Warnung: Das folgende Kapitel enthält einige sehr brutale Szenen. Wer auf Gewaltbeschreibungen empfindlich reagiert, sollte das lieber nicht lesen! Ich werde am Anfang des nächsten Abschnitts den Inhalt kurz zusammen fassen.


Antiva-Episoden

Teil I

Kapitel 16 - Lorenzo


Lorenzos Anwesen am Strand war gesichert wie eine Festung. Seine Stadtresidenz, in der sich sein Büro befand, war ebenfalls stark bewacht. Es gab eine Schwachstelle, an der er angreifbar war - das war sein täglicher Weg zur Arbeit. Seine Berater hatten ihm schon vor Wochen geraten, entweder ganz in die Stadt umzuziehen, oder seine Geschäfte von zu Hause aus zu erledigen, um die Gefahr für sich selbst geringer zu halten. Lorenzo meinte jedoch, er wolle sich nicht sein restliches Leben lang einsperren. Von seinen Fluchtplänen in die Freien Marschen verriet er vorsichtshalber niemandem etwas. Die Vorbereitungen waren fast abgeschlossen, in wenigen Tagen würde er Martha nach Süden folgen können.

Vorerst holte ihn immer noch jeden Morgen eine Kutsche ab. Sie hielt genau um neun Uhr dreißig vor seiner Einfahrt. Es gab je zwei Wachen vorn und hinten - sie trugen Rüstungen aus Silberit mit dem Familienwappen der Lorenzos und waren stark bewaffnet. In der Kabine selbst saß Lorenzos persönlicher Leibwächter und ein Dienstknabe. Wie immer stieg Lorenzo gemeinsam mit seinem Leibwächter um neun Uhr vierzig ein und setzte sich in seinen komfortablen Sitz, während Wache und Diener hinter einem Vorhang auf einer schmalen Holzbank saßen. Und wie immer ließ er sich genau um neun Uhr fünfzig ein Glas Wein reichen.

Lorenzo stutzte, denn der Wein, den er an jenem Morgen bekam, hatte einen unangenehm stechenden Geruch. Er schaute seinen Diener fragend an - zum ersten mal überhaupt. Er hatte sich noch nie für die Gesichter seines Personals interessiert. Dieser kleine, schmächtige Jüngling grinste, stieß Lorenzo mit einem kräftigen Griff seiner linken Hand fest in den Sitz, drückte gleichzeitig seinen Unterkiefer herunter und schüttete das Glas vollständig in den weit geöffneten Mund. Das war ein unsagbarer Schmerz, der brannte und wühlte - auf der Zunge, im Mundraum, die Speiseröhre hinunter. Lorenzo wollte schreien, aber seine Stimme versagte.

Voller Entsetzen, hustend, starrte er in das Gesicht des Mannes, der sich als sein Diener eingeschlichen hatte "was..?" ächzte er tonlos. Er erntete ein brutales Lachen. Der Elf, wie sich nun herausstellte, nahm den tarnenden Hut ab, blondes Haar quoll hervor. Er wischte sich mit der flachen Hand das Makeup aus dem Gesicht und zeigte die Zeichen auf seiner Wange: "Die Arainai-Krähen entbieten ihre Grüße! Und das, mein Guter, das war Königswasser. Für ein so wertvolles Ziel wäre alles andere zu gering gewesen." Der Elf trat einen Schritt zurück und öffnete den Vorhang. Lorenzo erblickte seinen Leibwächter mit einem Messer in der Brust – der Körper war zur Seite gesunken. Der Elf setzte sich neben die Leiche und betrachtete sein Opfer spöttisch. "Natürlich waren es nur ein paar Tropfen davon in einem feinen Glas Wein. Es würde sonst zu schnell töten, und das würde mir den ganzen Spaß an der Sache verderben."

Die Kutsche fuhr weiter und weiter. Merkten denn die Wachen draußen nichts? Müssten sie nicht längst angekommen sein? Lorenzo versuchte aufzustehen, der Elf stieß ihn brutal zurück. "Aber, aber... Wo wollen wir denn hin? Oh, die Kutsche fährt gar nicht in die Stadt? Überraschung, das Ziel hat sich geändert."

Lorenzo kämpfte mit Brechreiz, Schwindel und unsäglichen Schmerzen. Als er sich übergeben musste, sprang der Assassine zur Seite. Der Vergiftete erbrach sich auf seine eigenen Beine. Dabei verätzte die Säure zum zweiten Mal Speiseröhre, Mundraum und nun auch - durch die Kleidung hindurch - seine Haut. Ein zweiter Versuch zu schreien endete in einem heiseren Grunzen. "Wie...?" Wie war das nur möglich? Es war seine Kutsche, die Zeit stimmte, die Uniformen...

"Oh, der Plan interessiert euch?" Zevran schob den toten Leibwächter von der Sitzbank und setzte sich wieder hin, lehnte sich an und schlug die ausgestreckten Beine übereinander. Er sah keine Notwendigkeit, sein Opfer zu fesseln. Würde Lorenzo versuchen, aus der Kutsche zu springen, würde er entweder gleich bei dem Sturz sterben, oder seine Leute - als Wachen verkleidet - würden ihn erschießen. Und der Assassine hatte genug Selbstvertrauen, sich gegen Angriffe des Schwerverletzten wehren zu können. "Nun - wir werden noch eine Weile fahren. Und während die Säure sich weiter durch Euren Körper frisst, kann ich Euch gern mit der Erzählung unseres Überfalls unterhalten. Diese Gelegenheit zum Zeitvertreib kommt mir ganz recht.

Wisst Ihr - es geht nichts über eine exakte Planung - durchkalkuliert in allen Facetten. Man muss genau wissen, wann die Kutsche losfährt, wann sie das Stadttor passiert, welche Route sie nimmt, und welcher Platz sich am besten für einen Anschlag eignet. Natürlich hätte die Zeit nicht gereicht, sich nach dem Töten der Wachen erst deren Rüstungen anzulegen. Da mussten vorher Kopien angefertigt, oder - besser noch - Originale ausgeborgt werden - Rüstungen, die beim örtlichen Schmied zur Reparatur abgegeben wurden, zum Beispiel. Oder man könnte ja auch eine Bestellung früher abholen. Alles eine Frage der Organisation, nicht wahr?

Dann braucht man gute Reiter, die von ihren Pferden auf die Kutsche springen und die Führung der Pferde übernehmen können, sobald der Kutscher tot ist. Scharfschützen, die fähig sind, Wachen in einer schweren Rüstung mit einem einzigen Schuss tödlich zu treffen."

Zevran seufzte theatralisch "Zu schade, dass wir keine Zuschauer hatten für unser perfektes Spektakel. Aber wir sind noch nicht fertig. Man braucht genug Leute - solche, die sich um die Beseitigung der Leichen kümmern können. Solche, die als angebliche Wachleute die Kutsche begleiten - und solche, die am Zielort alle Vorbereitungen treffen."

Der junge Elf grinste auf so grausame Art, dass Lorenzo das Herz im Leib erfrieren wollte. Endlich hielt die Kutsche an. Es öffnete ein Lorenzo unbekannter Mann in einer Lederrüstung - großgewachsen, athletisch, dunkelhaarig.

"Aussteigen!" befahl der Elf in eisigem Ton. Lorenzo versuchte aufzustehen, doch der Schmerz und die Angst waren so unermesslich, dass ihm die Beine versagten. Mit überraschender Stärke zog der schmal gebaute Elf Lorenzo am Arm in den Kniestand und stieß ihn mit den Füßen aus der Kutsche. Lorenzo brach am Boden zusammen, hustete und spuckte Blut und Schleim.

"Nun, wie fühlt sich das an, von innen zerfressen zu werden?" Der Elf schlich um sein Ziel wie ein Raubtier um seine Beute. "Bringt ihn rüber!" rief er seinen Leuten zu. Mehrere Arme griffen nach dem Kaufmann, banden seine Handgelenke und seine Füße fest zusammen. Dann trugen sie ihn ein Stück in den Wald hinein und legten ihn in einen Holzkasten. Was war das? Ein Sarg?

Lorenzo schaute ungläubig in das irre grinsende Gesicht des Elfen. Der begutachtete sein Opfer. "Hm, genau wie vorgesehen. Aber Halt!" Der Elf griff nach Lorenzos linker Hand, streichelte den großen Siegelring an dessen dritten Finger. "Den hier... brauch ich noch." Der Assassine machte einen halbherzigen Versuch, den Ring vom Finger zu ziehen. "Oh, er sitzt zu fest? Wie schade!" Er hielt die Hand fest, holte mit seinem Dolch aus und durchstach mit der Klinge zielsicher den Fingerknochen. Dennoch war der Finger nicht gleich abgetrennt. Mit brutaler Langsamkeit drehte Zevran die Klinge mehrere Male, bis die Amputation vollständig war. Ein rauer, kehliger Ton war der einzige Schmerzenslaut, zu dem Lorenzo fähig war. Die eingeflößte Säure fraß sich weiter und weiter durch sein Gewebe. Die Schmerzen waren unermesslich. Wann nur, wann würde es endlich vorbei sein? Töte mich, bitte! flehte sein Blick.

Der Assassine stand auf, verstaute seine Beute in einer Tasche an seinem metallenen Gürtel. Dann ließ er einen hölzernen Deckel auf den Kasten setzen und ihn zunageln. Es war dunkel um Lorenzo. Nur durch winzige Lücken zwischen den Holzbalken drangen schmale Streifen Licht zu ihm. Der Kasten war groß genug, dass er sich darin regen, dass er darin atmen konnte - solange die Säure noch nicht an seinen Lungen fraß. Er spürte, wie der Sarg bewegt wurde. Kurz darauf hörte er, wie Erde auf den Deckel fiel. Sie gruben ihn ein, sie taten das wirklich! Wie lange würde seine Qual dauern? Wie lange würde er noch am Leben bleiben hier unten, während die Säure seinen Körper verzehrte, seine verstümmelte Hand schmerzte und blutete. Erbauer, Andraste, nehmt mich zu Euch, bitte! Nehmt mir doch wenigstens das Bewusstsein, damit ich die Schmerzen nicht mehr ertragen muss... Martha! Mit einem mal glaubte er, ihren Geruch wahrzunehmen, ihre warmen Berührungen zu spüren. Als er die Augen schloss, fühlte, wie die Tränen auf seinen Wangen brannten, sah er sie lächeln. Martha... ich hoffe, du bist in Sicherheit.

Taliesen schüttelte den Kopf. "Du bist verrückt, Zevran, komplett verrückt."

Der Elf schmunzelte. "Es hat doch alles großartig funktioniert. Ganz nach Plan. Findest du nicht?"

"Schon... Aber die Art, diese Brutalität war unnötig. Seit wann... das kenn ich von dir einfach nicht." Er schüttelte den Kopf, lächelnd, fragend.

Zevran schaute dem jungen Mann ernst in die Augen. "Sagen wir einfach - es gehörte zum Auftrag." Er drehte sich noch einmal um und spuckte auf das frisch geschlossene Grab - irgendwo am Waldrand, gut zwei Stunden von Treviso entfernt.