Antiva-Episoden II

Kapitel 2: Die Meisterfrage


Er befand sich in einem großen, sechseckigen Raum. Außer der Doppeltür, durch die er gekommen war, gab es noch zwei weitere, kleinere linker und rechter Hand. Die Wände waren mit einer dunkelgrünen Seidentapete bespannt. Verschiedene Jagdmotive waren darauf zu erkennen, die Ränder mit Goldfäden bestickt. Der Fußboden bestand aus Marmor - unterschiedliche Tönungen bildeten ein raffiniertes Mosaik. An der himmelblauen, gewölbeartigen Decke waren weiße Wolken und Vögel im Flug so meisterhaft dargestellt, dass man glaubte, sie würden sich bewegen. Genau in der Mitte befand sich ein großes, rundes Deckenfenster. Die Frühlingssonne schien herein, es war taghell.

Vor der Wand gegenüber der Doppeltür, genau zwischen den beiden kleineren Türen, befand sich ein wuchtiger Schreibtisch von sicherlich zehn Fuß Länge. Davor stand der langhaarige Magier - diesmal in eine lange, prunkvolle Robe gekleidet - und neben ihm eine Frau in Plattenrüstung. Das war ein ungewöhnlicher Anblick, denn Frauen in Antiva waren – sofern sie nicht zu den Krähen gehörten - auf ein sehr traditionelles Rollenbild festgelegt. Egal ob sie zu den reichen oder den ärmsten Kreisen des Landes gehörten - sie trugen Röcke oder Kleider. Sie galten als zart und schwach. Für Geschäfte oder Politik hielt man sie für ungeeignet. Umso mehr galt dies für harte körperliche Arbeit und Kämpfe. Eine Frau in der Rüstung eines Kriegers war ein für Zevran völlig neues Erlebnis.

Die Rüstung bestand aus schimmerndem Silberit und war mit goldenen Ornamenten kunstvoll verziert. Sie war passgenau auf den Körper der Trägerin gearbeitet - mit zwei Wölbungen über ihren Brüsten. Zevran konnte sich ein amüsiertes Lächeln nicht verkneifen, als seine Augen an eben dieser Stelle hängen bleiben, obgleich ihm der stechende Blick aus den meerblauen Augen der Besitzerin dieses Prachtbusens nicht verborgen geblieben war.

Diese Frau war keine Schönheit, und doch hatte ihre Erscheinung etwas Anziehendes. Sie war schmallippig mit einer langen, gebogenen Nase. Die Augen klein und eng beieinander liegend. Sie war sicherlich weit über vierzig. Das dunkle, von vielen silbernen Fäden durchzogene Haar hatte sie zu einem festen Zopf geflochten und zu einem schneckenförmigen Knoten am Hinterkopf zusammen gesteckt.

„Bevor wir beginnen" – ihre Stimme klang hell und scharf - "Sollte irgendetwas von dem, was Ihr hier hört oder seht, nach außen dringen, werdet Ihr sterben!"

Ihre Worte waren an zwei Krähen aus dem Haus Arainai gerichtet. Javiero - der älteste Capo ihrer Zelle - befand sich ebenfalls im Raum. Die beiden standen etwa fünf Fuß voneinander entfernt und fast genau in der Mitte unter dem Deckenfenster. Zevran hatte den anderen während seines Eintretens mit einem kurzen Nicken begrüßt und eine ebenso knappe Antwort erhalten. Es bestand keine Feindschaft zwischen den beiden, aber auch keine Freundschaft. Sie kannten sich gerade so gut, wie es notwendig war, wenn man im selben Haus arbeitete; und keiner von beiden hatte je das Bedürfnis gehabt, dieses Verhältnis zu vertiefen.

„Ich bin Arainai – für heute", fuhr die Frau mit ihrer Rede fort. "Nächstes Mal mögt Ihr ein anderes Gesicht sehen. Ihr werdet jeden von uns als Euren Herrn und Auftraggeber betrachten." Sie schaute von einem zum anderen. Die beiden Männer verbeugten sich, wie sie es ihren Herren gegenüber gelernt hatten. Sie hatten verstanden und akzeptieren die Bedingungen, die ihnen auferlegt wurden.

"Ihr habt mich lange warten lassen, Zevran!" Blaue Augen stachen in bernsteinfarbene, die sich davon nicht verunsichern ließen.

"Verzeihung, Padrona, ich bedaure. Seid versichert, dass ich sehr viel schneller bin, wenn ich nicht eingefroren und bewusstlos geschlagen wurde." Er nickte in die Richtung des langhaarigen Magiers.

Die Frau schaute den Mann neben sich fragend an.

"Taliesen hatte seine Waffen gezogen. Ohne meinen Eiskegel hätten die Schützen beide getötet."

Die Frau hob eine Augenbraue, ihr Blick wurde kalt. "Es wird darüber zu reden sein, ob Eure Maßnahmen angemessen waren. Ihr könnt gehen, Farasculo!"

Zevran sah, wie der Magier zusammenzuckte. Er wirkte geradezu unglücklich ob der Rüge. Liebte er diese Frau? Der Langhaarige war um mindestens zehn Jahre jünger als sie. Mit gesenktem Kopf verbeugte sich der Mann und verließ den Raum durch die linke der kleineren Türen. Signora Arainai wandte sich wieder den beiden Capos zu.

"Ihr seid hier, weil Ihr die Meisterweihe empfangen habt. Antonio ist tot, die Zelle braucht einen Nachfolger." Javiero hob die Brust und schaute der Frau zuversichtlich in die Augen. Zevran hatte bei der Erwähnung seines verstorbenen Meisters den Blick gesenkt.

"Ihr kommt gerade aus Treviso zurück, Zevran? Was habt Ihr zu berichten?"

"Der Auftrag ist erfüllt, Padrona Arainai!" Zevran trat vor, verbeugte sich, zeigte den Siegelring in seiner geöffneten Hand. Sie nahm den Ring entgegen, schaute ihn sich sehr genau an, nickte respektvoll.

"Antonio hat nicht übertrieben, was Eure Qualitäten als Assassine betrifft. Aber Ihr seid noch sehr jung..."

"Zwanzig, gute Frau."

Javiero räusperte sich und trat einen Schritt vor. "Wenn es mir gestattet ist... ich habe hier Unterlagen, aus denen hervorgeht, dass Zevran erst achtzehn oder neunzehn, aber auf keinen Fall zwanzig sein kann." Er streckte der Frau ein Bündel vergilbter Schriftrollen entgegen. Diese zog ihre Stirn in Falten, nahm die Schriftstücke an sich und studierte sie sorgfältig. Es waren Verkaufspapiere - eine lange Liste mit Namen, datiert auf den achtundzwanzigsten des Justinian im Jahre Dragon 9:14. In dieser Liste aufgeführt: Zevran, sieben Jahre, Stadtelf, blond. Die Frau schaute auf und Javiero in die Augen. "Woher habt Ihr das?" Der Mann zuckte die Achseln, grinste triumphierend: "Ich habe so meine Verbindungen."

Die Frau seufzte hörbar, rollte die Papiere zusammen und brachte sie zu ihrem Schreibtisch. "Na großartig! Was habt Ihr dazu zu sagen, Zevran?"

Der Elf trat vor, schaute ihr direkt in die Augen, sein Gesicht die Aufrichtigkeit selbst. "Ich hatte keine Ahnung, Padrona Arainai. Meine Krähenweihe war vor vier Jahren, im Winter 9:22. Ich bin mir sicher, dass Ihr das überprüfen könnt. Da man diese mit sechszehn erhält, ging ich davon aus, im richtigen Alter zu sein. Und somit nun zwanzig."

Signora Arainai schaute ihn eine Weile lang prüfend an, er hielt ihren Blick. "Nun... selbst wenn ich Euch glaube... die Meisterweihe ist damit ungültig." Das Grinsen auf Javieros Gesicht wurde deutlich breiter. Die Frau wandte sich dem älteren Capo zu. "Und was Euch angeht, Javiero... Euch ist nichts Besseres eingefallen, um Euren Wert als neuer Meister zu beweisen, als Papiere aufzuspüren, die Eurem Konkurrenten schaden?" Nun wirkte der Blick des Älteren unsicher. Worauf wollte sie hinaus?

Die groß gewachsene Frau zog sich hinter den Schreibtisch zurück und setzte sich in den breiten Lehnstuhl. Ihre Rüstung rasselte. "Kein Wunder, dass Antonio nach einem besseren Nachfolger suchte... Aber er hätte sich an die Vorschriften halten müssen." Die Frau zog weitere Listen aus einer Schublade und dachte nach. "Taliesen wäre ein guter Kandidat gewesen, wenn er sich von seinem Capo-Posten nicht zurückgezogen hätte." Zevran schluckte, der andere Capo schaute ihn von der Seite an.

Die Frau schaute wieder auf. "Ich werde einen Capo aus meiner zweiten Zelle zum Meister der euren machen. Javiero - Ihr habt das Recht, einen Zweikampf zu fordern, sollte dies euer Wunsch sein. Solltet Ihr den Kampf gewinnen, steht der Meisterposten Euch zu. Verzichtet Ihr, seid Ihr zum Gehorsam gegenüber Eurem neuen Meister verpflichtet. Verliert Ihr - ebenso. Wie entscheidet Ihr?"

Javiero zögerte "Ich bitte um Bedenkzeit, Padrona."

Signora Arainai schaute den alten Capo schweigend an. Schließlich sagte sie "Gut. Sollte ich innerhalb der nächsten drei Tage nichts von Euch hören, werte ich dies als Verzicht."

Der Angesprochene nickte.

"Zevran..." Die Frau betrachtete den jungen Elfen streng, aber nicht herablassend.

Dieser hob das Kinn "Ja, Padrona?"

"Ihr habt der Zelle gut gedient in den vergangenen Wochen. Ich weiß, dass Ihr während Antonios Krankheit einige seiner Pflichten übernommen habt. Und soweit ich das überblicken kann, habt Ihr dabei gute Arbeit geleistet."

Zevran genoss lächelnd den neidischen Seitenblick Javieros.

"Was die Gefangenen angeht, habt Ihr eine gute Wahl getroffen. Ihr dürft Euch einen von ihnen für Eure Gruppe aussuchen. Betrachtet es als mein persönliches Geschenk."

"Vielen Dank, Padrona" sagte Zevran und verbeugte sich elegant.

Signora Arainai hob das Kinn in Richtung Ausgang. "Ihr dürft dann gehen!"

Eine bewaffnete Eskorte begleitete die beiden Capos durch die Doppeltür aus dem Raum, durch Gänge und über mehrere Treppen, bis sie endlich nach außen traten. Erst jetzt, als er das Gebäude verlassen hatte, erkannte Zevran, wo er sich befand - sie hatten sich die ganze Zeit im Untergeschoss des königlichen Palasts aufgehalten. Erstaunt blickte Zevran sich um, schaute die weißen Marmorwände empor, die in der hellen Sonne leuchteten.

Da er keine Lust hatte, Javiero zu begleiten, ging Zevran auf Umwegen zum Quartier der Zelle zurück. Er würde also kein Meister sein. Er hatte keinen Ärger empfunden, als er es erfuhr, sondern Erleichterung. Und auch wenn er neugierig war, wer nun der neue Meister sein würde, gab es zwei Gedanken, die ihn weit mehr beschäftigten - er dachte an den Gefangenen, der ihm geschenkt worden war - er wusste sofort, welchen der drei er wählen würde. Und er wollte wissen, wie es Taliesen ging.