Zevran warf sich eilig ein Hemd über, dann rannte er durch Gänge und Treppen zu Antonios Büro. Der Meister hatte sonst immer einen Boten geschickt, wenn es etwas zu besprechen gab, noch nie seinen Leibwächter. Was war passiert?

Im Büro brannte eine einzige kleine Kerze auf dem Schreibtisch. Der Meister stand in einer dunklen Ecke gegenüber dem Eingang. Er ließ nicht erkennen, ob er den Eintretenden bemerkt hatte, hob weder zum Reden an, noch bewegte er sich. Zevran schloss die Tür und ging zögernd einige Schritte auf den älteren Elf zu. Als der immer noch nichts sagte, begann Zevran selbst: "Meister Antonio? Euer Leibwächter rief mich. Er sagte, es sei dringend?"

Der Meister nickte. "Richtig. Ich wollte dich noch einmal sehen, bevor ich sterbe."

Die Worte, vor allem aber der Ton, in dem sie gesprochen wurden, ließen Zevran erschauern. Die Stimme des Meisters war ein mühevolles Röcheln, und da er nun den Kopf hob, bemerkte der Assassine im schwachen Licht, dass Antonio schwer krank war - das Gesicht ausgemergelt und grau, die Wangen hohl. In seinen Augen brannte Fieber. Er rang nach Luft, musste Husten.

War es eine Lungenentzündung? "Ihr müsst nicht sterben, Meister. Ich war selbst einmal sehr krank und habe es überstanden. Ihr braucht Ruhe und Medizin."

Antonio schüttelte langsam den Kopf, dann hob er eine Hand - an den Fingern waren schwarze Geschwüre. "Es ist keine Lungenentzündung, Zevran. Es ist Anthrax."

Vielleicht war es Zufall, dass das Fell in Yagos Büro verseucht war. Doch der Verdacht lag nahe, dass Lorenzos Meister das Fell bewusst dort platziert hatte - als letzte Chance, seinen Mordauftrag noch auszuführen, auch wenn er diesen Triumph selbst nicht mehr erleben würde. Antonios Haut, seine Lungen, sein Blut wurden von der Seuche zerfressen. Es gab keine Überlebenschance.

"Was ist mit Heilmagie?", fragte Zevran, "Meister Dendayar - könnte er Euch nicht helfen?"

Antonio lehnte an der Wand. Ein Hustenanfall schüttelte seinen hageren Körper. Er senkte den Kopf auf die Brust. Das Sprechen fiel ihm merklich schwer.

"Dendayar ist ein Meister seines Fachs. Aber der Heilmagie sind Grenzen gesetzt. Bei Schnitt- und Stichwunden, sogar solchen, die sonst tödlich wären, vollbringt er wahre Wunder. Ist ein Heilmagier sehr mächtig, gelingt es ihm sogar, Knochenbrüche zu heilen. Aber gegen Krankheiten und Gifte braucht es zusätzliche Mittel - Heilkräuter, Säfte, Tinkturen... Und gegen manche Seuchen hilft gar nichts."

Antonios Stimme war schwach, seine Rede wurde immer wieder von Husten unterbrochen. Und doch fuhr er fort… „Erinnerst du dich, wie Dendayar deine Wunde schloss? Die Verletzung heilte augenblicklich, die Entzündung, die sich gebildet hatte, aber nicht. Wenn ich mich nicht täusche, hattest du noch einige Tage lang damit zu tun. Vielleicht sogar immer noch?" Er schaute prüfend in die Augen des Jüngeren, doch der hielt seinen Blick verschlossen. „Nun, zumindest als wir in Lorenzos Quartier waren, wirktest du noch angeschlagen. Ich habe die Anspannung in deinem Gesicht bemerkt."

Zevran seufzte. Er ärgerte sich, dass er so leicht zu durchschauen war. "Und ich dachte, es wäre eine Folge des Blutrituals gewesen…"

Der Meister legte dem Jüngeren eine Hand auf die Schulter - sie zitterte. "Du hast diesen Schmerz ertragen und hast gekämpft. Selbst krank bist du noch schneller als viele andere. Und keine Sorge - du bist ein Meister im Verbergen deiner wahren Gefühle. Du täuschst Heiterkeit vor. Das lässt dich sympathisch wirken, öffnet dir Türen. Du wirst von deinen Gegnern unterschätzt, das macht dich gefährlich. Du hast Dinge fertig gebracht, die dir niemand zugetraut hätte. Das war schon so, als du erst zwölf warst. Und ich denke, nun hast du auch die Antwort auf die Frage, die du mir vor einiger Zeit gestellt hattest."

Zevran schluckte. Worte des Lobes waren selten unter Krähen. Eine solche Rede auf seine Fähigkeiten hatte er noch nie gehört und niemals für möglich gehalten. Es mochte an Antonios hohem Fieber liegen, an der Nähe seines Todes. Aber auch, wenn die Situation unheimlich war – diese Worte taten gut. Eine Bestätigung für das, was er war, wie er war – für seine Art, den Weg einer Krähe zu gehen.

„Ich werde sterben, Zevran", wiederholte der Meister, nachdem der Jüngere stumm geblieben war. „Es lässt sich nicht ändern. Ich habe ein Testament aufgesetzt, laut welchem du als mein Nachfolger bestimmt bist. Das letzte Wort über die Besetzung seines Hauses hat allerdings Arainai. Ich kann nur hoffen, dass er weise entscheidet. Doch zunächst… haben wir noch einen Auftrag zu erfüllen."

Antonio ging mühsam zu seinem Schreibtisch. Zevran folgte ihm langsam, wagte es aber nicht, dem schwerkranken Mann eine Stütze anzubieten. Der Meister händigte dem Assassin eine Schriftrolle aus. "Hier sind alle Informationen darüber, wo Lorenzo sich aufhält, wie er am besten zu fassen ist. Ich möchte, dass du mit deiner Gruppe den Fall übernimmst. Aber... bevor du nach Treviso aufbrichst, wollte ich dir noch etwas geben."

Der schwerkranke Elf bot Zevran einen Sitz an. Das hatte er noch nie getan, und hatte auch selbst während der Besprechungen noch nie gesessen. Was unter anderen Umständen als Zeichen der Vertrautheit hätte gedeutet werden können, zeigte nun vermutlich nur, wie schlecht es um die Gesundheit des Meisters stand. Antonio ließ sich mühsam in dem Lehnstuhl gegenüber Zevran nieder. Er öffnete den Gürtel, den er um seine Taille trug, ließ das glatte, kühle Metall durch seine Hände gleiten.

"Ich war noch ein recht junger Assassine, als ich bemerkte, dass es mir Glück brachte, wenn ich die Trophäen meiner Opfer als Talisman bei mir trug. Ich begann, die Gegenstände in einem Säckchen zu sammeln, dass ich mit mir nahm, aber das wurde unpraktisch mit der Zeit - es passierte, dass das Klirren mein Kommen verriet. Dann, als ich eines meiner Ziele - einen Goldschmied - bei seiner Arbeit beobachtete, kam ich auf eine Idee. Nachdem ich ihn getötet hatte, nutze ich seine Werkstatt und sein Werkzeug, um meine Trophäen einzuschmelzen und einen Gürtel daraus zu fertigen. Am Anfang war er sehr dünn und passte gerade so um meine Taille, aber er wuchs, als ich über die Jahre immer mehr Teile hinzufügen konnte, und mit jedem Teil wuchs auch seine Macht. Er ist magisch, du wirst es spüren." Er hielt den Gürtel in die Höhe, bot ihn dem Jüngeren an.

Zevran nahm ihn zögernd an sich. „Danke sehr. Ich fühle mich geehrt." Er stand auf und verbeugte sich tief. Eine Geste der Anerkennung Älteren und Dienstherren gegenüber, die Zevran in seinem Training gelernt hatte, aber nur selten verwendete. Noch viel seltener war sie nicht ironisch gemeint.

Der junge Elf kannte das Gefühl der Besorgnis nicht. Es war ihm fremd und beinah peinlich, Antonio so schwach und dem Tode nahe zu erleben. Der Meister schien seine Unsicherheit zu spüren. Er wandte sich von ihm ab: "Du solltest jetzt gehen."

In einem plötzlichen Impuls ging Zevran zu Antonio hinüber, berührte seinen Arm. "Ich will Euch so nicht allein lassen. Lasst mich Euch helfen, bitte."

Des Meisters erste Reaktion war Abwehr. Es wäre nur natürlich gewesen, nach allem, was sie beide gelernt hatten, den angebotenen Arm wegzustoßen. Doch hielt er inne, nickte, senkte den Blick und ließ zu, dass Zevran ihm aufhalf. Der junge Assassin brachte seinen Meister durch die Hintertür des Büros in sein Schlafgemach. Sein Leibwächter - derselbe, der Zevran zuvor abgeholt hatte, stand stumm und regungslos neben der Tür, ließ die beiden passieren. Als Antonio sein Bett erreicht hatte, bot Zevran ihm ein Glas Wasser an.

"Danke, mein Sohn."

Der Meister sah seinem Wunschnachfolger lange und tief in die Augen. Der antwortete nicht, aber Antonios letzte Worte brannten sich in sein Gedächtnis.

Zevran ging zum vergitterten Fenster des relativ kleinen Schlafzimmers. Er hielt den Gürtel in der Hand und kämpfte mit den Tränen. Besorgnis, Wut, Trauer - Gefühle, die eine Krähe nicht haben dürfte. Er ballte seine Faust und schlug sie gegen den Fensterrahmen. Sorge war nutzlos, Trauer half niemandem. Doch Wut... Wut konnte er für sich nutzen. Wut konnte zu Hass werden. Hass auf Yago war Hass auf Lorenzo, und der war sein nächstes Ziel.

Du wirst keinen einfachen Tod sterben, Lorenzo, das schwöre ich.