Grenths Ausgleich

Eine leere Straße, der Vollmond erleuchtete die Nacht. Vom Ende des Weges her stolperte ein verirrtes Mädchen langsam den Pfad hinunter, blieb jedoch neben einem alten, knorrigen Baum stehen, der keine Blätter mehr trug. Im Schein des Mondes waren ihre blutverschmierten Hände zu erkennen, die sie fest an ihre Brust presste.
Kraftlos sank sie auf die Knie und starrte den Mond an. Sie spürte, wie sie immer schwächer wurde, wie ihren Körper langsam die Kraft verließ, während sie verzweifelt versuchte, das Ausströmen ihre Blutes aus ihrer klaffenden Wunde an der Brust zu verhindern. Ihre Augen waren blutunterlaufen und tiefe Narben, die Spuren wie von Tränen nachzeichneten, klafften auf ihren Wangen. Kurz schloss sie ihre Augen, versuchte sich zu erinnern, was passiert war. Es begann mit einem Spaß, ein Ritual, dem niemand, weder sie noch ihre Freunde, große Bedeutung beigemessen hatte. Sie alle glaubten nicht an die Götter, von denen die Alten ihnen oft erzählt hatten. Sie lachten nur darüber und hielten Zauberei und Magie für nichts als Märchen für Kinder. Entgegen der Behauptung der älteren Gelehrten, es hätte Magie gegeben, doch die Götter hätten sie den Lebewesen dieser Welt wieder genommen, als sie die Welt endgültig verließen, glaubten die Jugendlichen, dass es Magie und auch die Götter noch nie gegeben hatte und es nur eine Erfindung war, um die in ihren Augen sinnlosen Regeln und Gesetze zu rechtfertigen.

Einer von ihnen hatte in einem alten Buch von Ritualen gelesen, mit denen man die Götter anrufen können sollte. Sie fanden die Idee sehr lustig und so saßen sie eines Abends bei Reiswein und Bohnenkuchen beisammen und beschlossen, den Gott des Todes zu rufen. Sie begannen mit dem Ritual, glucksten und lachten beim Sprechen der Formeln, doch ihnen allen war auch etwas mulmig zumute. Niemand wollte aber aufhören, um nicht als Feigling zu gelten und auch Silencia schollt sich selbst für ihr ungutes Gefühl, schließlich war das ja grade der Reiz. So schritt das Ritual weiter fort und schließlich, nachdem sie etliche Beschwörungen gesprochen hatten, erschien Grenth tatsächlich. Keiner der Freunde hatte damit gerechnet und obwohl er nicht sichtbar war, lastete das Gefühl seiner Präsenz schwer auf den Gemütern der Jugendlichen und schlagartig wurde ihnen klar, dass sie einen Fehler begangen hatten. Der Gott des Todes bemerkte schnell, dass das Ritual der Freunde nur ein Spaß gewesen war und so fuhr er in den Körper von Silencia und nahm durch ihre Hand allen ihren Freunden das Leben. Ihr selbst schnitt er das Herz heraus, nachdem er ihren Körper und die Seelen ihrer Freunde mit in sein Reich genommen hatte, um sie seine Gerechtigkeit spüren zu lassen. Er schnitt Silencia das Herz heraus, während er noch immer Besitz von ihrem Körper ergriffen hatte, um auch ihre Seele in der Unterwelt zu behalten. Doch etwas an den Jugendlichen war anders, sie schienen nicht in sein Reich zu gehören, fügten sich nicht in die Masse der anderen Seelen ein, die hier weilen mussten. Nirgends in den Nebeln konnte Grenth einen Ort für die Seelen der törichten Freunde finden, sie waren wie Fremdkörper in dieser Welt.
Und da erkannte er, dass sie aus einer anderen Realität stammten, aus einer Welt, die von den Göttern schon vor langer Zeit aufgegeben und sich selbst überlassen wurde. Sie hatten jegliche Form von Magie aus dieser Welt entfernt und eine andere ersonnen, an einer Stelle in der Zeit eine andere Entscheidung getroffen und aus dieser Entscheidung eine neue Welt geschaffen.

Doch genau in dieser Welt, die ohne jegliche Magie eigentlich karg und leer hätte sein müssen, wurde ein Mädchen geboren, das mächtig genug war, den Gott des Todes durch die Realitäten hinweg anzurufen und Gehör zu erbitten. Grenth schickte die Seelen der Jugendlichen wieder zurück in ihre Welt, wo er sie sich selbst überließ. In dieser Realität war er nicht mehr verantwortlich für Ausgleich und Gerechtigkeit. Doch Silencia behielt er bei sich.
Als er wieder aus ihrem Körper fuhr, wurde ihr Haar silbergrau, ihre Augen wurden leblos und tot und begannen zu bluten, jedoch hinterließ das hinaus fließende Blut statt dunkler Krusten tiefe Narben in ihrem Gesicht. Nachdem sie wieder zu sich gekommen war und begriff, was passiert war, ließ sie sich nicht einmal die Zeit, ihre Wunde zu begutachten, sie lief einfach davon, so schnell es ohne ihr Herz ging. Sie verstand nicht, was passiert war, noch, warum sie ohne ihr Herz noch lebte, jedoch wusste sie, dass sie wenig Zeit hatte, um zu flüchten. Falls es überhaupt möglich war, vor einem Gott zu flüchten.
Jetzt kauerte sie dort unter dem Baum, und glaubte, ihre letzten Atemzüge zu tun. Sie wusste, dass sie nach ihrem Tod schreckliche Qualen erwarteten, als Strafe für ihre törichte Leichtsinnigkeit. Mit letzter Kraft kniete sie sich hin und beugte sich nach vorne, nahm ihre Hände von ihrer Wunde und stützte sich ab. Sie flehte, der Gott, den sie gerufen hatten, möge ihnen verzeihen. Da erschien Grenth, diesmal in physischer Form, sodass sie ihn ansehen konnte. Er trat vor sie und blickte auf sie herab. Für deine Freunde gibt es keine Gnade mehr. Sie haben bereits den Weg in ihre Welt angetreten und werden dort bis in alle Ewigkeit als körperlose Seelen umherirren. Du jedoch scheinst anders als sie zu sein. Ich habe dich gesehen und räume dir eine weitere Chance ein. Jedoch musst du mir dein Leben widmen und mir dienen. Dann wirst du weiterleben, ohne Herz, ohne Gefühle, ohne Leid, aber auch ohne Freude. Das einzige, was dir Erfüllung geben wird, ist die Gerechtigkeit, die du für mich ausüben wirst. Bist du bereit für ein Leben nach meinem Willen? Sie sah ihn an und überlegte. Sie dachte an die Geschichten der Alten, die von unvorstellbar großer Macht gesprochen hatten, von der Kraft, Leben zu schaffen und Leben zu nehmen, von der Entschlossenheit, seiner Gottheit zu dienen und sie mit seinen Taten zu ehren. Ja, all das kann ich dir geben. All das und viel mehr. Du musst mir nur folgen. Und sie verneigte sich vor ihrem neuen Gott.