I.9 Antonios Pläne
Der Angriff war zurückgeschlagen worden, sechsunddreißig tote Gegner wurden gezählt. Einige von Lorenzos Leuten hatte man gefangen genommen, um sie zu verhören. Dagegen waren die Verluste in der Arainai-Zelle vergleichsweise gering. Es gab acht Tote, zehn schwere Verletzungen. Mit Zevran wären es elf gewesen, aber der Assassin, der seinen rechten Unterarm in betonter Lässigkeit auf eine hohe Stuhllehne gestützt hatte, war sehr darum bemüht, seine Stichwunde trivial erscheinen zu lassen.
Der Krähenmeister erläuterte seinen Plan für den Gegenangriff. Die Capos zeichneten Skizzen ab, machten sich Notizen. Es war an ihnen, die Aufträge möglichst präzise an ihre Gruppen weiterzuleiten. „Wir müssen schnell sein", bemerkte der Meister abschließend. "Yago und seine Leute dürfen keine Zeit haben, sich zu erholen und nachzurüsten. Spätestens in zwei Tagen stehen eure Teams. Seht zu, dass sich eure Verwundeten, sofern ihr sie braucht, bis dahin ausreichend regeneriert haben." Antonios undurchschaubarer Blick schweifte von einem der Capos zum nächsten. An Zevrans Gesicht blieb er länger als gewöhnlich hängen. „Ich werde selbst dabei sein. Yago gehört mir." Mit einem einfachen Wink seiner rechten Hand signalisierte der Meister das Ende der Versammlung. Die Teamleiter begannen, das Büro zu verlassen.
"Zevran, einen Moment noch..." rief der Meister dem jungen Assassin hinterher. Dem Elf fuhr der Schreck in die schmerzende Magengrube. Erneut stieg eine bedrohliche Übelkeit auf. Würde der Meister ihn nun auf seine Verfehlung im Kampf und die Verletzung ansprechen?
„Ja?" fragte er mit einer Stimme, die sowohl fest als auch entspannt klingen wollte. Er schluckte und atmete gegen Schmerzen und Brechreiz an, hoffend, dass es nicht auffallen würde.
Einige der anderen Capos schauten sich verwundert um, aber Antonios Ton war nicht zu entnehmen, um welche Art von Angelegenheit es sich handelte. Außerdem würde es niemand von ihnen es wagen, sich länger als erlaubt im Büro des Meisters aufzuhalten. Sie gingen, die Tür schloss sich.
Der Meister wies Zevran mit einer Kopfbewegung an, ihm näher zu kommen. "Dies ist eine gefährliche Situation. Wenn es Yagos Absicht ist, die Zelle zu schwächen, bin ich eines seiner Hauptziele." Der Meister stellte sich mit verschränkten Armen vor das Fenster, schaute hinaus. Die untergehende Sonne ließ sein Silberhaar rötlich schimmern. "Unser ältester Capo, Javiero, ist außer mir der einzige in unserer Zelle, der die Meisterweihe durchlaufen hat. Damit ist er bisher mein einziger möglicher Nachfolger." Antonio sprach in neutralem Ton. Zevrans einzige Reaktion bestand im Hochziehen einer einzelnen Augenbraue.
Der Meisterassassine drehte sich um, kam ein paar Schritte auf den Jüngeren zu. "Wie alt bist du jetzt?"
"Neunzehn in ein paar Wochen."
"Du bist zwanzig, falls dich jemand fragen sollte." Antonio fixierte Zevran mit seinen rätselhaften dunkelblauen Augen. "Ich möchte, dass du die Meisterweihe durchläufst, um im Falle meines Todes als Nachfolger bereitzustehen. Zwanzig ist das Mindestalter, sowohl für die Weihe, als auch für das Amt eines Krähenmeisters."
Zevran hatte sich mit einem leichten Gift betäubt, um ruhig schlafen zu können. Im Morgengrauen trat Antonio persönlich in sein Zimmer, ohne vorher anzuklopfen. Jove war gerade bei dem jungen Assassin, um seine Wunde neu zu verbinden. Äußerlich war es nur ein kleiner Einstich, die Naht war sauber. Doch der Elf wirkte blass und fiebrig. Der alte Heiler trug eine Paste mit Heilkräutern auf, ehe er den neuen Verband anlegte.
Antonio sagte nichts zu alledem. "Wir müssen gehen," waren die einzigen Worte, die er sprach, nachdem der Heiler mit einem stummen, demütigen Gruß an den Meister den Raum verlassen hatte.
Zevran nickte kurz, legte wortlos seine Kleidung an, jedes Anzeichen von Schmerz oder Schwäche dabei sorgfältig vermeidend. Bevor sie aufbrachen, wagte er eine Frage: "Warum ich?"
Der Meister zog den linken Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln nach oben, seine Augen blitzten kurz auf. Dann drehte er sich um und verließ das Zimmer, die Tür hinter sich aufhaltend. Zevran ahnte, dass er von Antonio womöglich niemals eine greifbare Antwort erhalten würde.
