Rayinne (ursprünglich Rayen) ist ein Charakter, den Shadow of Light für eine inoffizielle Zevran-DLC erfunden hat. Vielen Dank, liebe Shadow, dass Rayinne in meiner Geschichte erscheinen und leben darf. :)
I.6 Der Angriff
Das Domizil der Arainaizellen bestand aus einem Komplex mehrerer miteinander verbundener Gebäude in einem mittelständischen Stadtviertel. Hier lebten außer Krähen vor allem Handwerker und niedere Beamte. Die Bauten bestanden aus Kalksteinziegeln, viele waren mit Marmorsplitt verputzt, was ihnen ein sehr edles Aussehen gab. Aber Marmor war ein in dieser Gegend reichlich verfügbaren Baustoff und der Splitt nur ein Abfallprodukt. Die Stadt erstrahlte in einem täuschenden Reichtum. Die Häuser hatten drei bis vier Stockwerke. Fensterreihen und kleine Balkone waren gewöhnlich durch Gesims verbunden. In der oberen Etage gab es gemeinhin größere Terrassen. Viele Dächer waren flach, die Gassen eng. Über sie hinweg führten Verbindungsgänge von einem Haus zum anderen. Das Innenleben der Gebäude bestand aus langen, verwinkelten Korridoren, engen, hohen Treppen. Die meisten Räume waren klein und einfach eingerichtet.
Seit vielen Jahren lebten, arbeiteten und lernten hier die Arainai-Krähen. Es gab keinen Grund, den Standort zu verheimlichen oder zu wechseln. Die Krähen waren zwar keine offizielle Behörde, aber sie waren gesellschaftlich etabliert, mit Geld, Macht und Adel verwoben bis hoch zum Königshaus. Es gab niemanden, den man als Krähe zu fürchten brauchte, außer anderen Krähen. Zu nächtlichen Operationen bewegte man sich oft über den Dächern der Stadt. Sie erlaubten schnelle Bewegung und Übersicht. Die Dachluken der Arinai-Gebäude waren vermutlich häufiger frequentiert als die Hauseingänge.
Als Ginera sich aus der Dachluke erhob, um zu einem nächtlichen Auftrag zu starten, traf sie ein Pfeil an der Schulter. Kurz darauf ein zweiter in den Bauch. Weitere Pfeile surrten nur knapp an der Elfin vorbei. In Windeseile schlüpfte sie wieder durch die Luke ins Haus. Noch spürte sie keine Schmerzen, war lediglich in ihrer Bewegung eingeschränkt, aber sie wusste, die würden kommen... Während sie sich die enge Stiege hinunter in die dritte Etage bewegte, verzog sie verächtlich ihren Mund. Das waren Krähen, ohne Frage, aber sie waren schlecht. Wären das Scharfschützen ihres Teams gewesen, wäre sie nicht mehr am Leben...
Sie klopfte an Taliesens Tür, wieder einmal "vergessend", wer ihr Capo war. Aber es rief sie niemand herein, die Tür war verschlossen. Leise fluchend, die Schmerzen wurden spürbar, schleppte sie sich über den Gang zur nächsten Tür. Zevran öffnete mit einem charmanten Lächeln und hochgezogener Augenbraue: "Hmmm?" Dann bemerkte er die Verletzungen, und sein amüsiert arrogantes Gesicht wurde ernst. Er rief nach Taliesen, der sich in seinem Zimmer aufgehalten hatte. Der Ältere sollte das Team zusammen rufen und den Heiler holen; er selbst würde Ginera in ihr Zimmer bringen. Er bleib bei der Elfin, ließ sich den Vorfall auf dem Dach genau schildern. Zevran kam das Gespräch mit der jungen Magierin in der Kutsche in den Sinn, er hatte es fast schon vergessen.
Nach wenigen Minuten erschien Jove, der alte Heiler der Arainais, in Begleitung einer jungen, schwarzhaarigen Frau, offenbar seine Aspirantin. Zevran kannte die Frau - sie hatte vor einigen Jahren zu seinen Folterern gehört. Sie war keine von der sadistischen Sorte, hatte ihre Arbeit eher gleichgültig und routiniert verrichtet. Die Augen des Capo verengten sich. "Oh, eine Folterin wird zur Heilerin? Wie ungewöhnlich?"
"Beides erfordert gute anatomische Kenntnisse." antwortete die Angesprochene mit teilnahmsloser Stimme und berührte den Capo mit einem kurzen kalten Blick aus grauen Augen. "Hier festhalten, Rayinne," sagte der Alte. Die junge Frau drückte ihre Handflächen fest auf Gineras Bauch, während Jove den Pfeil mit einer raschen Bewegung herauszog. Er schloss die klaffende Wunde sofort mit einer Kompresse. Die Elfin bemühte sich, jeden Schmerzenslaut zu unterdrücken, nur ihre angestrengten Gesichtszüge verrieten, wie sehr sie litt.
"Wie sieht es aus?" wandte sich Zevran an den älteren Heiler.
"Die Aussichten sind gut. Die Wunden sind nicht tief, die Rüstung hat die größte Wucht abhalten können. Allerdings waren die Pfeilspitzen vergiftet."
Zevran nickte. Der Geruch nach Todeswurzel war ihm nicht entgangen. "Ich muss zur Gruppenbesprechung," sagte er knapp und verließ das Zimmer.
Der Elf hatte einen guten Stand als Capo, obwohl er jünger war als die meisten seiner Leute. Er wurde respektiert, von manchen gefürchtet, von anderen bewundert. Ginera war die einzige, die nach fast einem Jahr immer noch Schwierigkeiten hatte, den jüngeren als neues Oberhaupt anzuerkennen. Der junge Assassin in seiner immer heiteren Stimmung, mit seinen nonchalanten Blicken und der galanten Attitüde wurde von Außenstehenden oft unterschätzt. Wer ihn - wie Taliesen - besser kannte, wusste, wie ehrgeizig er war. Es gelang ihm nicht nur, die lukrativsten Aufträge für seine Gruppe zu ergattern, er übernahm außerdem zahlreiche Einzelmissionen und unterrichtete an drei Vormittagen Jungkrähen im Nahkampf. Auch selbst war er im täglichen Training bemüht, seine Fähigkeiten zu verbessern. Er gönnte sich nur wenig Freizeit. Seine Lieblingsmethode der Entspannung war jedem bestens vertraut. Und wer noch nicht selbst von dem Capo erwählt worden war, war eifrig darum bemüht, ihn auf sich aufmerksam zu machen.
Zevran sandte seine Späher aus und befahl allen, sich kampfbereit zu halten. Er rannte die Treppen hinauf zum Büro des Meisters. Er fand Antonio im abgedunkelten Raum, er schaute aufmerksam in Richtung Fenster. Zevran folgte seinem Blick. Man brauchte ein sehr geübtes Auge, um in der Abenddämmerung durch das enge Gitter überhaupt etwas zu erkennen. Er bemerkte einen flüchtigen Schatten auf dem gegenüber liegenden Dach.
"Yagos Leute?"
Der Meister nickte.
"Gab es eine Warnung?"
"Ich nehme an, das ist die Warnung." Er schaute den Jüngeren an. Ich berufe ein Treffen ein, im hinteren Beratungsraum. Alle Capos, in fünf Minuten."
