6. Die Symphonie in dir
Die Arainai-Zellen hatten sich bis zum Sommer 9:25 vollständig von Lorenzos Angriff erholt. Abgesehen vom Tod des landesweit gefürchteten und hochverehrten Meisters Antonio, waren die Verluste gering und die Ränge rasch wieder aufgefüllt. Zevrans Gruppe hatte lediglich einen Späher verloren - den ruhigen, unauffälligen und zuverlässigen jungen Elf Ordo. An seiner Stelle war die Elfin Rinna aufgenommen worden.
Acht Wochen später war Taliesen immer noch hin und hergerissen zwischen Anerkennung und Verwunderung über die Wahl seines Capos. Rinna war eine starke, geschickte Kämpferin, die ihre Gegner mit überraschender Geschwindigkeit überwältigen konnte. Allerdings schränkte ihre sture Weigerung, Aufträge auf vermeintlich schwache Gegner zu übernehmen, ihre Einsatzmöglichkeiten enorm ein. Er wunderte sich, wie sie mit dieser Einstellung bei den Krähen bisher überhaupt hatte überleben können. Davon abgesehen hatte die Gruppe mit Zevran, Ginera und ihm selbst eigentlich schon genügend Nahkämpfer. Wäre er in der Verantwortung gewesen, hätte er eher nach einem weiteren guten Bogenschützen gesucht. Aber offenbar setzte der Capo andere Prioritäten.
Letzteres ließ zumindest Zevrans ununterbrochenes Interesse an der großgewachsenen Elfin war es nur der sportliche Ehrgeiz eines Meisterverführers, diese scheinbar uneinnehmbare Festung zu bezwingen. Aber um ehrlich zu sein - Taliesen fühlte sich vernachlässigt. Nachdem er sein so lange uneingestandenes Verlangen nach Zevran enthüllt hatte, gab es Wochen heißer, leidenschaftlicher Intimität. Nur die Erinnerung an jene Momente erregte ihn so sehr, dass ihm schwindlig wurde. Aber seitdem Rinna da war... Nicht, dass sie es seitdem nicht mehr getan hätten, aber es war anders, kälter, spielerischer von Seiten des Jüngeren.
Was es noch schlimmer machte - Ginera hatte sich, seitdem sich Taliesen offen zu Zevran bekannt hatte, von ihm nach und nach zurückgezogen. Sie hatte nun einen anderen Fisch am Haken - einen großen und mächtig arroganten: Der eitle "Ich mache keine Ausnahmen"-Meister Empio hat sich von der schönen Elfin im Handumdrehen um den Finger wickeln lassen. Sie war derzeit häufiger in seinen Quartieren als in ihrem eigenen Zimmer zu sehen. Zevran schien kein Problem damit zu haben. Immerhin hat sie dem Team auf diese Weise ein paar sehr lukrative Aufträge verschafft.
Zevran streckte sich und atmete tief durch, als die laue Nachtluft seine Haut umschmeichelte. Die Tage um den Funalis-Feiertag waren die heißesten des gesamten Jahres. Tagsüber pflegte die Stadt im gesamten Monat Matrinalis beinah ausgestorben zu sein. Fensterläden waren geschlossen, Türen verrieglt. Jeder, der es sich leisten konnte, flüchtete von den kochend heißen Straßen in den Schutz der schattigen Gebäude. Bettler stritten sich um die schattigen Plätze unter den Kanalbrücken. Das eigentliche Leben begann erst nach Sonnenuntergang. Dann öffneten sich Türen und Fenster, die Stadtbewohner verließen ihre Häuser, um die wenigen kühlen Stunden zu nutzen, die ihnen die kurzen Nächten als Erholung boten. Stimmengewirr und Kinderlachen erfüllte Straßen und Plätze. In den Kirchen erinnerten Mahnwachen an das tragische Schicksal der heiligen Andraste. Gedenkfeuer leuchteten rot in den nächtlichen Himmel. Nach Mitternacht füllten Festtagsparaden die Straßen - Gestalten in langen Umhängen mit schauderhaften Totenmasken bewegten sich langsam im Rhythmus dumpfer Trommelschläge. Überall wurde gefeiert - an jeder Straßenecke, in jedem Viertel der Stadt.
Salvails Gartenparty gehörte zu den angesagten Ereignissen der gehobenen Gesellschaft. Der schlanke, großgewachsene und außerordentlich sorgfältig gepflegte Edelmann war mit seinen zweiundvierzig Jahren immer noch Junggeselle. Das mochte an seiner Vorliebe für ältere Damen des höheren Standes liegen, die selten unverheiratet waren. Drei Jahre lang hatte er mit der Witwe des verstorbenen Senators Lorenzo zusammengelebt. Heimlich, versteht sich. Selbst für eine junge Witwe war es in Antiva undenkbar, noch einmal zu heiraten. Es war Brauch, dass eine Witwe bis an ihr eigenes Lebensende Trauerkleidung trug und nie wieder einen anderen Mann begehren durfte. Witwer auf der anderen Seite wurden bereits nach kurzer Zeit wieder ganz selbstverständlich als Junggesellen wahrgenommen. Nicht, dass Salvail darüber viel nachdenken würde. Ein Leben als reicher Junggeselle hatte durchaus Vorzüge und trug sicherlich einiges zu seinem Ruf als charmanter und überaus beliebter Gastgeber bei.
Zevran zählte zu den Stammgästen des Hauses Salvail. Angeregt plauderte der Hausherr mit dem hübschen Elfen über die Vorzüge einer gewissen Signora Valandrez. Salvail wusste, dass der junge Elf ein Assassine war. Es war ein seltsames Verhältnis zwischen der wohlhabenden Gesellschaft Antivas und den Krähen: Adlige, Händler, Bankleute, Politiker waren ebenso oft Auftraggeber wie sie Opfer waren. Es war eine morbide Spannung, hatte etwas geradezu aufreizend Dekadentes an sich, wenn einer ihrer Assassine zugegen war. Und es war immer einer zugegen. Es soll schon leicht angetrunkene Damen der Gesellschaft gegeben haben, die sich einem von ihnen vor die Füße geworfen haben, flehend um einen Todeskuss. Salvail zweifelte nicht daran, dass dem jungen Elfen solch ein Ereignis gefallen würde. Gleichzeitig hoffte wohl jeder der Anwesenden - einschließlich dem Gastgeber selbst, dass nicht er der Grund für das Erscheinen der Krähe war.
Zevran entschuldigte sich freundlich bei dem charmanten Edelmann, als er ein bekanntes Gesicht ein paar Tische weiter erblickte: Signora Neva Sedina, eine wohlgeformte Dame mit seidig strahlendem Teint und dunkelbraunen Locken. Mit ihren knapp dreißig Jahren war sie zu jung, um Salvail zu gefallen. Signora Sedina grüßte die beiden Herren freundlich mit ihrem erhobenen Sherry-Glas. Salvail deutete eine Verbeugung an, Zevran lächelte und schlenderte ihr nonchalant entgegen. Neva und er hatten schon einige zwanglose Nächte miteinander genossen. Auch heute hielten sich die beiden nicht lange mit Geplauder auf, sondern zogen sich schon bald in eines der großzügigen Gästegemächer des Hauses zurück.
Die rassige Frau eines Seidenhändlers kannte Zevran seit dem letzten Sommer. Beide genossen sie ihre gelegentlichen Begegnungen voller Leidenschaft. Zevran konnte in ihren Armen vergessen, wer er war. Neva gab ihm die Illusion, etwas Wert zu sein, ihr ebenbürtig; ein junger Mann, der eine reiche junge Frau berühren, küssen, sie beglücken durfte. Aber vor allem - auch von ihr beglückt wurde. Das war das Besondere an ihr, machte sie so anders als andere reiche Frauen, denen er begegnet war: Die Art, wie sie ihn anstrahlte, geradezu schüchtern zu ihm aufschaute. Als wäre es ihr wichtig, dass er sich wohl fühlte, dass es ihm gut ging in ihren Armen. Als wäre Zevran für sie mehr als nur eine Flucht vor ihrem steifen Ehemann. Der Mann, der sie nie zu solchen Feierlichkeiten begleitete, da er solch sinnloses Amüsement verabscheute. Derselbe Mann, der...
Irgend etwas, Neva spürte es, war anders in dieser Nacht - sein Lächeln, sein Blick. Er wirkte distanziert, beinah kühl und war doch zärtlicher als jemals zuvor. Jedes unbewusste Zeichen beachtete er, folgte ihrem leisen Stöhnen, erfüllte ungesagte Wünsche. Neva ahnte es, begann zu verstehen... Sie spürte, wie alles ganz nah kam, die warme Nachtluft, der schwere Duft von Hibiskusblüten, die träumerischen Melodien der Lilo-Flöten... Nein, sie würde sich nicht wehren, würde nicht schreien, nicht flehen. Es war sinnlos, das wusste sie. Ihre Lippen bewegten sich, flüsterten Worte in sein Ohr. Verse, unter Tränen, zwischen heißen Atemstößen, als seine Hände zwischen ihren Beinen, seine Zunge an ihrem Hals sie zur Ekstase trieben:
"Die Symphonie in dir, flüstert Melodien mir
Lieder von heißem Atem auf meiner Brust
Lieder von sanftem Stöhnen in meiner Näh'
Lieder von Händen, verkrampfend vor Lust
Lieder wie ich dich in meinem Bette seh..."
Er wartete bis zu ihrem Höhepunkt, bis sie unter ihm explodierte, sich atemlos wölbte und vibrierte, mit einem kurzen Schrei der Lust, dem ein letztes, tieftrauriges Seufzen folgte. "Was für ein liebliches Gedicht, mia bella." Seine Stimme war so kalt wie der Dolch zwischen ihren Rippen. Lächelnd küsste er eine Träne von ihrem sterbenden Gesicht. "Ich werde es mir merken."
Martinalis - der 8. Monat des Thedas-Kalenders
Funalis, auch "All Souls Day" - ein Gedenktag zu Beginn des Martinalis, ehemals dem alten Gott der Stille Dumat gewidmet. Inzwischen ein in ganz Thedas begangener Feiertag zur Erinnerung an die Toten und an das Vermächtnis Andrastes.
