I.11 Meisterkampf

Was jede Krähe braucht - Blutdurst. Die Lust zu jagen und zu töten. Ehrgeiz und Präzision. Talent und Eleganz. Nicht jeder ist zur Krähe geeignet. Die Rekruten werden sorgfältig ausgewählt. Unter Sklaven, Straßenkindern und Waisen. Sie müssen schön sein und stark. Sie brauchen dieses Feuer in ihren Augen. Sonst werden sie nicht alt. Und alt... alt ist man bei den Krähen mit dreißig.
Das Ansehen steigt mit jedem Jahr. Manche junge Krähe wird für ihr Talent bewundert, manche für ihr Glück. Doch die wahre Stärke eines Assassins zeigt sich in seiner Überlebensfähigkeit.

Du bist achtundvierzig, Meister Antonio. Du hast bereits alles bewiesen. Deine Kampfeskunst, deinen Ehrgeiz. Ein Sklave, ein Elf, der es bis an die Spitze einer der einflussreichsten Zellen geschafft hat. Was tust du hier? Warum setzt du dich dieser leichtsinnigen Gefahr aus? Warum trittst du diesem Unwürdigen selbst gegenüber? Diesem Möchtegern-Meister, dem Emporkömmling Yago? Du hättest ihn deinen Capos überlassen können. Zevran und Javiero hätten ihn mit ihren Gruppen einkesseln und vernichten können. Aber du hast sie nur den Weg räumen, das Gebäude sichern, die Wachen töten lassen - bis zu dieser Tür. Diese hast du allein geöffnet, dich von niemandem begleiten lassen. Du betrachtest dies als persönliche Angelegenheit. Auge in Auge mit deinem Herausforderer.

Da steht er, der Mensch Yago. Sicher fünfzehn Jahre jünger, zwei Köpfe größer - ein Bär von einem Mann. Du bist überrascht, dass er nicht mit Hammer oder Schwert, sondern mit zwei Dolchen kämpft - den einfachen, schlanken Krähendolchen. Yago ist nicht nur stark, er ist auch schnell und geschickt. Seine dunklen Augen flackern genau wie deine - Wut, Leidenschaft, Blutdurst...

Ob ihn deine Flammenschwerter beeindrucken, lässt er sich ebenso wenig anmerken wie du dir die Überraschung über sein Kampfgeschick. Ihr seid beide Profis. Du hast noch eine voll funktionsfähige Zelle - trotz einiger Verluste. Er, Yago, hat nichts mehr. Alle seine Leute sind tot, geflohen oder gefangen in den Kerkern unter dem Arainai-Komplex. Eigentlich ist der Kampf längst entschieden. Und trotzdem wird der Jüngere sich nicht geschlagen geben. Das weißt du, das spürst du. Er wird kämpfen bis zum letzten Atemzug - deinem oder seinem.

Auf seiner Seite - Jugend, Stärke und die Wut eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat. Auf deiner... die besseren Waffen - mit Lyrium verzauberte Elfenschwerter - leicht zu führen, schnell, scharf und beinah unzerstörbar. Und deine Erfahrung... jene Erfahrung, dass dein Herz schneller ermüdet, deine Muskeln eher schmerzen als dies noch vor fünf, sechs Jahren der Fall war. Du hättest es nicht tun müssen, dieses Wagnis eingehen, dieses Risiko. Und doch tust du es, weil du gar nicht anders kannst. Du bist der Meister - dies ist dein Kampf. Nur, wenn du diesen Emporkömmling schlägst, kannst du den anderen und dir selbst beweisen, dass du des Meistertitels noch würdig bist. Es hat mit Stolz zu tun, mit Ehrgeiz und Blutdurst.

Also blitzen deine Augen, die Schwerter fliegen. Dein Puls rast und du ignorierst den stechenden Schmerz in deiner Brust. Du parierst und greifst an und tanzt und bildest dir ein, das alles würde noch genauso gut laufen wie vor zwanzig Jahren. Der Schweiß rinnt über Stirn und Rücken, du atmest schwer, während der Jüngere noch frisch wirkt. Du hoffst, dass er deine Erschöpfung nicht bemerkt. Oder vielleicht doch... dass er leichtsinnig wird und vergisst, dass du das Schwert auch von links unten mit erstaunlicher Präzision schwingen kannst.

Ein Schrei aus rauer Kehle erfüllt den Raum. Du hast seinen rechten Unterarm getroffen, Sehnen durchtrennt. Ein Dolch fällt zu Boden. Yago braucht Zeit, sich zu sammeln. Aber die lässt du ihm nicht. Dein rechtes Schwert stößt du dem im Schmerz nach vorn gebeugten Mann in den Rücken. Mit einem kurzen, gurgelnden Geräusch des Unglaubens fällt er zu Boden. Eine Blutlache bildet sich auf dunklem Holz.

Du hast es bewiesen, du hast es geschafft. Zitternd erreichst du den wuchtigen Lehnstuhl an seinem Schreibtisch und fällst hinein. Dein Puls beruhigt sich nur langsam. Dein Atem schmerzt und schmeckt nach Blut. Aber dein Widersacher ist tot. Wie viele solcher Kämpfe wirst du noch bestehen können? Wie lange kannst du so noch leben?

Stechend blaue Augen durchsuchen den kleinen Raum, überblicken Bücher, Papiere, Waffen und eingestaubte Schränke. Sie bleiben an einem Fellbündel hängen, dass in der hinteren Ecke über einem Rüstungsständer liegt. Langsam, mühevoll erhebst du dich und gehst hinüber, streichst anerkennend über die Tierhaut, riechst daran. Gutes Material für eine Winterrüstung. Du nimmst es an dich, schaust noch einmal hinüber zu der Leiche am Boden. Dein Blick, den du hier vor niemandem mehr verbergen musst, verrät nur Erleichterung, keinen Triumph. Bevor du den Raum verlässt, ist deine Miene wieder undurchsichtig, der Schweiß getrocknet, der Puls still.