Antiva-Episoden
Zwischenspiel - Marthas Brief
Mein Liebster,
so viele Wochen sind vergangen, seit ich ohne dich aufgebrochen bin. Auch wenn mein Herz es zu gern hoffen möchte - ich rechne nicht damit, dich jemals wiederzusehen. Ich weiß nicht, ob du je daran geglaubt hast. Dennoch kann ich es nicht lassen, Woche für Woche zu unserem verabredeten Treffpunkt zu gehen - zu der kleinen Taverne am östlichen Stadttor. Jeden Donnerstag sitze ich den ganzen Abend dort an dem kleinen Tisch in der Nische hinter dem Kamin - argwöhnisch beäugt vom Wirt, da ich mich die ganze Zeit an einem einzigen Glas Wein aufhalte.
Ich weiß nicht, ob ich dir danken soll, dass du mich fortgeschickt hast. Ich bin am Leben, das Kind in mir auch. Aber wir sind allein, und ich habe nichts mehr. Meinen Namen darf ich nicht nennen, das wenige Geld, das ich hatte, ist aufgebraucht. Ich kann auch nicht auf direktem Wege mit meinen Verwandten korrespondieren - weder mit denen in Antiva noch mit denen in Orlais. Gustave hat dir die vereinbarte verschlüsselte Nachricht sofort nach meinem Eintreffen hier zusenden lassen. Wenn sie dich nicht mehr erreichen sollte, können wir nur hoffen, dass niemand anders sie zu deuten weiß. Und während ich hier sitze und einen Brief schreibe, den ich nicht abschicken darf, weiß ich nicht, was schlimmer ist - immer noch Hoffnundg zu haben oder alle Hoffnung aufzugeben.
Die Reise in die Freien Marschen verlief ruhig, war aber sehr anstrengend. Du weißt ja, wie schlecht ich Seereisen vertrage. Und dann diese Angst... An jedem Hafen, an dem hielten - Antiva, Rialto, Salle, Bastion - machte ich mir Gedanken, ob Krähen mir schon auf der Spur wären und mich auf dem Schiff aufspüren könnten. Doch nichts passierte.
Ich erreichte Hercinia am zwanzigsten Tag des Justanian und nahm die Postkutsche ins Landesinnere. Auf dem Weg ist mir aufgefallen, wie sehr sich die hiesige Vegetation von unserer heimischen unterscheidet. Ich vermisse die sanften Weinberge, die Lavendelfelder, die Palmen. Kannst du dir vorstellen, dass es im Winter hier so kalt ist, dass die Pflanzen sterben oder ihre Blätter verlieren? Selbst jetzt, im Sommer, wirkt alles weniger bunt und lebendig, als ich es von zu Hause gewohnt bin. Aber das Klima hat auch Vorteile – es ist weniger heiß hier um diese Jahreszeit. Das vertrage ich gut, gerade in meinem derzeitigen Zustand… Noch vier Monate, dann kommt unser Kind zur Welt – so der Erbauer es will.
Onkel Gustave hat mich zunächst zu sich ins Haus genommen. Er hat mir geholfen, eine Anstellung als Gesellschafterin bei einer älteren Dame zu finden. Diese war sehr freundlich - ich fühlte mich wohl bei ihr. Wir redeten viel, über alle möglichen Dinge - Ihr Leben, ihre Reisen, ihre Familie, ihre Krankheiten sogar. Es fühlte sich so vertraut an, als wären wir Freundinnen. Doch als ich ihr gestand, dass ich schwanger bin (du weißt, man sieht es mir nicht so schnell an), hat sie mich umgehend entlassen. So etwas könne sie in ihrem Haus nicht gebrauchen, und wer überhaupt der Vater sei.
Ach, ich war so naiv... Gustave hat nichts gesagt, aber man konnte ihm den Ärger ansehen. Wenige Tage später hat mir mitgeteilt, dass ich nicht länger bei ihm wohnen könnte, da das zu gefährlich sei - sowohl für ihn als auch für mich. Und er hatte Recht - wir sind zwar nur sehr entfernt verwandt, aber es ist immer noch eine Spur, der die Krähen folgen könnten.
Noch einmal hat er mir geholfen. Ich habe im anderen Teil der Stadt unter neuem Namen eine Anstellung als Hauslehrerin für ein junges Mädchen gefunden und kann im Haus der Familie zur Untermiete wohnen. Auch hier wird sicher irgendwann meine Schwangerschaft zum Problem werden. Hoffen wir, dass ich sie noch lange geheim halten kann.
Gut für mich, dass die Referenzen der Hauslehrer hier genauso schlecht geprüft werden wie einst bei uns. Kannst du dich noch an meinen Hauslehrer Velvetio erinnern? Wie klug und gebildet er war - was für feine Manieren, wie gut er aussah. Wie sollte man je darauf kommen, dass er Mitglied einer Assassinengilde war; ein ehemaliger Sklave? Natürlich wusste ich von den Krähen - aus den Geschichten, die den Kindern in Antiva erzählt werden - mysteriöse, blutrünstige Gestalten, die mit den nächtlichen Schatten verschmelzen, aus denen sie sich in tückischer Mordgier auf ihre Opfer stürzen. Ich hätte damals nicht einmal gedacht, dass Krähen überhaupt sprechen können. Warum lehrt man die Kinder nicht, was diese Gilde wirklich ist und welche Macht sie besitzt? Manchmal denke ich, diese Sklaven hatten eine bessere Schule als wir.
Wie dumm waren wir, Lorenzo... Wie dumm ist es, sich an einem Krähenmord rächen zu wollen, indem man sich derselben Mittel bedient? Haben wir wirklich nicht gesehen, dass wir damit alles nur noch schlimmer machen? Unsere Väter sind gestorben, aber wir - wir hätten leben und glücklich werden können. Oder ist auch dieser Gedanke zu einfältig? "Nei fiori cova la serpe." So ist unser Antiva - ein Feld wunderschöner Blume, zwischen denen eine Schlange lauert. Und wer immer versucht, eine der Blumen zu berühren...
Die junge Frau beendete den Satz nicht mehr. Sie zog ihre Feder zurück und blieb in dieser Position sitzen - der Blick aus dem Fenster in eine sternenklare Nacht gerichtet, eine Hand auf dem runden Bauch, die andere das Schreibgerät haltend, während sich das schwach flackernde Licht einer kleinen Kerze in den Tränen auf ihren Wangen spiegelte. Endlich wischte sie sich mit dem Handrücken die Tränen weg, steckte die Feder in den Halter, faltete den Brief sorgfältig zusammen und verstaute ihn in ihrer Schreibtischschublade.
