I.4 Beweislos

Die Frau am Straßenrand hatte Glück. Es gab etwas, das sie davor bewahrte, in den Kanal oder eines der Massengräber am südlichen Stadtrand geworfen zu werden, so wie es mit unzähligen Leichen passierte: Sie sah reich aus. Und neben der Tatsache, dass bald alle Knöpfe und Perlen von ihrem Kleid verschwunden, ihre Taschen geleert waren, gab es so ein bestimmtes Interesse der Administration, ihre Identität zu ermitteln, damit ihre Angehörigen für das Räumen der Leiche und ihre Bestattung finanziell aufkommen mögen. So kam es, dass die sterblichen Überreste der Signora di Manico in Senator Piorentins Haus gebracht wurden. Dieser war für die Finanzwirtschaft der Stadt verantwortlich. Der Senator erkannte die Frau als Gastgeberin zahlreicher Bankette und ließ umgehend nach Lorenzo und seiner Verlobten schicken.

Martha war allein, als Piorentins Bote bei ihr eintraf. Lorenzo war unterwegs zu einem Geschäftstermin. Sie ging ins Haus des Finanzsenators, um die Leiche ihrer Mutter zu sehen. Die Verwesung hatte bereits eingesetzt, aber sie erkannte sie. Das Gesicht wirkte friedlich und entspannt. Für die Tochter war es ein altvertrautes Antlitz, eine Erinnerung an glücklichere Zeiten. Als hätte sie im Tod zu ihrer früheren Anmut zurück gefunden. Martha schossen Tränen in die Augen. Ihre Mutter trug eines ihrer Lieblingskleider aus gelber Seide - es war zerrissen, schmutzig, die Knöpfe fehlten. Mit zitternden Händen strich die junge Frau über den vertraut zarten Stoff. Als sie schließlich die kalte steife Hand der Toten berührte, zog sie ihre Finger erschrocken zurück. Signora di Manico war nicht einmal vierzig geworden. Wie war sie gestorben?

Der Senator zuckte die Schultern. "Wahrscheinlich Hitzschlag, es war ja sehr heiß in den letzten Tagen. Spuren von Gewalt sind nicht zu erkennen."

"Gab es denn keine Augenzeugen? Niemand, der etwas bemerkt hatte?"

Piorentin zog die Augenbrauen nach oben. "Es gab keine Veranlassung für eine Befragung."

Keine Veranlassung? Wenn die Witwe des früheren Bürgermeisters einfach so tot zusammenbricht? "Wo wurde sie gefunden? Ich will die Stelle sehen."

Der Senator nahm die junge Frau mit in sein Arbeitszimmer. Er breitete eine Stadtkarte auf seinem Schreibtisch aus und presste seinen Zeigefinger auf einen Punkt im Hafenviertel.

"Danke." Martha verließ das Haus. Sie war aufgewühlt und Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie dachte nicht einmal daran, wie gefährlich es für sie war, sich allein durch die Stadt zu bewegen. Vielleicht war es ihr Glück, dass sie keinen engen Gassen folgen und nicht weit gehen musste - Lorenzos Domizil lag nur wenige hundert Meter von der Villa des Senators entfernt im selben edlen Stadtviertel, an der Via di Santa Michaela.

Lorenzo fand seine Verlobte weinend in ihrem Zimmer, in ihrem Sessel sitzend, mit dem Rücken zur Tür...

"Martha?" Er umarmte sie und hockte sich ihr. "Was ist passiert?" Sie schaute ihn an, ihr Gesicht von Tränen verquollen. "Sie haben Mutter gefunden. Im Hafenviertel am Kanal. Sie ist tot!" Sie schluchzte, lehnte sich an die Schulter ihres Verlobten. Der streichelte sie, versuchte sie mit sanften Worten zu beruhigen: "Es tut mir so leid, Martha. Was könnte deine Mutter im Hafenviertel gewollt haben?" wunderte er sich.

Martha schüttelte den Kopf. "Ich habe keine Ahnung." Sie versuchte, sich zu beruhigen, schniefte leise. "Ich hätte sie nicht allein lassen dürfen. Wir hätten sie mit zu uns ins Haus nehmen sollen. Ich wusste doch, dass sie... Vaters Tod nicht verkraftet hat. Ich hätte auf sie aufpassen müssen."

Die Tränen flossen, sie konnte es nicht verhindern. Warum nur hatte sie zugelassen, dass ihre Mutter allein zurückblieb. Die Dame hatte darauf bestanden, in ihrem Haus zu bleiben, aber in ihrem Zustand... das war unverantwortlich. Auf die Diener offensichtlich kein Verlass. Als Martha zusammen mit ihrem Verlobten am nächsten Tag das Stadthaus der Manicos aufsuchte, fand sie es in desolatem Zustand. Das Personal war verschwunden. Und mit ihm Gemälde, Schmuck, Besteck... Martha war sich nicht sicher, ob das alles in den letzten Tagen, seit dem Verschwinden der Hausherrin, oder sogar schon vorher passiert war. Sie machte sich große Vorwürfe, dass sich nicht öfter nach ihrer Mutter geschaut hatte.


Martha bestand darauf, dass sie zusammen den Ort aufsuchten, an dem ihre Mutter gestorben war. Es war eine Gegend, in die sie sich sonst nie wagen würden - stinkend, schmutzig und arm. Martha setzte ihre Schritte vorsichtig, sie fürchtete, von Ratten gebissen zu werden oder in Unrat zu treten. Mit Grauen beobachtete sie, wie der Saum ihres teuren Kleids vom Straßendreck besudelt wurde. Und doch ging sie weiter - es musste doch irgendetwas zu finden sein?

Das Paar suchte jeden Fleck in der Straße und den Nebengassen ab. Sie fragten alle Passaten, die sie trafen, alle Bewohner, die vor den Türen standen oder aus Fenstern schauten, sogar die Bettler. In der Tat fanden sie einige, die sich an die Frau erinnern konnten. Dass sie betrunken gewirkt hatte und dann umgefallen sei. Sonst wusste niemand etwas zu sagen.

Enttäuscht kehrten die beiden nach Hause zurück. "Was denkst du?" fragte Lorenzo. Sie schaute ihm in die Augen. "Ich glaube nicht, dass meine Mutter einfach so gestorben ist. Gut - wir haben nichts gefunden, keine Hinweise, keine Zeugen, die auf einen Mord deuten würden. Aber das heißt nicht, dass sie nicht trotzdem getötet worden sein kann."

"Hast du eine Idee, wie?" fragte ihr Verlobter.

"Ich weiß es nicht." sagte sie und senkte ihren Kopf. "Aber warum sollte sie sterben? Sie war durcheinander, vielleicht sogar mehr gestört, als ich es wahrhaben wollte. Aber körperlich war sie vollkommen gesund. Sie hätte alt werden können, sehr alt. Letztlich - es könnten die Krähen gewesen sein, genau wie bei unseren Vätern."

Lorenzo schaute seine Frau sehr ernst an. "Du weißt, ich bin immer auf deiner Seite. Aber übertreibst du in diesem Fall nicht? Wir haben wirklich keinerlei Hinweise."

"Ich weiß ja, ich weiß." Eine einzelne Träne lief über Marthas Wangen. "Nenne es Intuition oder was auch immer, ich glaube einfach nicht an einen natürlichen Tod meiner Mutter."

Er hob ihr Kinn mit einer Hand. "Ich verstehe dich ja. Und ob Mord oder nicht - die Krähen haben deine Mutter auf dem Gewissen. Denn sie ist nur krank geworden, weil sie deinen Vater getötet haben. Ich werde sie alle rächen, hörst du? Sie werden dafür zahlen, was sie uns angetan haben."