# 2 – Private Dance
Draco ließ den Whiskey im Glas kreisen, beobachtete die bernsteinfarbene Flüssigkeit dabei, wie sie gegen das Gefäß schwappte und wartete darauf, dass die Lichter ausgingen. Er konnte es heute kaum erwarten sie zu sehen. Allein ihr Anblick versüßte ihm schon den Tag und genau das konnte er jetzt nur zu gut gebrauchen.
Er war mit Yaxley und Rookwood unterwegs gewesen. Ihnen war ein Auftrag zugeteilt worden. Die beiden älteren Todesser nannten es Hausdurchsuchung, Draco nannte es blinde Zerstörungswut. Völlig sinnlos, vollkommen ohne Zweck. Nun ja, fast zwecklos. Es war lediglich eine Demonstration von Grausamkeit und dass es keine Zurückhaltung gab. Es war niemand da gewesen. So hatten sie sich damit begnügt, das kleine Cottage in North Yorkshire zunächst nur auf den Kopf zu stellen. Es war kein Todesfluch ausgesprochen worden. Ausnahmsweise. Rookwood hatte seinen Spaß daran gehabt, die Einrichtung zu demolieren. Unnötig, Verschwendung von Energie, wie Draco fand, aber wenn dieser grobschlächtige Barbar darauf stand, ihm sollte es egal sein.
Die Lampen in der Bar erloschen und er konnte nicht verhindern, dass sich ein leichtes Lächeln auf sein Gesicht stahl, während seine Augen in Richtung Bühne wanderten. Leilas Auftritt. Viel zu oft war das seine einzige Freude am Tag.
Er lehnte sich zurück, führte das Getränk an die Lippen und musterte die junge Frau wie jeden Abend beim Tanzen. Wieder einmal kam ihm der Gedanke, dass es sich eigentlich nicht richtig anfühlte. Hier zu sitzen und sie zu beobachten, wie sie sich zur Musik bewegte, hatte etwas von Voyeurismus. Er konnte sie jedoch nicht ansprechen, dabei wollte er viel mehr von ihr, ganz andere Dinge und trotzdem konnte er seine Augen nicht von ihr abwenden. Er musste sie ansehen, hatte sie bereits ansehen müssen, seit sie ihm zum ersten Mal aufgefallen war. Damals in der Schule. Sie war in ihrem vierten Jahr gewesen. Beinah kam es ihm vor, als sei dies in einem anderen Leben gewesen.
Sie trug eine eher schlichte, schwarze Kombination. Das knappe Top mit nur einem Träger über der linken Schulter gewährte nicht ganz so tiefe Einblicke in ihr Dekolleté wie das vom Vortag. Der Saum war, genau wie der der engen Hotpants, mit im Scheinwerferlicht blitzenden Steinchen besetzt. Sie war nicht geschminkt, nur ihre Lippen wiesen ein tiefes Rot auf.
Seine Finger schlossen sich fester um das Glas in seiner Hand und er ignorierte die Blicke, die die anderen Männer ihr zuwarfen. Sie regten ihn nur auf und unterbinden konnte er es eh nicht. Sie tanzte nun mal nicht nur für ihn.
Der Auftritt war vorbei, Leila von der Bühne verschwunden. Draco starrte auf den Rest Alkohol in seinem Glas. Mit genug Gold – und das hatte er – würde er von ihr bekommen, was er wollte, aber doch nicht so. Nicht so!
Draco hob die Hand, um den Barkeeper herbei zu winken. Er wollte bezahlen. Der Zauberer hinter dem Tresen hatte ihn gesehen, nickte und stellte die Flasche beiseite. Er trat auf Draco zu, aber noch bevor einer von beiden den Mund aufmachen konnte um etwas zu sagen, quetschte sich ein anderer Mann zwischen sie. Er war schon älter, hatte ergraute Schläfen, war sehr hager und hochgewachsen. Um seine Schultern lag ein leichter, schwarzer Mantel. Genau richtig für den englischen Spätsommer, der sich langsam aber sicher seinem Ende zuneigte. Das Gesicht des Alten erinnerte unangenehm an das eines Raubvogels. Er griff in die Innentasche seines Umhangs und zog einen Beutel aus dunklem, robustem Leder hervor.
„Wie viel für die Kleine?", fragte er leise mit schnarrender Stimme. Draco, obwohl er fast neben ihm saß, musste die Ohren spitzen, um ihn zu verstehen.
Der Barmann stockte, wandte seine Aufmerksamkeit dem Unbekannten zu, anstatt die Rechnung zu kassieren und erwiderte: „Einen Moment." Mit diesen Worten verschwand er, schlüpfte durch eine unauffällige Tür und tauchte schließlich mit dem Clubbesitzer wieder auf, hielt sich allerdings im Hintergrund, während sein Vorgesetzter mit langsamen, aber festen Schritten auf den Ausschank zuging. Die Augen des Schwarzhaarigen zeigten einen harten Ausdruck, gemischt mit Misstrauen.
Draco schwieg, zog die Kapuze nur noch etwas tiefer ins Gesicht, darauf bedacht sich so unsichtbar wie möglich zu machen und lauschte angespannt. Er tat so, als würde er dem ganzen keine Beachtung schenken und hielt sich an seinem Glas fest.
„Welche Kleine?", wollte der Chef wissen, stützte sich auf der dunklen Holzplatte ab und beugte sich zu dem potentiellen Kunden vor. Neue Interessenten mussten zunächst ihre Zahlungsfähigkeit beweisen. Umsonst gab es hier nichts. Weder Alkohol, noch die Mädchen.
Ein wissendes Lächeln umspielte die dünnen Lippen des Vogelgesichtigen, als er im rauen Flüsterton antwortete: „Ich will sie."
Er ließ den Lederbeutel zwischen sich und sein Gegenüber fallen und es klimperte vielversprechend. Der schwarzhaarige Eigentümer löste die Schnürung am Verschluss, seine Augen wanderten kurz über die Gäste an der Bar. Der Großteil war damit beschäftigt, die nächste Tänzerin zu begutachten und die schmale, schwarzvermummte Gestalt in ihrer Nähe hockte zusammengesunken da und krallte sich offenbar am Whiskey fest. Betrunken, schätze er. Ein prüfender Blick in den Beutel und ein kaum wahrnehmbares Nicken.
„Morgen nach der Show", willigte der Schwarzhaarige ein.
Der Ältere erwiderte das Nickten, drehte sich mit einem Ruck um und schritt nahezu lautlos aus der Kneipe. Der Barbesitzer schaute sich nochmal versichernd um, aber als er nach den Galleonen greifen wollte, schloss sich Dracos Hand fest um dessen Gelenk. Der Eigentümer zuckte unwillkürlich zusammen. Der blonde Zauberer zog ihn zu sich. Darauf bedacht, seine Identität nicht preiszugeben, hielt er den Kopf ein wenig gesenkt.
„Was immer er zahlt, ich biete mehr", war alles, was Draco ihm zu zischte und er zog seinen Geldbeutel hervor.
Es war der nächste Abend. Die junge Frau mit den langen, dunkelbraunen Haaren saß zusammen mit ein paar ihrer Kolleginnen hinter den Kulissen der Bar in einem separaten Raum. Sie korrigierte den Lidstrich über ihrem rechten Auge und überprüfte anschließend ihre Frisur. Sie hatte ihr glattes Haar zu einem Zopf zurückgebunden und steckte die letzten Strähnen fest.
„Leila!", schallte eine Männerstimme von der Tür her.
Sie wandte den Kopf und auch die anderen Tänzerinnen hielten kurz darin inne, sich fertig zu machen, ließen Make-up-Utensilien und Accessoires sinken. Ihr Chef war eingetreten. Das allein war nichts Ungewöhnliches, schließlich war es sein Laden, seine Mädchen. Dass er explizit nach Leila verlangte war allerdings nicht alltäglich. Nicht in diesem Ton, denn sie, sie war die Eine. Das Juwel, das jeder Mann wie er in seiner Sammlung hatte und das er nur ungern hergab. Er trat an ihren Schminktisch und sie sah verunsichert aus großen braunen Augen zu ihm auf. Hatte sie etwas falsch gemacht?
„Heute nach der Show. Zimmer Drei", mit diesen Worten warf er ihr ein Bündel Stoff in den Schoß.
„Aber… Rouven?" Nicht verstehend faltete sie die Wäsche auseinander.
„Tut mir leid, Süße. Geschäft ist Geschäft und du hängst genauso drin wie die anderen Ladies."
Aufrichtiges Bedauern stand in seinem Gesicht, wich dann aber einer routinierten Seriosität.
Als die Tür hinter ihm wieder ins Schloss fiel, ließ Leila die Wäsche durch ihre Finger gleiten und betrachtete sie genau. Ein Kloß setzte sich in ihrem Hals fest und sie schluckte schwer. Ohne Erfolg, der Kloß blieb, wo er war. Es war nichts Neues für sie, spärlich bekleidet zu sein, aber sie wusste auch, dass die Bühnenoutfits etwas anderes waren als die für… die Hinterzimmer. Offiziell gab es diese Räumlichkeiten überhaupt nicht, aber das hieß nichts, vor allem in Zeiten wie diesen und in einer Gegend wie der Nokturngasse. Nervös kaute sie auf ihrer Unterlippe und betrachtete die Stofffetzen, denn mehr als das hatte er ihr nicht hingeworfen. An sich war der Schnitt nicht viel knapper als bei dem, was sie eh schon trug, aber die Stücke waren nicht so blickdicht. Sie rieb den weichen Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie war sich sicher, ihre Konturen würden sich deutlich durchdrücken. Damit war sie nur wenig mehr als splitterfasernackt.
„So so, sieh mal einer an." Eine der Anderen – sie hatte dunkelblonde Locken, ein rundes Gesicht, eine etwas zu breite Nase und braune Augen – hatte sich erhoben und stand nun hinter Leilas Stuhl, musterte sie abschätzend über den Spiegel. „Hat es also auch mal Rouvens Perle erwischt, was?" Sie beugte sich weiter vor und flüsterte der Brünetten gerade so laut ins Ohr, so dass es jeder in dem von Stille beherrschten Raum hören konnte: „Der Preis, den er für dich verlangt, ist eh schon eine Schmach für uns andere. Also, genieß deine erste, gekaufte Nacht. Das war es dann wohl mit der Sonderbehandlung, Schätzchen."
Mit einem selbstzufriedenen Grinsen richtete sie sich wieder auf, zog nochmal kurz triumphierend die Augenbrauen hoch und verließ das Zimmer. Zwei weitere folgten ihr und warfen Leila einen mitleidlosen Blick zu. Diese krampfte die Hände um die hauchdünne Wäsche. Ihre Finger zitterten.
Da berührte jemand ganz sachte ihren Arm. Sie zuckte kurz zusammen und sah auf. Sharon, ein Mädchen mit schulterlangen, rotblonden Haaren, war neben sie getreten und lächelte so aufmunternd wie möglich. Die Geste erreichte nur mit Müh und Not ihre blauen Augen, aber Leila konnte sehen, dass sie sich Mühe gab, aufrichtig zu sein.
„Manche sind gar nicht so schlimm, wirklich. Manche sind… einfach nur einsam", versuchte die Rothaarige die Sache runterzuspielen.
„Und kaufen sich Gesellschaft?" Leila verzog skeptisch das Gesicht. Sie wusste Sharons Worte zu schätzen, sie war schließlich so etwas wie ihre einzige Freundin hier, aber der horrende Preis, den Rouven für sie angesetzt hatte, hatte ihr diesen Teil des Geschäfts bisher erspart. Was, wenn der Typ, der sie gekauft hatte, nicht bloß einsam war und die Zeit totschlagen wollte?
Unauffällig war Draco nach Leilas abendlichem Auftritt nach hinten, hinaus aus dem Gastraum geführt worden. Zimmer Drei. Genau dort saß er nun auf einem tiefen mit weichem, fast schwarzem Leder bezogenen Sofa. Es war sehr bequem und mit Kissen ausstaffiert. Seine Finger strichen über das glatte Material. Ein durchaus guter Ersatz für ein Bett. Es gab keine Fenster, Licht wurde warm und leicht gedimmt von den Kugellampen an den Wänden gespendet.
Draco vermutete, dass sich hinter dem Ganzen so etwas Ähnliches wie das Prinzip des Raums der Wünsche verbarg. Zumindest hatte der Kerl, der ihn hergebracht hatte, so etwas vor der Tür angedeutet. Am Zimmer selbst war wohl nichts zu ändern, aber um es mit den Worten seines Begleiters zu sagen: „Das Mobiliar richtet sich ganz nach Ihren Vorstellungen."
Das erklärte das Podest vor der Couch auf jeden Fall zur Genüge. Eine schlichte, runde Fläche mit einer Stange in der Mitte. Der Blonde ließ sich in die Polster zurücksinken, zog die Kapuze zurecht und legte die Arme zu beiden Seiten seines Körpers auf der Rückenlehne ab. Seine Rechte glitt kurz darauf unter den Umhang und er rieb sich den Nacken. Er war nervös, schloss die Augen und bemühte sich, seine Gedanken darauf zu fokussieren ruhig zu atmen. Er hatte so etwas hier noch nie getan, hatte noch nie dafür bezahlt, um mit einer Frau zusammen zu sein. Das hatte er nicht nötig gehabt, aber das gerade war eine Ausnahmesituation. Er hatte sie nicht diesem hageren, alten Sack überlassen können. Wer wusste schon, was der mit ihr anstellen würde?
Wer wusste schon, was mit ihm passieren würde, sollte rauskommen, wen er dafür bezahlte, die nächsten Stunden mit ihm zu verbringen. Er war ein Todesser und Todesser hatten ihre Familie getötet, nicht ohne Grund. Sie hatte einfach Glück gehabt, zum Zeitpunkt des Überfalls nicht zuhause gewesen zu sein.
Das Geräusch der sich öffnenden Tür riss ihn aus seinen Überlegungen. Unbewusst fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen und betrachtete sie. Einen Augenblick blieb sie stehen, dann winkte er sie mit einem kleinen Zeichen zu sich und beobachtete, wie sie auf ihn zukam. Es ging einfach nicht anders, er konnte seine Augen nicht von ihr wenden. Ihr dunkles Haar war nicht mehr zurückgebunden wie vorhin auf der Bühne, sondern fiel ihr lang und glatt über die schmalen Schultern. Sie trug lediglich ein knappes Höschen, das mehr von ihrem Hintern freigab als es verdeckte. Ebenso wie der BH war es aus einem dünnen, dunkelvioletten Stoff und am Saum mit schwarzer Spitze verziert. Die Kleidungsstücke verbargen nicht allzu viel, gaben aber ebenso wenig alles preis. Eine sehr aufreizende Kombination, deren einziges Ziel es war, ihren Betrachter zu erregen.
Dracos Mundwinkel zuckte leicht. Ihr Anblick ließ ihn nicht kalt, er war immerhin auch nur ein Mann und sie brachte ihn bei ihren normalen Auftritten schon fast um den Verstand. Trotzdem…
So selbstbewusst wie möglich betrat Leila den Raum, bemüht ihre Maske aufrecht zu halten. Sie setzte einen verführerischen Blick auf, versuchte es zumindest. Nur zu deutlich spürte sie, wie ihre Finger zitterten und so legte sie die Hände auf ihre blanken Hüften. Auf diese Weise hatte sie wenigstens etwas, woran sie sich festhalten konnte. Aufgeregt schlug ihr das Herz bis zum Hals. Es fühlte sich an, als wolle es einfach ihre Rippen sprengen oder alternativ ihre Kehle zerschlagen. Ganz deutlich bemerkte sie die intensive Musterung durch den Mann auf dem Sofa, auch wenn sie nicht viel von seinem Gesicht erkennen konnte.
Eine schwarze Kapuze verdeckte die obere Hälfte, seine Augen. Ihr wurden nur ein Stück der Nase, seine Wangen, Mundpartie und Kinn offenbart. Soweit sie das sagen konnte, schien er noch jünger zu sein. Zwischen den hellen Bartstoppeln waren keine Fältchen auszumachen und er wirkte sehr gepflegt. Einen Punkt, den sie schon mal beruhigt von ihrer persönlichen Horrorliste streichen konnte. Diese war nichtsdestotrotz noch lang genug. Aber es erwartete sie kein versiffter, alter Kerl. Ganz und gar nicht. Das war in gewisser Weise beruhigend und gleichzeitig auch wieder nicht. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, mit wem sie es hier zu tun hatte. Es verwunderte sie allerdings auch nicht, dass er sich versteckte. Einige Kunden machten wohl ein Geheimnis um ihre Person.
Nach einer kurzen, auffordernden Geste seinerseits, näherte sie sich ihm. Dabei legte sie all ihre Konzentration auf ihre Schritte. Selten hatte sie so bewusst wahrgenommen, dass sie hohe Absätze trug, allerdings war sie sich auch schon lange nicht mehr so nackt vorgekommen. Das bedachte Gehen lenkte ein wenig davon ab. Ihre Showoutfits waren nicht durchsichtig und dazu konzipiert, alles an seinem Platz zu halten. Rouven wollte nicht, dass – ganz egal wie viel oder in ihrem Fall eher etwas weniger Oberweite seine Mädchen auch hatten – eine von ihnen entblößt auf der Bühne stand. Er war bemüht eine gewisse Seriosität nach außen zu wahren. Diese Stofffetzen, die sie am Leib trug, die waren für etwas anderes bestimmt. Die waren dazu da, um sie in einer eindeutigen Art zu präsentieren.
Sie blieb dicht vor ihrem ersten Kunden stehen, genau zwischen ihm und der Fläche mit der Stange. Es war so wenig Platz, dass der Ansatz ihres Pos die Kante des Podests streifte. Erwartungsvoll und, wie sie hoffte, auffordernd schaute sie zu ihm herab, forderte stumm nach seinen Anweisungen. Er schwieg.
Leila spürte Unbehagen in sich aufkeimen, ein noch größeres als es sie eh schon erfasst hatte.
Warum sagte er nichts? Erwartete er, dass sie irgendetwas Bestimmtes tat? Sie wusste doch nicht wirklich, wie sie sich verhalten sollte. Sie hatte das noch nie gemacht.
Okay, ganz ruhig, redete sie innerlich auf sich selbst ein. Es brachte nichts, wenn sie jetzt den Kopf verlor. Sharon hatte vorhin beim Umziehen noch schnell mit ihr darüber gesprochen. Wenn der Kunde keinen Wunsch äußerste, dann musste sie wohl herausfinden, wonach er begehrte. Sie musste den ersten Schritt machen.
Oh Merlin, manchmal fragte sie sich wirklich, wie es so weit hatte kommen können.
Diese Frage war sie schon hunderttausendmal durchgegangen, war zu keinem befriedigenden Ergebnis gekommen und gerade war dafür auch nicht der richtige Zeitpunkt. Stattdessen setzte sie sich auf die Erhöhung hinter ihr, streifte die High Heels ab, ließ sie klackernd zu Boden fallen und platzierte ihre nackten Füße auf dem Rand der Sitzfläche. Jeweils einen außen neben seinen Knien.
„Und?", erkundigte sie sich mit ungewohnt schwerer Stimme, ignorierte wie blöd sie sich dabei vorkam. Das war egal, sie brauchte das verdammte Geld, um über die Runden zu kommen und so fragte sie weiter: „Was für einen Wunsch kann ich Euch erfüllen?"
Zunächst befürchtete die junge Frau, ihr Gegenüber würde wieder nicht antworten und das ganze Treffen schlicht und ergreifend in einem Desaster enden, was Rouven ganz sicher nicht gefallen würde, aber nach ein paar schier endlos erscheinenden Momenten verlangte er ganz schlicht: „Tanz."
Überrumpelt starrte Leila ihn an. Tanzen und sonst nichts?
Der Fremde amüsierte sich offenbar über ihre Irritation, denn seine Lippen verzogen sich für Sekunden zu einem feixenden Lächeln. Es kam ihr seltsam vertraut vor, so als hätte sie es vor ewig langer Zeit schon einmal gesehen. Nicht vertraut im Sinne von familiär oder gar intim, lediglich so, als hätte sie es das eine oder andere Mal schon gesehen.
„Alles, was ich möchte ist, dass du für mich tanzt", wiederholte er leise und ruhig.
Die junge Hexe riss sich zusammen. Professionalität, sie musste sachlich bleiben. Das war nur ein Job und sie hatte doch gewusst, dass irgendwann irgendjemand genügend Galleonen für sie auf den Tisch legen würde und so erhob sie sich, stieg auf das Podest und griff nach der Stange. Sie warf dem vermummten Mann noch einen flüchtigen Blick zu. Diese Stimme…
Nein, wenn er regelmäßig in der Bar war, dann war es gut möglich, dass sie ihn flüchtig, aber nicht wirklich bewusst wahrgenommen hatte. Wer auch immer er war, einen Tanz konnte er bekommen und so als hätte der Raum einen Befehl erhalten, erklang leise Musik aus dem Nichts.
Nach den ersten Takten fand Leila sich in den Rhythmus ein und gab ihm genau das, was er soeben von ihr verlangt hatte. Einen ganz privaten Tanz.
Draco lehnte sich in das weiche Polster zurück, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Die Musik, eine ruhige gleichmäßige Melodie, drang an seine Ohren. Seine grauen Augen folgten Leilas geschmeidigen Bewegungen. Er wollte nichts, rein gar nichts davon verpassen. Wie sie das Bein um die Stange legte, sich darum drehte, sich an ihr emporzog, kopfüber herabhängen ließ und das alles mit einer Leichtigkeit, als wäre es nichts.
Leila ließ sich zurück auf den Boden gleiten. Als ihre Füße das Podest wieder berührten, hob sie den Kopf und schaute ihren Kunden erwartungsvoll an. Mit einer Hand hielt sie immer noch die Stange umklammert. Beim Tanzen hatte sie genau gewusst, was sie zu tun hatte, aber jetzt nicht mehr.
Die Kapuze verdeckte immer noch sein Gesicht, der Mund war leicht geöffnet. Die Beine hatte er übereinander geschlagen. Ihre Aufmerksamkeit blieb einen kurzen Augenblick an seinem Schritt hängen. Die überkreuzten Oberschenkel verdeckten seine Erektion nicht ganz, sie erkannte sie deutlich. Wollte er jetzt…?
Sie ging zum Rand des Podests, setzte sich darauf und streckte die Beine aus. Das eine leicht über das andere gelegt stellte sie den nackten Fuß auf dem Polster neben seinem Knie ab. Die brünette Frau legte den Kopf leicht schief, sah ihr Gegenüber mit einem auffordernden Augenaufschlag an und erkundigte sich pflichtschuldig: „Und nun?"
Der junge Mann ahmte ihre Geste nach, neigte sein Haupt zur Seite. Sie spürte seinen Blick auf sich ruhen.
„Wie bist du hier gelandet?", fragte er langsam. „Wie bist du zum Tanzen gekommen?"
Irritiert zog Leila die Nase kraus, fing sich aber augenblicklich wieder und setzte ein Lächeln auf. Sie hob die Schultern.
„Ich", sie zögerte eine Sekunde, „habe schon als kleines Mädchen getanzt und geturnt. Die Stange ist dann keine allzu große Herausforderung mehr." Die erste Frage mied sie bewusst. Wie kam man schon in so einen Laden? Durch die Verkettung unglücklicher Ereignisse.
„Machst du es gerne? Tanzen, meine ich."
Dieser Mann verwirrte sie von Sekunde zu Sekunde mehr. Erst verlangte er lediglich, dass sie für ihn tanzen sollte und jetzt begann er, sie über ihr Leben auszufragen. Misstrauen machte sich in ihr breit. War er einfach nur seltsam oder... Ihr Herz schlug schwer gegen ihre Rippen, die sich wie unter einer Schlinge zusammenzogen. Was, wenn er einer von ihnen war? Ein Todesser?
„Ja", antwortete sie und das entsprach sogar der Wahrheit. Sie hatte schon immer gerne getanzt. Natürlich nicht an der Stange, das hatte erst angefangen, als sie zu Rouven gekommen war. Schnell war ihr klar gewesen, dass sie sicherer war, je unentbehrlicher sie sich für ihren Chef machte. So hatte sie Stunde um Stunde im Trainingsraum verbracht und es hatte sich gelohnt. Sie wusste sehr genau, dass sie Rouvens Perle war und er sie nur ungern hergab. Der Fremde musste einen Haufen Galleonen für sie bezahlt haben. Aber dann war er mit Sicherheit kein Todesser. Die hätten einen weniger kostspieligen Weg gefunden, sie zu beseitigen.
Aber wenn er nur plaudern wollte, warum nicht?
„Und was treibt Sie… hier her?", wollte sie wissen. Dabei versuchte sie möglichst unauffällig einen Blick unter die Schatten der Kapuze zu erhaschen, aber diesen Gefallen tat er ihr nicht. Stattdessen erschien wieder dieses leicht amüsierte Grinsen auf seinen Zügen.
„Schlechte Zeiten", erwiderte er lapidar und zuckte mit den Schultern. „Es gibt nicht viele Freuden da draußen."
„Und hier drinnen schon?", fragte die Dunkelhaarige zurück.
Sie zuckte kaum merklich zusammen, als ihr Gegenüber die Beine aus der überkreuzten Position löste, an die Kante des Sofas rutschte und sich, mit den Ellenbogen auf die Oberschenkel gestützt, vorbeugte.
„Ich habe hier drinnen genau eine einzige Freude gefunden", mit diesen Worten erhob er sich und trat an das Podest heran, auf dem Leila saß. Wieder spürte sie nur zu deutlich die Musterung, der sie unterzogen wurde. Sie schluckte. Er war so nah. Der Duft von würzigen Kräutern, gemischt mit einer herben Note drang in ihre Nase. Darunter ein leichtes Aroma von Zigarettenrauch. „Und dafür komme ich jeden Abend aufs Neue her. Sag deinem Chef, dass ich diese Freude das nächste Mal in einem ihrer Bühnenoutfits sehen möchte. Nicht, dass es dir nicht stehen würde, aber Dessous gehören doch eher ins Schlafzimmer, findest du nicht?"
„Wer sind Sie?", presste die junge Frau hervor. Sie wusste einfach nicht, was sie von diesem merkwürdigen Kunden halten sollte, der ihr in diesem Augenblick so nah war, sie aber nicht berührte. Er schien diesen Abstand bewusst einzuhalten.
„Lass das Sie sein. Ich bin nicht so viel älter als du, als dass das nötig wäre." Sein Mundwinkel zuckte. „Sind Namen denn wichtig?"
„Sie sind vermutlich nicht ganz unwichtig, wenn man sie geheim hält."
Ein süffisantes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Kluges Mädchen", hauchte er ihr zu, fixierte sie ein letztes Mal mit seinen verborgenen Augen und schritt dann zielstrebig auf den Ausgang zu.
Leila sah ihm nicht nach, stattdessen saß sie wie versteinert da, wartete auf das Geräusch der Tür und starrte auf die Polster vor ihr. Da lag etwas zwischen den Kissen.
Sie ließ die Füße von der Sofakante gleiten, erhob sich und nahm die in glänzendes, dunkelrotes Papier eingepackte Kleinigkeit in Augenschein. Sie streckte die Hand danach aus, dabei strich sie sich mit der anderen eine lange glatte Strähne hinter das Ohr und erschrak, als die Stimme des Fremden erklang. Er war noch immer im Raum.
„Für dich", war alles, was er sagte. Dann fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.
Leila blieb zwei Herzschläge lang wie angewurzelt stehen. Bedächtig ließ sie die Luft, die sie angehalten hatte, aus ihren Lungen entweichen und griff zögernd nach der bunten Kugel. Sie drehte sie zwischen den Fingern, roch schließlich daran. Durch das Einwickelpapier, das leise knisterte, drang der süße Geruch von Nougat. Ihr Blick wanderte zur Tür. Er hatte ihr eine Süßigkeit geschenkt.
Wer bei Merlin war dieser Mann?
