- Trauerzeit -

Er hörte einen lauten Schlag. Holz splitterte. Jemand schrie.
Entsetzten packte ihn. NEIN. Das konnte nicht sein.
Er sprang auf und rannte die Treppe hinauf. Irgendetwas in ihm wusste was er gleich sehen würde, noch lange bevor er es sah. Er spürte es. Er hatte es in dem Moment gespürt als er den Schrei gehört hatte.
Er raste den Flur entlang, konnte nicht atmen aus Furcht vor dem was ihm am Ende des Flurs erwartete.
Er blieb stehen.
"NEIN.", entfuhr es ihm.
Er fiel auf die Knie.
Das konnte nicht sein! Das durfte nicht sein!
"Was ist passiert?", er schob seinem Vater die Hand in den Nacken, hob seinen schlaffen Oberkörper an und nahm ihn in den Arm.
"Was ist passiert?", fragte er erneut. Seine Stimme zitterte. Tränen liefen ihm über das Gesicht.
"Du kommst zu spät.", flüsterte sein Vater.
"Nein. Nein. Es ist nicht zu spät.", schrie er. "Du wirst wieder gesund... ich mach dich gesund."
Er hielt seine Hände über seine Brust, versuchte sich zu konzentrieren, ihn zu retten.
Doch er konnte es nicht, er hatte es nie gekonnt. Er war immer zu schwach gewesen.
"Bitte. Bitte. BITTE." Doch noch während er flehte und seine Hände in dem gescheiterten Versuch seinen Vater zu retten auf dessen blutigen Körper presste, sah er wie das Leben in den Augen seines Vaters erlosch, sein Körper in sich zusammen sackte... und er schließlich starb.
"NEIN... nein, Dad, nein. NEEEIIIIN.", schrie er. "Komm zurück, komm zurück. Lass mich nicht allein. BITTE. Komm zurück. DAADD... NEEEEEEEIIIIIN."

Leo riß die Tür auf. Panisch schlug er mit der Faust gegen den Lichtschalter.
Er blieb stehen und Piper, die ihm gefolgt war, prallte gegen seinen Rücken.
Chris lag im Bett, offensichtlich schlafend und schrie. Schrie aus Leibeskräften nach seinem Vater. Schrie nach IHM!
Leo war mit einem Satz am Bett, packe seinen Sohn und schüttelte ihn.
"Wach auf, Chris. WACH AUF!"
Sein Sohn schlug um sich, traf ihm im Gesicht und rief:
"NEIN... Komm zurück. LASS MICH NICHT ALLEIN!"
"Verdammt Chris. Wach endlich auf." Leo blickte hektisch zu seiner Frau.
Es tat ihm leid, das tun zu müssen, aber er sah keine andere Möglichkeit.
Er schlug Chris mit der flachen Hand zweimal ins Gesicht.
Endlich öffnete dieser die Augen und schien für einen Moment vollkommen verwirrt.
"Chris.", sagte Piper und setzte sich auf sein Bett.
"Was... was ist... was ist passiert?", stotterte Chris.
"Du hast geträumt.", Leo hielt ihn fest. Sein ganzer Körper bebte, er war schweißnass und Leo fühlte sein Herz heftig gegen seine Brust hämmern.
"Nein... nein,... das war kein Traum", er versuchte sich aufzusetzten und blickte sich panisch um. Er schien in heller Aufregung.
"Doch, Chris.", sagte Leo. "Du hast nur geträumt. Das war nur ein Alptraum."
"Nein, nein, NEIN.", er begann zu schreien, packte Leo an den Armen. Jetzt war er es der ihn schüttelte. "Das war KEIN Traum! Du warst da. Ich war da... und ich.. ich konnte nicht... ich kam zu spät... Ich konnte dir nicht helfen... Ich hab's nicht geschafft."
Leo wurde unruhig. Chris schien total verstört.
"Verstehst du den nicht?", stotterte er weiter. "Ich war jünger... und ich kann's ja nicht einmal jetzt... ICH KANN ES NICHT!"
Leo verstand gar nichts mehr. Wovon hatte sein Sohn nur geträumt?
Chris keuchte als ober meilenweit gerannt war, er zitterte und für einen Moment hatte Leo Angst, dass er das Bewusstsein verlieren könnte.
Mit sanfter Gewalt schob er ihn sicherheitshalber zurück auf sein Kissen, versuchte ihn zu beruhigen.
"Es ist alles okay, Chris. Das war nur ein Traum, verstehst du? Nur ein Traum."
Hilfe suchend wandte er sich zu Piper, doch diese schien ebenso ratlos wie er.
Als Leo sich zurück zu seinem Sohn drehte sah er, dass dieser Tränen in den Augen hatte.
Leo schluckte.
Er legte ihm die Hand an das Gesicht. Es war ganz heiß.
"Chris.", flüsterte er ihm beruhigend zu. "Das war alles nicht wirklich. Glaub mir, das war bloß ein Traum."
"Nein, war es nicht.", Chris ergriff sein Handgelenk und zog Leo näher zu sich her. Er sprach jetzt ganz leise. "Ich hab versagt. Verstehst du? Ich hab versagt. Du stirbst und ich konnte nichts dagegen machen. Ich kam zu spät und deswegen musstest du sterben. Ich kam zu spät."
Er ließ Leo wieder los und drehte sein Gesicht zur Wand.
Leo hörte Piper neben sich leise schluchzen.
Nach einer Pause wandt er sich wieder an seinem Sohn:
"Aber, aber ich dachte du hättest gesagt, dass ich... dass ich überlebe?" Er war verwirrt. Er versuchte die Tatsache zu akzeptieren. Würde er in der Zukunft sterben? Würde sein Sohn ihn finden und dabei zu sehen müssen? Unfähig ihn zu heilen und deswegen für den Rest seines Lebens von Schuldgefühlen geplagt? War das der Grund, warum Chris und er sich nicht näher kamen, der Grund, warum Chris ihm immer auswich und ihn nicht an sich ran ließ?
"Jetzt nicht mehr.", antwortete Chris heißer.
"Wie meinst du das, jetzt nicht mehr?", fragte Piper ehe es Leo tun konnte.
"Jetzt wird er sterben..." Chris schloss die Augen, er drehte sich von Leo weg und vergrub sein Gesicht in ein Kissen.
Leo verstand das alles nicht. Was hatte das zu bedeuten?
Aber Chris schien zu aufgebracht um eine gescheite Erklärung abgeben zu können.
Für einen Moment zögerte Leo, doch dann hielt er seine Hand gegen den ihm zugewandten Rücken seinen jüngsten Sohnes und streichelte beruhigend dessen Schulter.
Piper und er sahen sich an. Trauer, Furcht und vor allem Verwirrung zeichneten sich in ihrem Gesicht ab.
Nach einer Weile merkte Leo, wie sich Chris' Atem und sein Herzschlag beruhigten. Er deckte seinen Sohn sorgsam zu und Piper kletterte auf die der Wand zugeneigten Seite des Bettes und begann ihrem Sohn liebevoll über die Stirn zu streichen.
Irgendwann glaubte Leo, dass Chris wieder eingeschlafen war und auch Pipers Kopf sank müde gegen die Wand.
Bloß Leo fand lange keinen Schlaf.
Er beobachtete seinen Sohn und während seine Hand weiterhin schützend auf seiner Schulter verharrte, fragte er sich, was für Schrecken Chris in seinem noch so jungen Leben erlitten haben musste.