Burning Leo


Der letzte Tag in Ascalon brach an. Die Sonne schien auf die idyllische Landschaft und niemand ahnte etwas von den Schrecken, die noch kommen würden. So auch Emma nicht. Wie immer ging sie ihre Runden in der Stadt, strich sich gekonnt beiläufig durch ihr auffallendes weil weißblaues Haar, flirtete mit einigen gut aussehenden jungen und vielversprechenden Männern und bequemte sich gegen Mittag zum Unterricht. Sie war keine besonders gute, eifrige oder wissbegierige Schülerin. Im Gegenteil, es nervte sie unglaublich, aber ihre Eltern hatten sie zur Akademie geschickt und so hatte sie keine Wahl. Zwar war sie meistens mehr damit beschäftigt, sich ihre Haare zu kämmen oder sich zu schminken, anstatt ihre Zauber zu üben, aber ihre Eltern zahlten viel Geld, damit sie nicht rausgeworfen wurde. Böse Zungen nannten Emma eiskalt, da sie ihren Charme und ihre Schönheit ohne mit der Wimper zu zucken einsetzte, um das zu bekommen, was sie wollte, ganz egal, ob sie damit jemanden verletzte oder nicht. Keine der ihr aufgetragenen Aufgaben wurden tatsächlich von ihr verrichtet, kein Getränk, das sie abends in einem der Wirtshäuser zu sich nahm, bezahlte sie selbst - für alles wusste sie die Männer, die ihr reihenweise zu Füßen lagen, zu instrumentalisieren. Doch heute war es anders. Heute würde sie den Abend nicht in einer der Schänken verbringen. Noch während des Unterrichts platzte eine Wache herein und befahl allen, die Akademie zu verteidigen, da die Charr einfielen. Auch weniger fähige Schüler, zu denen Emma eindeutig gehörte, wurden in den Kampf geschickt, jede Kraft wurde gebraucht.
Die Charr waren zahlenmäßig weit überlegen, aber keiner dachte daran, sich kampflos zu ergeben. Noch ehe die ersten Charr die Festung erreicht hatten, durchzuckten grelle Blitze den Himmel. Dunkle Wolken in einem unnatürlichen Lila verdeckten die Sonne und mächtige Geschosse aus verfluchter Magie regneten auf die Erde herab und zerstörten alles Leben, bis nur noch Asche und Teer übrig blieben. Vereinzelt schoben sich riesige Kristalle aus dem zerstörten Land, türkis und lila schimmernd, genauso unnatürlich wie alles andere, was von der Magie berührt worden war.
Als die Menschen erkannten, dass sie keine Chance gegen diese übermächtigen Zauber hatten, ergriffen sie die Flucht. Noch immer regneten Feuerbälle aus dem Himmel herab, doch das war ihnen egal. In alle Richtungen stoben sie aus den Gemäuern der Akademie und rannten weg, weg von den Charr und ihrer verdorbenen Magie. So auch Emma. Zum ersten Mal seit Langem gab es etwas, das ihr wichtiger war, als ihr Aussehen: Ihr Leben. Ziellos stolperte sie durch das vernarbte Land, immer darauf bedacht, nicht hinzufallen und so schnell wie möglich weg von den Charr zu kommen. Ein Geschoss, dass nur wenige Zentimeter vor ihr einschlug, riss sie zu Boden. Sofort rappelte sie sich wieder auf, stockte jedoch, als sie das lilafarbene Leuchten sah, aus dem das Geschoss zu bestehen schien. Wie hypnotisiert trat sie auf die gebündelte Magie zu und kniete sich hin. Sie konnte nicht anders, als direkt in die Kugel zu greifen.
Unglaubliche Schmerzen ergriffen sie. Es fühlte sich an, als stünde ihr ganzer Körper in Flammen. Sie fühlte Hitze, fühlte Angst, fühlte, wie ihre Haut sich scheinbar aufzulösen begann. All das nahm sie wahr, trotz der starken Schmerzen. Noch nie in ihrem Leben hatte sie etwas derart Intensives gespürt. Aus ihrem tiefsten Innern schien eine unvorstellbare Wärme in Wellen durch ihren ganzen Körper zu gehen. Es war keine wohlige Wärme, sie war lähmend und schmerzhaft. Sie zwang sie in die Knie, zwang sie auf alle Viere, in den Teer vor ihr. Im unnatürlichen Schein des Feuerregens sah sie ihr eigenes verzerrtes Spiegelbild in der Pfütze vor sich. Sie sah ihre reine, helle, fast weiße Haut, ihre langen, glatten Haare, die nun leicht durcheinander über ihre Schultern fielen. Eine neue, stärkere Welle zog durch ihren Körper. Alles in ihrem Inneren fühlte sich an, als würde sie brennen. Ihr weißblaues Haar wurde nach und nach immer stumpfer, dunkler und vertrockneter. Das Weiß wurde zu Grau, der blaue Schimmer wich einem lilanen. Auch ihre Haut veränderte sich. Sie vertrocknete ebenfalls, wurde dunkel, leblos, braun wie der Boden des toten Landes.

In dieser Nacht veränderte sie sich für immer und manche behaupten, sie sei noch immer da draußen, getrieben von dem Feuer, das für immer in ihr weiter brennt. Sie behaupten auch, dass man die Flammen lodern sehen kann, wenn man ihr nur lange genug in die Augen sieht.