16 - Drei Betten
Die Regenzeit hielt sich in diesem Jahr nicht an ihr kalendarisches Ende. Es war schon Blütezeit, doch es regnete immer noch unablässig. In Antiva Stadt waren viele Uferstraßen und sogar Teile des Königlichen Palastes überflutet.
Eine schlanke Gestalt huschte durch die regnerische Nacht, verschmolz mit den fliehenden Schatten an Häuserwänden, bewegte sich schnell und geschickt. Ein Elf, ein Assassine, eine der berüchtigten Krähen Antivas, vielleicht die beste von ihnen. Zevran schlüpfte durch eine Dachluke ins Haus. Bevor er in sein Zimmer ging, bat er den Dienstjungen im Gang um einen Zuber mit heißem Badewasser. Er schloss die Tür hinter sich, öffnete die oberste Schublade seiner Kommode und ließ eine verschnörkelte silberne Gürtelschnalle in eine gut gefüllte Schachtel aus Silvanholz fallen. Dann begann er, seine Rüstung abzulegen, was in ihrem nassen Zustand schwierig war. Ärgerlich warf er die durchnässten Stiefel in eine Ecke - schon das zweite unbrauchbar gewordene Paar in diesem Jahr. Zum Glück waren es nicht seine besten.
Ein paar Zimmer weiter auf demselben Gang lag ein anderer junger Assassine in seinem Bett. Seine Augen waren geschlossen, die Haut über den Wangenknochen und dem breiten Kiefer wirkte angespannt. Schmale Elfenhände fuhren durch seine kurzen schwarzen Haare. Taliesen öffnete seine Lider und ließ seinen Blick über Gineras feine Züge wandern - die glatte, hellbraune Haut, grazil geschwungene Brauen, die zierliche Nase, die warmen Lippen. Seine Hand fuhr durch ihre weichen, braunen Locken. Schließlich liebkoste er mit seinen Fingerkuppen die Spitze ihres linken Ohrs. Die junge Elfin neigte ihren Kopf in Richtung der Hand, schloss die Augen und gab ein Schnurren von sich. Er kannte sie so gut. Leidenschaftlich bedeckte sie Hals und Oberkörper des stattlichen Mannes mit kleinen Küssen, streichelte seine empfindlichsten Stellen. Doch ihre Bemühungen erschienen fruchtlos.
"Komm, entspanne dich. Du machst dir zu viele Gedanken. Dass sollte sein Job sein, nicht deiner."
Taliesen seufzte leise und eine Falte bildete sich zwischen seinen dichten Brauen. "Du hast ja Recht, aber... er hat sich nicht einen Tag Ruhe gegönnt. Nicht einmal nach seiner schweren Bauchverletzung. Ich war bei ihm, er war fast tot."
"Warum so besorgt, Taliesen? Seine Wunde ist doch erstaunlich schnell geheilt, findest du nicht?"
Der junge Mann zuckte die Schultern. "Meister Antonio hat ihn am nächsten Tag mitgenommen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der einige Heilmagier in Antiva kennt."
Ginera schnaubte in leiser Verachtung. "Vorzugsbehandlung für das Schoßhündchen – wieder einmal." In einer unbewussten Bewegung strichen die Finger ihrer linken Hand über ihre eigene noch frische Narbe am Bauch. Sie war gut verheilt, allein aufgrund des Könnens der zelleneigenen Wundärzte. Für sie hatte man keinen Magier geholt.
Taliesen lachte tonlos. "Diese Missgunst steht dir nicht gut, meine Hübsche, sie lässt dich alt aussehen."
Es klopfte und Zevran trat ein, ohne lange abzuwarten. Wie es nach einem Bad oft seine Gewohnheit war, trug er nur eine einfache Leinenhose, sein Oberkörper war nackt. Seine Haut dampfte noch vom warmen Wasser und verströmte einen angenehmen Duft im Raum. Die Haare hatte er aus dem Gesicht gekämmt. So nass wirkten sie dunkler als gewohnt. Taliesen fiel wieder einmal auf, wie verdammt gut dieser junge Elf aussah - der schlanke, sehnige Körper, auf dem die Narben hier und da wie bewusst gesetzte Verzierungen wirkten, das fein geschnittene Gesicht , dessen Züge durch die tätowierten Linien auf der linken Seite dezent betont wurden. Aber da er den Elfen gut kannte, bemerkte er auch die Anzeichen von Müdigkeit um seine Augen. Die Stelle an Zevrans Oberkörper, in der der vergiftete Dolch gesteckt hatte, war zu Taliesens Erstaunen narbenlos. Allerdings war der Bereich deutlich gerötet. Der junge Mann fragte sich, ob das etwas mit der Heilmagie zu tun hatte oder womöglich Zeichen einer Entzündung war.
„Wenn man vom Teufel spricht…" sagte Taliesen breit grinsend.
Um Zevrans Mundwinkel formte sich sogleich ein anzügliches Lächeln. "Oh? Genau der Anblick, auf den ich gehofft hatte. Lasst euch nicht stören, ich suche nur meine zweite Rüstung. Ich glaube, die hatte ich bei dir gelassen." Der Elf begab sich zu einer Nische im hinteren Teil des Raums, in der sich ein großer Kleiderschrank und mehrere Truhen befanden und begann, diese zu durchsuchen.
"Wozu brauchst du denn jetzt die Rüstung?" fragte Taliesen skeptisch.
"Ich muss noch mal los heute." Der Elf setzte seine Suche fort. "Und so reizvoll es erscheinen mag - ich wollte nicht unbekleidet aufbrechen."
"Noch eine Mission? Du bist gerade erst von einer zurückgekehrt. Entspann dich doch mal!"
Zevran lachte. "Ah, mach dir keine Gedanken, das ist nur ein einfacher kleiner Auftrag - der Kapitän eines Piratenschiffs. Ich habe seine Frau kennengelernt und glaube mir, mehr brauche ich zur Entspannung nicht." Er lächelte in offensichtlicher Vorfreude.
"Also wieder eine Solomission? Vergisst du, dass du ein Team hast, Zevran?"
Der Elf lachte "Nein, keineswegs. Ich brauch euch noch früh genug. Sobald ein Bote Nachricht von unseren Spähern in Treviso bringt, startet der Einsatz gegen Lorenzo. Bereitet euch vor und ruht euch aus, ich brauche euch in Bestform. Ah, da ist die Rüstung ja!" Zevran nahm ein großes Bündel an sich und schlenderte langsam am Bett vorbei in Richtung Tür. "So schweigsam heute meine Schöne?", lächelte er Ginera an.
"Falls es dir noch nicht aufgefallen ist - du störst. Und ich habe kein Interesse, deinen Aufenthalt hier durch unnötige Worte zu verlängern." Statt den Elf anzuschauen, wandte sie sich Taliesen zu und liebkoste die weiche Stelle hinter seinem Ohr mit ihrer Zungenspitze.
"Hm, ich liebe es, wenn du so schnippisch bist, Ginera." grinste Zevran. "Aber leider habe ich keine Zeit mehr, dir weitere dieser reizenden Worte zu entlocken. Isabela erwartet mich." Mit schwungvollen Schritten verließ er das Zimmer, nicht ohne dem Paar im Bett noch einen letzten gierigen Blick und ein bedauerndes Seufzen zuzuwerfen.
"Du begehrst ihn." sagte Ginera nach einigen Sekunden des Schweigens.
Taliesen stutzte "Wie kommst du darauf? Weil ich mir Sorgen gemacht habe? Das ist eine dumme Marotte aus alter Gewohnheit - betrachte ihn wohl immer noch als meinen Zögling."
"Nein, weil das hier…", sie unterstrich ihre Worte, indem sie sein das Zeichen seiner Erregung mit ihrer Hand sanft drückte, "genau in dem Moment hart geworden ist, als dein Blick über seinen Körper wanderte.
Der junge Mann schaute die Elfin verwirrt an. Sein Blick wirkte - wie - überrascht, ertappt? "Aber ich habe nie... ich meine - nein, ich stehe nicht auf Männer! Ich wurde oft genug gezwungen und habe es immer gehasst."
Ginera lachte leise." Sei nicht albern, Taliesen. Das steht dir nicht."
Es war ein schönes Anwesen, das sie in der Nähe von Treviso erstanden hatten – direkt an der Steilküste mit Blick aufs Meer. Im ausgedehnten Garten standen die Mandarinenbäume in voller Blüte. Sie hatten von den starken Regenfällen in der Hauptstadt gehört. Hier weiter im Norden war der Himmel sternenklar. Die hohen Fenster des Schlafzimmers waren weit geöffnet. Die leichten weißen Gardinen flatterten in der milden Nachtluft. Martha vernahm das Rauschen des Meeres, das Zirpen von Grillen, einen leisen Wind in den Bäumen, der betörenden Blütenduft zu ihr trug. Doch da war noch ein Geräusch – irgendein Knarren in der Ferne, das sie hatte hochschrecken lassen aus ihrem leichten Schlaf. In Panik sprang sie auf, rannte zu den weit geöffneten Fensterflügeln und schloss sie mit zitternden Armen. Dann lehnte sie sich atemlos, keuchend gegen den Fensterrahmen. Lorenzo war wach geworden, hatte sich im Bett aufgesetzt und schaute seine Frau fragend an. „Martha? Was ist los? Ist was passiert?"
Die korpulente Frau schüttelte den Kopf, schniefte, als sich Tränen in ihren Augen bildeten. „Das Fenster… so… gedankenlos. Während…" Die Tränen schüttelten sie und ließen ihren Satz unbeendet. Sie rutschte am Fensterrahmen hinunter, bis sie mit angewinkelten Beinen am Boden saß. Ihr Mann stand auf und ging langsam Richtung Fenster, hockte sich zu ihr und umarmte sie. „Ja… ich weiß. Ich wünschte, ich könnte dir sagen, dass du hier sicher bist… ihr beide, meine ich. Er berührte mit einer zärtlichen Geste ihren runden Bauch und küsste ihn. „Das ist kein Leben mehr so. Du sollst so nicht leben müssen – in ständiger Angst, dass sie uns aufspüren und töten könnten. Darum gehe bitte, wie wir es geplant hatten, ja?" Lorenzo streichelte eine ihrer roten Wagen und küsste eine Träne weg. „Die Kutsche bringt dich morgen früh zum Hafen, das Schiff legt noch vor der ersten Morgenmesse ab. In ein paar Wochen bist du in den Freien Marschen und in Sicherheit. Hörst du? Ich komme später nach. Sobald… ich hier alles erledigt habe."
Martha nickte zunächst, schüttelte dann aber wieder den Kopf, hob ihn und schaute ihrem Mann unter Tränen ins Gesicht. „Ich habe Angst, dass dies unsere letzte Nacht ist. Dass ich dich nie wieder…" Noch einmal erstickten die Tränen ihre Worte. Lorenzo umarmte seine Frau – so fest, so liebevoll er nur konnte. Sein Blick aus dem Fenster in die Nacht war voller Trauer und Sorge.
Irgendwo im ausgedehnten Gebäudekomplex der Arainai-Zelle in Antiva Stadt lag ein Elf in seinem Bett. Er schlief unruhig, rang nach Luft. Die Wangen waren blass und eingefallen, die langen hellen Haare schweißnass.
