- Zeitlos -
Chris erwachte und noch ehe er
die Augen öffnete, gewahrte er, dass er nicht allein war. Er hob
den Kopf und blickte in das junge Gesicht seiner Mutter.
Wie
konnte das sein? War das ein Traum?
Als er sich schließlich
zur Seite neigte, war er sich sicher, dass er träumte: Sein
Vater lag neben ihn, ebenfalls junger und friedlicher als er ihn
jemals zuvor gesehen hatte. Seine Hand lag auf Chris' Schulter. Das
musste ein Traum sein.
Aber ein Guter. Chris beobachtete seine
schlafenden Eltern. Was sie hier wohl taten? Wo waren sie überhaupt?
Er blickte sich um, sorgsam darauf achtend, dass er sich nicht zu
sehr bewegte um seine Mutter und seinen Vater nicht aufzuwecken.
Er
war im Hinterzimmer des P3s, zumindest glaubte er das. Er war nicht
all zu oft hier gewesen. Als Kind ein paar Mal und eigentlich sah es
heute auch gar nicht mehr so aus wie jetzt. Er konnte sich auch nicht
erinnern, dass hier jemals ein Bett gestanden, geschweige denn, dass
er darin geschlafen hatte. Aber das machte nichts. In Träumen
war nicht immer alles logisch und das brauchte es auch nicht.
Doch
je mehr Chris darüber nachdachte, desto mehr hatte er das
Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Sein Hals tat ihm weh und er
hatte schrecklichen Durst. Ihm war furchtbar heiß und zugleich
auch kalt.
Chris überlegte ob er vielleicht davon träumte,
dass er krank war und seine Eltern bei ihm geblieben waren um ihn zu
pflegen.
Ja, das musste es sein. Aber warum sie deswegen im P3
waren verstand er nicht. Schließlich versammelte hier Wyatt
regelmäßig seine Dämonen und Handlanger.
Doch
vermutlich, dachte Chris, spielte dieser Traum in der Vergangenheit,
denn sonst hätten seine Eltern ja beide gar nicht hier sein
können, oder? Schließlich waren sie ja tot. Oder nur seine
Mutter?
Chris war verwirrt. Er konnte sich nicht daran erinnern.
Lebten sie oder nicht? Vielleicht war er ja auch gestorben,
vielleicht hatte sein Bruder seine Drohung endlich war gemacht und
hatte ihn getötet und er war jetzt, hier, nach seinem Tod,
endlich wieder mit seinen Eltern vereint.
Chris atmete schwer aus.
Irgendwie tat ihm alles weh und er fühlte sich schwach. Wenn er
wirklich tot war, dann fragte er sich, wieso er sich so schlecht
fühlte. Er hustete. Vielleicht war es ja doch nur ein Traum.
Leo
wurde wach. Er blickte sich einen Moment lang verwirrt um und sah
Chris dann direkt an.
"Morgen.", meinte Chris völlig
unbekümmert, wunderte sich aber dennoch gleichzeitig darüber,
wie seltsam sich seine Stimme anhörte.
"M-morgen.",
gähnte sein Vater. "Wie fühlst du dich?"
"Kein
Ahnung.", gab Chris ehrlich zu. "Wie geht's dir?"
Sein Vater
sah ihn erstaunt an.
"Mir gehts's gut."
Chris nickte mit
den Kopf und blickte sich noch einmal um.
"Was tun wir hier?",
wollte er wissen.
Doch sein Vater schien diese Frage nicht zu
verstehen.
"Äh... du hattest gestern Nacht einen
fürchterlichen Alptraum... weißt du das nicht mehr?",
Leo sah ihn besorgt an.
Chris überlegte. Plötzlich war
alles wieder da. Er erinnerte sich. Natürlich, er war in die
Vergangenheit gereist um Wyatt daran zu hindern böse zu werden.
Wie konnte er das nur vergessen? Das alles hier war gar kein Traum
von der Vergangenheit, sondern die Vergangenheit selbst!
Mit
einem Schlag strömten alle Erinnerungen wieder auf ihn ein. Der
gestrige Tag, der kurze Kampf mit dem Dämon, die Narbe die
verschwunden war, sein Alptraum, sein Vater, der ihn geweckt hatte,
sein Vater, der gestorben war... der gestorben war?
"Ja. Ja,
doch, klar. Ich weiß schon. Ich hab geschlafen und dann...",
überlegte Chris. Doch er kam nicht drauf, was danach passiert
war. Er hustete noch einmal, es tat weh.
"Alles in Ordnung?",
fragte sein Vater.
"Ja, ich bin nur durstig." Er blickte sich
nach etwas zu trinken um.
Kurzentschlossen warf er die Decke
beiseite und legte sie vorsichtig auf seine noch immer schlafende
Mutter. Leo begriff, dass er ihm den Weg versperrte und erhob sich um
seinen Sohn aufstehen zu lassen.
Er trat zur Seite und beobachtete
ihn dabei wie er nach seiner Jeans angelte und diese anzog.
"Hey,
wie spät ist es eigentlich?", fragte Chris während er
versuchte auch sein zweites Bein in seine Hose zu bekommen.
"Keine
Ahnung.", antwortete sein Vater.
"Hmm... na ja, auch egal.",
sagte Chris nur kurz. Er suchte nach einen Pullover, ihm war kalt.
Nachdem er schließlich einen unter seinem Bett gefunden hatte
und sich wieder aufrichtete, wurde ihm etwas schwindlig. Er schloss
für einen Moment die Augen und wartete geduldig darauf, dass das
Wanken aufhörte.
Leo, der es wohl bemerkt haben musste, griff
plötzlich nach seinem Ellenbogen.
"Was ist?", fragte
er.
"Weiß nicht.", antwortete Chris wahrheitsgemäß.
"Bin wohl noch nicht ganz wach."
Er zog sich den Pullover über
den Kopf und schlüpfte schnell aus der Tür bevor sein
Vater weiter nachfragen konnte.
Leo sah ihm irritiert nach. Er
verstand das alles nicht. Was war bloß los mit Chris?
Er
warf noch einen kurzen Blick auf seine Frau, die immer noch
seelenruhig vor sich hin schlummerte und folgte schließlich
seinen Sohn hinaus in den Clubraum des P3s.
Er fand Chris hinter
der Bar, wie er ein Glas mit Wasser aus dem Hahn füllte. Leo
setzte sich auf einen Hocker und beobachtete seinen Sohn.
Er sah
seltsam aus. Irgendwie abwesend. Ihm fiel auf, dass er verzweifelt
versuchte seine Hände ruhig zu halten indem er das Glas
übermäßig fest umgriff, doch jedes Mal, wenn er es
zum Mund führte konnte er nicht verbergen, dass sie heftig
zitterten.
"Chris, geht es dir gut?", fragte Leo ernst.
"Ja,
natürlich.", beteuerte Chris.
"Ich würde gern mit
dir über gestern Nacht reden." Leo sah ihn an. Chris schwieg,
nahm einen extra großen Schluck Wasser um so den Moment
hinauszuzögern, an dem er antworten musste. Dann stellte er das
Glas behutsam auf den Tresen, lehnte sich betont lässig gegen
eines der vielen darunter versteckten Regale und kreuzte die Arme vor
der Brust.
"Entschuldige.", sagte er schließlich
nur.
"Was soll ich entschuldigen?"
"Wie ich mich gestern
verhalten habe.", er wirkte zerknirscht.
Leo zögerte, dann
sagte er:
"Chris, ich kann das alles nicht verstehen, was du
gestern gesagt hast. Was hast du damit gemeint?"
Chris rieb sich
mit den Fingern zwischen den Augen als ob er Kopfschmerzen
hatte.
"Das gestern... ich hab einfach nur irgendeinen Unsinn
geträumt und bin nicht richtig wach geworden. Das war alles.
Mach dir keine Gedanken, okay?."
"Chris...", meinte Leo
leise, aber bestimmt. "Du hast gesagt, dass ich sterbe."
Sein
Sohn blickte zu Boden. Leo wollte ihn eigentlich nicht so in die Enge
treiben, mittlerweile hatte er begriffen, dass er ihn nicht drängen
durfte, doch er musste es einfach wissen, er musste das verstehen.
Auch wenn er es sich nicht so richtig eingestehen wollte, gestern
Nacht hatte er Angst gehabt. Nicht um sich, nicht darum, dass er
sterben würde. Sondern um seine Söhne, die vielleicht ohne
Vater aufwachsen würden.
Als Chris immer noch nichts sagte,
fragte er:
"War das, war das einfach nur ein Traum, den du
hattest oder...", es fiel ihm schwer das auszusprechen. "Oder war
das eine Traum, von etwas, was wirklich passiert war?"
"Dad,
du weißt, dass ich dir das nicht sagen darf."
Leo stockte
der Atem.
"Also ist es wirklich passiert? Du hast wirklich
gesehen wie ich sterbe?", fragte er. Plötzlich fiel ihm auf,
dass seine Hände die Kante des Tresen fest umschlossen hielten,
so fest, dass seine Knöchel weiß hervor standen.
"Ja,
ja ich hab es gesehen... aber ob es wirklich passiert ist, weiß
ich nicht. Verstehst du, ob es wirklich passieren muss, es passieren
wird." Er sah sich hilfesuchend im Raum um, scheinbar nach
irgendetwas, was ihm helfen könnte verständlich zu machen,
was er meinte. Erfolglos.
"Chris, ich versteh das nicht.",
sagte Leo schließlich. "Bin ich nun gestorben oder nicht?"
Er versuchte dabei witzig zu klingen um so der Frage die
Ernsthaftigkeit zu nehmen, doch das misslang.
Sein Sohn starrte
ihn an, er hörte wie er laut ein- und auszuatmen begann und
seine Augen glasig wurden.
"Ich... frag mich nicht... ich weiß
auch nicht, was ich, -", doch er brach ab, sah seinen Vater noch
einen Moment lang gequält an und ehe Leo noch etwas sagen
konnte, hatte er sich weggebeamt.
Leo stand da. Verwirrt,
entsetzt.
War das jetzt ein "Ja" oder ein "Nein" gewesen?
