Giulio und seine Frau Camilla sind Charaktere von TanithAeyrs. Sie hat die beiden für die inoffizielle Zevran-DLC erfunden (die leider nie realisiert wurde). Vielen Dank, liebe Tanith, dass die zwei einen kurzen Auftritt in meiner Geschichte haben durften. :)
I.7 Krähen-Krieg
Es gab die Schützen auf den Dächern und Schurken, die in den Schatten der Gassen lauerten. Zevrans Späher zählten mindestens dreißig Personen. Keiner von ihnen war im Gesicht tätowiert - Haus Lorenzo hatte andere Regeln - sie trugen ihre Zeichen an den Händen, meist von Handschuhen verborgen. Nicht jeder hatte so viel Glück wie Ginera - in den ersten Minuten des überraschenden Angriffs hatte es mehrere Todesfälle gegeben.
Es war keine alltägliche Situation für die Zelle, aber auch nicht so ungewöhnlich, dass es die in emotionaler Kontrolle geschulten Meuchelmörder aus der Ruhe gebracht hätte. Die Gruppen besprachen sich, die Verteidigung wurde organisiert. Bogenschützen postierten sich an den Fenstern, auf Balkonen und Terrassen, suchten nach günstigen Winkeln, um ihre Gegner anvisieren zu können, ohne dabei selbst getroffen zu werden.
Eine Gruppe von Assassinen nutzte einen Geheimgang, der vom Keller aus zu einem nahen Kanal führte. Von dort aus wollten sie versuchen, ihre Widersacher aus dem Hinterhalt zu überwältigen. Taliesen und Zevran gehörten zu dieser Gruppe. Der Elf gab seine Befehle mit stummen Zeichen. Die Gruppe teilte sich auf. Es gelang ein beinah simultaner Schlag - zeitgleich stachen sechs Assassine aus dem Schatten zu und sechs Männer waren auf der Stelle tot.
Aber der Erfolg der Gruppe war gleichzeitig ihre Enttarnung. Von den Dächern wurde geschossen - die Arainaikrähen antworteten mit Pfeilen und Bolzen aus ihren Häusern heraus. Die Nahkämpfer boten sich einen offenen Krieg in den Gassen. Metall klirrte, Blut floss, Schreie ertönten. Die Kämpfe zogen sich lange hin. Der Morgen brach an. Bürger traten aus den Häusern, ihrer täglichen Arbeit nachzugehen, reagierten verstört, verwundert, aber auch neugierig auf den Kampfszenen. Manche blieben stehen und starrten, als würde es sich um ein spannendes Theaterstück handeln.
"Guilio!" Zevran hörte die laute, verzweifelte Frauenstimme in unmittelbarer Nähe. Einen Moment lang ließ er sich ablenken, wandte seinen Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Er sah einen Mann zusammenbrechen, ein Pfeil hatte seine Brust durchstoßen. Er trug keine Rüstung, die ihn hätte schützen können, nur den einfachen Anzug eines Händlers aus dem Hafenviertel. Die Frau, die zu dem sterbenden Mann eilte, war sehr hübsch - lange dunkle Locken, Rehaugen, goldbraune Haut. Ein langer bunter Rock, eine feine Bluse umschmeichelten die zarte Figur. Sie humpelte leicht.
"Zev, pass auf!" rief Taliesen. Doch die Warnung kam zu spät. Zevrans Gegner hatte die Unaufmerksamkeit ausgenutzt, um seine Verteidigung zu durchbrechen. Der Elf griff nach dem Dolch, der in seinem Bauch steckte, während er zusammen sackte - seine Beine wollten ihm nicht mehr gehorchen. Taliesen stürzte sich auf den Widersacher seines Freundes. Er stieß ihn mit den Füßen, bis er in einer Hausecke kauerte, unfähig zu entkommen. In grauen Augen blitzte die Wut, als der junge Mann mit einem scharfen Streich seines Dolches die Kehle des anderen durchtrennte. Taliesen ließ ihn blutend zurück, rannte zu Zevran. Der Elf kniete immer noch an derselben Stelle, hatte den Dolch aus seinem Bauch gezogen, die linke Hand auf die stark blutende Wunde gedrückt. Er sah bleich aus.
"Kannst du laufen?" fragte Taliesen.
"Nicht ohne Hilfe, fürchte ich."
Taliesen hockte sich neben Zevran, legte seinen linken Arm um dessen Taille, Zevran legte seinerseits den rechten Arm um Taliesens Schultern, Halt suchend. Die Männer erhoben sich, der Elf unterdrückte einen Schmerzenslaut. Aufgrund des Größenunterschieds musste Taliesen leicht geduckt bleiben.
Sie waren in der Nähe des kleinen Hauses am Kanal, von dessen Keller aus der Geheimgang zu ihrem Quartier führte. Während der Krieg in den Straßen weiter tobte, brachte Taliesen seinen verletzten Capo zurück. Die Wunde blutete stark, die Schritte des Elfen waren unsicher, seine Beine zitterten. Als sie im Keller ihres Hauses ankamen, rief Taliesen laut um Hilfe.
Rayinne war da. Sie unterbrach die Folter an einem ihrer Schützlinge und wies Taliesen an, Zevran auf eine der Streckbänke zu legen. Der Elf war kaum noch bei Bewusstsein, seine blutüberströmte Hand rutsche langsam vom Bauch.
"Drück die Wunde ab!" wies Rayinne Taliesen knapp an. Sie verschwand kurz und kam dann mit Bandagen und einer Tasche mit Instrumenten zurück: Zangen, Messer, Scheren - alle sorgfältig verstaut und gereinigt. Gut möglich, dass sie oft zur Folter verwendet wurden. Nun schlossen sie sehr geschickt die Wunde an Zevrans Bauch. Ohne Betäubung. Die wäre auch dann nicht notwendig gewesen, wäre der Elf nicht bewusstlos gewesen. Jeder hätte ihn ausgelacht, wenn er sich dabei auch nur einen Schmerzensschrei erlaubt hätte.
"Rayinne?" rief eine Stimme aus dem Nebenraum.
"Ja?" rief die junge Frau zurück, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.
"Was soll ich denn jetzt mit dem Jungen hier machen?"
"Noch eine Stufe erhöhen für zehn Minuten. Dann kann er in die Oubliette bis morgen." Nach kurzer Sprechpause ergänzte sie leiser, im Nebenraum sicher nicht mehr hörbar: "Vielleicht hat er Glück und ein paar Tage Ruhe, während Jove und ich mit den ganzen Verwundeten beschäftigt sind."
