- Zwischenzeit -

Leo seufzte. "Kann das nicht noch etwas warten, Piper?"
"Nein, kann es nicht.", fuhr Piper ihn ungehalten an. "Du weißt genau, dass das der Dämon gewesen sein könnte, der verantwortlich ist, dass Wyatt böse wird."
"Ja, aber er ist ja wieder verschwunden und wir können warten bis Chris endlich auftaucht. Denn wenn es wirklich der Dämon war, dann sollten wir uns ihm nur mit vereinten Kräften nähern.", gab Leo zu bedenken.
"Da geb' ich dir ja Recht, aber mein werter Herr Neffe scheint ja heute nicht abkömmlich zu sein... Chris!... CHRIIISS!"
"Gib es auf, Paige, ich versuch's schon seit Stunden.", warf Phoebe ein.
"Wo steckt er denn bloß?", schaltete sich nun auch wieder Piper ein.
Leo besah sich sein Frau: Wie immer wenn sie verärgert oder gestresst war, nestelte sie an der Kette ihres Halses herum und ging ziellos auf und ab. Doch das liebte Leo so an ihr, sie war schon immer eine Frau gewesen, die die Dinge in die Hand nahm, ungeduldig, aber nicht unvernünftig und immer mit Inbrunst bei der Sache.
"Wenn der hier nicht bald mal auftaucht, dann kann er was erleben, schließlich ist er doch extra hier um Wyatt vor genau so was zu beschützen.", knurrte sie.
"Jetzt beruhig' dich erstmal, Piper. Unser Sohn war immer zuverlässig, was das betrifft. Er hat immer alles andere hinten angestellt.", beschwichtigte sie ihr Mann. "Er wird schon einen guten Grund haben, warum er nicht kommt, vielleicht ist er jetzt gerade in der Unterwelt und hört sich schon wieder nach neuen Gefahren um... Ich hoffe nur es ist nichts passiert."
"Ich auch.", seufzte Piper und ließ sich auf einen Stuhl am Küchentisch nieder.
Leo blickte sie an. Besorgnis stand in ihren Augen. Piper erwiderte seinen Blick und er wusste, dass sie in diesem Moment das Selbe dachte wie er: Hoffentlich ist wirklich nichts passiert.
"CHRIIISS!!!", riefen plötzlich beide gleichzeitig.
Endlich erstrahlte blau weißes Licht in der geräumigen Küche des Halliwell Hauses und ihr Sohn materialisierte sich vor ihnen.
"Ah, na endlich.", Piper schien so erleichtert, dass sie sogar vergaß auf ihren Sohn sauer zu sein.
"Was war los? Wo warst du?, fragte Leo.
"Wir rufen dich schon seit Stunden, Chris. Du kommst viel zu spät.", meckerte Phoebe
"Ich komm zu spät?", Chris Augen verfinsterten sich. "Zu spät...?"
Abwesend suchte seine linke Hand nach Halt, er stützte sich auf den Tisch und ließ sich langsam auf einen Stuhl gegenüber von Piper fallen.
"Äh, Chris?", Paige tauschte einen verwunderten Blick mit Leo.
Chris stützte seinen Kopf auf seine Hand, als ob er plötzlich zu schwer war um ihn aus eigener Kraft aufrecht zu halten.
"Zu spät...?", er schloss die Augen.
"Chris? Was ist denn los?", hackte Leo wieder nach.
Doch Chris schien gar nicht zu merken, dass er angesprochen wurde. Leo ging auf ihn zu. Irgendetwas stimmte nicht. Er ließ sich vor seinem Sohn auf die Knie sinken, sodass er auf einer Höhe mit ihm war und ihm besser in sein Gesicht sehen konnte.
Eine steile Falte bildete sich zwischen Leos Augen, als dieser sich seinen Zweitgeborenen genauer ansah.
Er sah müde aus, tiefe Ringe lagen unter seinen Augen und er war blass.
"Was hast du?", er streckte vorsichtig die Hand nach Chris' Arm aus. Als er ihn berührte blickte sein Sohn plötzlich auf und schien leicht verwundert, darüber das Leo überhaupt da war.
"Was ist?", fragte Chris.
"Sag du es mir."
"Was soll ich sagen?"
"Was los ist."
Chris schien augenblicklich wieder normal zu sein, er blickte von Leo reihum verwundert zu den Anderen, die alle neugierig und etwas ängstlich zu ihm vorgebeugt waren.
"Äh, nichts ist los... ich dachte nur gerade...", nuschelte er zu niemanden bestimmten.
"Was dachtest du?", wollte seine Mutter wissen.
"Ach, ich dachte nur gerade, dass... ich dachte mir wär' was eingefallen, aber..." Die Schwestern tauschten verständnislose Blicke, wirkten aber etwas beruhigter.
"Aber?", Leo ließ nicht locker.
"Ach, hat sich erledigt." rief er laut und sprang so plötzlich auf, dass Leo, der immer noch vor ihm kniete zusammen zuckte.
"Also, warum habt ihr mich gerufen?"
Chris klatschte bei diesen Worten einmal in die Hände und die gespannte Stimmung löste sich endgültig.
"Tja, dreimal darfst du raten", zwinkerte Paige ihm zu.
"Ein Dämon...,-"
"Bingo."
"...hat euch angegriffen?"
"Nein", meinte nun Piper.
"Nein?"
"Nein", wiederholte sie.
"Kein Dämon?"
"Doch schon ein Dämon, aber er hat uns nicht angegriffen."
"Sondern?"
"Er hat sich Wyatt angesehen."
"ANGESEHEN?", brüllte Chris."Ist Wyatt in Sicherheit? Geht's ihm gut?"
"Ja, natürlich. Er ist in der Zauberschule.", meinte Phoebe.
"Also? Was genau ist passiert?", fragte er nach.
"Wyatt war oben in seinem Zimmer", meldete sich Leo. "Und als ich nach oben ging um nach ihm zu sehen, sah ich wie ein Dämon im Zimmer stand und ihn ansah."
"Und dann?"
"Noch bevor ich reagieren konnte, war der Dämon schon wieder verschwunden.", schloss Leo.
"Das war's?", fragte Chris.
"Ja," meinte Piper. "Und bevor du fragst: Im Buch der Schatten haben wir nichts über den Dämon gefunden."
"Hmm...", grübelte Chris.
Jetzt ging auch er im Raum auf und ab. Leo musste schmunzeln. Wie hatten sie bloß nicht merken können, dass Chris ihr Sohn war?
"Der wird bestimmt wieder kommen.", Chris hielt plötzlich wieder inne und wandt sich an seinen Vater: "Sah es so aus als ob er Wyatt mitnehmen wollte?"
"Schwer zu sagen. Ich weiß es nicht. Er stand einfach nur da und sah sich Wyatt an."
"Tja, das ist ja nicht gerade viel, was wir haben.", sagte Chris. "Ich denke, ich werde mal wieder runter gehen und mich um hören ob jemand hinter dem Erben der Mächtigen Drei her ist... wiedereinmal."
"Warte, ich komm mit.", meinte Leo.
"Nichts da, Ältester, du fällst doch nur auf wie ein bunter Hund.", Chris lächelte ihn schief an und verschwand.

Chris hatte bestochen, gedroht, überall herum gefragt, einen Warlock getötet und kam dennoch drei Stunden später mit völlig leeren Händen zurück ins Halliwell Haus.
Paige brütete über den Buch der Schatten, während Phoebe ihr über die Schulter sah und ihr sichtlich auf die Nerven ging.
Piper hing mit Leo gerade über einer Karte, die sie quer über einen ganzen Tisch ausgebreitet hatten, als Chris auf den Dachboden gebeamt kam.
"Und?", frage Paige sofort nach.
"Nichts.", gab Chris müde von sich. "Rein gar nichts!"
Chris sah wie sich sein Vater, der halb aufgestanden war, enttäuscht wieder zurück in seinen Stuhl fallen ließ.
Chris war erschöpft. Er hasste es in die Unterwelt gehen zu müssen und war auch schon davor ziemlich müde gewesen. Die vergangene Nacht hatte ihn durcheinander gebracht, er versuchte sich immer noch genauer daran zu erinnern worum es in seinem Traum gegangen war, doch er kam einfach nicht darauf. Langsam tat ihm der Kopf weh, außerdem machte er sich Sorgen um Wyatt.
Kraftlos setzte er sich auf eine Couch und legte seinen schweren Kopf auf die Armlehne. Er schloss die Augen, verschränkte die Arme vor der Brust und merkte, dass er fror.
Phoebe und Paige begannen sich halblaut zu zanken und seine Mutter gab immer wieder ein resignierendes Schnalzen von sich.
Langsam wurde alles leises. Chris spürte wie er davon trieb, seine Gedanken mehr und mehr unsinnig wurden und er dabei war einzuschlafen.
Plötzlich hörte er nah bei sich eine Diele knarren. Er öffnete die Augen und sah in das Gesicht seines Vaters.
"Müde?", fragte dieser.
Chris zuckte mit den Schultern. "Geht so."
Leo atmete hörbar aus und setzte sich schließlich auf die Kante der Sitzfläche zu ihm. Unweigerlich wurde Chris an eine Szene aus seiner Kindheit erinnert, in der Chris zwei Tage lang krank im Bett gelegen hatte ehe sein Vater nach Hause gekommen war, sich an sein Bett gesetzt, ihn geheilte hatte und ohne ein Wort gleich wieder verschwunden war.
"Du arbeitest zu viel, Chris."
"Unsinn.", schnaubte Chris.
"Doch, hör auf deinen Vater.", schimpfte Leo, doch in seinen Augen glitzerte es kurz freundlich auf. "Du siehst krank aus, Chris."
"Bin ich aber nicht und wenn könntest du mich ja heilen", Chris lächelte ihn beruhigend an.
Doch Leo blieb ernst. Er kaute kurz auf seiner Backe herum und räusperte sich leise.
"Chris", setzte er an. "Hör mal, ich seh' doch, dass irgendetwas nicht stimmt. Du siehst blass und erschöpft aus."
"Tja, in die Unterwelt zu gehen ist eben nicht immer so spaßig und viel Sonne kriegt man da ja wohl auch nicht gerade ab.", fuhr Chris ihn sarkastisch an. Er konnte es nicht leiden, wenn Leo sich Sorgen machte. Es kam ihn einfach seltsam fremd vor, schließlich hatte das sein Vater in seiner, Chris', Vergangenheit nie getan. Und außerdem: Ihm ging es doch gut. Na ja, vielleicht war er wirklich etwas überarbeitet. Aber er konnte sich immer noch ausruhen, wenn der Dämon vernichtet war.
"Und was war das heute morgen?", fragte Leo.
"Was soll da schon gewesen sein?", wich Chris aus.
"Du warst so seltsam abwesend."
Chris seufzte. "Darf man denn jetzt nicht mal kurz seinen Gedanken nachhängen?"
"Chris, du warst nicht ansprechbar!"
"Ja, weil ich eben sehr angestrengt nachzudenken pflege, Leo." Chris erhob die Stimme.
Sein Vater blickte ihn plötzlich traurig an. Chris wurde klar, dass es ihn verletzt hatte, dass er ihn "Leo" und nicht "Dad" genannt hatte.
Chris setzte sich auf und blickte seinen Vater in die Augen. Er hatte ihn nicht verletzten wollen. Schließlich meinte Leo es nur gut, doch er musste auch verstehen, dass Chris mit diesem übertriebenen Besorgnis nicht zurecht kam.
"Hör mal, Dad." Leo lächelte. "Mir geht es gut. Glaub mir ich bin okay."
Sein Vater erwiderte seinen Blick und schwieg. Chris war klar, dass er ihn nicht glaubte.
"Ich... ich werd mal nach unten gehen und mir was zu essen suchen. Ich hab Hunger."
Er stand auf und verließ eiligst den Dachboden.
Er spürte den besorgten Blick seines Vaters in seinem Rücken und beschleunigte seine Schritte noch mehr.
Was er allerdings nicht bemerkte war, dass sein Vater sich in erster Linie wunderte warum sein Sohn sich nicht nach unten beamte.

Chris kaute auf einen Marmeladensandwich herum. Er saß in der Küche des Halliwell Manor und blickte sich um.
In seiner Kindheit hatte er oft an dem selben Tisch gesessen, an dem er auch jetzt saß, hatte seiner Mum beim Kochen zu gesehen und Tante Paige gelauscht, die aufregende Abenteuer erzählte, von Dämonen und Monstern, die sie gejagt hatten und in denen am Ende immer das Gute gesiegt hatte.
Chris hatte diese Geschichten geliebt. Er war immer stolz gewesen zu so einer bedeutenden Familie zu gehören und hatte sich vorgenommen, wenn er alt genug sei, selbst solche Abenteuer zu erleben.
Tja, als Kind sieht man die Dinge nicht so wie sie sind, dachte Chris. Als er klein war und ein mehr oder weniger normales Leben geführt hatte, da hatte er sich nach Aufregung, Abenteuer und Helden taten gesehnt. Doch als er älter wurde und Stück für Stück sein normales Leben aufgeben musste, solange bis es schließlich nichts mehr gab, was sich in seinem Leben als "normal" bezeichnen ließ, wünschte er sich die Unbekümmertheit seiner Kindheit zurück.
Er hatte immer für seine Familie gekämpft, für seine Freunde und für Unschuldige, die unter Wyatts Regimes leiden mussten, gekämpft für Frieden und ein normales Leben.
Doch im Laufe der Jahre war Chris mehr und mehr bewusst geworden, dass auch wenn es ihm gelingen sollte Wyatt zu stürzten, die Welt trotz allem nicht mehr die werden konnte, die sie einmal gewesen war. Zu viele waren getötet worden, zu viele waren verbittert und vom Krieg gezeichnet. Zu viele.
Diese Tatsache hatte Chris von innen heraus aufgefressen und wäre Bianca nicht gewesen, mit der auf eine bessere Zukunft gehofft hatte, dann hätte er wahrscheinlich schon längst aufgegeben.
Und schließlich kam der Gedanke alles was bereits geschehen war ungeschehen zu machen.
Doch erst durch Biancas Tod war Chris endgültig klar geworden, dass er auf keinen Fall scheitern durfte, es kein Zurück mehr gab, keine Alternative. Keinen anderen Weg um jemals wieder ein normales Leben zu führen.
Chris zweifelte oft an sich. Er zweifelte daran, dass das was er tat hilfreich war oder eher alles nur noch schlimmer machte.
Er wusste nicht ob die Zukunft schon verändert wurde.
Plötzlich dachte er wieder an seinen Traum von letzter Nacht. War das wirklich nur ein Traum gewesen? Es war ihm alles so echt vorgekommen.
Es war ihm eigentliche mehr wie eine Erinnerung vorgekommen, die er lange Zeit verdrängt und die nun ihren Weg zurück in sein Gedächtnis gefunden hatte.
Doch Chris konnte sich nicht erinnern, dass ihm jemals wirklich so etwas widerfahren war.
Er durchforschte immer wieder seine Vergangenheit. Ja, er hatte Verwüstung, Chaos und Tod gesehen, aber er konnte sich nicht an ein solches Erlebnis erinnern. Aber dennoch waren diese Bilder in seinem Kopf, so real, als wenn das alles letzte Nacht wirklich passiert wäre.
Er griff nach dem Marmeladengläser und tauchte das Brotmesser hinein als er plötzlich ein dumpfen Geräusch aus dem Zimmer seines Bruders hörte.
Schlagartig ließ er alles fallen und beamte sich in Wyatts Zimmer.