- Zeitbeweis -
Er konnte nicht atmen. Für
einen winzigen Moment war sämtliche Luft aus Chris' Lunge
entwichen und er hatte das schreckliche Gefühl ersticken zu
müssen.
Doch dann war das Gefühl auch schon wieder
verschwunden und er hatte gerade noch genug Zeit sich zu ducken, als
ein roter Energieball auf ihn zugerast kam.
Er sprang zur Seite
und fiel gegen einen Stuhl, der splitternd unter seinem Gewicht
zusammenbrach.
Der Dämon musste mittlerweile festgestellt
haben, dass Wyatt nicht hier war und sicher würde er schnell
wieder verschwinden wollen, dachte Chris. Also hieß es
handeln.
"DAD, ER IST HIER. Er ist hier in Wyatts Zimmer",
schrie er und und steuerte gleichzeitig mit einer Handbewegung die
Überreste jenen Stuhls, gegen den er eben geprallt war, dorthin
wo er den Dämon vermutete.
Es krachte, Chris nutzte seine
Chance und war augenblicklich wieder auf den Beinen. In dem Moment
erschienen sein Vater und die Schwestern mitten im Zimmer.
Piper
reagierte sofort und erhob die Hände.
"HALT, WARTE",
schrie Chris. Erst jetzt konnte er den Dämon richtig sehen.
Doch
zu spät.
Der Dämon ging in Flammen auf, schrie aus
Liebeskräften ehe er sich langsam und qualvoll auflöste.
"Was
ist, wieso wolltest du mich aufhalten?", fragte Piper.
Chris
starrte auf die Stelle, an der eben noch der Dämon gestanden
hatte.
"Ich.. ich kenne diesen Dämon.", antwortete
Chris.
"Du kennst ihn?", fragte Phoebe. "Woher?"
"Von
früher... also... also aus der Zukunft.", meinte Chris.
Ja,
er war sich sicher. Er hatte diesen Dämon schon einmal
getroffen, doch das war schon länger her. In Chris' Kopf
arbeitete es.
Plötzlich fiel ihm etwas ein, er rollte
hektisch seinen linken Ärmel hoch und starrte auf seinen
Unterarm.
Doch da war nichts.
"Sie... sie ist weg!", Chris
lachte kurz auf. "Einfach weg."
"Was ist weg?", fragte
Paige.
"Die Narbe."
"Welche Narbe?", wollte Leo
wissen.
Chris blickte weiterhin wie hypnotisiert auf seinen Arm,
drehte und wendete ihn um auch wirklich ganz sicher sein zu
können.
"Chris?"
"Ich... ich hatte eine Narbe auf
meinem Arm... Von einem Kampf mit genau diesem Dämon... Und die
ist jetzt weg.", sagte er.
"Wie meinst du das, sie ist weg?",
wollte seine Mutter wissen.
"Sie ist nicht mehr da, einfach
nicht mehr da.", wiederholte Chris. Glückseligkeit breitete
sich in ihm aus. Er ließ endlich seinen Arm sinken, schaute die
Schwestern und Leo reihum an und lachte übers ganze
Gesicht.
"Wisst ihr was das heißt?", fragte er. "Das
heißt... das heißt, dass wir eben die Zukunft verändert
haben!"
Stille.
Phoebe war die Erste, die sich brach:
"Bist... bist du dir sicher?"
"Ja, natürlich bin ich
mir sicher. Ich kenne diesen Dämon." Chris' Stimme begann sich
zu überschlagen und er sprach immer schneller. "Ich stand ihm
schon einmal gegenüber. In der Zukunft, also.. also in meiner
Vergangenheit. Da war ich 16, denke ich... Ja, genau, etwa 16 und
Wyatt hatte ihn auf mich angesetzt."
"Auf dich angesetzt?",
fragte sein Vater.
"Na ja, also nicht direkt auf mich, sondern
auf eine Familie hinter der Wyatt her war, aber ich hab ihnen damals
geholfen aus der Stadt zu flüchten um sich in Sicher-",
plötzlich brach er ab als ihm einfiel, dass es nicht gut war zu
viel von der Zukunft zu erzählen. Das war gefährlich.
"Na
ja, jedenfalls kam es zu einem Kampf und dabei hatte ich mich am Arm
verletzt. Diese Narbe hab ich bis heute noch... also... zumindest bis
gerade eben.", schloss er ein wenig verwirrt.
"Wieso hab ich
dich nicht geheilt?", fragte Leo nach einigen Sekunden.
"Äh,
du warst verhindert...", wich Chris aus. "Ist auch egal, die
Narbe ist nicht mehr da. Weil der Dämon nicht mehr da ist, d.h.
dass der Kampf damals, also in der Zukunft, niemals stattgefunden
hat, ich mein, niemals stattfinden wird." Chris war plötzlich
aufgeregt. Begriffen sie denn nicht was das bedeutete?
Er begann
ziellos auf und ab zu laufen.
"Versteht ihr denn nicht?", er
fuchtelte mit den Händen vor ihnen herum, lachte auf und sagte:
"Wir haben zum ersten Mal einen Beweis dafür, dass wir die
Zukunft verändert haben und zwar zum Guten!"
"Ja, aber...
ja aber, Chris. Wie kann das denn sein?", fragte Paige, bei der das
alles noch nicht so recht angekommen zu sein schien. "Was ist denn
jetzt anders gelaufen als in der Vergangenheit, also von der Zukunft
ausgesehen... also ich meine, wie kam es, dass wir jetzt diesen Dämon
vernichtet haben und vorher nicht?"
Chris hielt inne. Das war
eine gute Frage.
"Hmm, vielleicht...", überlegte Phoebe
laut. "Vielleicht liegt es daran, dass Chris den Dämon hier in
Wyatts Zimmer erwischt hat? Wenn Chris nicht in die Vergangenheit
gereist wäre, dann hätte er ihn ja niemals hier getroffen
und hätte uns nicht gerufen."
"Ja, das kann sein.",
meinte Piper leise. "Aber was wäre sonst passiert? Ich meine,
der Dämon war wohl offensichtlich hier wegen Wyatt und wäre
doch wieder gekommen, wenn wir ihn jetzt nicht vernichtet hätten
und wenn er wieder gekommen wäre, dann hätten wir ihn doch
sicher dann vernichtet. Oder... oder nicht?", fragte sie.
"Pffhh...
vielleicht nicht.", meinte Leo.
"Ja, aber, aber heißt
das, dass dieser Dämon der Dämon war hinter dem wir schon
die ganze Zeit her sind? Wenn wir ihn nämlich, aus was für
einem Grund auch immer, nicht vernichtet hätten, er also
überleben konnte, sodass er Chris in der Zukunft angreift, dann
könnte er doch der jenige sein, der Wyatt.. na ja, ihr wisst
schon.", sagte Paige.
Stille breitete sich aus. Chris überlegte.
War das möglich? Konnte seine Aufgabe erfüllt worden sein?
War die Zukunft gerettet?
"Das glaub ich ehrlich gesagt eher
nicht.", meinte Leo. "Ich glaube ehrlich nicht, dass ein
einfacher Dämon, den man so ohne weiteres sprengen kann, unseren
Sohn zum Bösen hätte bringen können. Er wäre
wahrscheinlich nicht einmal durch Wyatts Schutzschild gekommen."
"Ja,
aber was hätte er denn dann gemacht oder viel eher: Was hat er
überhaupt gewollt?", frage Piper.
"Wahrscheinlich nur
eben genau das, was er schon getan hat. Sich ansehen ob es wahr ist,
dass Wyatt so mächtig ist.", antwortete Leo. "Viele Dämonen
glauben ja (und wie wir wissen auch nicht ohne Grund), dass Wyatt die
Macht besitzt um alles Böse unter sich zu vereinen und glauben,
dass er sie eines Tages anführen wird. Vielleicht ist der Dämon
nur gekommen um sich das bestätigen zu lassen indem er ihn mit
eigenen Augen sieht. Das passt, wenn man sich überlegt, dass er
sich ja dann in der Zukunft Wyatt angeschlossen hat... Also hätte
er wahrscheinlich weder Wyatt mitgenommen noch ihn angegriffen oder
sonst irgendwas."
Verdammt, dachte Chris. Doch er fing sich
sofort wieder.
"Aber, aber wenigstens wissen wir jetzt, dass wir
was geändert haben. Das nicht alles umsonst ist, dass es
überhaupt möglich ist.", sagte er überzeugt.
"Ja.
Ja, das wissen wir jetzt." bestätigte Phoebe.
Es war
Abend. Paige war zu Richard gegangen, doch Phoebe, Piper, Chris und
er hatten es sich nicht nehmen lassen ins P3 zu fahren um diesen
kleinen Erfolg gebührend zu feiern. Insbesondere, weil es davon
in letzter Zeit so wenige gegeben hatte.
Sie saßen an einem
kleinen, spärlich beleuchteten Tisch in einer Ecke des Clubs und
Leo trank einen Cocktail. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das
das letzte Mal getan hatte, er fühlte sich so wunderbar normal
und zu den anderen Menschen im Club dazugehörig. Ein schönes
Gefühl.
Auch Chris schien gut gelaunt zu sein.
Leo
betrachtete seinen Sohn. Er hatte ihn noch nie zuvor so ausgelassen
und fröhlich erlebt, er lachte, trank und Leo glaubte ihn sogar
dabei erwischt zu haben, wie er vorhin zum Takt der lauten Musik mit
dem Fuß gewippt hatte.
"Nein, ganz ehrlich, frag doch
deinen Vater.", Piper plauderte gerade über die Anfänge
ihrer Beziehung aus dem Nähkästchen.
"Nein, niemals.",
Chris wandte sich ihm zu. "Sie nimmt mich doch auf den Arm,
oder?"
Leo grinste und schüttelte den Kopf. Chris starrte
ihn an, warf den Kopf in den Nacken und fing plötzlich schallend
an zu lachen.
Leo sah ihn an und mit einem Mal gefror das Grinsen
auf seinen Lippen als ihm klar wurde, dass er seinen Sohn so
noch nie zuvor hatte lachen sehen.
Er glaubte zu wissen wieso.
Chris erlaubte es sich nicht zu lachen, erlaubte es nicht, dass ihn
irgendetwas von seiner Aufgabe, die er hier zu erfüllen hatte,
ablenkte. Er konzentrierte sich zu sehr auf seine Arbeit, darauf
Wyatt zu retten, darauf die Zukunft zu retten, seine Familie, dass er
völlig dabei vergaß selber zu leben, dass er auch noch da
war.
Leo machte das traurig.
Aber, wer weiß, vielleicht
war sein Sohn allgemein kein besonders lustiger Mensch, überlegte
Leo. Dabei blinzelte er verstohlen zu ihm hinüber und stellte
fest, dass Chris um so vieles besser aussah, wenn er lachte. Seine
Augen leuchteten in einer Art, die Leo nie zuvor gesehen hatte...
endlich wirkte er wie der etwa zwanzigjährige, junge Mann, der
er eigentlich war.
Aber vielleicht, und Leos Herz wurde bei diesem
Gedanken schwer, hatte er einfach auch in seinem Leben nie all zu
viel zum lachen gehabt, nie die Zeit um einfach einmal glücklich
und unbeschwert zu sein und um den Moment zu genießen.
Schließlich wusste Leo kaum etwas über seinen Sohn, was er
für ein Mensch er war, was er erlebt hatte und das Wenige, von
dem er wusste, war traurig und schmerzhaft für seinen Sohn
gewesen. Leo wusste, dass ihr Verhältnis in der Zukunft
zueinander schlecht gewesen sein musste und wenn er, Leo, nichts
änderte, schlecht werden würde.
Er hätte gerne mehr
über Chris' Leben und über die Zukunft erfahren, doch sein
Sohn weigerte sich strikt etwas zu erzählen, immer mit der
Begründung, dass es riskant sei zu viel zu wissen und es die
Zukunft verändern könnte.
Leo konnte das nicht ganz
verstehen, schließlich war Chris hier um die Zukunft zum Guten
zu verändern und von dem Schlechten zu erzählen würde
doch dabei helfen.
Er glaubte eher, dass Chris einfach nicht gerne
darüber sprach.
Phoebe streckte sich und gähnte
herzhaft.
"Leute, ich verschwinde, ich bin tot müde.",
meinte sie, griff nach ihrer Tasche, verabschiedete sich und
ging.
"Sag mal, Chris, gibt es eigentlich den Club in der
Zukunft noch?", fragte Piper nach einer Weile ganz beiläufig.
Leo war klar, dass sie nicht einfach nur Konversation machte und
sie ebenso wie er brennend daran interessiert war mehr über die
Zukunft zu erfahren.
Chris wurde still als ob ihn die Erinnerung
an die Zukunft jäh in die Wirklichkeit zurück geholt
hätte.
"Na ja, du weiß ja, dass ich dir das nicht
erzählen sollte.", druckste er herum.
"Oh, ist das denn
etwas so gravierendes?", fragte Piper.
Chris fixierte sie, rieb
sich den Arm und schien abzuwägen wie viel er erzählen
durfte.
"Also, es gibt den Club noch.", antwortete er
schlicht.
"Aber er gehört nicht mehr mir, oder?"
"Nein...
äh... aber er bleibt in der Familie.", Chris sagte das betont
locker. Leo war klar, dass er mit "Familie" in dem Fall "Wyatt"
meinte.
Auch Piper schien das so interpretiert zu
haben.
"Verstehe.", sagte sie.
Die Stimmung am Tisch hatte
sich geändert. Sie wurden schweigsam und jeder hing seinen
Gedanken nach. Leo war sich sicher, dass Piper es bereut hatte Chris
das gefragt zu haben, nicht etwa, weil sie die Antwort nicht
verkraften konnte, sondern weil sie damit Chris' gute Laune verdorben
hatte. Doch Leo nahm ihr das nicht übel, wahrscheinlich hatte
sie gedacht, wenn ihr Sohn in so einer guten Stimmung war, es
leichter wäre ihm ein paar Details über die Zukunft zu
entlocken.
Langsam wurde es spät, der Club begann sich zu
leeren, bis schließlich nur noch sie und eine Hand voll
Nachteulen an der Bar saßen.
Chris gähnte und rieb sich
die Augen.
"Mum, wär's für dich okay, wenn du zu
machst, ich glaub ich muss dringend ins Bett?", fragte Chris.
"Ja,
klar. Geh nur. Ich und Leo bleiben noch ein bisschen. Oder, Schatz?",
sie wandte sich fragend zu ihren Gatten um.
"Ja, gerne. Schlaf
gut, Chris.", antwortete er.
"Gute Nacht.", mit einem
Lächeln stand Chris auf und verschwand in seinem
Hinterzimmer.
Leo blickte ihm hinterher.
"Wird Zeit, dass wir
ihn mal bei uns unterbringen. Das Hinterzimmer ist doch viel zu
klein.", sagte er.
"Ach, ich weiß nicht. Ich glaube
ehrlich gesagt, dass Chris diese Privatsphäre ganz recht
ist."
"Wieso meinst du?", wollte er wissen.
"Na ja, er
ist da genau wie du.", sie blickte ihm verschmitzt in die Augen.
"Hmm?"
"Ein Eigenbrödler."
Leo musste lachen.
Er küsste Piper, stand auf und holte ihnen noch eine neue Runde
Getränke.
Noch lange saßen die beiden gemeinsam am
Tisch und genoßen es endlich wieder einen Abend ganz für
sich alleine und in Ruhe zu haben.
Ohne Dämonen, nur sie
beide.
