Antiva-Episoden


Zusammenfassung Teil I:

Zevrans erste Jahre als junger Assassin sind sehr erfolgreich. Gefördert sowohl von seinem Capo Taliesen als auch von seinem Meister Antonio gelingen ihm zahlreiche schwierige Missionen. Mit nur siebzehn Jahren wird er selbst zum Capo - also zum Anführer einer der Untergruppen seiner Zelle. Taliesen gibt seinen Posten freiwillig auf, um sich Zevrans Gruppe anzuschließen.

Lorenzo und Martha, deren Väter einer Intrige des Hauses Arainai zum Opfer gefallen sind (nachzulesen in: "Ein Auftrag mit Folgen" sowie "Von Schicksal und Tod"), sinnen auf Rache. Senatorensohn Lorenzo erwirbt eine eigene Krähenzelle und startet einen Angriff auf Haus Arainai. Dabei werden die Assassinen Ginera und Zevran schwer verletzt. Zevrans Verwundung kann nur mit Hilfe eines Magiers geheilt werden.

Meister Antonio fürchtet um sein Leben. Damit im schlimmsten Fall ein würdiger Nachfolger zur Verfügung steht, lässt er Zevran ein Blutritual durchführen, das als Meisterweihe dient, obwohl sein Wunschkandidat noch nicht das erforderliche Mindestalter von zwanzig Jahren hat.

Schließlich gelingt es Antonio, den gegnerischen Meister Yago zu töten. Allerdings infiziert er sich an einem mit Milzbrand kontaminierten Fell und stirbt wenige Wochen später. Zevran erhält den Auftrag, Lorenzo zu töten und erfüllt diese Aufgabe auf grausame Art. Lorenzos schwangerer Frau Martha gelingt die Flucht in die Freien Marschen, wo sie unter einem Decknamen ein neues Leben beginnt.


Teil II NEULAND

"As my tutor used to say, 'keep your eyes to the rear in the ambush and the bedchamber and not otherwise.' Words to live by." (Zevrans Dialoge. Dragon Age: Origin)


Kapitel 1: Ein eisiger Empfang


Die Arainai-Krähen hatten es nicht eilig mit ihrer Rückreise in die Hauptstadt. Treviso hatte viel zu bieten – schöne Menschen, gute Läden, zahlreiche Gaststuben und Freudenhäuser, die alle erkundet werden wollten. In der Hafenbar „Zur roten Bucht" gab Zevran eine großzügige Runde Antivanischen Branntweins an seine Leute und die Helfer aus der befreundeten Krähenzelle aus. Er war so ausgelassen, wie man ihn lange nicht mehr gesehen hatte.

Erst drei Tage später verließen sie die Stadt auf ihren guten Reitpferden. Ein paar ihrer Leute hatten am Vortag die Postkutsche genommen. Die Reise war herrlich. Es war die schönste Zeit des Jahres, der traumhafte Frühling Antivas - die volle Pracht der Sonne, aber noch ohne die drückende Hitze des Sommers. Zevran genoss jeden Augenblick. Er verdrängte die Fragen, die nach ihrer Rückkehr geklärt werden mussten.

Es war ein Gefühl von Freiheit in diesen warmen Tagen und lauen Nächten. Es gab keinen Auftrag, den sie noch erfüllen, keinen Zeitplan, dem sie folgen mussten. Sie hatten ausreichend Geld und Verpflegung. Eine kurze Begegnung mit einer kleinen Bande unglücklicher Straßenräuber in der dritten Nacht brachte genau das Stück abenteuerlicher Würze, das ihrer Reise zuvor noch gefehlt hatte - es trieb das Adrenalin in die Höhe, füllte ihre Taschen um weitere Geldstücke und gab ihren Gesprächen ein zusätzliches, amüsantes Thema. Selbst Ginera wirkte ausgesprochen gut gelaunt – statt Eifersucht gab es vergnügte Dreisamkeit.

Acht Tage nach ihrer Abreise passierten sie das Nordtor der Stadt Antiva. Sie gaben die Pferde im Stall ab und schlenderten durch die Gassen in Richtung Hafen. Die Luft vibrierte, der Frühling summte. Selbst die dreckigsten Ecken der Stadt wirkten heller und frischer als sonst. Als sie die Via Nellana betraten – einige der wenigen Straßen, die sie passieren mussten, um zu ihrem Quartier zu gelangen, befiel Zevran ein ungutes Gefühl – es war zu ruhig und ihm schien, als wäre ein Schatten über die Dächer gehuscht. Er zögerte und schaute Taliesen fragend an. Dieser signalisierte mit einem kurzen Nicken, dass er ebenfalls etwas bemerkt hatte.

Zevran drehte sich um und klopfte Ginera auf die Schultern. „Herzchen, ich hätte beinah mein Versprechen vergessen! Wir wollten doch noch ein Kleid für dich kaufen."

„Es ist dir exakt drei Minuten früher eingefallen, als ich gedacht hätte.", kam abrupt ihre schnippische Antwort.

Die drei gingen wieder Richtung Norden, aber es war zu spät – mehr als zwei Dutzend Gestalten lösten sich von den Hauswänden und kreisten die kleine Gruppe ein. Krähen - ohne Frage. Konnten Lorenzos Verbündete so schnell Kräfte für einen Racheakt organisiert haben? Der Ring der Kämpfer um die drei Assassinen verdichtete sich. Aus allen Richtungen waren Pfeile und Bolzen auf sie gerichtet. Aber Moment mal, das Zeichen an der Schläfe dieses Elfen, das war doch...

Ein großer Mann mit schulterlangen braunen Haaren löste sich aus dem Kreis und kam einige Schritte auf sie zu. Er trug eine Rüstung aus sehr weichem Leder, allerdings keine Handschuhe und - im Gegensatz zu den anderen Kämpfern - keine sichtbaren Waffen. Seine Haut war für einen Mann aus Antiva ungewöhnlich hell. "Es muss keinen Kampf geben", sagte er ruhig mit einer angenehm tiefen Stimme. "Wir haben keinen Tötungsauftrag. Wir sollen Zevran zu unserem Auftraggeber bringen. Ihr anderen könnt gehen."

Ginera grinste, hob ihre Hände halbhoch, Handflächen nach außen und trat einige Schritte zurück. "Wer will Zevran sehen?", fragte Taliesen finster. Sein Capo berührte ihn unmerklich und ging langsam, mit offenen Händen, aber provozierend amüsierter Miene auf den Langhaarigen zu "Oh? Wer ist denn so begierig, mich kennenzulernen, dass er gleich ein ganzes Bataillon als Eskorte schickt? Ich bin entzückt. Auch wenn eine freundliche Einladung auf dezent parfümiertem Papier genügt hätte."

Der Langhaarige grinste, kam noch einen Schritt näher und streckte ihnen die bloßen Hände entgegen. Taliesen zog seine Schwerter, ein Pfeil flog in seine Richtung. Ginera drehte sich um und rannte mit erhobenen Händen hinter die Linie der Bogenschützen. Zevran schaute nach Taliesen - der Pfeil hatte ihn an der rechten Schulter getroffen. Sein Arm hing herunter, das Schwert drohte ihm aus der Hand zu rutschen. Im selben Moment wurde es eisig kalt. Eine weiße Eiswand schob sich aus dem Nichts um sie herum. Zevran sah noch, wie außer ihm selbst auch Taliesen augenblicklich eingefroren wurde. Dann spürte er einen dumpfen Schlag an seinem Kopf und verlor sein Bewusstsein.


Zuerst fühlte er ein heißes Stechen und Pochen in seinen Fingern. Kein Schmerz, aber eine ungewohnte Empfindung. Er spürte er das Blut hinter seinen Schläfen hämmern. Der Assassine lag - weich, bequem, warm - in einem Bett. Vorsichtig öffnete er die Augen. Dunkelheit umgab ihn. Schemenhaft nahmen seine Augen einige Gegenstände wahr - das große hölzerne Bett, in dem er lag, eine Kommode, einige Stühle. Der Raum hatte nur eine Tür - gegenüber dem Fußende des Bettes. Fenster konnte er keine finden. Ein schmaler heller Streifen unter der Tür war die einzige Lichtquelle.

Zögernd stand er auf. Von den Kopfschmerzen abgesehen, schien alles mit ihm in Ordnung zu sein. Er trug nur eine Unterhose. Seine übrige Ausrüstung fehlte. Er tastete im Raum herum, konnte aber nichts finden. Leise schlich er in Richtung Tür, als er hörte, wie sich Schritte näherten. Zevran zog sich in eine Zimmerecke zurück, verbarg sich im Schatten. Die Tür wurde aufgestoßen, ein Kegel hellen Lichts drang in den Raum. Es war der langhaarige Magier in Begleitung von zwei Assassinen, die sich sogleich links und rechts der Tür postieren.

Zevran stand sehr ruhig in seiner Ecke. Er rechnete sich seine Chancen aus - unbewaffnet gehen zwei Assassine und einen Magier? Selbst mit Überraschungseffekt keine gute Idee. Er beschloss, erst einmal abzuwarten, was passieren würde. Hätten sie ihn töten wollen, wäre das - während er bewusstlos war - längst passiert. Worum ging es hier also?

Der Magier schaute sich verwundert um, fragte seine zwei Begleiter: "Hat jemand das Zimmer verlassen?" Sie verneinten. Der Langhaarige hob eine seiner Hände - eine Lichtkugel erschien und erleuchtete den Raum. Sorgfältig alle Ecken mit seinen Augen abtastend, sprach er in das Zimmer hinein "Zevran, wir sind keine Feinde. Jemand will euch sprechen, vertraulich. Eine sehr wichtige Person, um genau zu sein. Wir sollten euch abfangen, ehe ihr in das Quartier zurückkehrt. Es hätte keinen Kampf geben müssen."

"Oh? Es war wohl mein Fehler, zwanzig auf mich gerichtete Bögen als Angriff zu verstehen." kam eine amüsierte Stimme aus der rechten Ecke. Der Magier hob seine Leuchtkugel in die Richtung, konnte aber immer noch nichts erkennen.

"Ihr müsst verzeihen, dass ich mich verberge" Nun kam die Stimme aus einer anderen Zimmerecke. "Meine Haare sehen sicherlich grauenvoll aus und ich habe hier noch nicht einmal einen Spiegel gefunden." Zevran trat aus dem Schatten und fuhr sich seufzend mit beiden Händen durch den blonden Haarschopf. Er stand mit barem Oberkörper vor den drei Männern - ihre verblüfften Blicke genießend. "Dürfte ich fragen, wo meine Ausrüstung ist? Oder würde Euer Herr mich lieber entblößt kennen lernen?"

Der Magier lachte laut und offen. "Kosur wird Euch den Weg zum Badesaal zeigen. Dort findet Ihr auch Eure Sachen und könnt euch ankleiden."

Zevran schaute den elfischen Assassin an, auf den der Magier gedeutet hatte - ein Mann mittleren Alters mit kleinen, schwarzen Augen. Dann wandte er sich wieder an den Magier "Und Ihr seid?" Der Langhaarige lächelte nur und ging rückwärts aus dem Zimmer, um den Weg frei zu geben.


Die Gänge, durch die Zevran geführt wurde, waren mit Fackeln, Laternen und Kerzen erleuchtet. Auch hier sah Zevran keine Fenster. Ebenso wenig in dem großzügigen Baderaum. Dieser war schummerig, die Luft erfüllt von heißem Wasserdampf. Wände und Böden waren aus grauem Marmorstein - es waren angenehm warme Steine, wie Zevran mit seinen bloßen Füßen bemerkte. Aus Öffnungen in der Wand floss warmes Wasser und füllte in den Boden eingelassene Bassins verschiedener Größe und Form. An den Rändern standen Fläschchen und Schalen mit Parfüms, Seifen und Ölen.

Sobald Zevran den Raum betreten hatte, kam eine junge Frau in einer weißen Robe auf ihn zu und bot ihm an, ihn zu waschen und zu massieren. Der Assassin lächelte anzüglich. "Ich habe es geahnt - ich bin tot und weil ich immer so ein guter Junge war, bin ich in die Goldene Stadt gekommen, die der Erbauer für mich neu erschaffen hat. Und du - musst ein Geist der Schönheit sein." Die Frau kiecherte. Nutze jede Gelegenheit, die das Leben dir bietet. Wenn das eine Falle ist, ist es eine gute...

Nach dem Bad erhielt Zevran tatsächlich Rüstung und Waffen zurück. Er tastete nach einem Gegenstand in seiner Gürteltasche, wog ihn kurz in seiner Hand, bevor er ihn wieder einsteckte. Kosur, der vor dem Ausgang auf ihn gewartet hatte, führte den blonden Elfen durch weitere Gänge bis zu einer großen, von zwei Wachen flankierten Doppeltür. Zevran sollte den Raum allein betreten, die Tür wurde hinter ihm wieder geschlossen. Neugierig schaute der Assassine sich um.