III.2 Königskinder
Mit dem Spätherbst des Jahres 9:28 begann einer der härtesten Winter, die Antiva je erlebt hatte. Es regnete beinah unablässig seit Parvulis* und nun - gegen Mitte Umbralis war der Regen so kalt geworden, dass ein großer Teil der Pflanzen im immergrünen königlichen Garten von Antiva Stadt eingegangen war. Aus den südlichen Regionen des Landes waren sogar leichte Schneefälle gemeldet worden. Solche Temperaturen ungewohnt, wussten sich die meisten Antivaner nicht anders zu helfen, als mehrere Hosen, Hemden und Jacken übereinander zu tragen - sofern sie so viel Kleidung besaßen. Die Ärmsten litten am meisten und eine Welle schwerer Katarrhe überzog das Land.
Auch die stolzen Krähen blieben davon nicht verschont. Alle in Zevrans Gruppe waren während der letzten Wochen krank gewesen oder waren es immer noch. Rinna hatte sich von ihrer schweren Erkältung inzwischen erholt. Auch Genaldo, der sich zuerst bei ihr angesteckt hatte, ging es inzwischen wieder gut. Aber nun hatte es Kemen voll erwischt, Urbano lag mit hohem Fieber im Bett und seit gestern schniefte auch der zweite Scharfschütze der Gruppe, der Halbelf Valentin. Taliesen litt seit Tagen unter einem hartnäckigen Husten und Zevran quälte sich mit einer Halsentzündung. Niemand von ihnen hatte die Satinalia*-Feierlichkeiten in diesem Jahr genießen können.
Aber all das durfte jetzt keine Rolle spielen. Der wichtigste Auftrag ihrer bisherigen Laufbahn stand ihnen bevor. Morgen würden alle Zeitungen des Landes von diesem legendären Angriff berichten - Krähen, die in den königlichen Palast eindrangen, um Mitglieder der königlichen Familie zu töten. Jahrelang hatte das Königshaus scheinbar unbeeindruckt zugeschaut, wie die Reihen der Thronerben nach und nach ausgedünnt wurde. Vielleicht kam ihnen der eine oder andere dieser Todesfälle sogar ganz Recht, Aber nun hatte Prinz Azrin offenbar eine wichtige Grenze überschritten. Wenn auch nur die geringste Gefahr bestand, dass dieser Taugenichts oder seine flatterhafte Schwester Ferenna bald selbst auf dem Thron sitzen würden, musste dem umgehend Einhalt geboten werden.
Ein Angriff wie dieser geschah nichts zum ersten Mal in der Geschichte Antivas. Man erinnere an die Ermordung von Königin Magrigal im letzten Jahr des Erhabenen Zeitalters. Oder an den legendären Mord an König Guiomar den Jüngeren im Jahr zweiundzwanzig des Schwarzen Zeitalters durch Callisto di Bastion - eine der berühmtesten Krähen aller Zeiten. Sie war auch unter dem Namen Finesse bekannt.
Wer jenen Legenden nacheifern, wer in solche Fußstapfen treten wollte, konnte sich keine Krankheit erlauben. Heilerin Rayinne half mit Kräutern, Zevran mit Giften, die Schmerzen und Hustenreiz für Stunden unterdrücken konnten. Das beste Heilmittel - so wussten sie alle - würde der Kampf selbst sein. Die Aufregung, die Todesgefahr, das Adrenalin, das ihr Blut auch ganz ohne Fieber zum Kochen brachte - es würde sie alle retten an diesem Tag, auch wenn die Erschöpfung danach umso größer sein würde. Daran durfte und wollte gerade niemand denken.
Der Auftrag kam vom König höchstpersönlich. Einer seiner Söhne, der junge Prinz Claudio - gleichzeitig eine der ranghöchsten Krähen Antivas - führte den Angriff auf seinen Bruder Prinz Azrin, den Verräter. Auf seine Anordnung ging es auch zurück, dass die Arainai-Krähen unter der Führung von Zevran das zweitwichtigste Ziel angreifen sollen: Prinzessin Feranna. So sehr es Meister Empio auch ärgerte, er musste dem Ranghöheren gehorchen, und der bestand auf Zevran, den er für den besten Assassinen seiner Zelle hielt. Aber Empio hatte noch einen Trumpf in der Hinterhand…
Sie hatten sich den Weg durch das Schloss bis zum Vorraum von Ferennas Gemächern gekämpft. Im Schatten des Korridors schauten sie auf den Saal, in dem ein Duzend stark bewaffneter und gerüsteter Wachen standen - Ferennas Leibgarde.
"Brasca, wo sind Javieros Leute?" flüsterte Zevran heiser, "Das sind zu viele für uns." Taliesen zuckte ratlos mit den Schultern. Sie waren seit über zwei Stunden unterwegs und langsam spürte der junge Mann, wie sein Hustenreiz wiederkehrte. Ärgerlich drückte er die flache Hand auf sein Brustbein. Ihre Gruppe war sowieso schon kleiner als sonst. Urbano hatte so hohes Fieber, dass er unmöglich mitgehen konnte. Ginera war auch nicht dabei. Empio hat sie in seiner eigenen Gruppe mitgenommen, die mit Claudio zusammen zur selben Zeit Azrin angreifen würde.
Der Elf überlegte. "Also gut, wir haben keine Zeit und können nicht riskieren, entdeckt zu werden. Ich werde versuchen, die Wachen so gut es geht auf mich zu lenken. Valentin, Kemen", sprach er seine Scharfschützen an, "Ihr gebt mir Rückendeckung. Taliesen, Rinna, Genaldo - Ihr versucht in meinem Schatten zur Prinzessin vorzudringen. Alles klar?"
Alle wirkten geschockt. Wollte er sich umbringen? Zevran war kein Krieger, nicht der Typ für einen offenen Kampf. Taliesen war besorgt. Ebenso ging es Rinna, auch wenn sie es sich nur schwer eingestehen konnte. Doch welche Möglichkeit hatten sie? Die versprochene Verstärkung blieb aus und jeder Augenblick, den sie länger warteten, würde ihre Erfolgschancen weiter schmälern. Wenn sie sich alle zusammen erst den Wachen widmeten, konnte die Prinzessin in der Zwischenzeit entflohen sein. Außerdem konnten jeden Moment weitere Wachen eintreffen. So verrückt Zevrans Plan war, es schien keinen anderen Weg zu geben.
Der junge Capo atmete einmal tief durch, dann trat er in den geräumigen Saal: Er schaute sich Wände und Decken an, als würde er ein Museum besuchen: "Nett hier. Sehr geschmackvoll eingerichtet. Und sind das Waldnymphen auf der Tapete?" Die lauten Worte brannten wie Flammen in seinem entzündeten Hals. Doch verfehlten sie die beabsichtigte Wirkung nicht. Vierundzwanzig Augen richteten sich auf den Elfen. Die Wachen waren zu sehr überrumpelt, um sofort anzugreifen. Im Augenblick des Zögerns fielen zwei von ihnen um – hingerichtet von den scharfen Bolzen aus Kemens und Valentins Armbrüsten.
Zevran wusste, dass seine Schützen Zeit zum Nachladen brauchten. Er tanzte mit Dolch und Degen durch die Reihen der Wachen. Sein Ziel war eines der bodentiefen Fenster an der Westseite des Saals. Er wollte das Tageslicht im Rücken, die Position nutzen, um von den Wächtern schlechter gesehen zu werden. Mit seinen geschmeidigen, raschen Bewegungen wich er Pfeilen und Schlägen aus, so gut er konnte. Aus dem Augenwinkel konnte er erkennen, dass Genaldo, Rinna und Taliesen an den Wachen vorbei schleichen konnten. Genaldo war dabei, die Tür zu Ferennas Gemächern zu öffnen.
Rinnas wollte es sich selbst gegenüber nicht zugeben. Und sie verstand es auch nicht. Aber sie zitterte vor Angst und Ungeduld. Immer wieder wanderten ihre Augen zu Zevran. Genaldo brauchte ungewöhnlich lange für das Schloss. "Nun mach schon," flüsterte sie tonlos – mehr zu sich selbst als zu dem jungen Schlossknacker. Wenn sie zu lange brauchten, war Zevrans riskantes Manöver umsonst. Ein leises Klicken signalisierte endlich Genaldos Erfolg. Die zwei Wachen hinter der Tür erledigten Taliesen und Rinna rasch und nahezu lautlos.
Wenn viele Männer auf einen gehen, stehen sie sich leicht gegenseitig im Weg. Dennoch war die Situation für Zevran heikel. Es gelang ihm, die meisten Angriffe abzuwehren. Er konnte sogar einige tödliche Dolchstiche setzen. Seine Scharfschützen hinten im Gang erledigten weitere Männer - vor allem die Fernkämpfer unter den Wachen waren von ihnen schnell ausgeschaltet worden. Dennoch wurde der Elf mehrfach verletzt. Ein Pfeil streifte seinen Oberarm, ein Schwert traf ihn am Bein. Das Fenster hinter ihm war von mehreren Fehlschlägen seiner Angreifer zerschlagen worden - es steckten nur noch einige Glassplitter am Rahmen fest. Ein kalter Windzug fegte durch den Raum.
Rinna schlich voran in die Gemächer der Prinzessin. Die junge Frau hockte in einer Ecke ihres Schlafzimmers. Sie hatte einen Degen in der Hand und zitterte. "Lasst mich in Ruhe. Bitte... Ich hatte mit der ganzen Sache nichts zu tun. Das war allein Azrins Idee. Bitte… tut mir nichts", weinte sie. Rinna zögerte. Ein Pfeil aus Genaldos Bogen durchbohrte die Kehle der Prinzessin. Taliesen zischte die Elfin wütend an: „Du gefährdest unsere Mission! Was soll das?" Hustend untersuchte er Ferennas Leiche, nahm ihren Degen und ihren Familienring an sich. Genaldo und Rinna überprüften in der Zeit die Nebenräume, fanden dort nur ein verängstigtes Kammermädchen. Rinna hielt Genaldo zurück: „Lass sie am Leben. Dies ist keine verdeckte Mission. Es ist nicht nötig, Zeugen zu töten."
In dem großen Saal waren nur noch wenige Wachen übrig. Zwei waren auf die beiden Krähen-Scharfschützen zu gerannt, die sich nun im Nahkampf verteidigen mussten. Ein großer, bulliger Mann griff Zevran mit einem zweihändigen Hammer an. Der erschöpfte Assassine konnte dem Hieb nicht vollständig ausweichen. Obwohl seine linke Schläfe von dem Hammer nur leicht wurde gestreift wurde, war der Elf einen Augenblick lang benommen und ihm wurde schwarz vor Augen. Der schwere Mann wurde vom seinem eigenen Schwung vornüber gerissen. Er stürzte aus dem Fenster und riss den Elfen mit sich. Zevran spürte, wie sich ein Glassplitter in seine linke Wade bohrte. Dann fiel er...
Die Gemächer der Prinzessin waren im zweiten Stockwerk des Palastes, der sich inmitten der Stadt auf einem Felsen über dem Fluss erhob. Die starken Regenfälle hatten den Fluss so stark anschwellen lassen, wie sonst erst gegen Ende der Regenzeit. Die Strömung war stark, das Wasser schmutzig und trübe. Es würde tief genug sein, um Zevrans Fall zu dämpfen. Und im Gegensatz zu der Wache, die mit ihm fiel, trug er keine Plattenrüstung, sondern nur das gewohnte leichte Leder. Mit etwas Glück, schoss es ihm durch den Kopf, könnte ich überleben.
Die drei Krähen liefen so schnell wie möglich in den Vorraum zurück, um ihren Capo im Kampf gegen die Wachen zu unterstützen. Doch die Kampfgeräusche waren verstummt. Zwischen den elf geschlagenen Leibwächtern lag auch Kemen regungslos am Boden. Der Krähenschütze war tot. Valentin stand am zerstörten Fenster und schaute hinunter. Er berichtete seinen Kameraden, was passiert war. Taliesen musste erneut husten. Als er wieder sprechen konnte, befahl den sofortigen Rückzug aus dem Schloss. Ihr Auftrag war erfüllt. Nun galt, Zevran zu retten...
* Frumentum, 10. Monat; Umbralis, 11. Monat des Thedas-Kalenders
Satinalia – großer Festtag in ganz Thedas, wird zu Beginn des Monats Umbralis gefeiert.
~*~ Autorin singt: Es warten zwei Königskinder, die hatten einander so lieb... ~*~
