Antiva-Episoden
Teil I - FEUER
"Some people simply need assassinating. Or do you disagree?"
(Zevrans Dialoge. Dragon Age: Origin)
Kapitel 1: Hochsommer
Die Gassen flimmerten, die Luft über den Kanälen dampfte. Um die Mittagszeit war es unerträglich heiß und drückend in der Stadt. Wer immer es einrichten konnte, blieb im Haus. Der junge Kaufmann Lorenzo hatte die schweren Vorhänge seines Büros schließen lassen und arbeitete im Dämmerlicht. Ein paar Geschäftsabschlüsse standen an, ein Treffen mit dem Bürgermeister musste arrangiert werden, und er hatte einige Aufträge an Yago zu übergeben - den Meister seiner Krähenzelle.
Der Sohn des früheren Senators stand hinter seinem Schreibtisch, einen Bogen Papier in der Hand, den er prüfend betrachtete. Dabei tippte er sich mit den Federhalter gegen die Oberlippe. Lorenzo hatte kinnlange dunkle Locken, ein fein gebildetes Gesicht mit eine langen, schmalen Nase und dunkelblaue Augen unter dichten Augenbrauen. Den aufwärts gezwirbelten Oberlippenbart trug er erst seit ein paar Monaten. Sein weißes Rüschenhemd war nach der Mode der Saison am Kragen mit einer lockeren weißen Schlaufe gebunden. Den dunkelgrauen Frack mit den Silberknöpfen trug er offen.
Es klopfte und Martha die Manico trat ein, die Tochter des früheren Bürgermeisters. Lorenzo stand auf und ging seiner Verlobten entgegen. Er bewunderte ihren Anblick in diesem weiten, dunkelgrünen Seidenkleid. Es war in der Mitte geschnürt, so dass ihre Brüste gehoben, ihr Bauch gestrafft wurde. In sein Lächeln mischte sich ein Anflug von Sorge. "Du siehst wundervoll aus, mia dolce, aber tut dir das nicht weh?" Er streichelte ihren eingeschnürten Bauch. Martha war nicht schlank. Ihr Gesicht mit ihrer aufgeworfenen Nase und den kleinen Augen und dem zu kurzen Kinn würde man auf den ersten Blick nicht schön nennen. Als das Mädchen damals auf ihn zukam, um mit ihm über den Tod ihrer beider Väter zu reden, hätte er nicht gedacht, dass er sich einmal in sie verlieben würde. Aber ihre Energie, ihre Intelligenz und auch ihr Mitgefühl haben seinen Blick mit der Zeit verändert. Er hat sie leuchten gesehen, wie einen Engel. Und das war der Moment, in dem er sein Herz an sie verloren hatte.
Martha küsste ihren Verlobten kurz, aber zärtlich: "Mach dir keine Sorgen, Lorenzo, es tut nicht weh. Mir geht es gut. Und ich freue mich, dass dir das Kleid gefällt. Ich habe es aus Val Royeaux kommen lassen." Sie ging zu seinem Schreibtisch und warf einen Blick auf die Papiere, mit denen er sich beschäftigt hatte. "Du willst dich mit Curantigno treffen? Sei vorsichtig!" sie schaute besorgt zu ihm herüber.
Lorenzo lächelte: "Keine Sorge, Yago wird mich begleiten und mindestens eine seiner Gruppen. Ich glaube nicht, dass Arainai mich offen angreifen wird, dafür ist er zu raffiniert." Er strich seiner Verlobten eine Haarsträhne aus der Stirn. Er war es, der ihr empfohlen hatte, ihre hellblonden Haare anders frisieren zu lassen, nicht mehr so eng an den Kopf gedrückt. Ein Coiffeur zauberte ihr jeden Morgen mit dem Brennstab eine herrliche Lockenpracht. Die Prozedur dauerte lange und tat ein bisschen weh, aber um ihrem Verlobten zu gefallen, nahm sie diese kleinen Mühen gern auf sich.
Martha seufzte: "Ich hoffe, du hast Recht." Sie dachte daran, wie sie gemeinsam den Mord an ihren Vätern hatten aufklären wollen. Denn dass es Mord war, stand für sie beide außer Frage. Die Spuren führten schnell zu Arainai, verdächtiger umso mehr, da einer seiner Günstlinge den Bürgermeisterposten übernommen hatte. Nur nachweisen konnten sie ihm nichts. Es musste Spione in ihren Häusern gegeben haben. Martha hatte ihren jungen Hauslehrer in Verdacht, und ihn bald nach den Geschehnissen entlassen.
Einen Moment hatte sich auch an den blonden Küchenjungen gedacht, da er eine Empfehlung des Hauslehrers gewesen war. Aber diese Idee verwarf sie wieder - er war noch so jung, sah halb verhungert aus und wirkte immer müde. Dass er in keinem der Waisenhäuser zu finden war, hatte sie eher in Besorgnis um ihn versetzt, als ihn verdächtig erscheinen lassen. Er hatte ihr leid getan, und sie hoffte nur, dass er noch am Leben war und irgendwo anders Arbeit gefunden hatte.
