Fünfunddreißig

Tag: 1501; Stunde: 17

Sie spürt, wie sich der Mund des Mädchens öffnet, sobald sie ihre Hand darauf legt, und ihre Stimme klingt statt beruhigend eher wie ein Zischen. „Pst! Ich werde dir nicht wehtun. Beweg dich nicht und sei still."

Sie ist auf die falschen Seite der Innenstadt appariert worden, aber trotzdem ist sie nur etwa zwanzig Läden von dem Geschrei entfernt gewesen, das sie hören kann. Als sie zur Verstärkung gerufen worden sind, haben sie keinen Portschlüssel für den Ort gehabt, und es hat vierzehn Minuten gedauert, bis sie im Ministerium jemanden gefunden haben, der sie dorthin bringen hat können, was viel zu lange ist. Hermine ist die erste Person gewesen, die appariert worden ist, und nachdem der Mann ihr mitgeteilt hat, dass er die anderen auf die andere Seite apparieren würde, hat er sie allein gelassen.

Nachdem sie an einer Ladenfront vorbeigelaufen ist, hat Hermine das junge Mädchen in einer kleinen Gasse zwischen zwei Läden entdeckt, während sie unwissend auf ein Bekleidungsgeschäft zugegangen ist. Hermine hat sich gefragt, ob das Mädchen taub ist, als sie sie ergriffen hat, nur drei Schritte davon entfernt, auf die Hauptstraße zu gelangen und mitten in der Schlacht zu stehen. Vielleicht ist es die Gleichgültigkeit, die man mit vierzehn Jahren besitzt, durch die man sich unsterblich fühlt. Das Gefühl, dass die Welt einem nichts anhaben kann.

Das Mädchen hebt ihre zitternde Hand und deutet auf etwas vor ihnen. Hermine schwingt ihren Zauberstab in diese Richtung und zieht sie zwei Schritte zurück, während sie nach dem sucht, was das Mädchen sieht, bevor ihr Zauberstab aus ihrem Griff gerissen wird. Hermine erstarrt, ihre Sicht verschwimmt vor Überraschung, als ihr ein Ellbogen in den Magen gerammt wird. Sie hustet, als sie ihren Atem ausstößt, und lockert ihren Griff nur für eine Sekunde, aber lange genug, damit das Mädchen sich von ihr losreißen kann.

Ihre Überraschung wird schnell von ihrer Wut abgelöst, als sie sich auf das Mädchen stürzt, wobei das junge Mädchen den Zauberstab umklammert und grinst. „Ich habe d – Scheiße."

Das Grinsen des Mädchens wird von dem Todesser getoppt, der am Rande der Gasse aus dem Schatten tritt, und in Hermines Brust brechen Erkenntnis und Angst hervor. Wie hat sie das nicht sehen können? Wie hat sie sich von dem Mädchen so ablenken lassen können, als wäre sie ein Neuling, als wüsste sie es nicht besser. Hermine stürzt sich auf das Mädchen, schafft es aber nur, ihren Ärmel zu packen, wobei der Stoff unter ihrem Griff reißt, als das Mädchen nach hinten ausweicht. Hermine flucht bösartig, aufgeschmissen ohne ihren Zauberstab.

„Fass mich nicht an, Schlammblut! Ich muss bereits meine Kleider verbrennen und mir das Gesicht abschrubben!"

„Ich schlage vor, du tust, was sie sagt." Der Todesser winkt ihr mit seinem Zauberstab zu, als hätte sie ihn nicht schon gesehen. Seine Stimme quietscht in der Mitte des Satzes, und sie nimmt die Glätte seines Gesichts und die geringe Körpergröße wahr, die er gegenüber dem Mädchen hat, das jetzt neben ihm steht. Er kann nicht älter als siebzehn sein, wenn überhaupt.

Fantastisch. Alle sind auf der anderen Seite der Innenstadt, sie hat keinen Zauberstab, und sie sitzt in einer Gasse mit zwei jungen Teenagern fest, die die Oberhand haben. Ihre einzige Hoffnung besteht darin, sie abzulenken, zu hoffen, dass sie nichts allzu Schädliches zaubern können, und sie dann auf Muggelart anzugreifen, bis sie ihren Zauberstab wieder hat. Oder weglaufen, wenn es nicht anders geht.

Die Angst pocht in ihren Eingeweiden und ihr Herzschlag ist statisch, das Adrenalin pulsiert in ihren Gliedern. Sie erwartet, dass ihr vor Panik schwindelig wird, aber das ist nicht der Fall. Stattdessen sind ihre Sinne geschärft, alles ist klar und lebendig. Sie nimmt jede ihrer Bewegungen wahr, und für einen Moment wirkt das Mädchen unruhig, bis sie sich daran erinnert, dass sie es sind, die Zauberstäbe haben.

„Ich kann nicht glauben, dass das funktioniert hat.", lacht das Mädchen und reicht dem Jungen den Zauberstab, und Hermine möchte ihr ins Gesicht schlagen.

Sie kann auch nicht glauben, dass es funktioniert hat. Wie konnte sie nur so dumm sein? Sie hat Hunderten von Todessern mit jahrzehntelanger magischer Ausbildung und Intrigen gegenübergestanden, und nur einer hat sie besiegt. Er hat sie von hinten betäubt, verletzt und hektisch, und es ist am Anfang des Krieges gewesen. Und jetzt ist sie hier, mit jahrelanger Erfahrung, in die Enge getrieben von Kindern. Zugegeben, sie ist nur ein paar Jahre älter als der Todesser vor ihr, aber der Krieg hat sie zu Tieren gemacht – sie leben inzwischen seit Jahren in diesem Krieg.

„Du wusstest, dass sie von hinten kommen würden!" Das Mädchen richtet sich stolz auf und knurrt Hermine an. „Schlammblüter sind dumm. Oder bist du eine Blutsverräterin? Ich kann mich nicht entscheiden, was schlimmer ist."

Hermine überlegt, was sie sagen soll und nimmt die Information auf, dass sie nicht wissen, wer sie ist, als der Junge das Wort ergreift. „Kannst du nicht sprechen, Schlammblut? Ich kann dich zum Schreien bringen. Warum eigentlich nicht... Crucio!"

Ihr bleibt nur eine Sekunde, um zu hoffen, dass es nicht klappt, und sie versucht, dem Zauber auszuweichen, bevor er sie trifft. Ihr Rücken krümmt sich unter dem Schmerz, der sie durchfährt, wild wie Feuer und brutaler als das schlimmste, an die sie sich erinnert. Sie wirft ihren Körper zurück, als ob das den Schmerz vertreiben könnte, und ein Schrei entweicht ihren zusammengepressten Lippen. Es ist ein dunkler Schmerz, eine schwarze Wolke, die durch ihren ganzen Körper schießt und sich anfühlt, als würde sie an allem, was sie berührt, zerren, reißen und schneiden. Es kommt ihr wie eine Ewigkeit vor, in der sie in einer Welt der Schwärze und der Qualen gefangen ist, bis der Schmerz schließlich abebbt und in Wellen durch ihren Körper pulsiert.

Sie nimmt ihren Atem und ihren Herzschlag in den Ohren wahr, das Stöhnen des Schmerzes, die Krämpfe der Nachbeben in ihrem Körper. Dann hört sie das Lachen. „Wenn noch jemand kommt, können wir uns nicht mehr anschleichen."

„Das spielt keine Rolle.", sagt eine neue Stimme, die erfreut klingt.

„Doch, das tut es. Wir sind nur zu dritt, wenn es viele von ihnen sind..."

„Wir können immer noch –"

„Er hat gesagt, dass wir leise sein sollen, damit wir den Vorteil von hinten haben."

„Bring sie zum Schweigen."

„Wo zum Teufel bleibt da der Spaß?"

„Also... was wirst du mit ihr machen?"

„Lass mich die Möglichkeiten aufzählen."

„Beinhaltet es –"

„Heb sie dir für später auf."

Hermine ballt langsam ihre Finger zu Fäusten, krümmt ihre Zehen und versucht, sich durch den schwindenden Schmerz wieder zu bewegen. Sie überlegt, dass sie sich vielleicht tot stellen sollte, bis sie zu ihr kommen, und sie dann versuchen könnte, einen zu überwältigen. Sie zweifelt jedoch nicht daran, dass sie sie jetzt, da sie sich bewegt und atmet, anstarren und dass sie sie durchschauen würden. Also rollt sie sich stattdessen auf die Seite, ihr Körper zittert, als sie sich auf die Beine zwingt.

Sie schwankt unsicher, bevor sie ihren Kiefer und ihre schmerzenden Muskeln anspannt. Die drei Leute vor ihr, jetzt zwei Todesser, lachen und machen herablassenden Geräusche. „Eine kleine Kämpferin, was?"

„Gebt mir meinen Zauberstab und ich zeige euch, wie man kämpft.", spuckt Hermine, sammelt ihre Wut und klammert sich daran fest.

„Denkst du, wir sind so dumm wie ein Schlammblut?" Das Grinsen des Mädchens verwandelt sich zu etwas Spöttischem.

„Ich glaube, du weißt, dass du schwächer bist als ein Schlammblut. Warum sonst hättest du Angst, mir meinen Zauberstab zurückzugeben, wenn es immer noch drei gegen eine ist?" Sie würde sie in Stücke reißen. Sie muss nur einen Weg finden, sich einen Vorteil zu verschaffen.

„Bist du verfic –"

Respektlos –", beginnt die Frau zu zischen, wird aber von dem wütenden Knurren neben ihr unterbrochen.

Crucio!"

Der Schmerz ist wieder da und das ist alles, was sie kennt. Die Welt ist still, bis auf ein schrilles Klingeln in ihren Ohren, ihre Sinne schalten ab, um mit dem Schmerz fertig zu werden. Ihr einziger Gedanke ist, wie zerstört sie sich fühlt, als könnte sie nie wieder an etwas anderes denken. Er beginnt gerade weniger zu werden, als er mit voller Wucht zurückkommt, ihr Körper krümmt sich heftig, bevor die Tiefe der Schwärze sie verschlingt. Sie könnte sterben, und wenn sie das tut, ist es ihr vielleicht egal. Wenn es nur bedeuten würde, den Schmerz zu beenden, würde sie den Tod in Kauf nehmen. Sie weiß nicht wie lange die Qualen andauern, sie rauben ihr alles, vernebeln ihr den Verstand, bis der Tod die beste Wahl zu sein scheint.

Dann, ein paar Sekunden nachdem das Pochen nachlässt, ist sie wieder da und kämpft sich durch. Sie öffnet die Augen, blinzelt den Nebel der Qualen und ihre Tränen weg, ihr Atem stockt wegen der verletzten Geräusche in ihrer Kehle. Ihr Zucken wird weniger, sodass sie nur noch zittert, ihre Sinne kehren zurück, als ein maskiertes Gesicht in ihrem Blickfeld erscheint. Es ist der erste Todesser, seine Lippe ist verächtlich nach oben gezogen, als er ihr Oberteil packt und sie hochreißt. Sie hebt eine Hand, um ihn zu schlagen, aber das Gewicht ist schwer und nicht ganz unter ihrer Kontrolle, ihr Handgelenk trifft gerade noch seine Schläfe. Das Adrenalin verdrängt den hungrigen Schmerz in ihr, als er einen Schnittfluch über ihrem Kopf ausstößt und ihre Faust fester mit seinem Gesicht kollidiert.

Hermine.", schreit jemand so laut, dass es sich anhört, als würde es ihm die Kehle aufreißen, und sie ist sich sicher, dass es Harry ist, kurz bevor die Welt verschwindet.

Es ist dunkel, wo auch immer er sie hingebracht hat, und Hermine weiß, was als Nächstes kommt. Eine Gefängniszelle, Folter, schließlich der Tod. Moodys Stimme schallt durch ihren Kopf und erinnert sie daran, dass sie niemals zulassen dürfen, dass man sie von dort wegbringt, wo sie sie gefunden haben. Wenn sie es doch tun, so hat er gesagt, muss man alles in seiner Macht Stehende tun, um zu fliehen, bevor sie einen einsperren. Wenn sie das tun, gibt es fast keine Chance mehr.

Keine Chance, keine Chance, keine Chance. Er hat ihren Zauberstab, und wenn sie den nicht erreichen kann, kann sie vielleicht seinen bekommen. Selbst wenn er so inkompatibel war, dass sie ihn für nichts verwenden kann, würde sie den Zauberstab zerbrechen und dann würde sie ihn brechen. Sie würde kämpfen, bis ihre Hände blutig und tot und nutzlos sind und sie nicht mehr kämpfen kann.

Er reißt sie zu sich, als sie zurückschreckt, und sie schlägt mit der Faust nach vorne und spürt, wie seine Zähne an ihrer Hand kratzen. Der Schmerz prallt auf ihre Knöchel und schießt bis zu ihrem Ellbogen, und er stößt einen erstickten, schweren Schrei aus, sein Atem ist heiß auf ihrer Haut. Der Absatz seiner Handfläche knallt auf ihren Wangenknochen und wirft ihren Kopf zurück, während sie ihren Fuß gegen seinen stößt. Sofort hebt sie ihr Bein, um ihn irgendwo zu treffen, und ihre Hand schließt sich um seine Kehle, nur einen Moment nachdem er ihre ergriffen hat.

Er grunzt den Beginn eines Zaubers, aber sie stößt seinen Arm weg und reißt mit ihren Nägel die Haut an seinem Hals auf. Einen Moment später ist er wieder da, und diesmal greift sie nach dem Zauberstab, während sich seine Magie in ihrem Magen zu Übelkeit verdichtet. Sie kann durch den Druck seiner Finger nicht atmen, was den Schwindel des Adrenalins noch verstärkt, und sie kann nur hoffen, dass ihr Schraubstockgriff an seinem Hals ausreicht, um ihn davon abzuhalten, irgendwelche Zaubersprüche zu sprechen. Die Flüche, die sie vorher abbekommen hat, haben sie zu träge gemacht, und ihre Muskeln fühlen sich schwer und steif an. Ihr ganzer Körper zittert, als sie versucht, die Spitze seines Zauberstabs zu ihm zu drücken, und er stößt sie gegen die Wand, obwohl sie sich bemüht, ihre Füße fest auf dem Boden zu halten.

Überleben, Überleben, und sie kann spüren, wie sein Zauberstab ein wenig aus seinem Griff rutscht, bevor er seine Hand wegreißt. Seine Faust prallt gegen ihre Schläfe, reißt ihren Kopf zur Seite und ihr Kiefer knackt an der Wand. Der Sauerstoffmangel treibt sie in die Bewusstlosigkeit, aber die Panik, dass dies ihr letzter Versuch ist, gibt ihr die Kraft, ihr Knie in schneller Folge hochzuziehen, und sie packt sein Handgelenk, bevor er zuschlagen kann. Er zieht sich von ihr zurück, seine Kehle bewegt sich und knackt unter ihrer Handfläche, als er ihren Hals loslässt. Sie schnappt atemlos nach Luft, und sie keucht zwischen den Hustenanfällen weiter, als er ihre Hand von ihm wegzieht. Sie krümmt ihre Finger, wobei ihre Nägel seine Haut aufreißen, und tritt mit einem Bein nach ihm.

Stupify!"

Sie duckt sich automatisch, als das rote Licht in der Nähe ihrer Schulter in die Wand einbricht, und es dauert einen Moment, bis sie realisiert, dass es nicht von dem Todesser vor ihr stammt. Sie wirft ihre Faust nach vorne und schlägt dem Jungen direkt in den Bauch. Sie spürt ein hartes Ziehen an ihren Haaren, gefolgt von einem reißenden Gefühl, bevor sie mit der Seite ihres Körpers auf dem Boden aufschlägt.

Hermine holt mit dem Bein aus, ihr Fuß trifft seine Kniescheibe, und der tödliche Fluch schlägt in einer grünen Wolke an der Decke ein. Er hat den Fluch in die Richtung geschickt, aus der der Betäubungszauber gekommen ist, was nur bedeuten kann, dass sie nicht mehr allein ist. Putz regnet in Stücken und Staub herab, als er einknickt und auf sie fällt, und ein weiterer grüner Strahl trifft die Wand, wo seine Brust gewesen ist. Hermine hat keine Zeit, darüber nachzudenken, wie sie ihm gerade das Leben gerettet hat, bevor ein weiterer Tötungsfluch nur eine Fingerlänge von ihrer Nase entfernt die Wand trifft, und sie schreit auf. Sie schlägt dem Jungen in die Seite des Kopfes, als sich seine Hand wieder um ihre Kehle schließt, und greift nach seinem ausgestreckten Arm, als er einen weiteren Todesfluch auf denjenigen schickt, von dem sie gehofft hat, er sei ein Mitglied der Seite des Lichts.

Eine Sekunde später ist er schlaff, sein Kopf schlägt gegen ihren Kiefer, während er fällt, und Licht durchflutet die Schatten, in denen sie sich befinden. Sie kann einen Moment lang nichts sehen, blinzelt dann aber durch das neblige Bild von Lupin und Draco auf einer Treppe. Draco verschluckt sich an dem Ked im zweiten Wort des Fluchs, eine seltsame Stille erfüllt ihren Kopf. Hermine stößt den Todesser von sich, blickt auf die beiden, die schockiert zurückstarren, und krabbelt von der Kombination aus weichem und starrem Tod weg. Ihr Körper zittert, zuckt willkürlich, und ihr ganzer Körper schmerzt. Aber sie kann jetzt nicht daran denken oder sich dem hingeben, also klammert sie sich stattdessen an ihr Adrenalin. Es hat eine betäubende Wirkung, von der sie weiß, dass sie schon bald wieder verschwinden wird, und sie hat Dinge zu erledigen.

„Gra – Warum zum Teufel hast du deinen Namen nicht gesagt?", bellt Draco und wählt die für ihn wichtigste Frage von allen, die er hätte stellen können. „Ich hätte... Ich hätte dich töten können, du Idi –"

„Wurdest du gefangen genommen?", unterbricht Lupin den wütenden Blonden, die Augen suchen das Haus um sie herum ab.

„Ja.", krächzt Hermine. „Ist dieser Ort leer?"

„Vorerst. Wir haben Informationen erhalten, dass die Todesser auf dem Platz hierher zurückkommen würden. Hast –"

„Granger, hast du –"

„Dort war ich zuvor. Sie haben die Schutzzauber ausgeschalten, damit die Verstärkung durchkommen kann. Wenn sie raus apparieren, werden sie wohl hierher kommen, bis sie es merken." Hermine rasselt die Worte heraus, ihre Kehle ist rau und trocken.

„Hast du eine Ahnung, wie bescheuert das war?", bringt Draco hervor, bevor er wieder unterbrochen werden kann, seine Stimme ist wütend und seine Augen blitzen.

„Ich war ein bisschen beschäftigt, Draco!"

„Nun, du hättest nachdenken sollen! Das hast du offensichtlich nicht getan. Du hast offensichtlich überhaupt nicht nachgedacht! Wolltest du, dass ich dich töte? Wolltest du –"

„Das reicht. Wir müssen Posten aufstellen, falls noch mehr zurückkommen. Wie – Geht es dir gut?"

Es dauert ein paar Sekunden, bis sie zu Lupin aufsieht. „Mir geht's gut. Ich muss zurück."

„Sie ist gecrutiot worden." Draco klingt immer noch wütend, und sie hat keinen Zweifel, dass er sie immer noch anschreien würde, wenn die Situation nicht so drängend wäre.

Denn er hätte sie umbringen können. Das hätte er wirklich tun können. Er oder Lupin sind nur Zentimeter davon entfernt gewesen. „Hermine, du solltest App –"

„Mir geht's gut, habe ich gesagt!" Sie ist auch wütend, weil sie heute schon zu viele dumme Entscheidungen getroffen hat, sie ist wütend auf sich selbst. Sie ist wütend auf das Mädchen, das sie ausgetrickst hat, und wenn sie so ein Mensch wäre, wäre sie vielleicht noch wütend auf den toten Jungen, den sie gerade umdreht.

Sie merkt erst, wie sehr sie zittert, als sie seine Roben aufreißt und nach der Innentasche tastet, in die er ihren Zauberstab gesteckt hat. Sie schaut nicht in sein Gesicht oder in seine Augen, weil ihre Gedanken sie dann überwältigen würden.

„Ich bin mir nicht sicher, ob du in der Lage bist..."

Sie reißt den Kopf hoch und schaut an Draco vorbei zu Dean. Hinter ihm auf der Treppe stehen drei weitere Leute, die sie alle anstarren, als sei sie eine Art Spektakel. Sie zieht ihren Zauberstab aus der Tasche, spürt, wie er in ihrer Hand vibriert, und atmet aus. Sie steht auf, schwankend, und Lupin und Dean strecken ihre Arme aus, obwohl sie zu weit weg ist, um sie zu auffangen.

Sie schließt die Augen, konzentriert sich und bereitet sich vor. Sie zwingt sich, ihre Hände ruhig zu halten und appariert, gerade als Draco ihren Nachnamens knurrt.

Tag: 1501; Stunde: 19

„Wie ist es gelaufen mit der... Therapiesache? Mit Ron?", flüstert Hermine und isst ein weiteres Stück Schokolade.

Harry beobachtet sie vom Sessel aus, die Hände gefaltet, die Knöchel zu weiß und der Blick zu intensiv, um entspannt zu sein. Sie hat eine Viertelstunde lang mitgekämpft, bevor der Kampf zu Ende gewesen ist, und fast die Hälfte ihrer Zaubersprüche sind durch das Zittern unbrauchbar geworden. Sie hat Harry während der Kopfzählung gefunden, und er ist zu ihr gerannt und hat sie so fest umarmt, dass sie keine Luft mehr bekommen hat, als ihre Zehen über den Boden gehoben wurden. Sie ist an ihm zusammengebrochen, und er hat fünf Minuten gebraucht, um sie in ein Sicherheitshaus zu bringen, sie auf eine Couch zu legen, sie mit Schokolade zu füttern und sie so anzustarren, dass sie sich unwohl fühlt. Du hast mich zu Tode erschreckt, hat er ihr gegen die Wange geflüstert. Du hast mich so sehr erschreckt.

Harry sieht sie oft so an – als würde er überlegen, wie er sie am besten einsperren kann, bis die Welt ein besserer Ort geworden ist. Manchmal macht es sie wütend, aber manchmal fühlt es sich auch gut an. Sie muss so stark sein, dass sie sich manchmal in Harrys Augen oder in Dracos Armen beschützt fühlen möchte. Nur um zu wissen, dass jemand anderes sie für eine kurze Zeit beschützt. Die Wahrheit ist, dass sie auch sehr viel Angst gehabt hat. Wer weiß, was mit ihr passiert wäre, wenn es kein Team gegeben hätte, das das Haus infiltriert hätte. Oder sogar, was in diesem Moment mit ihr geschehen würde. Die Möglichkeit ist so erschreckend, dass sie nicht schlafen kann, egal wie erschöpft sie ist.

„Ich habe noch nicht –"

„Was für eine Therapiesache?" Sie blicken beide zu Rons Stimme in der Tür auf. „Therapie?"

„Ja." Harry räuspert sich, setzt sich aufrechter hin und kratzt sich mit einer Hand an der Schläfe. „Ich wollte dich fragen, ob du mit mir zur Therapie gehen willst –"

„Ich gehe nicht zur Therapie.", sagt Ron mit einem kalten Lachen, als ob Harry verrückt wäre und es ihn anwidert.

„Es ist ein Übergangspsychiater. Er ist magisch verpflichtet, niemandem etwas zu sagen, was du sagst –"

„Es sei denn, du willst dich selbst verletzen oder eine unschuldige Person, natürlich.", unterbricht Hermine und versucht, Harry ein wenig zu verteidigen, auch wenn es seine Idee gewesen ist.

„Du kannst einfach über alles reden, was du willst."

„Auf keinen Fall.", knurrt Ron, dessen Gesicht im Vergleich zu dem Rot, das er normalerweise bei seiner Wut zeigt, blass ist.

Hermine hat nicht erwartet, dass er deswegen wütend sein würde. Vor allem nicht, wenn er herausfinden würde, dass Harry zur Therapie geht. Sie hat eher gedacht, dass Ron mit den Schultern zucken und es ausprobieren würde, oder ihm einfach sagen würde, dass es nicht sein Ding ist. Vielleicht ist er noch nicht bereit, sich dem zu stellen, was passiert ist. Sie kann das verstehen.

„Kumpel, komm einfach zu einem Treffen mit mir. Du brauchst nicht einmal zu reden. Schau einfach, ob es dir gefällt."

„Worüber zum Teufel redest du, Harry? Über deine Gefühle?"

Eine Röte brennt auf Harrys Hals und Wangen, und er blickt fast beschämt zu Boden, während er um eine Antwort ringt. Hermine wirft Ron einen bösen Blick zu und vergisst dabei, sanft zu sein. „Jeder hat andere Wege, um zu heilen, Ronald. Jeder hat Gefühle über das, was geschehen ist, und muss mit diesen Gefühlen umgehen. Wenn du –"

„Ich muss mich nicht mit ihnen auseinandersetzen! Ich habe nichts zu sagen! Schon gar nicht zu irgendwelchen –"

„Dann geh nicht! Es war nur ein Angebot, Ron. Du weißt, du kannst immer mit uns reden –"

„Ich will auch nicht mit euch reden.", schnauzt Ron und unterbricht sie. Im Raum herrscht Schweigen, und da ist eine Menge Schmerz zwischen ihnen, der vielleicht berechtigt ist, vielleicht aber auch nicht.

Hermine atmet tief durch und spürt die winzigen Risse, die sich zwischen ihnen dreien auftun. Sie hat das Gefühl, als müsste sie jetzt ständig kämpfen. Für den Krieg, für sich selbst, für ihre Freundschaften, für die Menschen, die ihr wichtig sind. Sie hat vor vielen Dingen Angst, aber im Moment hat sie am meisten Angst, sie wiederbekommen zu haben, nur um sie wieder zu verlieren. Plötzlich versteht sie genau, was Harry gemeint hat, als er sie gebeten hat, mit ihm zur Therapie zu gehen. Sie sind zwar alle zusammen in einem Raum, aber der Krieg droht sie immer noch voneinander zu entfernen. Sie ziehen sich alle in sich selbst zurück, und es gibt so viele leere Räume und kaputte Dinge. Harry versucht, sich selbst zu retten, aber er versucht auch, sie zu retten.

„Ja, nun –", Harry hält inne, steckt die Hände in die Taschen und starrt aus dem Fenster, „– wenn du deine Meinung änderst, lass es mich wissen."

Tag: 1502; Stunde: 3

Sie ist sich nicht sicher, wie lange sie auf der Couch geschlafen hat, aber sie wacht mit einer zusätzlichen Decke auf und draußen vor dem Fenster ist es noch dunkel. Sie hebt den Kopf, schaut zum Sessel hinauf und zuckt zusammen, als sie Draco statt Harry dort sitzen sieht. Kein Wunder, dass sie aufgewacht ist – sein wütender Blick muss ihren Überlebensinstinkt geweckt haben.

„Eine Sekunde, Granger. Vielleicht auch zwei. So nah war ich dran, dich zu töten. Du wärst tot gewesen. Ich hätte auf deine Leiche gestarrt, als Lupin um die Ecke geleuchtet hat, und ich hätte dich umgebracht. Hast du eine Ahnung, wie sehr mir das zu schaffen macht?"

„Es ist ja nicht so, dass ich es mit Absicht getan habe. Ich war ein wenig abgelenkt durch –"

„Das ist mir egal. Wie schwer ist es, deinen Namen zu sagen? Das ist gesunder Menschenverstand! Wir konnten nichts seh –" Er unterbricht sich selbst, als sie in Tränen ausbricht und sich die Hände über die Augen schlägt, denn wenn er es nicht sehen kann, würde er es vielleicht nicht wissen. Vielleicht würde es ihr die Fähigkeit verleihen, zu verschwinden. Manchmal wünscht sie sich das so sehr. Sich in Luft aufzulösen.

Heute Abend ist sie gefangen genommen worden. Sie ist in die Enge getrieben, gefoltert, gefangen genommen worden, sie hat gespürt, wie die Risse in ihren Freundschaften immer größer werden, und jetzt das. Sie kann nicht anders als weinen. Früher hat sie nie so verdammt viel geweint, und jetzt kann sie sich kaum noch beherrschen. Schnell wischt sie sich die Tränen weg, holt tief Luft und versucht, sich auf Zaubertrank Zutaten zu konzentrieren, um sich zu beruhigen. Sie hasst es, zusammenzubrechen, und sie hat es schon zu oft in seiner Gegenwart getan.

Sie hätte ihren Namen sagen können. Sie hätte es tun sollen, aber es ist das Letzte gewesen, woran sie gedacht hat. Sie kann sich nur vorstellen, wie sie sich gefühlt hätte, wenn die Rollen umgekehrt gewesen wären. Wenn sie diejenige gewesen wäre, die ihn fast umgebracht hätte, oder auch nur die Vorstellung, eine Sekunde davon entfernt zu sein. Sie stellt sich vor, wie sie auf der Treppe steht, und dann das Licht, und wie sie ihn tot sieht, mit ihrem Zauberstab auf ihn gerichtet. Davon würde es kein Zurück mehr geben. Was das mit ihr machen würde, kann sie nicht sagen, aber sie weiß, dass er ein Recht darauf hat, wütend zu sein. „Ich sollte –"

„Raus hier." Seine Stimme ist wie Stahl, kalt und hart.

Überrascht lässt sie ihre Hände von ihren weit aufgerissenen Augen sinken, aber er sieht sie nicht an. Ein Auror steht im Türrahmen zum Wohnzimmer, Dracos strenger Blick ist auf ihn gerichtet. Er steht drei Sekunden lang ganz still, öffnet den Mund, schließt ihn dann aber wieder und wendet sich zum Gehen. Draco sieht ihm nach, bis er im Flur verschwunden ist, wirft einen Blick auf den Boden und sieht dann zu ihr.

„Es war eine lange Nacht."

„Ja.", krächzt sie und räuspert sich dann. Sie legt sich wieder auf die Couch, aber sie sehen sich immer noch an. Er sollte wissen, wie unwahrscheinlich es ist, dass sie einschläft, während er sie anschaut. „Wo schläfst du?"

Vielleicht lächelt er kurz, vielleicht hat sie sich das auch nur eingebildet. Sein Blick streift den Türrahmen, und sie schließt ihre Augen, um zu schlafen. „Die Zimmer sind alle voll. Stört es dich, im selben Zimmer wie ich zu schlafen?"

Später wird sie an Dinge denken, die sie sowieso nie gesagt hätte. Nur, wenn du so weit weg bist. Nur, wenn du nicht nackt bist. Oder auch ein sarkastisches Ja, das macht mir total Angst. Stattdessen kommt ein „Nein, es ist schön." heraus.

Tag: 1502; Stunde: 4

Sie wird von einem Dutzend Masken und schwarzen Kapuzen eingekreist, die Münder verzogen und höhnisch. Sie dreht sich, ihre Gesichter und Stimmen kreisen wie ein Karussell. Wie das Karussell, zu dem ihre Eltern sie immer im Park mitgenommen haben, als sie nur diese andere Welt gekannt hat. Wenn sie sich in ihrem neuen Sommerkleid an der Spirale auf dem Rücken des Pferdes festgehalten, den Kopf zurückgeworfen hat und ihre Locken im Wind getanzt haben. Danach ist sie händchenhaltend zwischen ihren Eltern gelaufen, eine Hand in jeweils eine von ihren gelegt, während sie ihre Füße in Richtung Himmel stößt. Sie hat gelacht, bis es weh tut und ihr vor Freude schwindelig geworden ist.

Ihr Zauberstab ist in vier Teile zerbrochen, die sich durch den Druck ihrer Finger hart in ihre Handfläche bohren. Dies ist das Ende. Ihr Leben, der Krieg, hat sie bis zu diesem Augenblick geführt, und es ist der letzte von allen. Etwas schneidet durch ihren Bauch, ihren Rücken, ihren Arm. Dann ist da ein alles verzehrender Schmerz, der sie in winzige Fragmente zersplittert, und sie schreit so laut, dass sie Blut auf der Zunge schmeckt. Ihr Rücken schlägt auf dem Boden auf, das Lachen hallt um sie herum, und das Blut ergießt sich wie ein Wasserfall über ihren Kopf, um sie in die folgende Dunkelheit zu spülen.

Hermine keucht und würgt, als sie gegen etwas Hartes, Warmes gehoben wird, das sie schüttelt. Sie öffnet ihre Augen in der Dunkelheit und hört das Geräusch von Schreien, die sie metallisch verschluckt. Das muss der Tod sein. Sie versucht, ihn wegzuschieben, aber er hält sie noch fester, ihr Kopf dreht sich zurück und sieht... helle Haare in der Dunkelheit, ein Ohr, eine Schulter, die Kurve eines Kiefers, den sie kennt. Ihr Verstand wirbelt durcheinander, und sie blinzelt in die Dunkelheit hinaus, bis sie nur noch den Sessel sieht, der in ihrem Blickfeld liegt.

„D-D-Dra..." Sie verstummt, als ihre Stimme rau ertönt.

Das Licht im Wohnzimmer geht an und wirft weiße und blaue Spiralen in ihr Blickfeld, die sich hinter ihren Augäpfeln festsetzen. Sie kneift die Augen zu und denkt, dass sie vorhin geträumt haben muss. Das erklärt jedoch nicht, warum sie heftig zittert und ein tiefer Schmerz in ihr aufsteigt. Sie muss sich auf die Zunge gebissen haben, denn sie schmeckt immer noch Blut. Jemand spricht hinter ihr, aber sie kann nichts hören, die Geräusche sind gedämpft und langsam in ihren Ohren. Draco zieht sich zurück, und sie versucht, ihre Hände zu heben, um ihn aufzuhalten, aber ihre Arme sind zwischen ihren Körpern eingeklemmt. Stattdessen ballt sie ihre Finger zu Fäusten, und umklammern sein Hemd. Er zieht sie wieder an sich zurück, noch fester als zuvor.

„Potter, gibt es irgendeinen –" Dracos Stimme, direkt neben ihrem Ohr, aber immer noch gedämpft. Sie kann Harry überhaupt nicht hören und fragt sich, ob sie wieder träumt.

Irgendetwas stimmt nicht und sie kann nicht anders, als sich zu fürchten. Sie hat das Gefühl, sich zu verkrampfen, aber sie hat schon früher Albträume gehabt, und keiner von ihnen hat ihr das angetan. Dann erinnert sie sich an den Cruciatus-Fluch, zweimal in dieser Nacht. Sie hat diese Art von Reaktion noch nie erlebt, aber sie weiß, dass es passieren kann. Etwas mit den Nerven, dem Muskelgedächtnis und dem Gehirn. Bestimmte Dinge können es auslösen. Die Anfälle konnten von einer Sekunde bis zu Stunden dauern, und wenn es schlimm ist, bekommt die Person in der Regel einen Schlaftrunk, einen Beruhigungstrank oder wurde gefesselt, damit sie sich nicht verletzen kann.

„Hey. Hey, beruhige dich. Atme, Granger. Du musst dich entspannen. Tief und gleichmäßig atmen."

Erst als er die Worte sagt und seine Stimme die Ruhe nachahmt, die er von ihr erwartet, merkt sie, dass das Brennen in ihrem Hals nicht nur vom Weinen, sondern auch vom Hyperventilieren kommt. Sie versucht, sich zu konzentrieren und schließt die Augen. Ihr Körper zuckt zwischen ihm und seinen Armen hin und her, und an der Kraft, die dahinter steckt, weiß sie, dass sie viel heftiger zucken würde, wenn er nicht da wäre. Eine seiner Handflächen drückt gegen ihren Kopf, seine Wange liegt hart an ihrer. Ein Arm drückt sich über ihr Schulterblatt und hält ihren Oberkörper an ihn gepresst, der andere um ihre Taille. Ihre Arme sind zwischen ihren Brüsten verschränkt, ihre Finger sind im Kragen seines Hemdes verkrampft. Es dauert ein paar Sekunden, bis sie sicher ist, dass das Gewicht, das sie spürt, er ist, der auf ihren Beinen sitzt, und dass sie immer noch auf der Couch liegt.

„Hermine, atme.", zischt er.

Zwischen seinem wütenden Ton und den schwarzen Punkten merkt sie, dass sie begonnen hat, die Luft anzuhalten. Sie atmet ein und ist kurz davor, wieder zu hyperventilieren, bevor sie sich etwas beruhigt. Sie konzentriert sich darauf, wie sich sein Brustkorb langsam und gleichmäßig hebt, und versucht, es ihm gleichzutun.

Später, als das Zittern nachgelassen hat und sie nur noch zusammengekauert an ihm hängt, spürt sie die Erschöpfung wie dickes Metall auf ihrer Haut. „Manchmal will ich nicht mehr stark sein", flüstert sie, und ausnahmsweise schweigt Draco, anstatt ihr zu sagen, dass sie es sein muss.

Tag: 1504; Stunde: 9

An manchen Tagen, wenn der Regen nicht anhält und die Wolken nicht verzehrend sind, trifft die Sonne sie wie eine Explosion. Sie betritt einen Raum, der in Gold und Weiß erstrahlt, und für einen Moment ist alles wieder neu.

Tag: 1505; Stunde: 8

„Gibt es etwas, worüber Sie heute reden möchten?"

Hermine wendet ihren Blick von dem freundlichen Lächeln vor ihr ab und wendet sich Harry zu. Er hat sich so dicht neben sie gesetzt, dass sie sich zwischen seiner Seite und der Armlehne der Couch eingeklemmt fühlt. Sie weiß nicht, warum sie sich bei dem Gefühl der Enge aktiv beruhigen muss, aber sie tut es. Harry bemerkt es nicht, er pustet sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sieht selbst ausgesprochen nervös aus.

„Wird sich noch jemand zu uns gesellen?" Die Frau vor ihnen beobachtet Hermine, wie sie sich den Arm reibt, der immer noch kribbelt von dem Schweigegelübde, das sie sich gegenseitig auferlegt haben, als sie den Raum betreten hat. Hermine lässt ihre Hand fallen und verzieht keine Miene.

„Er hat sich dagegen entschieden.", murmelt Harry.

„Ah. Macht Sie das wütend?"

„Es ist einfach nur frustrierend."

„Weil ihm die Möglichkeit gegeben wird, teilzunehmen, und ihnen nicht?"

Hermine blinzelt die Frau langsam an, dann zuckt ihr Kopf zu Harry. Was hat sie damit gemeint, ihnen nicht? Harry starrt auf den Boden, aber er sieht sie aus den Augenwinkeln an, und sein Kiefer spannt sich kurz an.

„Ich dachte nur, es könnte hilfreich sein. Er hat eine Menge durchgemacht –"

„Harry.", flüstert Hermine, als könnte die Frau es durch die Stille im Raum nicht hören.

„Was?"

Er weiß, was. „Kann ich dich einen Moment draußen sprechen?"

„Ich versichere Ihnen, dass alles, was Sie sagen, in diesem Raum privat bleibt. Der Zauber –"

„Es ist nicht gerade privat, wenn Sie mithören, oder?", unterbricht Hermine sie.

Sie beobachtet, wie die Frau ihren Gesichtsausdruck verfolgt, von den zusammengezogenen Augenbrauen bis zu den zusammengepressten Lippen, und Hermine wird noch wütender. Sie will das nicht tun. Sie will nicht mit einer Fremden in einem Raum sitzen, die ihr einen Haufen Mist erzählt und sich ihre Probleme anhört. Sie will nicht, dass irgendeine beliebige Person alles analysiert, was sie tut, sagt und auf welche Weise. Hermine kann lesen und recherchieren und der Frau einen zehn Fuß langen Aufsatz über ihre eigene psychologische Untersuchung geben, und es wäre richtig. Sie braucht und will das nicht.

Sie ist wegen Harry zu diesem blöden Treffen gekommen, weil sie gedacht hat, er könnte sie brauchen. Weil er so sehr daran geglaubt hat, dass es funktioniert, und jetzt findet sie heraus, dass er nicht freiwillig daran teilnimmt. Was soll das? Will er sie dabei haben, weil sie eine emotionale Wunde ist, so wie jeder, der die Praxis eines Psychiaters verlässt, seine Mutter beschuldigt? Wenn Harry –

„Sagen Sie mir, was Sie denken, Hermine?"

Hermine atmet laut aus, ignoriert die Frau und wendet sich wieder Harry zu. „Warum hast du es mir nicht gesagt?"

„Dir was gesagt?"

„Stell dich nicht dumm, Harry Potter. Du hast mir nicht gesagt, dass man dir befohlen hat, diesen... diesen Übergangspsychiater zu treffen."

„Ich habe dir auch nicht gesagt, dass es meine Entscheidung war."

„Warum ist das so wichtig für Sie, Hermine? Dass er –"

„Es geht nicht um mich.", schnauzt Hermine. „Es geht darum, warum er so getan hat, als wäre es seine Entscheidung. Harry, du hast mit mir darüber geredet, als hättest du... Du hast eindeutig angedeutet, dass es deine Entscheidung war! Wir haben gesagt, wir würden nicht lügen oder etwas verschweigen –"

„Etwas verschweigen? Wenn du also mit niemandem über das reden willst, was passiert ist, oder über die Alpträume, aus denen du schreiend aufwachst, oder über unsere Freunde, oder über das, was du in den Kämpfen getan hast, oder –"

„Harry, das –"

„– dass du immer noch wütend auf mich bist, weil ich dich zurückgelassen habe. Dass du auch auf Ron wütend bist, oder sogar, was mit Ron passiert ist, oder –"

Hermine springt auf, entfernt sich von der Enge durch ihn und die Lehne der Couch, und er steht ebenfalls auf. „Wie oft muss ich dir noch sagen, dass ich das –"

„– am nächsten Tag so tust, als hättest du nicht krampfend an Malfoys Brust geweint –"

„– der einzige Weg ist, wie ich mit all dem umgehen kann. Ich versuche es ja. Ich versuche es, seit dieser Krieg zum ersten Mal –"

„– darüber reden willst. So gut wie nie! Und vielleicht weiß ich nicht immer, was ich sagen soll, oder wüsste –"

„– etwas, womit ich allein fertig werden muss. Manchmal möchte ich reden, aber meistens nicht! Ich muss heilen, und das bedeutet, dass ich es auf meine Art durchstehen muss –"

„– ja, das habe ich nicht. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich dich hier haben möchte. Sie hat mich gebeten, die Menschen, die mir nahestehen, hierher zu bringen, dass –"

„Ich bin nicht meinetwegen hier, Harry, ich bin deinetwegen hier! Weil du, wie du gerade gesagt hast, mich hier haben willst. Ich habe gesehen, was passiert ist, als du Ron gebeten hast –"

„Und warum ist das wichtig? Ja, ich hätte das nicht getan, wenn es mir nicht befohlen worden wäre, und ich –"

„Eben! Und du bist wütend auf mich geworden, als ich nicht mitkommen wollte –"

„– würde vermutlich nicht kommen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es hilfreich ist, und dass ich glaube, dass du das brauchst. Ich will etwas, das uns zusammenbringt. Ich, du, Ron –"

„– heuchlerisch von dir, Harry! Und wir können uns selbst in Ordnung bringen, ohne dass eine Fremde versucht, uns zu sagen, was falsch ist! Wir können das selbst tun, und –"

„– so viele Dinge durchgemacht, und ich weiß, dass du das auch hast. Du tust manchmal so, als würde ich es nicht verstehen, wenn –"

„– all das hier... Weil du es nicht verstehst! Weil du mich zurückgelassen hast! Weil du und Ron ohne mich irgendwohin abgehauen seid, und ich war alleine." Harrys Mund ist immer noch offen, aber still, und sie ballt den Saum ihres Oberteils in den Fäusten. „Ihr wisst nicht, wie das war. Ihr wart meine einzigen Freunde, und meine Familie war unerreichbar, und es war der Beginn eines Krieges. Ich hatte solche Angst, Harry, weil ich mit dir und Ron zusammen sein sollte. Du warst jahrelang weg, und all diese Dinge sind passiert, und du warst nicht da. Also, nein. Du verstehst es nicht!"

Schweigen. Als hätte sich ein schwarzes Loch in der Decke aufgetan, oder als wäre gerade etwas explodiert und hätte sie taub gemacht. Harrys Hände sinken mit einem klatschenden Geräusch auf seine Beine, und es hallt nach. Seine Augen sind auf die ihren fixiert, dieses suchende, helle Grün, und sie glänzen im sanften Licht des Raumes. Sie blinzelt und blinzelt und merkt, dass sie zu hell leuchten – dass er vielleicht kurz vor dem Weinen ist. Das Zischen der Luft durch die Ritzen ihrer zusammengebissenen Zähne beweist ihre Schuldgefühle.

Harry brauchte nicht noch mehr Schuldgefühle. Er braucht sie absolut nicht. Und sie sollte nicht diejenige sein, die noch mehr Schuld auf ihn lädt. Sie sollte seine Freundin sein. Sie sollte seine beste Freundin sein, und beste Freunde sollten verstehen und verzeihen, ohne eine Erklärung oder Entschuldigung zu brauchen.

„Vielleicht nicht.", flüstert er mit gebrochenen Stimme, und die Enge in seiner Kehle ist hörbar, als er schluckt. „Ich will es aber versuchen. Ja, sie zwingen mich, das zu tun. Aber ich glaube, es hilft ein bisschen, wirklich. Ich habe so viel von dir und Ron erzählt, dass sie mich gebeten hat, dich mitzubringen. Ich habe nein gesagt, aber nach allem... dachte ich, es könnte uns allen helfen. Ich war ehrlich."

„Okay." Weil sie am Rande einer Klippe steht, und wenn sie zu schwer atmet... Wenn sie zu schwer atmet.

„Es tut mir leid, dass ich gegangen bin. Es tut mir leid, dass ich ihnen gesagt habe, es soll Ron sein und nicht du. Es tut mir leid, dass ich nicht härter um dich gekämpft habe. Aber sie wollten nichts darüber hören, und als sie weder Ja noch Nein zum Friedhof gesagt haben, habe ich... habe ich wissen müssen, dass du in Sicherheit bist. Ich bin gegangen und habe mir gedacht: ‚Hermine und Ginny sind in Sicherheit.' Es hat dir wehgetan, aber ich würde es trotzdem nicht ändern. Ich musste wissen, dass du in Sicherheit bist. Ron wusste bereits alles... ich konnte ihn nicht aufhalten."

„Es hätte nicht deine Entscheidung sein dürfen, Ha –"

„Aber das war sie. Du hast so viel gekämpft, und dann die ganze Zeit in Hogwarts... Ich hatte die Wahl, dafür zu sorgen, dass du in dieser Nacht in Sicherheit bist, ohne Zweifel. Ich habe sie getroffen, und ich bereue es keine Sekunde. Du hast in so vielen Missionen gekämpft, Hermine. Ich habe deine verdammte Akte gesehen. Du hast ein Dutzend Schlachten gesehen, die genauso waren wie diese, nur dass ich in dieser Nacht Voldemort töten sollte. Es war nicht –"

„Das war es, Harry. Dieser Krieg... Ich kämpfe in ihm aus vielen verschiedenen Gründen. Ich habe mich daran gewöhnt, dass du weg bist. Ich habe mich daran gewöhnt, egal, ob es weh tut oder nicht. Aber diese Schlacht, diese eine... wir drei sollten sie gemeinsam schlagen. Es sollten immer wir drei sein. Bevor die Welt es überhaupt wusste, sind wir drei es gewesen. Du hast mir das genommen. An deiner Seite zu stehen und ihn sterben zu sehen. An deiner Seite zu stehen und den ganzen Krieg zu kämpfen –"

„Ich habe dich nicht an meiner Seite gebraucht." Ihr Atem stockt, und er sieht verzweifelt aus. „Hermine, ich musste wissen, dass du in Sicherheit bist. Das war das Wichtigste, was du für mich tun konntest. Und dass ich dich zurückgelassen habe... es tut mir leid. Und es tut mir leid, dass ich nicht weiß, was ich noch sagen soll, oder wie ich es besser machen kann."

„Es ist in Ordnung –"

„Es ist nicht in Ordnung. Hör auf zu sagen, dass es in Ordnung ist!" Seine Wut blitzt wieder auf, aber wenigstens ist der Glanz in seinen Augen verschwunden. „Es gibt so viel...ich... Mit mir, dir und Ron, es ist... Ich will das in Ordnung bringen. Ich muss das in Ordnung bringen, Hermine. Ich weiß nicht, wie, aber bitte lass es mich versuchen." Er versucht immer, der Held zu sein, Harry. Er versucht immer, alles zu retten.

„Zeit.", sagt sie nur, weil sie sich nicht zu mehr zwingen kann. Weil sie dem Schwanken in ihrem Tonfall nicht traut, oder dem brennenden Klumpen in ihrer Kehle.

„Lass es uns einfach versuchen.", sagt er und gestikuliert mit der Hand in Richtung der Frau, die zweifellos gebannt dasitzt und die Hermine so gut es geht zu ignorieren versucht. „Wenn es nicht klappt, habe ich noch Zeit. Viel davon. Ich habe ein Leben lang Zeit."

Sie würde ihm gerne sagen, dass der Krieg noch nicht vorbei ist, aber es fühlt sich in ihrer Kehle und ihrer Brust zu harsch an. Die Möglichkeit, dass er sich irren könnte, ist zu schwer für sie, um sie überhaupt in Betracht zu ziehen. Also nickt sie, langsam, und sein Lächeln schwankt.


Jeden Dienstag gibt es ein neues Kapitel, das nächste kommt am 21.03.