I.2 Rogelio
Beschwingt ging er den Weg am Fischerkanal entlang, in einem roten Gehrock mit langen Ärmeln. Ein warmes Bekleidungsstück an einem so heißen Tag, aber gut geeignet, um seine Waffen zu verstecken. Sein Gesicht war mit einem bronzenen Puder überschminkt. Zevran war gut gelaunt. Er hatte in der Nacht einen schnellen kleinen Auftrag erfüllt - ein Schmied und Waffenhändler. Es hat sogar einen kleinen, erfrischenden Schwertkampf gegeben. Es hatte ihm Spaß gemacht, er war unverletzt geblieben. Das Opfer lag tot in seinem Laden - getötet mit einem seiner eigenen Schwerter. Die Mordaufklärung in Antiva gehörte erfahrungsgemäß nicht zu den besten - Selbstmord, Unfall oder Krähen - wen interessierte das schon? Tot ist tot.
Den Rest der Nacht hatte sich der Assassine im "Angelo Sanguigno" von seiner Lieblingshure Lovianne verwöhnen lassen. Nun lief er lächelnd durch die Gassen des Hafenviertels und bestaunte, wie sich das in der Sonne leuchtende Gold der Kuppel des Königlichen Palastes gegen den sattblauen Himmel abzeichnete. Er spürte eine Berührung am Arm und hatte augenblicklich eine Hand an seinem Dolch.
"Rogelio!" rief eine vertraute Stimme freudig. Die Erinnerung führte ihn zwei Jahre zurück - Rogelio war sein Deckname im Hause der Manicos gewesen. Der Name klang fremd in seinen Ohren, er wurde selten so genannt - meist riefen sie ihn einfach "Junge". Die Stimme, die diesen Namen gerufen hatte, gehörte der Signora. "Rogelio, mein Engel, ich habe dich überall gesucht!" Er hätte die Frau nicht wieder erkannt. Wo waren ihre Schönheit und Lebendigkeit geblieben? Die Haare wirkten stumpf, die Augen trübe und leblos. Das Gesicht war aufgedunsen, die Figur wirkte schlaff und krumm. Sie schien um viele Jahre gealtert zu sein.
Entscheidung in Sekunden - weitergehen oder stehen bleiben? Leugnen oder sich zu erkennen geben? Leben lassen oder töten? Der Elf war erfahren genug, sich seinen Schreck nicht anmerken zu lassen. Natürlich war er nachlässig gewesen, hatte sich nicht versteckt, zu wenig auf die Umgebung geachtet. Etwas, das ihm nicht hätte passieren dürfen. Nun blieb nicht viel übrig, als möglichst wenig aufzufallen. Sie waren ein ungleiches Paar - der junge Elf in teurem Samtanzug, die noble, aber ungepflegt wirkende Dame.
Der Assassine hatte sich entschieden. Er küsste die Signora und zog sie in eine Nebengasse. Ihr Gesicht verzerrte sich zu einem irren Lachen, die gespreizten Finger ihrer zitternden Hand strichen wie Spinnenbeine über sein Gesicht. "Aber da bist du ja, da bist du endlich!" Die Frau war offensichtlich geisteskrank. War das eine Folge des Verlusts ihres Ehemanns? Wer würde ihr glauben, wenn sie erzählte, ihm begegnet zu sein? Und doch - konnte er es riskieren? Er nahm ihre Hand in die seine und streichelte sie. "Ihr seid immer noch wunderschön, Signora, genau wie damals." Wieder küsste er sie, auf eine Weise, die ihr den Atem nehmen musste. Sie krallte sich in seinen Arm, verlor fast die Besinnung. "Mein Engel, was tust du? Mir ist... so schwindlig."
Zevran hielt die Frau fest in seinen Armen. "Das ist nur die Hitze, Signora." Er zog eine kleine kristallene Flasche aus seinem Gehrock. "Hier, trinkt etwas davon, das wird Euch helfen." Sie nahm das Fläschchen, roch daran, begann zu trinken. Es schien ihr zu schmecken. Nach ein paar Schlucken zog der Assassine die Hand der Frau lächelnd weg. "Nicht so viel, Signora, das reicht." lachte er. "Ihr seht schon viel besser aus." Er streichelte ihr Gesicht. "Ich muss jetzt leider gehen. Ihr kommt doch allein zurecht, nicht wahr?" flüsterte er und gab ihr einen letzten, flüchtigen Kuss.
Er ließ die Frau in der Gasse zurück. Sie blieb und berührte lächelnd ihre Lippen "Rogelio, süßer Engel" flüsterte sie. Augenblicke später ging sie los in Richtung Hafen. Sie schwankte, lallte und lachte. Einige Passanten drehten sich kopfschüttelnd nach der anscheinend Betrunkenen um. Als sie schließlich zusammenbrach, dauerte es lange, bis jemand stehen blieb, um nach der Frau zu schauen, die tot am Kanalufer lag.
