# 3 – Unexpected disclosures

Einige Wochen später. Es war kurz vor Weihnachten, aber das hatte weder für Leila, noch für eine ihrer Kolleginnen eine wirklich große Bedeutung. Rouven gab sowieso nichts darauf und so gab es in den Zimmern über der im Erdgeschoss befindlichen Bar – dort, wo die Mädchen ihr privates Reich hatten, wo sie schliefen, aßen und sich der Trainingsraum befand – nichts, was auf die Feiertage hinwies. Das machte nichts, denn Weihnachten erinnerte die meisten von ihnen eh nur schmerzhaft an bessere Zeiten.

Es war noch sehr früh am Morgen, aber Leila war bereits wach und beim Training. Der Raum beherbergte mehrere Stangen, gestapelt lagen einige Matten entlang einer Wand, zwei weitere waren verspiegelt.

Die brünette Hexe trug schlichte schwarze Hotpants und ein ebenfalls schwarzes Bustier. Nichts aufwendiges, nichts besonders aufreizendes. Es war nicht für die Show oder gar für die Hinterzimmer gedacht. Kopfüber ließ sie sich von der metallenen Strebe hängen, umfasste sie mit beiden Händen, während sie die Beine vorsichtig löste. Langsam und fokussiert streckte sie diese erst seitlich und dann längs zum Spagat, bevor sie sie wieder aufrichtete. Gerade winkelte sie ein Bein an, wollte es um die Stange legen, da sprach sie jemand an: „Du bist heute aber früh dran."

Aus ihrer Konzentration gerissen, glitt Leila ungeschickt ein paar Zentimeter nach unten, fand wieder Halt und ließ sich wenig elegant zu Boden rutschen. Sie wischte sich ein paar Strähnen, die sich aus dem Knoten gelöst hatten, zu dem sie ihr Haar gebunden hatte, aus dem Gesicht und wandte sich zur Tür. Sharon stand dort in Jogginghose und Top, musterte sie mit einem zerknirschten Ausdruck.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken", meinte die Rothaarige betroffen.

„Schon okay", winkte Leila ab, betrachtete prüfend ihre Handflächen und rieb diese kurz aneinander.

Sharon trat vollends ein und schloss die Tür hinter sich. Den Raum durchschreitend, steuerte sie die Matten an und ließ sich darauf fallen. Einladend klopfte sie mit der Linken neben sich. Die Andere folgte der Aufforderung und ließ sich neben ihr nieder.

Einige Momente vergingen im Schweigen bis Sharon es schließlich brach.

„Mir sind die Geschenke aufgefallen", bemerkte sie so beiläufig wie möglich, konnte ihre Neugier allerdings nicht gänzlich verbergen. „Jede Woche eins. Er scheint ein", sie überlegte, „spezieller Kunde zu sein."

„Sharon…" Leila schüttelte lediglich den Kopf, schaute zu Boden. Wöchentlich stimmte so nicht ganz. Nach dem ersten Treffen – das war irgendwann Ende September oder Anfang Oktober gewesen – da war er einen ganzen Monat nicht mehr gekommen, zumindest nicht ins Hinterzimmer. Dann im November war er zwei Mal bei ihr gewesen und jetzt im Dezember war er jede Woche gekommen. Die Treffen waren außerdem jedes Mal länger geworden, aber Rouven sagte nichts, schließlich gab es gutes Geld dafür. Da entbehrte er sie auch schon mal etwas länger.

„Du musst mir gar nichts erzählen. Es ist mir nur aufgefallen und ich… Nun ja, ich habe mich schon gefragt, was es damit auf sich hat. Vor allem, nachdem ich letztens mitbekommen habe, dass Rouven jemanden abgewiesen hat, der nach dir fragte. Sei froh drum. Ein hagerer alter Kerl, ein Gesicht wie ein Raubvogel. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann war es wohl nicht die erste Abfuhr."

Leila bohrte mit dem Zeigefinger an einem kleinen Loch in der obersten Matte herum, zog dabei die Beine an und legte den Kopf auf den Knien ab. Sie gab keine Antwort.

„Okay, ich sehe schon", gab Sharon resignierend nach. „Aus dir ist nichts herauszubekommen."

Sie stand auf, streckte sich und machte Anstalten zu gehen, da antwortete die Andere leise: „Ich weiß nicht, aber ich glaube, diese Treffen laufen normalerweise nicht so ab." Die Dunkelhaarige hob den Blick und schaute ihre befreundete Kollegin an. Ein kurzes, unschlüssiges Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Er unterhält sich mit mir."

Sharon setzte sich wieder, lehnte sich gegen die Wand und musterte Leila mit unverhohlener Neugier. Eine Spur Irritation war ebenfalls enthalten.

„Er unterhält sich mit dir?", hakte sie in einem leicht anzüglichen Ton nach.

„Nein!", widersprach Leila vehement und schüttelte den Kopf. Sie löste ihre langen Haare, um sie zu einem neuen Knoten zu binden. „Ich meine, wir reden miteinander. Richtige Gespräche."

„Und worüber sprecht ihr? Meine Kunden… sagen nie so viel", meinte die Rothaarige mit stickiger Stimme. Die Brünette rückte etwas näher, lehnte sich ebenfalls zurück. Die beiden Frauen saßen nun Schulter an Schulter.

„Über alles Mögliche", berichtete Leila. „Er hat mir vor zwei Wochen ein Buch geschenkt. Ich meine, ein richtig gutes Buch, richtige Literatur. Kein Schundheft oder Groschenroman."

Sharon lachte auf. „Das hast du also in den letzten Tagen gelesen, bis dir die Augen schier zugefallen sind vor Müdigkeit."

Leila nickte. „Ja. Ich habe schon lange kein vernünftiges Buch mehr in die Finger bekommen. Auf jeden Fall hat er mich danach gefragt. Wie ich es fand, was meine Lieblingsstelle ist und so." Ungläubig schüttelte sie den Kopf. „Er hat mit mir richtig darüber diskutiert."

Erneut breitete sich Schweigen zwischen den zwei Tänzerinnen aus.

„Und es läuft sonst nichts?", bohrte Sharon schließlich weiter.

„Er fasst mich nicht an, falls du das meinst."

„Was?" Sharons Kopf flog herum. „Gar nicht? Ich meine, welcher Mann legt so einen Haufen Galleonen immer wieder auf den Tisch, nur um über ein Buch zu reden?"

Die brünette Frau zuckte mit den Schultern, spielte an einer Strähne, die sich abermals gelöst hatte und flüsterte dann: „Es ist nicht jede Woche. Na ja, es war nicht jede Woche und bevor wir uns unterhalten… tanze ich für ihn."

Sharons Augenbrauen rutschten fragend in Richtung ihres Haaransatzes.

„Er verlangt nicht mehr. Genaugenommen, verlangt er es nicht mal. Nachdem er die ersten drei Male sonst nichts anderes von mir wollte, tanze ich mittlerweile ohne Aufforderung. Es scheint ihm zu gefallen. Es… erregt ihn."

„Leila!" Ihre Kollegin setzte sich auf und schaute sie ungläubig an. „Ist das dein Ernst? Du lässt einen Kunden, der jedes Mal eine Unsumme für dich bezahlt, einfach so sitzen? Bist du irre?!"

„Aber er sagt nichts!", warf die Dunkelhaarige ein. „Er verlangt nach nichts anderem."

„Und? Meinst du nicht, es ist ziemlich deutlich, was er will? Braucht er dafür Worte? Leila…" Sie schüttelte den Kopf und fuhr sich mit den gespreizten Fingern durch den rotblonden Schopf. „Ich meine ja nur, es gibt solche Männer, die darauf warten, dass der erste Schritt von dir kommt. So einen hatte ich auch schon, nur war er… Dein Kunde ist im Gegensatz dazu ja schon ein regelrechter Gentleman."

Oder ein kranker Irrer, schoss es Leila durch den Kopf und wich dem Blick ihrer Freundin aus, da sie befürchtete ihre Vermutung in diesem bestätigt zu finden. Sie kaute unsicher auf ihre Unterlippe.

„Aber irgendwie mag ich die Treffen so wie sie sind", gestand sie im Flüsterton.

Ja natürlich, der Typ gab seine Identität nicht preis, aber einmal davon abgesehen, dass das nicht gerade ungewöhnlich war in diesem Milieu, genoss sie seine Gesellschaft schon irgendwie. Es kam nur sehr selten oder besser gesagt gar nicht vor, dass sich hier jemand so mit ihr unterhielt, auf einer gewissen geistigen Ebene. Früher hatte sie oft mit ihrer Schwester über Bücher, die sie beide gelesen hatten, diskutiert. Das fehlte ihr. Außerdem hatte er verlangt, dass sie im Hinterzimmer nicht mehr weniger, als draußen auf der Bühne trug, was ihr ein Stück Sicherheit wiedergegeben hatte. Sie kam sich nicht mehr so ungewohnt nackt vor. Doch, eigentlich gab er ihr ein recht sicheres Gefühl, wenn sie es im Großen und Ganzen betrachtete. Sie wusste, was sie erwartete, wenn sie zu ihm ging. Zumindest hatte sie das bis jetzt geglaubt. Zweifel schlich sich in ihre Brust und legte sich drückend auf sie.

Was, wenn er wirklich nur darauf wartete, dass sie den ersten Schritt tat? Was, wenn ihm der ganze Aufwand zu kostspielig wurde, wenn er von ihr nicht das bekam, was er anscheinend wollte? Immerhin… Die junge Hexe schluckte. Immerhin war ihr seine Erektion durchaus aufgefallen.

Leila wurde mit Schrecken bewusst, dass sie bisher auch eine gehörige Portion Glück gehabt hatte, dass niemand sonst den für sie angesetzten Preis gezahlt hatte. Dieser war horrend und schreckte ab, nicht viele waren in der Lage das einfach so aus der Tasche zu zahlen. Rouven war das bewusst. Man verschacherte sein bestes Mädchen schließlich nicht. Was hatte Sharon gesagt? Er hatte einen alten hageren Mann mit Raubvogelgesicht abgewiesen?

Sie schloss die Augen, was keine gute Idee war, denn so zogen einige wenige Gesichter ihrer Zuschauer an ihr vorbei und bei so manchem, der sie da Abend für Abend sabbernd angaffte, kam ihr schon beinah die Galle bei der bloßen Vorstellung hoch, sie müsste mit einem von denen im Hinterzimmer verschwinden. Sie hob die Lider wieder.

Der Unbekannte war immerhin jung und gepflegt, er verströmte sogar einen recht angenehmen Duft. Würzig nach Kräutern, ein wenig herb. Er schien etwas im Kopf zu haben und war bedacht im Umgang mit ihr. Er kam ihr zwar manchmal nahe, aber nie zu nah, er fasste sie nicht einfach an. Es war eine gewisse Achtung, die er ihr entgegenbrachte. Wollte sie riskieren das gegen… was auch immer sie dann erwarten mochte, einzutauschen?


Draco saß auf dem Ledersofa des Hinterzimmers, so wie letzte Woche und die Woche davor und… Er wusste, er sollte nicht so oft kommen. Es musste nur jemand zu neugierig sein, wohin er ständig verschwand und es könnte gefährlich für sie werden. Schlussendlich war sie die Tochter von Blutsverrätern und er ein Todesser.

Lucius hatte nichts gesagt, aber sein Blick war beredet genug gewesen. Natürlich waren seinem Vater die finanziellen Bewegungen ihres Verlieses aufgefallen, aber er konnte nicht anders. Er musste sie sehen! Nein, das stimmte so nicht. Sehen konnte er sie Abend für Abend auf der Bühne, doch das war nicht dasselbe, das war nicht vergleichbar. Er liebte es, wenn sie tanzte, wenn sie für ihn tanzte. Ganz besonders mochte er es, wenn sie das zu einer langsamen Melodie tat und er ihren so mühelos erscheinenden, konzentrierten Bewegungen vollkommen ohne Hektik folgen konnte. Außerdem war es sonst nicht möglich sich mit ihr zu unterhalten oder ihr ein kleines Geschenk dazulassen. Er griff in seine Umhangtasche und fühlte die Konturen des kleinen Kästchens. Er hatte ihr wieder etwas mitgebracht, so wie immer und so wie immer heftete sich seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf die brünette Hexe, als sie den Raum betrat.

Schon gewohnheitsmäßig lehnte er sich zurück, während sie auf das Podest stieg und die ersten Töne erklangen. Sie fragte schon lange nicht mehr danach, was er von ihr wollte. Sie tanzte von sich aus. Für ihn, nur für ihn. Draco gefiel es so, auch wenn da immer noch der störende Aspekt war, dass er sie dafür bezahlte, dass sie es tat. Aber so konnte er wenigstens sicher sein, dass ihr nichts passierte.


Die langsame Musik spielte immer noch, als Leila, die im Takt um die Stange herumging, diese losließ und mit einer fließenden Bewegung von der Erhöhung herunterkam. Die ganze Zeit über behielt sie ihren mysteriösen Kunden dabei im Auge. Sie spürte, dass er sie ebenfalls ansah und vermied es den Blickkontakt abzubrechen. Mit kaum zwei wiegenden Schritten hatte sie die Distanz zu dem breiten Ledersofa überbrückt und glitt auf den Schoß des jungen Mannes. Er sagte nichts, er machte nichts, aber sie bemerkte ganz deutlich, wie er schwer schluckte. Sein Adamsapfel bewegte sich und nur zu genau fühlte sie seine Erektion, die sich durch den Stoff seiner Hose drückte. Mit Bedacht lehnte sie sich ein wenig vor, legte die Hände auf der Rückenlehne zu beiden Seiten seines Kopfes ab und zwang ein kokettes Lächeln auf ihre Lippen.

Sharon hatte recht. Niemand würde so viel Geld für nichts bezahlen. Es war wirklich lächerlich, dass sie auch nur einen Moment daran geglaubt hatte, die irratonale Hoffnung gehabt hatte, dass jemand in diesem Milieu anders sein könnte.

Sie war aufgeregt, hoffte, dass er es ihr nicht zu sehr anmerken würde, aber sie wusste einfach nicht, worauf sie sich hier einließ. Auf Sex, du dummes Ding, tadelte sie sich selbst. Weshalb sollte er sonst hier sein und es war ja nicht so, als hätte sie noch überhaupt keine körperlichen Erfahrungen gemacht. Diese lagen nur schon eine Weile zurück, schließlich war sie bisher um die Hinterzimmerjobs herumgekommen. Egal, es gab definitiv schlimmere Kerle, an die sie hätte geraten können. Ungepflegter, ungehobelter, unkultivierter. So versuchte sie das hektische Pochen in ihrer Brust zu ignorieren und sich die Situation so schön wie möglich zu reden.

„Darf es vielleicht doch noch etwas sein außer Tanzen?", raunte sie ihm zu und tatsächlich hob er die rechte Hand, legte den Kopf leicht schief und schien nachdenklich seine Finger zu betrachten, die nur wenige Zentimeter über ihrem Oberschenkel verharrten. Das Licht, das von den Kugellampen an den Wänden ausging, dimmte sich noch etwas und anstatt sie zu berühren, glitt seine Hand in einem gewissen Abstand, ihren Konturen folgend, weiter nach oben. Schließlich strichen seine Fingerkuppen über Leilas Wangenknochen und er fragte leise und beinah heiser zurück: „Sicher?"

Es dauerte zwei Atemzüge bis sie nickte. Kaum hatte sie das getan, glitt seine Hand in ihren Nacken. Seine Finger griffen in das lange dunkelbraune Haare und er zog sie zu sich herunter. Leila schloss instinktiv die Augen, als sich seine Lippen auf ihre pressten. Sie waren warm, weich und vor allem fordernd. Sie konnte das Verlangen, das in ihm brodelte, förmlich spüren. Sie fühlte seine Linke, die sich auf ihren bloßen Oberschenkel gelegt hatte, daran entlang rieb. Nach kurzem Zögern öffnete sie den Mund, gewährte seiner Zunge den Einlass, um den sie so dringlich bat. Schon beinah gierig vertiefte er den Kuss. Er schmeckte ein klein wenig nach Zigaretten, so als hätte er vor seinem Besuch noch eine geraucht. Die junge Frau krallte die Linke in das weiche Leder des Sofas. Dass sie ihm mit der anderen Hand die Kapuze herunterzog, schien er zunächst gar nicht zu bemerken. Ihre Finger fuhren durch kurzes Haar. Schließlich wurde der Kuss allmählich wieder sanfter bis er sich von ihr löste.

Leila hob die Lider und erstarrte für einen Moment, als sie in ein Paar hellgrauer Augen blickte, das sie unergründlich musterte. Sie setzte sich leicht auf und seine Hand löste sich von ihrem Nacken. Er ließ eine lange Strähne durch seine Finger gleiten. Da erst registrierte sie, dass ihre Rechte immer noch in seinem hellblonden Schopf vergraben war. Sie ließ sie sinken.

Draco Malfoy.

Es drückte ihr unangenehm die Brust zusammen. Daher war ihr seine Stimme bekannt vorgekommen, aus Schulzeiten. Sie hatte ihn seit den Vorfällen auf dem Astronomieturm nicht mehr gesehen und jetzt saß er hier vor ihr. Nein, sie saß auf seinem Schoß, während seine Erektion sich gegen die Innenseite ihres Schenkels drückte. Oh Merlin, sie… Ihr wurde ganz flau. Panische Übelkeit stieg ihre Kehle empor.

Ruhig bleiben, redete sie innerlich auf sich ein. Er machte nicht den Eindruck, als hätte er sie erkannt. Er kam seit Wochen zu ihr, er konnte sie nicht erkannt haben. Er kannte sie doch nicht mal, oder? In Hogwarts hatte es keine Anzeichen dafür gegeben. Außerdem hätte er doch sonst schon längst etwas unternommen, oder? Wozu dann die Geschenke? Keines davon war verhext oder vergiftet gewesen.

Ein schelmisches Grinsen breitete sich auf Dracos Gesicht aus.

„Entschuldige", meinte er und verwirrte Leila damit vollends, was ihm ein leises Auflachen entlockte. Seine Finger spielten immer noch mit ihrer Haarsträhne. „Vielleicht war ich doch etwas zu ungestüm."

Sie schüttelte den Kopf und setzte ein Lächeln auf. Einfach so tun, als wäre nichts. Das würde am wenigsten auffallen. Sie durfte sich jetzt nicht verraten. Sie hatte sich nicht durchgeschlagen und hier versteckt, nur um jetzt aufzufliegen, weil sie die Nerven verlor. Sie würden sie nicht kriegen, nur weil der ungekrönte Eisprinz von Slytherin sie aus der Fassung brachte. Contenance wahren. Das hatte sie schließlich von klein auf gelernt.

Draco richtete sich auf und überbrückte das bisschen Abstand, dass Leila zwischen sie gebracht hatte. Seine grauen Augen ließen keine Sekunde von ihr ab, aber sie konnte seinen Blick kaum deuten. Interessiert, begehrend? Keine Erkenntnis und das beruhigte sie ungemein. Sie musste jetzt nur professionell bleiben. Das war nur ein Job. Nur ein Job…

Aber Draco tat nichts anderes als sie unverwandt anzusehen. Dieser intensive Blick machte sie nervös, das war nicht gut. Hätte sie ihm doch nicht die Kapuze runtergezogen, aber dafür war es jetzt zu spät. Leila schluckte kaum merklich, beugte sich ein wenig vor, schloss die Lider und küsste ihn erneut. Hauptsache, er sah sie nicht mehr so an.

Diesmal ließ er sie das Tempo bestimmen, legte die Hände auf ihre Wangen und ließ sich zurück in die Polster sinken. Der Kuss war langsamer, vorsichtiger, nicht weniger nachdrücklich, einfach nur sachter. Immer wieder spürte sie, wie sich seine Erregung gegen ihren Unterleib drückte. Daraufhin ließ sie zögerlich und ein wenig unsicher – sie hoffte inständig, dass er das nicht bemerken würde – ihre Hände über den weichen Stoff seines schwarzen Hemdes streichen. Konnte darunter seine schmale, feste Brust fühlen. Langsam, Knopf für Knopf, öffnete sie es, fuhr über die warme, glatte Haut. Sie stockte kurz, als ihre Finger über eine feine Wulst streiften. Als sie den Kuss löste und seinen nackten Oberkörper betrachtete, wurde sie eine Narbe gewahr, die sich über seinen Brustkorb zog, so als hätte jemand mit einem scharfen Messer einen tiefen Schnitt an dieser Stelle gesetzt. Unwillkürlich zuckte sie zusammen, als er ihr eine Strähne zurückstrich.

„Ein Fluch", erklärte er und die junge Hexe nickte. Sie erinnerte sich wieder daran, wie die Maulende Myrte den lebensbedrohlichen Vorfall auf der Toilette im gesamten Schloss rumposaunt hatte.

Bei der Sache bleiben, mahnte sie sich und riss sich von der Narbe los. Leila konnte spüren, wie er sich leicht unruhig unter ihr bewegte und ließ ihre Hände weiter zu seinem Hosenbund wandern. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen – sie hatte das Gefühl, sie würden sich ausgetrocknet anfühlen – und öffnete mit einem metallischen Klackern die Schnalle des schwarzen Ledergürtels. Sie hörte, wie ihm ein unterdrücktes Stöhnen entwich und seine Bewegungen wurden noch unruhiger, während sie am Hosenknopf rumnestelte.

Sie erschrak leicht, als er plötzlich ihre Handgelenke umfasste und sie festhielt. Verwirrt sah sie zu ihm auf. Seine Brust hob und senkte sich im hastigen Takt seines Atems. Er schluckte schwer und sie konnte das Verlangen in seinen Augen brennen sehen.

„Habe ich… etwas falsch gemacht?", fragte sie verunsichert und spürte Panik in sich aufsteigen. Er durfte sie nicht erkannt haben. Er durfte einfach nicht. Sie verschloss die Angst mühevoll hinter ihrer Maske.

Er schüttelte stumm den Kopf und begann sein Hemd wieder zuzuknöpfen. Merlin, sein ganzer Körper schrie geradezu nach dieser Frau, aber es fühlte sich nicht richtig an. Nicht so. Nicht, weil sie glaubte, sie müsse es tun. Müsse es tun, weil er sie dafür bezahlte.

Er setzte sich etwas gerader hin, fuhr sich durch die Haare und musterte die vollkommen perplexe junge Magierin, die immer noch auf seinem Schoß saß, ihre Hände allerdings auf ihren Oberschenkeln abgelegt hatte.

Sie zog die Augenbrauen skeptisch zusammen, machte den Mund auf, als würde sie dazu ansetzen etwas zu sagen, schüttelte dann aber bloß den Kopf.

„Was…", setzte sie an und betrachtete den blonden Zauberer eingehend. „Was willst du?", brach es schließlich aus ihr heraus. Todesser hin oder her, aber Draco Malfoy war ein Kunde, ihr Kunde und er benahm sich mehr als seltsam. Sharon hatte recht, niemand legte so viel Gold auf den Tisch, nur für ein Schwätzchen über Literatur.

„Die Frage ist, was du willst", erwiderte er und strich sein Hemd glatt. Als Ergebnis erntete er erneut einen äußerst irritierten Blick. Die brünette Frau deutete fragend auf sich. „Was ich will?"

„Ja, was willst du? Erzähl mir nicht, dass du das hier freiwillig machst. Wenn du", er kam ihrem Gesicht mit seinem sehr nahe und es fiel ihr schwer nicht einfach zurückzuweichen, „frei entscheiden könntest, wo du jetzt sein wolltest und wie dein Leben wäre, was wäre es?"

Mit einer verwirrten und kritischen Miene machte Leila Anstalten aufzustehen und von seinen Knien zu steigen, aber Draco packte wieder ihre Handgelenke. Er zwang sie sitzen zu bleiben.

„Erzähl es mir", forderte er. „Wie würdest du dir dein Leben vorstellen, wenn es andere, friedliche Zeiten wären?"

Sie biss sich auf die Unterlippe, versuchte ihre Hände freizubekommen, aber sein Griff wurde nur noch fester. Hektisch drehte sie ihre Gelenke, aber ohne Erfolg. Seine hellgrauen Augen taxierten sie befehlend. Sie stellte die Gegenwehr ein und musterte den Blonden abwartend mit angstvollem Blick. Vielleicht erreichte sie hier mehr, wenn sie folgte?

Er nickte auffordernd und lockerte den Griff als er bemerkte, dass sie aufhörte sich zu winden. Er erzählte seinerseits: „Die französische Südküste, die hat es mir angetan." Ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Warst du schon mal in Frankreich?"

Er ließ sie los, als er sicher war, dass sie nicht wieder bocken würde und sie rieb sich die schmerzenden Handgelenke. Immer noch bedachte sie ihn mit einem vorsichtigen Blick, dann sagte sie langsam und stockend: „Ich… habe mir als kleines Mädchen immer… vorgestellt, dass ich später…", sie atmete hörbar aus, „mit meinem Mann, der mich liebt, in einem Cottage auf dem Land lebe und zwei Kinder haben werde." Sie versuchte vergeblich die Tränen zurückzuhalten, die in ihr aufstiegen. Eine kullerte über ihre Wange. „Der naive Traum eines naiven kleinen Mädchens", schloss sie ihren Bericht. Stumm musterte er sie, wie sie da auf seinem Schoß saß und sich die Träne wegwischte. Seine Erregung flaute mit jeder Sekunde mehr ab, er betrachtete sie nur nachdenklich.

Leila nutze die Chance, stand hastig auf und entfernte sich ein paar Schritte, bis sie mit den Oberschenkeln gegen das Podest stieß.

„Ich denke, das war es für heute", presste sie hervor. Sie spürte, wie ihre Beherrschung langsam dahinbröckelte und es ihr immer schwerer fiel, die Fassade aufrecht zu erhalten. „Ich sollte jetzt gehen." Sie griff nach ihren High Heels, die sie wie üblich vor dem Tanz abgesteift hatte und wandte sich ab, wollte zur Tür eilen. Malfoy stellte einfach viel zu seltsame Fragen.

„Und wohin willst du gehen?", rief er ihr die nächste nach.

Sie hielt einen Moment inne, aber setzte dann langsam weiter einen Fuß vor den anderen.

„Ich kann dir kein Cottage auf dem englischen Land bieten. Wahrscheinlich wäre Frankreich auch nicht ideal, aber", er zuckte mit den Schultern, „die Welt ist groß."

Der Riss wurde länger und ein Stück Mauer brach aus ihr heraus. Sie wirbelte herum und fragte in einem schrillen Ton: „Was zum Teufel willst du eigentlich?"

Draco stand auf, kam aber nicht näher, als er bemerkte, wie sich die junge Frau versteifte. Stattdessen griff er in die Innentasche seines Umhangs und zog – unter dem aufmerksamen Blick Leilas – ein kleines schwarzes Kästchen hervor. Er ließ es aufschnappen und hielt ihr schließlich mit ausgestrecktem Arm eine Kette entgegen, an der ein silbernes Amulett hing, in das feine Linien eingraviert waren, die fremdartige Zeichen bildeten. Sie erkannte diese Symbole aus dem Unterricht wieder, erinnerte sich daran, wie Professor Babbling die Runen für Schutz an die Tafel schrieb.

Draco lachte unbeholfen auf und beteuerte: „Ich will dir nichts tun. Ich möchte nur sicher sein, dass dir nichts passiert." Er schaute ihr genau in die hellbraunen, vollkommen verwirrt dreinblickenden großen Augen und fügte leise, fast schon flehend hinzu: „Astoria."

Das Poltern, mit dem ihre High Heels auf dem Boden aufschlugen, kam ihr viel zu laut vor. In diesem Moment kam ihr sogar das Rauschen ihres eigenen Blutes in ihren Ohren vor wie ein Orkan. Entgeistert starrte sie den blonden Mann an, der ihr immer noch auffordernd die Kette hinhielt. Abrupt wandte sie sich ab und verließ fluchtartig den Raum.

Dracos Blick blieb an der Tür haften, während er den Arm langsam wieder sinken ließ.


Tääädääää!

Die Identität ist gelüftet und ich hoffe, es kam nicht zu überraschend, wer Dracos Mädchen eigentlich ist. Ein paar subtile Hinweise waren bereits in den ersten zwei Kapiteln versteckt *flöt*

Zumindest hatte ich gehofft, dass sie doch so aufgefasst werden, dass es sich nicht um eine Dramione handelt… Davon habe ich zwar auch welche auf meinem Profil, aber diesmal ist es keine geworden. Sorry, falls ihr diese Vermutung trotzdem hattet.
Na ja, ich kann nur hoffen, dass ihr diese Geschichte jetzt nicht sofort kickt, nur weil Leila nicht Hermine ist xD

Falls ihr euch fragt, wie ich auf Astorias Aussehen komme: Ich habe mich ganz einfach an den Film gehalten, in dem Toms wundervolle Freundin diese Rolle übernimmt.
Ach, ich finde die beiden einfach nur total süß zusammen *.*

Liebe Grüße und vielleicht lesen wir uns ja noch mal im nächsten und letzten Kapitel :)
Amira