Ich bitte um Entschuldigung für die defekte Datei. Habe den Text nun repariert, so gut es ging.
Der erste Versuch ging schief. Zevran konnte froh sein, dass er mit heiler Haut davon kam - und wenig mehr. Im immer noch unablässig fallenden Regen flüchtete die Krähe nackt aus Isabelas Kabine, rannte über das Deck der Sirenengesang, sprang ins Hafenbecken und versteckte sich unter dem Anlegesteg, bis die wütenden Rufe des gehörnten Ehemanns - der sein Ziel gewesen war – endlich zur Ruhe kamen. Im kalten Wasser zitternd überlegte er, wie er wieder an seine Ausrüstung käme.
Es war natürlich dumm von ihm, nicht geduldig im Schatten lauernd auf die Rückkehr des Mannes zu warten, wie es sich für einen guten Meuchelmörder gehört hätte, sondern sich die Zeit mit Isabela zu vertreiben. Die rassige Piratenbraut, die mit ihrer Zunge ebenso geschickt wie mit ihren Dolchen war, hatte ihn sehr erfolgreich abgelenkt. Und hätte sie mit ihrem Mann unter einer Decke gesteckt, würde Zevran nun nicht mehr leben. Doch er hatte Glück im Unglück - einmal wieder. Während Isabela aufsprang und ihren aufgebrachten Mann umarmte, um ihn zu beruhigen, konnte Zevran einen seiner Dolche greifen und durch das Bullauge der Kabine entkommen.
Der wütende Kapitän stieß seine Frau zurück und verfolgte den Flüchtenden, spannte seine Armbrust - aber da war der Übeltäter schon aus seinem Gesichtsfeld entschwunden. Er lief zur Reling, schaute am Schiff hinunter, schaute über das regengraue Meer, auf die Decks der benachbarten Schiffe am Hafen. Weit sehen konnte er ohnehin nicht in dieser regnerisch trüben Nacht. Dieser reichlich tätowierte, langhaarige Elf, den er im Bett seiner Frau erwischt hatte, schien spurlos verschwunden. Aber war er nicht gänzlich unbekleidet?
Luis Corrado zuckte die Schultern und schlenderte gemächlich zu seiner Kapitänskajüte, wo er seine Waffen aufbewahrte. Mit den Zähnen zog er den Korken aus der angebrochenen Branntweinflasche, die er immer bei sich trug, trank einige Schlucke und murrte über die Untreue der Frauen. Mit einem langen Schwert am Gürtel begab er sich zur Kabine seiner Gemahlin. Dort lagen noch die Sachen des Betrügers. Hier würde er ihm auflauern. Er stellte sich hinter die Tür, das Schwert gezückt und wartete… Nach einigen Minuten gähnte er und rieb sich seinen Arm. Ach, das Schwert kann ich doch auch noch ganz schnell ziehen, wenn er kommt. Zur Probe steckte er das Schwert in die Scheide und zog es, so schnell er konnte. Er nickte zufrieden und wiederholte den Versuch einige Male. Darüber vergingen weitere Minuten. Er lauschte, aber es blieb still vor der Tür.
Isabela erwachte und drehte sich murrend um: Luis? Was machst du hier?"
„Schweig still, Weib! Du verdirbst sonst alles!"
Isabela zuckte die Schultern „Mach, was du willst, aber sei leise dabei, ich will schlafen." Sie drehte sich auf die andere Seite und schlief wieder ein.
Corrado seufzte. Er wartetet weitere Minuten, gähnte immer wieder. Seine Beine fühlten sich schwer an. Ich kann doch auch ganz schnell aufspringen, sobald ich etwas an der Tür höre. Der Kapitän setzte sich auf dem Boden neben den Kleiderstapel des Assassins. Da der Waffengurt drückte, löste er ihn und legte ihn neben sich. Weitere Minuten später streckte seine Beine aus und nahm noch ein paar Schlucke aus seiner Branntwein-Flasche. Und es war immer noch nichts zu hören…
Zevran schlich sich so leise auf das Schiff, wie es ihm in seinem schutzlosen und unterkühlten Zustand nur möglich war. Es war ihm klar, dass der Kapitän einen Hinterhalt gelegt haben könnte. Aufmerksame Augen suchten nach Fallen. Die Kabinentür erreichte er schadlos. Der Regen hatte endlich nachgelassen, aber ein kühler Wind strich über Zevrans bloße Haut und ließ ihn schauern. So vorsichtig es mit seinen steif gewordenen Händen ging, öffnete er die Tür – und musste aufpassen, nicht laut loszulachen bei dem Anblick, der sich ihm offenbarte.
Im Bett lag Isabela und schlief. Am Fußende ihres Bettes lehnte der Kapitän und schnarchte sehr laut. Neben ihm eine leere Branntweinflasche und sein Gürtel mit dem Schwert. Der Mann hatte sich – wohl aus Bequemlichkeit, Jacke und Hemd geöffnet. Ein Büschel dichter Brusthaare lugte hervor. Zevrans Dolch war blitzschnell – ein kurzes alkoholisiertes Stöhnen und der Kapitän der Sirenengesang war tot.
Isabela ließ sich davon in ihrem Schlaf nicht stören. Nachdem der Assassin sich angekleidet hatte, küsste er die Wange der schönen Frau und verließ das Schiff im Morgengrauen.
Zevran lief durch die Gassen des Hafenviertels. Hier kannte er jeden Winkel, beinah jeden schmutzigen Stein. Da gab es die Ecke, an der Signora di Manico starb, am Flussufer die Stelle, an der er Sûls Leichnam gefunden hatte. Und gleich da drüben, an der Straße, die zum Marktplatz führte, stand das Angelo Sanguino - das Hurenhaus, in dem er seine ersten Lebensjahre verbracht hatte. Zwei Lieblinge hatte er dort, die er regelmäßig besuchte - das Elfenmädchen Lelazar mit den sanft-braunen Augen und Cibellio, einen jungen Mann, der ihn an Sergio erinnerte. Er hatte fast die gleichen hellbraunen Locken und große blaue Augen. Sogar Statur und Größe waren ähnlich. Nur die Stimme - die passte ganz und gar nicht. Darum durfte Cibellio nie sprechen, wenn sie zusammen waren. Täte er es doch, würde der Assassin ihm die Zunge herausschneiden.
Zevran war müde, ihm war kalt. Und doch hatte er keine Eile, in sein Krähenquartier zurückzukehren. Er kannte die Agonie nach einem beendeten Auftrag. Das Gefühl von Leere, von Kälte, von Tod… Es gehörte nicht zu den Dingen, die er jetzt ertragen könnte. Er wollte sich spüren, irgendetwas spüren. Doch lebendig fühlte er sich nur noch auf der Jagd nach einem Opfer, im Augenblick des Tötens. Oder in Momenten der sexuellen Erregung und Ektase. Aber es war zu spät für einen weiteren Auftrag und zu früh für das Angelo. So erreichte Zevran das Gebäude der Arainai kurz nach Sonnenaufgang und fragte den Jungen im Gang zum zweiten Mal innerhalb weniger Stunden nach heißem Badewasser.
Der Zuber kam rasch. Zevran stieg in das warme Wasser, tauchte ganz tief hinein und spürte, wie sich eine angenehme Wärme in seinem Körper ausbreitete. Er schloss die Augen, als er hörte, wie jemand ins Zimmer trat – wohl bekannte Schritte. Zevran änderte seine entspannte Haltung nicht, öffnete noch nicht einmal die Augen. „Was willst du, Taliesen? Mir Gesellschaft leisten? Es ist noch…" Den strengen Geruch des lähmenden Gifts nahm er erst wahr, als das Tuch ihm Mund und Nase verschloss. War es das nun? Eine Krähe musste auf Betrug und Tod gefasst sein. Jeden Tag konnte es passieren, jedem, überall. Es gab keine Sicherheit, keine echten Freunde, kein Vertrauen.
Zevran starb nicht. Er erwachte in seinem Bett. Es war heller Tag – die Regenwolken hatten sich verzogen. Eine hungrige Sonne tauchte Antiva in goldenes Licht. Aber der Elf war nicht allein und hatte keine Augen für die Sonne. Seine Arme waren an die Bettpfosten gefesselt, und auf ihm saß Taiesen – so nackt wie er selbst und deutlich erregt. "Guten Morgen!" Der junge Mann grinste und strich mit dem Daumen über eines der gefesselten Handgelenke „Verzeih mir, ich hoffe, es ist nicht zu unbequem. Aber wenn du dir selbst keine Ruhe gönnst, muss ich dich wohl dazu zwingen."
Zevran lachte. Die Fesseln waren nicht wirklich fest. Es wäre für ihn kein Problem gewesen, sich daraus zu befreien. Aber warum, wenn es gerade so interessant wurde? "Ich wusste, dass das irgendwann passieren würde." Er grinste selbstzufrieden und wartete gespannt.
Taliesen war nicht zärtlich. Er agierte hitzig, grob in seiner aufgestauten, lang nicht eingestandenen Leidenschaft. Zevran genoss die Intensität seiner festen Griffe, Bisse und Schläge, das beinah brutale Eindringen. Sie erregten ihn auf neue, prickelnde Art. Dass er gefesselt und ausgeliefert war, verstärkte dieses Gefühl. Es ließ ihn vergessen, wo er war, wer er war. In diesem süßen Schmerz war eine Freiheit, wie er sie seit seiner Vision vom Fliegen nicht mehr gespürt hatte. Dem Höhepunkt folgte eine tiefe, zufriedene Müdigkeit und Schlaf - so ruhig, so fest wie lange nicht.
Als er aufwachte, war es wieder dunkel. Er war allein im Zimmer und seine Handgelenke frei. Sie waren noch rot, an manchen Stellen aufgerieben von dem groben Strick. Grinsend strich er über die Spuren. Dann begann er, sich anzukleiden. Er stutzte, als er Schritte im Gang hörte, diesmal unvertraut. Sie hielten vor seinem Zimmer.
Zevran kannte den Mann, der eintrat, hatte ihn bisher aber nur stumm und stehend erlebt – er war einer der persönlichen Leibwächter Antonios.
„Zevran? Der Meister wünscht Euch zu sprechen. Es eilt!"
