- Zeitverschwendung -
Als Chris auf der Golden Gate
Brücke angekommen war brach er in die Knie. Er konnte nicht mehr
atmen, drohte zu ersticken. Er überlegte nach seinem Vater zu
rufen, damit er ihm helfen konnte und wahrscheinlich hätte er es
auch getan, wenn er dafür genügend Luft bekommen hätte,
doch andererseits wäre das ja unsinnig gewesen, wenn man sich
überlegte, dass er schließlich nur hier her gebeamt war um
von seinem Vater wegzukommen.
Chris fiel mit den Händen auf
den kalten Beton. Er versuchte sich zur Ruhe zu bringen um endlich
wieder Luft holen zu können.
Ganz langsam spürte er wie
der lebensnotwendige Sauerstoff in seine Lungen zurückkehrte.
Was
war bloß los mit ihm? Warum konnte er nicht mehr richtig
beamen?
Gestern, in Wyatts Zimmer, war ihm das auch passiert.
Vielleicht hatte sein Vater doch Recht gehabt und er war wirklich
einfach nur überarbeitet und müde und das war der Grund
dafür warum er so merkwürdige Träume hatte.
Chris
genoss noch ein paar Minuten lang einfach das wunderbare Gefühl
wieder frei atmen zu können. Dann begab er sich in eine etwas
würdevollere Position, lehnte sich gegen einen der vielen
gewaltigen Metallpfosten und beobachtete die unter ihm dahin
fahrenden Autos.
Er mochte diesen Ort. Er spiegelte in so
vielerlei Hinsicht das wieder, was Chris oft empfand. Hier oben war
niemand außer ihm, es war abgeschieden, er hatte seine Ruhe,
unter seinen Füßen spielte sich das normale Leben ab, weit
weg von ihm, während er hier oben saß und über all
das wachte.
Schon sehr früh hatte Chris sich für das
verantwortlich gefühlt, was in der Stadt vor sich ging. Nachdem
Wyatt dem Guten den Rücken gekehrt hatte, die Schwestern
gestorben waren und sein Vater sich zurück gezogen hatte, war er
oftmals der Einzige gewesen, der übrig geblieben war. Der
Einzige, der versucht hatte die Welt in Ordnung zu halten, sich um
die Menschen gekümmert hatte. Doch ohne Erfolg. In der Stadt war
es mehr und mehr zum Chaos gekommen. Ganze Häuserblocks wurden
zerstört, ganze Familien wurden von Dämonen gejagt und
ausgerottet, bis die gesamte Stadt schließlich unter Wyatts
Gewalt war und praktisch nichts mehr in ihr geschah von dem er nichts
mitbekam. Immer weniger waren sie geworden, die sich gegen ihn
versuchten zu Wehr zu setzten. Immer mehr und mehr Freunde hatte
Chris sterben sehen. Bis eines Tages so gut wie niemand mehr übrig
geblieben war.
Nur noch er und Bianca.
Und auch sie war nun tot
und sicherlich wäre auch er es, wenn er nicht Wyatts Bruder
gewesen wäre, dachte er.
Wie absurd das alles war. Wie
sinnlos.
Chris hatte sich schon so oft gefragt, wie es sein
konnte, dass zwei Menschen, die gemeinsam aufgewachsen waren, die aus
einer Familie kamen sich so unterschiedlich entwickeln konnten. Wie
es sein konnte, dass sie beide sich so sehr von einander
unterschieden.
Die Frage, was passiert sein musste, dass Wyatt zu
dem geworden war zu dem er wurde, war auch ein Grund gewesen warum er
schließlich in die Vergangenheit gereist war.
Er wollte
endlich seinen Bruder verstehen, denn trotz all des Übels, trotz
all des Bösens, glaubte Chris dennoch, dass sein Bruder in
seinem Herzen immer noch einen Funken Gutes in sich trug.
Und das
war wahrscheinlich das Schlimmste an der ganzen Sache: Chris hasste
seinen Bruder, aber er liebte ihn auch.
Und eben weil er ihn
liebte musste er ihn rettet, nicht nur für sich, nicht nur für
Bianca und alle andern namenlosen Opfer seines Bruders, sondern auch
für Wyatt selbst.
Deswegen war er hier, deswegen war er in
diese Zeit gereist um alles zu verhindern.
Er musste die Zukunft
verändern.
Doch was war, wenn er das bereits getan hatte?
Was war, wenn die Zukunft bereits schon eine andere war, doch eine,
die nicht besser, sondern schlechter war?
Was war, wenn er, Chris,
die Dinge bereits zum Schlechten anstatt zum Guten verändert
hatte?
Chris überlegte.
Hatten das seine Träume zu
bedeuten? Waren es vielleicht gar keine normalen Träume, sondern
Visionen oder Erinnerungen an eine Vergangenheit, die Chris erst
durch seine Einmischung verursacht hatte? War sein Vater in seiner
Vergangenheit vielleicht wirklich gestorben? Und was war mit seinem
anderen Traum? Konnte dieser vielleicht auch mehr als nur ein Traum
gewesen sein?
Das alles war so seltsam real gewesen. Von Phoebe
wusste er, dass sie manchmal Visionen im Schlaf gehabt hatte, selten,
aber es war vorgekommen.
Es war doch durchaus möglich, dass
er nun auch das Zweite Gesicht hatte, schließlich lag diese
Kraft in seinem Blut, in seiner Familie. Und wer, wenn nicht ein
Zeitreisender, könnte diese Kraft besser gebrauchen?
Phoebe!
Sie könnte er fragen, sicher würde sie ihm weiterhelfen
können!
Chris stand auf, von Wunsch getrieben endlich eine
Antwort auf all seine Fragen zu bekommen.
Kurz überlegte er
ob er sich vielleicht besser nicht zu seiner Tante hinbeamen, sondern
auf traditionelle Art zu ihr gelangen sollte, als ihm einfiel, dass
er ja oben auf einer Brücke stand und ihm wohl nichts anderes
übrig blieb.
Als er in Phoebes Büro im Bay Mirror
angekommen war wurde er als erstes von einem heftigen Hustenanfall
geschüttelt, als zweites stellte er fest, dass seine Tante nicht
da war. Allerdings lag eine Handtasche auf ihren Schreibtisch.
Wahrscheinlich war sie einfach nur irgendwo im Gebäude
beschäftigt und würde gleich wieder kommen.
Chris
überlegte kurz ob er sich in ihren Stuhl setzten sollte. Aber
irgendwie erschien ihm das unhöflich und er entschied sich für
einen der weitaus weniger bequemen Stühle, die vor hohen Bergen
aus Briefen, Aktenordnern und Zetteln standen, die sich auf ihren
Tisch türmten.
Nach einer Weile, griff er nach einer
aktuellen Ausgabe des Bay Mirrors, die er oben auf einer Ablage fand
und blätterte ziellos in ihr herum.
Chris hatte nie viel
Zeitung gelesen. Die Informationen, die ihn interessierten, hätte
er nie in irgendeiner Zeitung finden können. Zu seiner Zeit fand
man dort nur irgendwelche Propaganda seines Bruders, die es nicht
wert war zu lesen.
Doch auch jetzt schien nicht wirklich viel
lesenswertes drin zu stehen, dachte Chris, was natürlich auch
daran liegen könnte, dass er sich momentan sowieso nur für
eine Sache interessierte. Er knäulte die Zeitung schließlich
mehr zusammen als dass er sie faltete und warf sie auf einen freien
Stuhl.
"Hey, die wollte ich noch lesen." Chris drehte sich um
und sah seine Tante in der Tür stehen.
"Morgen.", sagte
er.
Phoebe schürzte die Lippen, schloss die Tür und
schlenkerte elegant hinter ihren Schreibtisch.
"Wiedermal
typisch.", begann sie. "Wenn man dich ruft, dann kommst und
kommst du nicht und wenn man keine Zeit hat tauchst du immer
unangemeldet auf." Sie fing an scheinbar wahllos Briefe und
Unterlagen hin und her zu schieben.
Chris antwortete besser nicht
darauf und nutzte die Zeit lieber um sich zu überlegen, wie er
seine Frage am besten stellen konnte.
"Also Chris.", sagte
sie. "Was kann ich für dich tun?"
"Ähm... also
die Sache ist die:", er rieb sich das Kinn und suchte nach Worten.
"Ich hab eine Frage an dich."
"Ja, dann schieß mal
los. Ich hab nämlich noch verdammt viel zu tun heute."
"Ich
wollte dich, was über... über deine Visionen fragen.",
meinte er wage.
Phoebe sah auf.
"Über meine Visionen?",
fragte sie.
"Ja. Sag mal, es kommt doch manchmal vor, dass du
deine Visionen träumst, oder? Also, dass du sie hast während
du schläfst."
"Ja, das kommt manchmal vor. Ist es
allerdings schon länger nicht mehr."
"Und wenn du diese
Visionen dann hast, wie siehst du sie dann?", fragte er.
"Wie
meinst du das, wie ich sie sehe?"
"Ich meine, wo bist du
dabei? Stehst du daneben als unbeteiligter Beobachter oder siehst du
es sozusagen aus der Sicht des Betroffenen?", Chris versuchte
möglichst beiläufig zu klingen und zu verstecken wie
wichtig ihm die Antwort auf diese Frage war.
"Also das ist
unterschiedlich. Meistens bin ich unbeteiligt, aber manchmal sehe ich
es auch aus der Sicht von anderen."
"Verstehe." Chris dachte
nach. "Und kam es schon mal vor, dass du eine Vision aus deiner
eigenen Sicht gesehen hast? Also du, als Phoebe?"
"Ja,
natürlich. Jedes mal wenn ich eine Vision habe, in der ich
selbst irgendwie beteiligt bin, sehe ich alles aus meiner eigenen
Sicht."
Chris war schockiert. Also doch!
"Und...", er
musste ganz sicher gehen. "Und wenn du eine Vision im Schlaf
hattest, Phoebe, woher weißt du dann hinter her, dass es eine
Vision war und nicht einfach nur ein Traum?"
"Übung.",
antwortete sie schlicht.
"Übung?", fragte er.
"Ja,
einfach nur Übung. Aber sag mal Chris, wieso willst du das
eigentlich überhaupt alles wissen?"
"Ach, nicht so
wichtig, reines Interesse.", wich er aus. "Das heißt also,
mal angenommen du hättest keine Übung und du würdest
eine Vision im Schlaf bekommen, dann würdest du nicht unbedingt
wissen ob es wirklich passieren wird oder nur ein Traum war?"
"Hmm.",
Phoebe runzelte die Stirn. "Nein, vielleicht nicht unbedingt. Aber
weißt du Chris, eine Vision im Schlaf ist anders als ein
Traum."
"Inwiefern anders?", drängte er.
"Also das
ist schwierig zu erklären... Sieh mal, wenn du geträumt
hast und du aufwachst, dann erinnerst du dich an deinen Traum,
vorausgesetzt du erinnerst dich überhaupt, als eben das: einen
Traum."
"Und bei einer Vision?"
"Bei einer Vision ist
es eher als ob sie wirklich passiert ist, verstehst du? Die
Erinnerung, die du daran hast unterscheidet sich fast gar nicht von
einer Erinnerung an etwas, was wirklich passiert ist."
"Verstehe.",
sagte Chris. Damit war alles klar. Seine Träume waren keine
Träume sondern Visionen. Das alles würde wirklich
passieren, dachte er, nein falsch, es WAR bereits passiert, bereits
passiert in seiner Vergangenheit, die er durch seine Einmischung
verändert hatte.
Sein Vater war bereits gestorben und würde
es wieder tun, wenn es ihm nicht endlich gelang jene Dämonen zu
finden, die Wyatt auf die falsche Seite gebracht hatten.
Wie
konnte das nur geschehen? Er war hier her gereist um die bereits
vorhandene Katastrophe zu verhindern und hatte eine noch viel
schlimmere Katastrophe verursacht. Er hatte versagt und würde
noch viel kläglicher versagen, wenn er all das nicht
verhinderte. Wie viele Menschen würden seinetwegen sterben
müssen, wie viele waren bereits gestorben? All das war seine
Schuld, seine ganz allein!
Und er saß hier herum anstatt
endlich zu handeln. Er saß hier und bedauerte sich immer nur
selbst, was für ein schlimmes Leben er hinter sich hatte, dass
er nie Zeit hatte, das zu tun, was er tun wollte, während
wahrscheinlich allein durch seine Anwesenheit in dieser Zeit in der
Zukunft mehr und mehr Menschen leiden mussten.
Er wusste nach wie
vor nicht, was in der Vergangenheit passiert war und seinen Bruder
verändert hatte, er war kein Stück weiter als am Anfang.
Nein, viel schlimmer, alles war viel schlimmer. Er hatte es viel
schlimmer gemacht!
"Chris?", Phoebes Stimme klang von fern her
in seine Gedanken.
Darum war es in seinen Visionen gegangen: Er
hatte keine Zeit mehr, sie lief ihn davon. Er würde zu spät
kommen und seinen Vater nicht mehr helfen können, wenn er nicht
endlich handelte und er saß immer noch hier herum und
verschwendete seine Zeit.
"Hallo, Erde an Chris."
Chris sah
auf.
"War's das dann jetzt oder willst du noch mehr wissen?",
fragte Phoebe.
Ja, er wollte wissen wie er diese zukünftige
Stadt und all ihre Bewohner retten konnte, wo er doch so verdammt
unfähig und schwach war! Wie sollte er, der immer wieder
bewiesen hatte, dass er nichts weiter konnte als zu versagen, all das
tun, was er tun musste?
Er dachte an das sterbende Gesicht seines
Vaters, an seine Mutter und seine Tanten, an Bianca und an die vielen
Menschen, die durch Wyatt in den Tod gegangen waren. Wie kann ich
ihnen nur helfen, dachte Chris.
WAS SOLL ICH BLOSS TUN?
"Chris
wo gehst du hin?", fragte seine Tante als er plötzlich ohne
Vorwarnung aufgesprungen war.
Es gab nur eine einzige Antwort auf
diese Frage:
"Dämonen jagen."
