
„Also, hat noch jemand das Gefühl, dass wir jetzt nach Hause gehen sollten?", sagte Ron eilig und unbehaglich.
„Zu spät", murmelte Hermine. „Da kommt sie."
Harry sah, wie feierlich Percy dem Neuankömmling einen Weg freimachte, und vermutete, dass es sich um eine Frau von Wichtigkeit handelte.
„Arabella Cremoni, Leiterin des Aurorenbüros", sagte sie und streckte Harry ihre Hand entgegen.
Während er ihre Hand schüttelte, hörte Harry Ron murmeln: „Neuerwählte Leiterin des Aurorenbüros."
„Das ist selbstredend, Mr. Weasley", erwiderte Mrs. Cremoni. „Ich würde Mr. Potters Intelligenz nicht unterschätzen. Er wird schon nicht glauben, dass einer der vorherigen Leiter des Büros noch im Amt sind."
Harry sah, wie Ron sich vor der eindrucksvollen Frau in einer Weise aufrichtete, die er noch nie bei seinem Freund in Anwesenheit einer Autoritätsperson gesehen hatte.
„Ich meinte nur, wie frisch ihre Ernennung gewesen ist, Ma'am. Es ist noch weniger als achtundvierzig Stunden her, schätze ich."
„Das ist richtig, Mr. Weasley, und in dieser sehr kurzen Zeit musste ich Mr. Potter zweimal von den Toten zurückbringen."
Harry verkniff sich ein Lächeln und gab zurück: „Tja, ich kann Ihnen versichern, dass es nicht nochmal passieren wird."
„Sie werden schon etwas mehr tun müssen, Potter. Da unten herrscht ein Riesenchaos. Ich kann Sie und Ihre Freunde (sie warf Ron und Hermine einen geringschätzigen Blick zu) nicht hier weglassen ohne irgendeine Erklärung."
„Aber…", setzte Hermine an, „Shacklebolt hat uns einen Freifahrtschein erteilt! Keiner von uns muss heute von Ihnen befragt werden."
„Das war, als Mr. Potter für tot gehalten worden war, Miss Granger. Jetzt haben Mr. Potter und ich eine Menge zu besprechen."
„Sie werden Harry da rauslassen!", rief Ron empört.
„Offensichtlich kann ich das nicht", brachte Mrs. Cremoni zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Harry hätte gedacht, dass der zornige Blick in Rons Augen genug gewesen wäre, um jeden in die Flucht zu schlagen. Doch die Leiterin der Abteilung machte nicht den Anschein, als würde sie leicht loslassen.
„Nun, Mr. Potter?"
Harry wollte gerade antworten, als plötzlich jemand dazwischenfuhr.
„Arabella, könnte ich Sie auf ein Wort sprechen?"
Harry hatte nicht gesehen, dass Mr. Weasley zu ihnen gestoßen war, während sie mit der Abteilungsleiterin gesprochen hatten. Rons Dad nahm Mrs. Cremoni rasch am Arm und führte sie ein wenig fort von der Gruppe. Harry, Ron und Hermine waren überrascht, doch es schien Percy und Ginny nicht zu befremden.
„Dad ist echt gut in so etwas. Schau zu", raunte Ginny Harry ins Ohr.
Ron und Hermine bemühten sich nicht einmal zu verbergen, dass sie versuchten zu lauschen.
„Ich verstehe, dass Sie einen Job zu erledigen haben", hörten sie Mr. Weasley sagen. „Und Sie möchten es jetzt tun."
„Nein, Sie verstehen es nicht. Sie sind zu sehr emotional involviert."
„Ich bin wie Sie, Arabella. Ich neige dazu, emotional zu werden, wenn es darum geht, das Ministerium wieder auf Vordermann zu bringen. Einige Wunden werden länger brauchen, um zu heilen. Ihre Abteilung hat mehr verloren als andere."
„Hat Dad schon „Ich bin wie Sie" gesagt? Das ist immer ein Siegeszeichen", sagte George, der sich zu ihnen gesellte, während sie alle aufmerksam der Unterhaltung lauschten, ebenso wie eine Menge Leute um sie herum.
„Shh", machte Ginny.
„…und ich kann ihn nicht einfach wie einen Held verehren wie der Rest der Zaubererwelt!"
Mrs. Cremonis Stimme schien die gesamte Halle aufgeschreckt zu haben. Als sie sah, dass sie die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen hatte, trat sie ein paar rasche Schritte zu einem der Fahrstühle. Sie machte eine Bewegung mit ihrem Zauberstab und plötzlich schwangen die Türen auf, hinter denen jeweils ein Auror und ein Triskelion zum Vorschein kamen.
Harry erkannte sofort Draganov. Er war perlweiß und sein Körper schien steif, als stünde er unter einem Körperklammerfluch. Boris andererseits schien ganz bei Bewusstsein und lugte durch eine rote, elektrische Blase. Einige der anderen waren vermummt oder schlaff oder schwebten wie Umbridge. Und dann fiel Harrys Blick auf Karl Lovech, dessen Hände auf dem Rücken gefesselt waren und der ihn nun mit Abscheu anstarrte.
„Mörder!", kreischte eine weibliche Stimme. „Er hat den Dunklen Lord getötet!"
Eine Frau, die eine Kapuze trug, versuchte, sich freizukämpfen. Harry sah sofort mindestens zwanzig Leute ihre Zauberstäbe in Verteidigungsstellung heben, Ron, Hermine und Ginny eingeschlossen.
In diesem Augenblick bemerkte er es. Ginny hat den Elderstab, dachte er. Doch er sah gar nicht aus wie Dumbledores Zauberstab. Er war glatt ohne jegliche Knoten und von einer gräulich- grünen Farbe. War es möglich, dass die Erscheinung des Zauberstabs sich verändert hatte?
Als Ginny seinen Blick bemerkte, zwinkerte sie ihm zu.
„Erwarten Sie, dass ich diese Leute ohne eindeutige Anklagen nach Azkaban bringe?", verkündete Mrs. Cremoni.
„Sie sind Todesser!", rief Ron empört.
Der Rest der Menge schwieg.
„Nicht alle", erwiderte die Frau. Sie bewegte sich auf den Triskelion Karl Lovech zu, während sie fragte: „Was ist mit diesen Menschen? Welchen Vergehens beschuldigen Sie sie?"
„Sie sind Triskelionen, Madam", verkündete Hermine mit bedeutender Miene.
„Das mag wohl sein, Miss Granger. Jedoch werfen wir keine Leute lebenslang nach Azkaban, nur weil sie Teil einer nicht- existenten Geheimgesellschaft waren."
„Sie tun es bei Todessern", blaffte Ron zurück. Er war außer sich.
„Das ist, weil alle Todesser notorische Kriminelle sind. Jeder hat ein Recht auf einen fairen Prozess, Mr. Weasley."
„Aber die Triskelionen haben versucht, Harry umzubringen. Außerdem haben sie Ginny entführt", beharrte Hermine. Sie schien ein wenig aus der Fassung von der Wendung der Ereignisse.
„Nun, ich schätze, dann sollte ich wohl die Aussagen aller aufnehmen, Miss Granger."
Es erhob sich Gemurmel der Betroffenheit in der Halle.
„Was? Heute noch?", platzte Ginny hervor. Sie machte sich nicht die Mühe, ihre Empörung zu verbergen.
Harry erwartete halb, Funken aus ihrem Zauberstab sprühen zu sehen, doch es geschah nicht.
Genau in diesem Augenblick trat der große und beeindruckende Kingsley Shacklebolt durch die Menge und sprach die Abteilungsleiterin an.
„Arabella, ist das wirklich nötig?", sagte er ohne Umschweife.
„Minister, Sie haben mich mit der Leitung des Aurorenbüros betraut, damit wir einige elementaren Regelungen wiederherstellen können. Ich glaube nicht, dass Mr. Potter hier über den Regelungen steht."
Shacklebolts Erwiderung ging in dem Geraune der Menge unter. Dann sah Harry, wie Kingsley den Auroren Anweisungen gab, die die Gefangenen unter Kontrolle hielten. Lovech protestierte nicht, als er in den Fahrstuhl gezwungen wurde. Doch Harry sah entfernt ein gehässiges Feixen auf seinem Gesicht, das an ihn gerichtet war.
„Zeit zu gehen", flüsterte Ron in Harrys Ohr.
Hermine und Ginny hatten der Menge bereits ihre Rücken zugewandt und sie zogen Harry auf den Ausgang zu.
„Warten Sie einen Augenblick!", rief die Leiterin des Aurorenbüros. „Ich befehle Ihnen vier zu bleiben, wo Sie sind."
Hermine wirbelte so schnell herum, dass Harry das Gleichgewicht verlor.
„Sie können uns gar nichts befehlen! Sie haben nicht die Autorität dazu!"
„Doch, das hat sie. Ist das nicht richtig, Minister?", sagte Percy unerwartet.
Kingsley Shacklebolt sah Percy ernst an und erwiderte: „Ich fürchte ja, Weasley, leider."
All seine Brüder starrten Percy an, als wollten sie ihn schlagen.
„Jedoch", fuhr Percy unberührt fort, „gibt es ein interessantes Detail, das bedacht werden muss. Verstehen Sie, laut Ministeriumsaufzeichnungen starb Harry Potter an diesem Abend vor einer ganzen Stunde, als der Bogengang der Toten über ihm zusammenstürzte. Wie Sie wissen, ist eine Menge Papierkram von Nöten, um jemanden wieder ins Leben zu rufen, und ich bin nicht geneigt, zu dieser späten Stunde noch den ganzen Weg hoch zu meinem Büro zu steigen."
Die vorwurfsvollen Blicken, die auf Percy gerichtet gewesen waren, verwandelten sich plötzlich zu breitem Lächeln.
„Nicht geneigt", erwiderte Mrs. Cremoni zornig. Ihr Gesicht wies einen lebhaften Rotton an.
„Tatsächlich steht in unserem Arbeitsvertrag, dass wir nicht mehr nach 11 Uhr im Büro sein sollen, außer mit besonderer Genehmigung vom Abteilungsleiter", verkündete Percy und nickte in die Richtung seines Vaters.
„Oh, ja!", stimmte Mr. Weasley glücklich ein, Percys offiziellen Tonfall imitierend. „Tja, ich habe leider kein Genehmigungsformular bei mir, zu dumm", fügte er hinzu und gab vor, seine Taschen zu durchsuchen.
George, Charlie und Bill lachten nun unverhohlen.
„Nun, ich schätze, der lästige Papierkram kann bis morgen früh warten, meinst du nicht, Dad?", schlug Percy vor.
„Nach einem ausgiebigen Frühstück und einer Tasse Tee, Sohn."
Mr. Weasley legte Percy einen Arm um die Schultern und gemeinsam wandten sie der Leiterin des Aurorenbüros die Rücken zu.
Das schien für alle das Stichwort zu gehen. Neville und Luna liefen voran zum Ausgang. Krum gab seiner Gruppe ein Zeichen und paarweise schritten sie auf die Kamine zu. Ron und Hermine waren schon ein paar Schritte vor Harry und Ginny.
Es gab noch mehr Glückwünsche und Danksagungen, während die Menge sich in die weite Halle zerstreute. Die Vorstellung, Zeugenaussagen abzugeben, schien gegenwärtig vergessen. Doch Harry warf unwillkürlich einen Blick zurück auf die einsame Abteilungsleiterin, Mrs. Arabella Cremoni, die schäumend zurückblieb. Sie hätte ihm leidgetan, wenn sie sie nicht angebrüllt hätte.
„Na schön! Gehen Sie! Schlafen Sie gut, während ich versuche, dieses Chaos in Ordnung zu bringen!"
„Sollen wir ihr sagen, dass wir morgen zurückkommen, um den Auroren zu helfen?", sagte Bill zu Percy, als sie an Harry vorbeigingen.
Harry hörte Percys Antwort nicht. Sie ging unter in dem Gelächter und den Verabschiedungen. Und dann küsste Ginny ihn und die Aussicht, das Zaubereiministerium hinter sich zu lassen, wurde mehr als verlockend.
Er wusste, dass Kingsley, Mr. Weasley und Percy sie nicht im Stich lassen würden. Es gab keinen Grund, warum er sich nicht ein paar Stunden Ruhe gönnen sollte nach allem, das geschehen war.
Ginny zog sachte an seinem Arm und er lief stetig auf das Ende Halle zu. Es war solch eine Erleichterung zu wissen, dass er sich bald ausruhen konnte.
„Vielleicht sollte ich diese Triskelionen freilassen, bis ich etwas habe, womit ich sie beschuldigen kann", dröhnte Mrs. Cremonis Stimme wieder über die laute Menge hinweg. „Oder vielleicht auch die Todesser, nur damit es für Sie interessant bleibt."
Ihr Geschrei ließ Harry abrupt innehalten und die Menge schien es ihm gleichzutun. Ginny drehte sich mit feurigen Augen zu Mrs. Cremoni um. Hermine schien ebenfalls drauf und dran, einen Fluch auf die Frau zu schleudern. Doch Harry entschied, dass es an ihm an, sie anzusprechen.
„Interessant?", sagte er und trat einen Schritt vor. „Sie wollen, dass es interessant bleibt? Wie wäre es, wenn Sie einen kleinen Ausflug nach Azkaban unternehmen? Ich denke, Sie werden feststellen, dass die Dementoren momentan nicht auf ihren Posten sind. Das würde es sehr viel schwerer machen, das Gefängnis zu bewachen, nicht wahr?
Wenn Sie Ihren Leuten etwas Interessantes zu tun geben wollen, schlage ich vor, dass Sie da anfangen und diese Verbrecher mitnehmen. Sonst werden Sie und ich einen sehr interessanten Tag erleben, wenn all die wütenden Todesser an die Tür hämmern kommen. Ich frage mich, wie es Ihnen gefallen würde, mit einem Dunklen Mal auf Ihrer Stirn zu leben.
Ich kann Ihnen ein paar Einblicke dazu geben: Es ist nicht lustig und es ist ganz sicher nicht interessant. Sie können nicht schlafen, Sie können nicht denken, manchmal fühlen Sie nichts als Angst. Und nach einem Jahr damit oder sieben Jahren, sage ich Ihnen, werden Sie ein wenig Frieden brauchen."
Er hielt inne. Die Worte waren schnell herausgesprudelt und der erschütterte Ausdruck auf Mrs. Cremonis Gesicht machte ihn glauben, dass er zu harsch gewesen war.
Die Menge war still. Alles, das er hören konnte, waren Ginnys Atemzüge nah an seiner Seite.
„Es wird eine Weile dauern, wissen Sie", fügte er ruhig hinzu. „Aber letztendlich wird alles wieder normal werden. Wir brauchen nur…"
Er konnte seinen Satz nicht beenden. Die Aussicht, in ein normales Leben zurückzukehren nach allem, das geschehen war, nachdem so viele gestorben waren, schien wie ein ferner Traum. Jetzt da es wirklich so weit war, fühlte er sich überwältigt.
„Zeit", schloss Ginny. „Wir brauchen Zeit."
Ihre Augen schienen ihn zu durchdringen. Harry fand, dass er genug gesagt hatte. Er setzte seinen Weg fort, Ginnys Hand fest in seiner, ohne die Absicht stehen zu bleiben, bevor er zu Hause war.
„Geben Sie uns ein paar Tage frei und dann werden wir kommen und Ihnen helfen", rief George in Richtung der Leiterin des Aurorenbüros.
Ron wandte sich mit breitem Lächeln zu Harry.
„Ist das eine Art Job?", fragte er. „Ich habe es nicht aufgegeben, Auror zu werden, weißt du. Wie steht es mit dir, Harry?"
„Klingt gut. Aber, weißt du, niemand steht über den Regeln. Ich denke, wir sollten unsere Bewerbungen einreichen, wie es üblich ist. Meinst du, wir werden Leute finden, die uns Empfehlungsschreiben geben?"
„Ich weiß nicht. Wie viele brauchen wir denn?"
Harry schaute sich um in der Menge von fünfzig oder mehr Menschen, die zu seiner Hilfe geeilt waren. Ginny folgte seinem Blick und sagte mit breitem Lächeln:
„Wie viele willst du denn?"
AN: Froh Weihnachten allerseits! Wenn ihr mir auch eine Freude machen möchtet, bitte hinterlasst mir einen Kommentar! Danke!
