Lange blieb Zevran an jenem Fenster stehen. Er hielt immer noch den Gürtel in seiner linken Hand. Die rechte hielt einen Stapel Papiere, die er aufmerksam studierte. Auf den Schriftrollen stand viel mehr als nur Informationen über Lorenzo. Sie enthielten einen langen Brief von Antonio an seinen Nachfolger - Hinweise über den Aufbau der Zelle, Bemerkungen über die Eigenschaften anderer Capos und ihrer Mitarbeiter, sogar über Arainai selbst. "Denke auch an die Gefangenen aus Lorenzos Zelle. Ich habe es nicht mehr geschafft, mich darum zu kümmern. Suche nach brauchbaren Kräften, die wir aufnehmen können, den Rest lasse töten." Ein weiterer Absatz war offenbar später hinzugefügt worden - die Schrift war zittrig und nur schwer lesbar. Sein Körper, so schrieb Antonio, sollte nach seinem Tod von niemandem berührt und auf keinen Fall verbrannt werden, da sich die Seuche sonst ausbreiten könnte.
Der Assassine rollte die Papiere zusammen und verstaute sie in seiner Rüstung. Die ganze Zeit hatte er das Röcheln und Husten des Schwerkranken gehört, nun war eine gespenstische Stille eingetreten. Zevran schaute hinüber zum Bett, auf dem der Meister regungslos lag. Bewusstlos oder schon tot? Der Assassine ging zögernd näher. Seine Hand schwebte über Antonios Gesicht - die Haut grau, von der Krankheit gezeichnet, reif, aber immer noch fast faltenlos. "Wie gut gegerbtes Leder" flüsterte der junge Elf. Er zog seine Hand wieder zurück. Am Fußende lag eine zusammengerollte Decke. Zevran nahm sie und deckte den Meister damit zu. Dann verließ er das Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich.
Der Leibwächter berührte Zevran am Arm. Es war eine beinah unmerkliche Bewegung. Der Elf drehte sich um und fand einen fragenden Blick. „Meister Antonio wünscht nicht gestört zu werden", flüsterte der junge Capo mit entschiedenem Ernst. Der Leibwächter nickte und kehrte zu seiner gewohnten Unbeweglichkeit zurück.
Im Keller war Rayinne gerade damit beschäftigt war, ihre Instrumente zu reinigen. Als Zevran in ihr Büro trat, blickte sie auf und hob beide Augenbrauen, so dass sich ihre Stirn leicht kräuselte. „Ah, die Bauchwunde. Ich habe von Eurer raschen Genesung gehört… Darf ich mal sehen?"
Zevran grinste. „Deswegen bin ich nicht hier. Aber wie könnte ich einer hübschen Frau einen solchen Wunsch verwehren?" Er öffnete sein Hemd und gab den Blick auf seinen sehnigen Oberkörper frei. Die Heilerin betrachtete die rote Stelle kritisch und tastete sie ab. „Ich werde Euch etwas gegen die Entzündung geben", sagte sie und verschwand im Nebenraum. Kurz darauf kam sie mit einem kleinen Päckchen zurück, das sie dem Assassin übergab. Der roch daran und schmunzelte „Calendula?"
„Es muss nicht immer gleich Magie sein. Manchmal reicht auch ein einfaches Kraut", erwiderte die junge Frau ungerührt. „Aber weshalb seid Ihr gekommen?"
„Es geht um die Gefangenen…" sagte Zevran und zeigte Rayinne eines der Schreiben von Antonios Hand.
Kurz vor Morgengrauen weckte Zevran sein Team und befahl den Aufbruch nach Treviso. Im kräheneigenen Stall am nördlichen Stadtrand ließ er sich drei Pferde geben, für deren Miete er teuer bezahlen musste. Aber Geld würde bei diesem Auftrag keine Rolle spielen - der versprochene Lohn war fürstlich. Taliesen, Ginera und Zevran ritten voraus. Zwei ihrer Kundschafter waren bereits vor Ort, drei Fernkämpfer würden per Kutsche folgen. Sie nahmen die kürzeste Route nach Norden, durch Frühlingswiesen und blühende Wälder. Zevran gab ein hohes Tempo vor und erlaubte nur dann eine Rast, wenn die Pferde eine brauchten.
Zevran wirkte angespannt und unruhig während dieser Pausen. In der ersten Nacht schlief er gar nicht und hielt die ganze Zeit Wache. In der zweiten sollte Taliesen die erste Nachtwache übernehmen. Ginera war bald eingeschlafen, erschöpft vom langen Ritt. Doch Zevran war immer noch wach. Taliesen sah den Elf in seinem Bündel kramen. Neugierig schlich er näher. So konnte er erkennen, dass Zevran eine Phiole herausholte. Er ließ einen Tropfen der hellen, durchscheinenden Flüssigkeit auf seinen Dolch tropfen. Dann ritzte er sich mit dessen Spitze den eigenen Unterarm auf und schloss die Augen, erwartungsvoll.
„Ich hab's geahnt...", zischte der Dunkelhaarige und näherte sich dem Elf.
„Was hast du geahnt, Taliesen?", fragte Zevran. Seine Stimme klang müde.
„Diese Zeug, das du nimmst. Es putscht dich auf, nicht wahr? Ich hab dich beobachtet. Die ganze Unruhe, du schläfst nicht, isst kaum was…"
„Es ist nicht, was du denkst", fiel der Elf seinem Gefährten ins Wort. „Ich putsche mich nicht auf. Ich versuche, Schlaf zu finden."
Taliesen stutzte „Dann ist es…" Er hockte sich zu dem Jüngeren und roch an dessen Schnittwunde. „Bist du verrückt?" Seine Stimme klang viel besorgter als er wollte und er schüttelte den Kopf.
„Nichts anderes hat geholfen…"
Etwas in Zevrans Stimme ließ Taliesen verstummen. Einem spontanen Impuls folgend, legte er dem jüngeren eine Hand auf die Stirn. Zevran seufzte leise mit geschlossenen Augen.
Was war das nur?, wunderte sich Taliesen. Begehren? Es fühlte sich anders an. Er wollte den Elfen nicht verführen. Er wollte ihn in den Arm halten, sein Gesicht streicheln. Ein absurder Gedanke! Zevran würde ihn auslachen, wenn er davon wüsste. Das würde er im umgekehrten Fall doch auch tun. Oder?
Der junge Mann räusperte sich, stand auf und zog seine Hand wieder zurück. „Ich… gehe auf meinen Posten."
„Hmm", brummte Zevran, dem Schlafe nahe.
Treviso war eine bedeutende Hafenstadt und Handelsmetropole im nördlichen Antiva, wenn auch bei weitem nicht so einflussreich wie die Hauptstadt selbst. Die drei Krähen erreichten das südliche Stadttor am fünften Tag nach ihrer Abreise – das war ein beeindruckendes Tempo, die Postkutsche brauchte acht Tage für dieselbe Strecke. Es war heller Vormittag, die Sonne brannte von einem glasblauen Himmel. Das Klima in Treviso war wärmer als in der Hauptstadt, was vor allem am Einfluss der heißen Winde aus den Trockenlanden lag – der großen Wüste tief im Landesinneren von Antiva.
Im südlichen Stadtviertel empfing die Krähen lautes Markttreiben. Stände mit Fischen, Leder, Vieh und Tuch. Auch ein Sklavenhändler war dabei. Rechter Hand führte eine steile Straße zum Hafen hinunter. Die drei Assassinen folgten dem nördlichen Weg in die Stadt hinein und wurden kurz darauf angesprochen.
„Ein rotes Samtkleid für die Dame, Galoschen für den Herrn?" fragte ein hagerer Händler am Straßenrand.
„Wir möchten uns die Ware näher anschauen", erwiderte Zevran.
Die Codeworte waren ausgetauscht. Der Hagere führte die drei Assassinen durch mehrere Seitenstraßen bis zu einem Stall und danach – ohne ihre Pferde – tiefer in die Stadt. Eine Zusammenarbeit der örtlichen Krähenzellen mit denen andere Städte war selten. In diesem Fall jedoch hatte Arainai arrangiert, dass die Zelle eines befreundeten Handelsprinzen seinen Assassinen Kost und Logis gewährte. Auf diese Weise konnten sie sich besser auf ihren Auftrag konzentrieren, als wenn sie in einem Gasthaus untergekommen wären.
Sofort nach seinem Eintreffen beriet sich Zevran mit seinen Kundschaftern und erkundigte sich nach der Lage des örtlichen Laboratoriums. Später sortierte er seine Waffen und Gifte und resümierte in Gedanken seinen Plan. Lange nicht mehr - seit seinem ersten Mordauftrag an jenem Handelsprinzen aus Rivain - hatte er eine Begegnung so herbeigesehnt.
