Kap. 5: Hochmut
Mit Beginn des Monats Ferventis begannen die Kanäle zu dampfen. In den engen Gassen staute sich stickig heiße Luft. Am königlichen Palast klangen die Glocken lang und dumpf. Bereits zum vierten Mal in diesem Jahr war ein wichtiges Mitglied der königlichen Familie plötzlich und unverhofft verstorben. Gerüchte über die Intrigen eines niedrigen Prinzen verbreiteten sich schon seit Wochen.
Die Felicisima Armada brachte von ihren Beutezügen wertvolle Erze, Felle und frische Sklaven in den Hafen. Sie begleiteten auch Handelsschiffe, die bereit waren, ein hohes Schutzgeld zu zahlen. Händler, Huren und Krähen bereiteten ihnen einen würdigen Empfang. Kurz - es war der Beginn eines ganz gewöhnlichen Sommers in Antiva.
In einer der zahlreichen Krähenzellen der Stadt stellte sich der neue Meister seinen Gefolgsleuten vor. Meister Empio war jung, gerade Anfang dreißig. Ein mittelgroßer, athletisch gebauter Mensch, der anstelle der üblichen Lederrüstung eine reichlich bestickte Brokatweste, dazu edle Hosen und akribisch polierte schwarze Schuhe trug. Die hellbraunen Haare waren sorgfältig aus dem Gesicht frisiert. Seine Haut wirkte sehr gepflegt, glatt rasiert. Die Brauen über den glasblauen Augen waren perfekt geformt. Während Empio mit sonorer Stimme in kühl distanziertem Ton eine ausschweifende Rede über zukünftige Pläne und Absichten hielt, stellte sich Zevran vor, wie der junge Meister wohl unter seiner Brokatweste aussehen mochte und geriet über diesen Gedanken in träumerisches Schmunzeln.
"Zevran..."
Durch die Nennung seines Namens wurde der junge Assassine aus seinen Tagträumen gerissen. "Ja, Meister. Ihr wünscht?" säuselte Zevran mit einem süßlichen Grinsen.
Empio kam auf den jungen Elfen zu, den er um etwa einen halben Kopf überragte. Er musterte ihn abwertend. "Wenn Ihr auch nur die geringste Chance haben wollt, unter meiner Leitung Capo zu bleiben, solltet Ihr mir wenigstens zuhören, wenn ich spreche!" Seine Stimme schwoll gegen Ende des Satzes an, sein glattes Gesicht wurde dunkelrot.
"Aber selbstverständlich habe ich zugehört, Meister." antwortete der Elf gelassen. Sein Lächeln wurde noch um eine Nuance breiter. "Ihr bevorzugt einen straffen Führungsstil, alle Vorschriften werden exakt eingehalten. Wer bei Euch Capo sein möchte, muss sich erst bewähren können. Ihr werdet mit der hier eingezogenen Schlamperei gründlich aufräumen und es wird unter Eurer Leitung auch keine Ausnahmen und Verhätschlungen mehr geben."
"Und damit" schloss sich Empio Zevrans lapidar vorgetragenen Ausführungen an "meinte ich insbesondere Euch kleinen Mistkäfer. Ich habe keine Ahnung, was Antonio in Euch gesehen hat. Die Berichte, die ich lesen musste, sind haarsträubend. Widerspenstigkeit, Tötung eines Kameraden, feige Flucht, wochenlange Krankheits- und Verletzungspausen. Auf diese Weise wurde man unter Antonio zum Capo?"
Zevran lächelte amüsiert. „Wenn Ihr freundlich fragt, könnte ich Euch einige meiner Qualitäten zeigen, Meister. Vom Bürgermeister bis zum Prinzen hat sich noch nie jemand beklagt. Um fair zu sein, die meisten sind allerdings auch tot…"
Empio nickte ungerührt. "Ich habe davon gelesen. In der Tat, recht clever für einen fünfzehnjährigen Hurensohn. Spaß gehabt mit Mutter und Tochter, ja? Und was den guten Handelsprinz aus Rivain anging - der stand auf Knaben, nicht wahr? Nun, Zevran, vielleicht fällt Euch ja auf, dass Ihr für die beiden Aufträge, in denen Ihr so brilliert habet, bereits jetzt zu alt wärt." Der Meister seufzte gekünstelt. "Das tragische Schicksal aller Wunderkinder - sie werden irgendwann erwachsen. Und seitdem... seid Ihr leider nichts Besonderes mehr."
Zevran hob die Augenbrauen, sagte aber diesmal nichts.
"Und was diesen Lorenzo betrifft", fuhr der Meister fort, "Fast zwei komplette Gruppen und horrende Ausgaben, um einen einzigen Mann zu töten? Das hätten andere besser gekonnt. Zevran... Möglicherweise wart ihr ein Wunderknabe. Aber es war ein Fehler eures alten Meisters, in sentimentaler Erinnerung daran festzuhalten. Wisst Ihr - Krähen altern früh. Habt Ihr die Linien auf Eurer Stirn bemerkt? Bald werden es Falten sein - noch ehe Ihr die Mitte der zwanzig erreicht..."
Dann kam er näher und seine blauen Augen blitzten bedrohlich, ebenso eine kurze scharfe Klinge, die zwischen seinen Fingern aufblitzte. „Und falls Ihr nicht augenblicklich dieses arrogante Grinsen unterlasst, Zevran… könnte Eurem Gesicht noch sehr viel Schlimmeres passieren. Wegtreten!"
Zevran verbeugte sich betont tief vor dem neuen Meister. "Ganz wie Ihr wünscht, Meister Empio." Er bemühte sich um ein halbwegs ernstes Gesicht, bis er den Raum verlassen hatte.
Später, während des Gruppentreffens, gab es viel Gelächter über Zevrans lebendige Beschreibung dieses Zusammentreffens.
Taliesen stimmte in das Lachen ein und schüttelte gleichzeitig den Kopf „Zevran, deine Arroganz wird dich eines Tages deinen hübschen Elfenkopf kosten. Vergiss nicht…" fügte er in einem ernsteren Ton hinzu, „Er ist nun unser Meister. Und so wie du ihn beschreibst, wird er nicht davon zurückschrecken, seine Macht auf jede ihm verfügbare Art zu demonstrieren."
„Treib es nicht zu weit, Azrin!"
Der Angesprochene lehnte sich in seinem hohen Stuhl zurück, das Weinglas hielt er etwas schräg in seiner Hand und studierte amüsiert das aufgebrachte Gesicht des jungen Mannes, der da vor ihm stand. Groß, athletisch, mit seinem jungen und dennoch markanten Gesicht, den Bartstoppeln, den weichen, dunklen Locken und diesem feurigen Blick seiner dunklen Augen.
„Was hast du vor, Bruderherz, mich in meinem eigenen Haus bedrohen?"
„Es ist auch mein Haus, falls du das vergessen hast."
Azrin stand auf und fuhr sich mit der Hand durch sein rotbraunes Haar. Er war etwas kleiner und schmaler als sein jüngerer Bruder und doch ging er selbstbewusst in väterlicher Manier auf den anderen Mann zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Claudio, das muss dich doch nicht kümmern. Du bist mir nicht im Weg. Oder… du willst doch nicht etwa auch auf den Thron?"
Der Dunkelhaarige schob ärgerlich die Hand seines Bruders weg. „Sei nicht albern, Azrin. Ich bin Krähenmeister. Eines Tages werde ich Talon sein. Ein ganzes Handelsimperium gehört mir. Was kümmert mich dieser lächerliche Thron?"
Der Ältere lachte und nahm einen großen Schluck aus seinem Weinglas. „Nun, dann kann es dir doch egal sein, wer darauf sitzt."
Claudios Gesicht verzerrte sich vor Wut. Er packte den älteren Bruder fest am Kragen, so dass sein Glas überschwappte und das edle Getränk ihm über die Finger lief. „Nun hör mir mal zu, Bruder. Du hast Samir getötet und Venis." Hass flackerte in seinen dunklen Augen. „Das ist unsere Familie. Wie kannst du nur so etwas tun? Wer ist der nächste auf deiner Liste – Vater? Feranna? Du musst damit aufhören!"
Azrin versuchte, sich aus dem festen Griff seines Bruders zu befreien. Da es ihm nicht gelang, klang seine Stimme gedrückt. „Und wenn nicht, womit willst du mir dann drohen, Brüderchen? Mit deinen Krähen? Du weißt doch – ich habe selbst eine Zelle."
Nun war Claudio derjenige, der zu lachen begann. Gleichzeitig entließ er seinen Bruder aus dem festen Griff. „Ach Azrin… Du mit deiner albernen kleinen Zelle. Du hast keine Ahnung, welche Macht ich besitze." Dann wurde sein Gesicht wieder ernst und ebenso seine Stimme. „Und ich rate dir ernsthaft, mich nicht herauszufordern."
Damit verließ er die Gemächer seines Bruders mit forschen Schritten. Dieser blieb eine Weile lang verwundert stehen, bis das Klirren von Glas ihn aus seiner Lähmung riss. Er hatte das Weinglas in seiner eigenen Hand zerdrückt. Eilig wickelte er eine Serviette um eine kleine, aber rasch blutende Schnittwunde. „Fredi!", rief er seinen Diener, einen dunkelhaarigen Elf, der schnell herbeieilte. „Räum das hier weg. Und dann ruf nach Feranna. Sag ihr, es sei dringend."
*Ferventis – 6. Monat im Thedas-Kalender
Empio - ital. (Antivan): ruchlos
