Antiva Episoden, Teil II
Kapitel 4: Die Gefangene
Durch die eng vergitterte Zellentür sah sie ein Loch in der gegenüberliegenden Wand. Dort kam Licht herein, wenn es Tag war. Der Raum war karg, dunkel und feucht. Es gab kein Bett, keinen Stuhl, auch keine Decken. Schlafen musste sie altem Stroh. Sie hatte die Tage gezählt, seit sie hier unten war. Es gab poröse Steine an den Wänden, in die sie mit ihrem Daumennagel Striche ritzen konnte. Dreiundvierzig waren es.
Und sie würde lange nicht mehr leben, wenn sich nicht nach den ersten drei Wochen etwas geändert hätte. Die Folter wurde eingestellt. Sie bekam täglich Wasser, Brot und etwas Suppe. Die Latrine in der Ecke wurde alle zwei Tage gewechselt. Einmal hatte sie versucht, dieses "Ausmisten" zur Flucht zu nutzen. Fast bis ans Ende des Gangs war sie gekommen, an fünf, sechs Wachen vorbei, ehe man sie wieder eingefangen hatte. Aber getötet wurde sie nicht. Seitdem waren sie vorsichtiger – sie trug nun Fußfesseln und die Wachen nahmen immer zwei Schützen mit, die gespannten Armbrüste auf sie gerichtet.
Sie hörte Geräusche, immer dieselben - das Rauschen von Wasser, Schreie von Gefolterten und die Verhöhnungen der Folterer. Es roch nach Urin, Fäkalien, Blut und Schweiß. Die Kerker - die Verließe unter dem weitläufigen Arainai-Quartier, kaum besser als das berüchtigte Velabanchel. Hier war sie gefangen seit dem misslungenen Anschlag der jungen Lorenzo-Zelle auf die weitaus überlegenen Gegner. Jeder wusste, dass es ein Suizid-Kommando war. Doch wer hätte es gewagt, nicht mitzugehen?
Yago, der Wahnsinnige, war inzwischen sicher längst tot. Oder gefangen – wie sie. Es musste einen Sinn haben, dass man sie am Leben ließ. Und sie ahnte den Grund. Auch ihre Gegner hatten Verluste. Krähen wurden oft genug wie Abfall behandelt. Dennoch steckten Jahre der Mühe und Ausbildung in jedem von ihnen. Sie waren Werkzeuge. Sie wurden gebraucht.
Zweiundzwanzig war sie und gehörte zu den Krähen, seit ein paar Männer sie aus dem Waisenhaus des Gesindeviertels geholt hatten. Damals schien es gut zu sein. Schläge bekam sie hier wie dort. Aber das Essen war besser, die Räume sauberer. Sie zeigte Geschick im Schleichen, Klettern und Schlösser knacken. Das Töten fiel ihr anfangs schwer. Erst im Zweikampf lernte sie es. Als es hieß - ihr Leben oder seins. Im Zweikampf wurde sie zur Furie mit einer beeindruckenden Überlebensfähigkeit.
Ihre Ausbilder wussten lange nicht, was sie mit ihr anfangen sollten, denn sie weigerte sich - allen schmerzhaften Bestrafungen zum Trotz - hilflose Opfer zu töten. Kein Anschleichen im Schlaf, kein Vergiften, kein Durchtrennen einer ahnungslosen Kehle. Andererseits war sie zu gut, um sie einfach so aufzugeben. Sie nahm - bis heute - keine Aufträge für Kinder, Alte oder Kranke an. Sie bevorzugte die schwierigen Kämpfe - Wachleute, Piraten, Sklavenhändler, gegnerische Krähen. Sie forderte ihre Gegner zum offenen Kampf. Sie schrie ihnen ins Gesicht, dass sie den Auftrag hatte, sie zu töten.
Geräusche von Schritten und einem leisen Gespräch rissen die junge Frau aus ihren Gedanken. Jemand kam auf ihre Zelle zu - es war eine ungewohnte Zeit. Die Tür öffnete sich und ein junger Elf trat ein - allein. Mutig, dachte sie leise grinsend. Sie betrachtete den Besucher. Er war nicht besonders groß, schlank; hatte sorgfältig frisierte blonde Haare und ein hübsches Gesicht mit auffallend leuchtenden, rotgoldenen Augen. Auf seiner linken Wange war ein markantes Tattoo, wie sie es in dieser Art noch nie gesehen hatte. Der Elf schien zu bemerken, dass sie ihn betrachtete und ein verschmitztes Lächeln bildete sich um seinen stolzen Mund. Er lehnte sich lässig mit dem Rücken gegen die Zellentür und begann nun auch seinerseits, sein Gegenüber genau in Augenschein zu nehmen. Als er nicht zu sprechen begann, wurde sie ungeduldig.
"Seid Ihr hier, um mir zu verraten, womit ich diese Vorzugsbehandlung verdient habe?" fragte sie und bemerkte, wie rau ihre Stimme war - sie hatte sie tage- vielleicht wochenlang nicht mehr benutzt.
Der junge Elf löste sich von der Tür und ging ein paar Schritte auf sie zu, immer noch lächelnd. "Rinna, nicht wahr? Aus dem Hause Lorenzo... dem ehemaligen Haus Lorenzo..."
Er hatte eine sehr angenehme, weiche Stimme. Ein Verführungsspezialist, vermutete sie und zog spöttisch die linke Augenbraue hoch. Er schien eine Antwort abzuwarten, doch Rinna hob nur ihr Kinn - fragend, abwartend.
Der Elf räusperte sich kurz, legte den linken Unterarm auf den Rücken und deutete eine Verbeugung an, ohne die junge Frau dabei aus den Augen zu lassen "Mein Name ist Zevran. Ich bin Assassine und Capo im Haus Arainai. Und ich bin hier, um dir ein Angebot zu machen, meine Schöne."
Zevran sagte "Schöne", denn er würde jede Frau "Meine Schöne" nennen. Ein ins Ohr gehauchtes mia bella war ein Zauberwort, dem kaum eine Dame widerstehen konnte. Die junge Frau vor ihm war groß für eine Elfin, vielleicht größer als er selbst. Ihre schwarzen Haare waren staubig und zerzaust. Gesicht und Körper waren von Abschürfungen und langsam heilenden Folterwunden übersäht. Sie war knabenhaft schmal, verfügte kaum über weibliche Formen.
Und doch war etwas an ihr, das ihn außerordentlich faszinierte. Denn sie wirkte trotz ihrer kargen Statur keineswegs schwach – Gazellenbeine von enormer Schnelligkeit und Sprungkraft; dünne, aber sehnige Arme, die – wie er wusste - mühelos Waffen schwingen und Bögen spannen konnten. In ihrem Gesicht fielen die markant breiten Wangenknochen, die lange schmale Nase, aber vor allem ihre großen Augen auf. Sie blitzen hell, stolz und kalt. Ihr ganzes Wesen schien allen Strapazen der Gefangenschaft zum Trotz vor Energie Funken zu sprühen.
Rinna hob ihren Blick mit einem skeptischen Blinzeln. „Ihr seid Zevran Arainai?"
„Oh, du hast also von mir gehört?", ein wenig Stolz schwang mit in seinem mokierenden Ton.
Ein höhnisches Blitzen. „Schau an. Meister Antonios rechte Hand… Ich hätte gedacht, Ihr wärt größer. Und älter. Und im Übrigen tot."
Zevrans Mundwinkel zuckten amüsiert: „Du bist eine wahre Meisterin der Komplimente, Rinna."
„Ximo prahlte damit, Euch getötet zu haben. Da hat er sich wohl geirrt."
Genauso wie Taliesen irrte in der Annahme, er hätte meinen Angreifer getötet, dachte Zevran.
„Nun gut, Zevran Arainai…", die stolze Elfin atmete tief durch, „Dann nennt mir Eure Offerte."
Er lächelte. "Ich biete dir an, dich meiner Gruppe anzuschließen."
Die Elfin wirkte nicht überrascht. Ihre Stimme war ruhig. „Nehmen wir an, ich sage zu, was hätte ich davon?"
„Interessant. Du denkst also, du könntest einfach so die Rollen wechseln, ja?" Zevran lächelte. „Aber, um deine Frage zu beantworten, du könntest weiterhin tun, was du am besten kannst –in der besten Gruppe dieser Zelle."
Ein kurzes, spöttisches Lachen löste sich von Rinnas Lippen. "Der besten, ja? –Und woher wollt Ihr wissen, was ich kann?"
Zevran schmunzelte amüsiert. "Soweit ich weiß, warst du der stärkste Capo unter Yago. Eine geschickte Kämpferin mit Schwert und Dolch. Notfalls auch ohne Waffen, wie unsere Wachen hier lernen durften. Du kannst komplizierte Schlösser knacken und sollst sehr schnell sein."
Rinna atmete tief und hörbar durch die Nase ein. „Anscheinend bist du gut informiert."
„Ich bin in vielen Dingen gut."
„Bescheidenheit gehört wohl nicht dazu."
„Bescheidenheit? Ist es das, was du begehrst?", er zwinkerte.
Ein leichtes Zucken ihres rechten Mundwinkels war Rinnas einzige Reaktion auf Zevrans Geplänkel. Dann war es eine Weile lang still zwischen den beiden. Eine Stille, die nicht peinlich wirkte. Der Elf wirkte ruhig und geduldig in seiner abwartenden Pose. Ab und an spielte er wie zufällig mit einem seiner Dolche. Er wusste, dass ihre hellen Augen jeder seiner Bewegungen genau folgten.
"Was passiert, wenn ich ablehne?", fragte sie endlich in neutralem Ton.
Der Elf zuckte die Schultern und deutete an, sich gleichgültig umzudrehen und die Zelle zu verlassen. "Dann suche ich mir einen der anderen Gefangenen aus."
Rinna räusperte sich. „Die Anderen…", ihre Stimme zitterte leicht, „Was passiert mit ihnen, wenn ich zusage?"
Zevran hob überrascht eine Augenbraue. Dass die Elfin sich um ihre früheren Kameraden sorgte, war eine Sache. Dass sie bereit war, ihm gegenüber ein solches Gefühl, eine solche Schwäche zu offenbaren, eine ganz andere.
Sein Lächeln wurde süßlich. „Ah, Schönheit und Mitgefühl in einem. Du bist eine wahrhaft faszinierende Frau, Rinna. Sei unbesorgt. Sie werden in den nächsten Tagen ähnliche Angebote erhalten, allerdings nicht von mir. Dieses Privileg genießt nur du allein."
Rinna senkte den Blick. Sie dachte nach. Zevran war nicht irgendeine Krähe. Seit Jahren kursierten die fantastischsten Anekdoten über ihn – wie er ganz allein einen Handelsprinzen überwältigt oder eine Magierin in den Selbstmord getrieben haben soll. Er sei so schön, wurde behauptet, dass keine Frau und kein Mann ihm zu widerstehen vermochte. All diese Geschichten schienen nicht so recht zu dem Elf zu passen, der hier vor ihr stand. Er sah ohne Zweifel gut aus, aber er war doch noch ein halbes Kind – wahrscheinlich nicht einmal zwanzig. Dann sein arrogantes Gehabe, die ständige Schmeichelei. Das sollte der Zevran sein?
Allerdings – wie viele andere Optionen hatte sie? Und immerhin war er ein Elf. Das konnte von Vorteil sein. Für einen Moment wanderten ihre Gedanken zu ihrem früheren Capo, ein junger Mensch und ein Sadist, der insbesondere seine elfischen Untergebenen mit Füßen trat.
Endlich schaute sie wieder auf. Sprühend helle Augen in der Farbe von splitterndem Eis trafen Zevrans bernsteinbraune. "Wenn ich mich Euch anschließe, bekomme ich ein Tattoo im Gesicht, nicht wahr?"
Der junge Capo hob eine Hand und deutete auf den kleinen schwarzen Bogen an seiner Schläfe. "Ja, hier, über deiner Braue. Es ist ein recht unauffälliges Zeichen. In meiner Gruppe ist eine Elfin, die ihre Locken immer so geschickt frisiert, dass es kaum zu erkennen ist."
Rinna schüttelte den Kopf. "Nein, es ist gut so. Es soll zu sehen sein. Jeder sollte erkennen können, wer wir sind; was wir sind." Sie strich ihre langen schwarzen Haare zurück. "Also gut, Zevran aus dem Hause Arainai... Ich schwöre Euch hiermit unbedingte Loyalität, bis es Euch gefällt, mich davon zu entbinden. Ich bin die Eure, ohne Einschränkungen, das schwöre ich." Das war der Schwur der Krähen, eine obligatorische Formel, die jedem von ihnen vom ersten Tag an eingebläut wurde. Der Vertrag war besiegelt. Von nun an gehörte Rinna zu Zevrans Team.
