I.5 Der Meister und sein Herr

"Yago." Lorenzo bat den Meister seiner Krähenzelle mit einer einladenden Geste in sein Büro, bot ihm einen Platz in einem der wuchtigen Ledersessel vor dem Kamin an und offerierte ihm einen Drink. Der Meister lehnte ab, er wollte nur ein Glas Wasser. Lorenzo betrachtete seinen Krähenmeister mit strengem Blick, während er seine Worte sammelte. Yago war groß gewachsen, athletisch schlank, etwa Mitte dreißig. Sein Gesicht hatte etwas an sich, das ihn gefährlich erscheinen ließ. Vielleicht waren es die schmalen Lippen, vielleicht der scharfe Blick seiner gelb-grünen Augen. Seine dunklen Haare waren sehr kurz geschnitten. Eine lange Narbe, die sich vom linken Ohr aus über die Schädeldecke zog, war deutlich erkennbar. Das markante Kinn und die von kräftigen Kieferknochen geformten Wangen waren trotz regelmäßiger Rasur immer von einem leichten dunklen Bartschatten überzogen.

Yago war in Lorenzos Familiengeschichte eingeweiht. Dennoch hörte er geduldig zu, als der Senatorensohn ihm den Fall noch einmal in allen Einzelheiten darlegte. Der Kaufmann hatte geplant, eine vollständige Zelle zu erwerben, aber das stellte sich schwieriger dar, als er sich das vorgestellt hatte. Es gab keine frei operierenden Krähenzellen. Jede gehörte zum Hause einer adligen oder anderweitig einflussreichen Familie. Neue Zellen konnte man nicht vollständig erwerben, man musste sie aufbauen. Ein Freund der Familie half, in dem er eine Untergruppe seiner Zelle zur Verfügung stellte. Der erfahrene Capo Yago hatte die Meisterweihe erhalten, konnte aber innerhalb seiner Zelle nicht weiter aufsteigen und war deshalb um Selbstständigkeit bemüht. Seine besten Teammitglieder ernannte er zu Capos, seinen engsten Vertrauten darunter bestimmte er als Nachfolger und ließ ihn die geheimnisvolle Weihe durchlaufen, ohne die keine Krähe die Meisterwürde erlangen konnte. Außenstehende wurden in diese Vorgänge nicht eingeweiht, nicht einmal die persönlichen Dienstherren.

Die Zelle befand sich noch im Aufbau. Drei Gruppen auf der Suche nach Rekruten, aber Yagos Attitüde war sehr selbstsicher, beinah einschüchternd. Lorenzo fiel es schwer, dem Blick des Krähenmeisters standzuhalten. Er räusperte sich. "Nun, du kennst also die Lage. Dieser Arainai und seine Zellen sind zu gefährlich. Sie müssen... vernichtet werden.

Yago schaute seinen Dienstherrn ungläubig an, brach schließlich in schallendes Gelächter aus. Lorenzo war verunsichert, was seine Stimme zum Überschlagen brachte "Was erlaubt du dir... in einem solchen Ton!"

Der Krähenmeister betrachtete den Senatorensohn mit einem höhnischen Grinsen. "Verzeiht. Aber ist Euch bewusst, dass Arainai die Hoheit über die beste Ausbildungsstätte unserer Zöglinge hat? Er fischt sich nicht nur die Talentiertesten heraus für seine eigenen Zellen, er hat auch ständig Nachwuchs. Seine Zellen zu vernichten ist ebenso unmöglich, wie Antivas Kanalratten auszurotten. Eindämmen, schwächen, minimieren - das geht alles, vernichten - nein. Diesen Auftrag kann ich nicht annehmen."

Lorenzo bezwang seine Wut, bemühte sich um Stand und festen Ton. "Nun gut... und Arainai selbst?"

Yago betrachtete amüsiert das Glas Wasser in seiner Hand. "Eine einflussreiche Familie. Ein Clan mächtiger Drahtzieher. Schwer heranzukommen... Wenn Ihr meinen Ratschlag hören wollt." Er stand auf und kam dem Senatorensohn näher, den er um gut einen halben Kopf überragte. "Wir schnappen uns die Meister, dünnen die Zellen aus, attackieren die Quartiere und die Ausbildungsstätten. Aber... Ihr solltet nicht in der Stadt sein, wenn dieser Angriff erfolgt. Nehmt Eure junge Frau und seht zu, dass Ihr möglichst weit weg seid. An einem Ort, den Eure Feinde nicht kennen."

Lorenzo dachte nach. Der Vorschlag seines Krähenmeisters klang vernünftig. "In Ordnung. Dann ist dies dein Auftrag. Ich werde nach einer Unterkunft für meine Familie suchen. Du bereitest deine Leute vor. Ich werde sicherlich einige Monate brauchen, bis sich etwas Geeignetes gefunden hat und eingerichtet ist. Wie sieht es bei dir aus?"

"Wir werden den Herbst und Winter über planen und die Zelle weiter aufbauen. Der Angriff könnte dann im nächsten Frühjahr beginnen, wenn Ihr damit einverstanden seid."


Die Beerdigung der Signora di Manico überschattete die Feierlichkeiten des Funalis. Wenige Wochen später richtete das Paar seine Hochzeit aus. Zu beiden Ereignissen waren alle großen Namen der Stadt eingeladen. Senator Piorentin erschien mit seiner Familie, ebenso Operndirektor Valandrez mit seiner offenherzigen Ehefrau, die bei beiden Anlässen gleichermaßen in Tränen aufgelöst war. Selbstverständlich waren auch die Arainais eingeladen. Yagos Zelle stand für ein Attentat bereit, aber es kam, wie der Meister es vorausgesagt hatte - lediglich Bürgermeister Curantigno erschien samt Gemahlin und ließ seinen "Onkel" entschuldigen - einmal wäre ihm ein Geschäftstermin dazwischen gekommen, beim nächsten Mal war es angeblich die Grippe.

Den gesamten Herbst und Winter über war das junge Ehepaar auf einer ausgedehnten Hochzeitsreise, die sie nach Rialto, Treviso, Ayesleigh und sogar nach Brynnlaw führte. Lorenzo machte sich Sorgen um seine Frau. Sie redete wenig, zog sich zurück und er sah sie ständig etwas knabbern - Kekse, Konfekt, salziges Gebäck. Wenn er sie darauf ansprach, so behutsam wie möglich, reagierte sie empfindlich und wütend, warf die Keksdose, oder was immer sie gerade in den Händen hielt, durch den Raum, knallte die Türen. Sie nahm deutlich zu. Das störte Lorenzo weniger. Er vermisste ihren liebenswürdigen, starken Charakter.

Der Kaufmann zog Experten zu Rate, die an ihr die verschiedensten Behandlungen ausprobierten - Aderlass und Egelschröpfen, allerlei Säfte und Tinkturen. Er reiste zum Turm der Magier, um zu erfahren, ob Martha vielleicht von einem Dämon besessen sei. Die Magier fanden im Nichts keine Anzeichen für eine Besessenheit, empfahlen aber eine langwierige und kostspielige Behandlung mit Heilmagie. Das führte letztendlich zu dem Entschluss, dass Lorenzo ein Anwesen in der Nähe von Treviso erwarb und sich dort mit seiner Frau niederließ. Ein Bote überbrachte die Nachricht nach Antiva zu Master Yago. Es war im Monat Drakonis - dem dritten des Jahres, kurz vor dem Ende der Regenzeit.